Publikation Erinnerungspolitik / Antifaschismus - Osteuropa - 8. Mai 1945 Der Kampf um die Heimat

Die ukrainisch-sowjetische Widerstandsbewegung 1941 – 1944

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Autor

Ivan Kapas,

Erschienen

April 2020

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Partisaneneinheit «Budjonnyj» unter dem Kommando von I. Koponkin im April 1942
Partisaneneinheit «Budjonnyj» unter dem Kommando von I. Koponkin im April 1942 Quelle: Ivan Kapas: «Der sowjetische Widerstand in der Ukraine: Organisation, Legitimation, Erinnerung (1941-1953)»

Während des Zweiten Weltkriegs führte die Politik Deutschlands, Italiens, Japans und weiterer Verbündeter zu einer in der Menschheitsgeschichte beispiellos breiten Widerstandsbewegung in den besetzten Gebieten. Das größte Ausmaß erreichte sie im okkupierten Europa. Partisanenarmeen und Untergrundgruppen zählten in Jugoslawien 500.000 – 800.000 Mitglieder, in Frankreich 500.000, in Italien und in Polen 130.000, in Griechenland 122.000. [1] Zentraler Schauplatz des Partisanenkampfes 1941 – 1944 war das Gebiet der Ukraine, zum damaligen Zeitpunkt Sozialistische Republik der Sowjetunion (SSR). In gewisser Hinsicht wies die Situation in der Ukraine Parallelen zum Balkan auf, denn das Landesgebiet war zwischen mehreren Besatzern aufgeteilt worden: Der Großteil des Territoriums wurde von Hitlerdeutschland okkupiert, der Rest kam Ungarn und Rumänien zu. Eine weitere Besonderheit war, dass der Widerstand gegen die Besatzungsmacht von unterschiedlichen antagonistischen Kräften geleistet wurde. Die drei wichtigsten Widerstandsbewegungen waren die ukrainisch-sowjetische, die ukrainisch-nationale und die polnisch-nationale.

Ivan Kapas ist Historiker und Autor von: «Soviet Resistance Movement in Ukraine: Organization, Legitimation, Memorialization (1941 – 1953)»

Zu der ukrainischen nationalen Widerstandsbewegung gehörten die Ukrainische Aufständische Armee (UPA) und die bewaffneten Formationen unter Taras Bul’ba-Borovec’. Sie waren überwiegend in der Westukraine aktiv. Die UPA und die Kämpfer von Bul’ba-Borovec’ standen zu Kriegsbeginn auf der deutschen Seite. Sie erhofften sich von den Deutschen Hilfe bei der Erlangung der Unabhängigkeit. Als jedoch klar wurde, dass keine Hilfe zu erwarten war, richteten sie ihren Kampf auch gegen die deutsche Besatzungsmacht.[2] Das Territorium mussten sich die ukrainischen Nationalist*innen mit den Einheiten des polnischen Untergrunds teilen. Die polnische Widerstandsbewegung kämpfte für die Widerherstellung der Grenzen Polens vor dem Krieg. Sie beanspruchte damit westukrainische Gebiete, was natürlich den Plänen der UPA entgegenstand.[3]

Die größte Kraft im Kampf gegen die deutsche Besatzung bildeten die Kämpfer*innen der ukrainisch-sowjetischen Widerstandsbewegung. Dabei handelte es sich bei Weitem nicht um eine homogene Bewegung. Es gab zum einen eine organisierte Strömung, die von den Partei- und Staatsbehörden der Ukrainischen SSR und der UdSSR gelenkt wurde. Ab den ersten Sommerwochen 1941 bis ungefähr zur Schlacht bei Stalingrad im November 1942 versuchte die Sowjetmacht durch ein Netzwerk von Parteizellen und NKWD-Abteilungen sowie Kampfeinheiten der Roten Armee, das deutsche Hinterland zu destabilisieren. Das Schicksal vieler der nahezu 30.000 «organisierten» und «ernannten» Partisan*innen und Untergrundkämpfer*innen ist bis heute ungeklärt, der Großteil von ihnen ist jedoch im Zeitraum vom Sommer 1941 bis Frühling 1942 umgekommen. Zum anderen gab es im sowjetischen Widerstand auch eine Volksbewegung. Sie wurde von bekannten Partisanenführern im sowjetischen Hinterland organisiert. In Dokumenten werden die Kämpfer ohne Verbindung zu Parteiorganen oder dem sowjetischen Militär als «Wilde» bezeichnet.

Die Gründe für die Entstehung dieser beiden Strömungen waren unterschiedlich. Die organisierte Strömung wurde auf Anweisung und durch die Mobilisierung der Staatsführung ins Leben gerufen. Die selbstorganisierte Widerstandsbewegung wiederum etablierte sich unabhängig von den Weisungen der bevollmächtigten Behörden. Sie ist als Reaktion auf die nationalsozialistische Politik zu sehen und entstand als Folge von lokalen Besonderheiten auf Initiative der Bevölkerung.

Für den selbstorganisierten Widerstand waren zahlreiche Faktoren maßgeblich, und bisweilen standen die Motivationen der selbstorganisierten Kämpfer*innen im Widerspruch zu einander. Für einen Teil von ihnen war Patriotismus der Hauptgrund, für einen anderen wiederum die Angst vor der Rückkehr der Sowjetmacht und vor möglichen Repressionen dafür, dass sie sich in besetzten Gebieten aufgehalten hatten. Manche wiederum wurden wegen der Lebensgefahr, die von den Besatzern für sie ausging, in den Untergrund gedrängt, weil sie den Feind bekämpfen wollten oder die Okkupation aus politischen, persönlichen oder moralischen Gründen ablehnten. In den meisten Fällen handelte es sich um eine Kombination aus diesen Beweggründen. «Allen ist klar geworden, welche Politik die Deutschen in Bezug auf die ukrainische Bevölkerung verfolgen», berichtet der Kommandant der Partisaneneinheit vom Zolotonoša, Myhajlo Savran, nach der Vertreibung der Deutschen: «Sogar der Teil der Bevölkerung, der sich zuvor als Opfer der Sowjetmacht gesehen hatte [die enteigneten Bauern und andere – Anm. d. Red.], verstand, was die Deutschen in die Ukraine gebracht hatten, wie sie die ukrainische Bevölkerung tyrannisierten und weiter tyrannisierten würden.» Dem Partisanenführer zufolge wurde den Einheimischen nach den Massenerschießungen des lokalen jüdischen Bevölkerungsteils im Oktober 1941 erstmals bewusst, dass Widerstand gegen die nazistische Besatzung dringend notwendig war. Weitere Verhaftungen und Morde an sowjetischen Aktivist*innen gaben den Anstoß, sich im Kampf gegen die Nazis zu organisieren.[4]  

Eine wichtige Rolle in der selbstorganisierten Bewegung kam ehemaligen Kämpfer*innen der Roten Armee zu. Truppen und Gruppen von eingeschlossenen oder versprengten Soldaten, die nicht mehr in der Militärstruktur organisiert waren, bildeten Kampfzellen. Sie verbündeten sich, um unter der Besatzung zu überleben. Ohne eine Möglichkeit, die Frontlinie zu überqueren und sich der regulären Armee wieder anzuschließen, kehrten Soldaten und Offiziere, nachdem sie aus der Kriegsgefangenschaft entlassen worden oder dieser entkommen waren, in ihre Häuser in den nunmehr besetzten Gebieten zurück oder blieben vorübergehend in anderen Ortschaften. Dort suchten sie sich eine Unterkunft, gingen einer Arbeit nach und knüpften in der Regel Kontakte zur Bevölkerung vor Ort. Die versprengten Rotarmisten blieben oft auch in den besetzten Gebieten, weil sie in den Jahren 1941/42 aus unterschiedlichen objektiven und subjektiven Gründen nur selten in die Reihen der Partisanenarmee aufgenommen wurden, die von der Kommunistischen Partei organisiert und geleitet wurde. In seinen Überlegungen zum Kriegsverlauf merkt der Kommissar des Partisanenverbands von Černіhіv, Volodymyr Družynіn, an: «Dass die Parteiorganisationsleitung damals aus Angst Kämpfer ablehnte, die aus einer Einkesselung kamen, vor allem die aus der Kyjiwer Gruppe, ist als Fehler zu sehen.»[5] Damit bezieht er sich vor allem auf die Einkesselung der äußerst kampfstarken Formationen der Roten Arbeiter- und Bauernarmee der Südwest-Front Ende 1941, bei der die sowjetischen Verluste knapp 700.000 Tote und in Kriegsgefangenschaft geratene Soldaten und Kommandeure erreichten. Die abgewiesenen Rotarmisten, die in den besetzten Gebieten verblieben, wurden von zentraler Bedeutung für die selbstorganisierten Truppen und den Untergrund.

Der selbstorganisierte Widerstand wurde zu einer breiten Bewegung, als die Bevölkerung das wahre Gesicht des Okkupationsregimes erkannte: Erschießungen der Zivilbevölkerung und Deportationen von Zwangsarbeiter*innen nach Deutschland. Sogar die Bürger*innen, die anfangs keinen Grund sahen, aktiv gegen die Besatzer vorzugehen, änderten ihre Ansichten, als sie die unmenschliche Politik der Nazis am eigenen Leib zu spüren bekamen. Die NKWD-Behörden waren über die Existenz eines selbstorganisierten Untergrunds mit Partisanenbrigaden im Bilde und versuchten, auch über diesen Bereich umfassende Kontrolle zu erlangen. Sie richteten ihren Fokus auf die Bildung von bewaffneten Formationen mit von ihnen geprüften Akteuren an der Spitze, die vom Zentrum aus kontrolliert und gelenkt werden konnten. Ende Mai 1942 wurde eigens eine Behörde dafür eingerichtet, die von da an für die Partisanenbewegung in der Ukraine zuständig war: der Ukrainische Stab der sowjetischen Partisanenbewegung. Seiner Kontrolle unterstanden nun alle Partisanenformationen, die vom Volkskommissariat für innere Angelegenheiten der Ukrainischen SSR erfasst wurden. Nach der Schaffung weiterer Ressourcen knüpfte die Leitung des neuen Organs an die zielgerichtete Arbeit ihrer Vorläufer im NKWD an: Als Teil von Diversionsgruppen wurden Organisator*innen der Partisanenbewegung ins Hinterland des Feindes entsandt. Aufgrund der schwierigen Umsetzung wurde diese Methode anfangs nur punktuell angewendet, aber bereits Anfang Juni 1942 gelang es, die ersten Luftlandegruppen tief in der Ukraine abzusetzen.

Trotz aller Versuche der Sowjetmacht im Laufe des Sommers und Herbstes 1942, den organisierten Partisanenkrieg flächendeckend auszuweiten, gelang dies in der Ukraine nicht. Um den 1. Oktober 1942 herum waren die Herde vor allem in den nördlichen Regionen der Ukraine: in den Gebieten von Sumy und Černihiv sowie in einem Teil von Žitomir. Entscheidend für den Ausbau des sowjetischen organisierten Partisanenkampfes und der Zentralisierung des Volkswiderstands war die Entsendung von Organisations- und Sabotagetrupps auf die andere Seite der Front. Die abgesetzten Kommandanten von Sonderkommandos erhielten Anweisungen zu ihrem Einsatz in Bereichen, die Sprengungen von Objekten, Rekrutierung neuer Mitstreiter*innen und den erbarmungslosen Kampf gegen den Feind umfassten. Als gesonderter Punkt wurde folgende Aufgabe genannt: «Wenn Partisanentruppen vorgefunden werden, die dem Stab der Partisanenbewegung nicht unterstehen, sollen diese unverzüglich unter das eigene Kommando gebracht und an den Stab der Partisanenbewegung gemeldet werden.»[6] Im Laufe des Krieges, vor allem 1943, wandten die Organisator*innen mehrere Methoden an, um lokale Partisanentruppen im Auftrag der Sowjetmacht unter ihre Kontrolle zu bekommen:

  • Die vollständige Übernahme der Leitung selbstorganisierter Truppen
  • Interaktion mit den lokalen Formationen, ohne Einmischung in ihre Arbeit
  • Die Auflösung selbstorganisierter Truppen und die Verteilung der Mitglieder auf andere bewaffnete Einheiten unter sowjetischem Kommando
  • Die Bildung gemeinsamer Kommandostellen für die Kampftruppen

Dank der großen Beteiligung am Volkswiderstand wuchs die Zahl der Partisan*innen unter der Leitung des Ukrainischen Stabs der sowjetischen Partisanenbewegung beträchtlich an. Während im Frühling 1943 die sowjetische Führung nur über acht Verbände, 82 Einheiten und knapp 14.000 Partisan*innen verfügte, hatte sie bereits bis Ende selbigen Jahres nahezu 38.000 Kämpfer*innen, 24 Verbände und 152 Einheiten unter ihre Kontrolle gebracht.[7] Die Zentralisierung der selbstorganisierten Streitkräfte und Untergrundgruppen wurde dadurch begünstigt, dass ihre Vertreter*innen auch in politischer Hinsicht auf den Sieg der Roten Armee und der Sowjetmacht über Nazideutschland setzten. Das schloss allerdings tiefe Differenzen keineswegs aus, vor allem in theoretischen und praktischen Fragen der Kriegsführung. Die Anführer des selbst initiierten Untergrunds gaben die Anweisung, gegen die Deutschen nicht mit Waffen vorzugehen, sondern erst einmal Kräfte zu konsolidieren. Bis zum koordinierten Angriff leisteten sie passiven Widerstand: Sie betrieben antinazistische Propaganda, halfen Kriegsgefangenen, versuchten den Zwangsarbeiterdeportationen nach Deutschland entgegenzuwirken, demolierten und beeinträchtigten landwirtschaftliche Maschinen in kollektiven Landwirtschaftsbetrieben und Anlagen in Produktionsbetrieben. Diese Verzögerungstaktik wurde angewendet, um Vergeltungsakte gegen die Zivilbevölkerung zu verhindern. Die Partei- und Staatsführung wiederum verlangte von den Untergrundpartisan*innen einen unverzüglichen Kampf mit allen Mitteln, ungeachtet der Folgen für die Bevölkerung. So sprengten im März 1942 Vertreter*innen der Residentur «Maršrutniki» vom Volkskommissariat für Staatssicherheit (NKGB), die im Süden der Ukraine in der Stadt Mykolajiv aktiv waren, einen deutschen Militärflugplatz. Dafür wurden von den Nazis zehn Stadtbewohner*innen hingerichtet. Später erklärte der enttarnte Befehlshaber der Residentur Viktor Ljagin «Kornev» beim Verhör: «Hätten die hingerichteten sowjetischen Bürger gewusst, dass deutsche Flugzeuge gesprengt wurden, die sowjetische Städte und die Zivilbevölkerung auslöschen sollten, hätten diese zehn Geiseln ihr Leben bereitwillig für die Zerstörung der deutschen Flugzeuge geopfert.»[8]

Die Aktivitäten der Partisanen blieben den Besatzern nicht unbemerkt. Um die lokale Bevölkerung einzuschüchtern und für ihre Unterstützung der Widerstandskämpfer*innen zu bestrafen, beschränkten sich die Nazis nicht auf punktuelle, exemplarische Hinrichtungen. Insgesamt wurden im Zeitraum der Okkupation der Ukraine von deutschen Einheiten und ihren Verbündeten 1.377 Siedlungen und Ortschaften ausgelöscht. Eine der größten unter ihnen war das Dorf Korjukivka im Bezirk Černіhіv. Über mehrere Tage hinweg wurden dort im März 1943 knapp 7.000 Menschen ermordet und 1.290 von insgesamt 1.300 Häusern niedergebrannt.[9]

Die Beziehung zwischen der lokalen Bevölkerung und den Partisanen ist ein schwieriges Thema. In Sowjetzeiten galt es als unangebracht, über die Kehrseite des Partisanenkriegs zu sprechen. Allerdings gehören auch Raub, Plünderungen, Trinkgelage und sexualisierte Gewalt zu den dunklen Kapiteln des Partisanenlebens unter Extrembedingungen. Das Verhalten des Kommandanten war ausschlaggebend für die Disziplin seiner Formation. «Es ist sehr wichtig, dass der Kommandant kein Trunkenbold ist und sich zu beherrschen weiß, denn die Autorität eines Kommandanten hängt davon ab, wie viel er trinkt und wie er mit Frauen umgeht»[10], analysiert der Stabschef der Partisaneneinheiten und -gruppen von Uman’, Kus’ma Hryb-Verchov, seine Kriegserfahrung. Der Kommandant wurde also als das «Gewissen» seiner Einheit gesehen.

Mit vereinten Kräften erzielten die sowjetischen Partisan*innen beachtliche Ergebnisse im Kampf gegen die Besatzer der Ukraine. Laut offiziellen Angaben zerschlugen sie 1941 – 1944 u. a. 411 Garnisonen, Kommandanturen und Polizeistellen sowie 56 Abteilungen und Stäbe des Feindes, legten 402 Produktionsbetriebe und 59 Kraftwerke lahm und setzten  1.117 Separatorenstationen und 915 Vorratslager außer Betrieb. Ein wesentliches Problem für die Wehrmacht und die Armeen der Verbündeten stellten die Sabotageakte im Eisenbahnverkehr dar: So wurden 4.958 Militärtransporte und 61 Panzerzüge zum Entgleisen gebracht und gesprengt, 5.294 Dampfloks wurden fahruntüchtig gemacht, knapp 52.000 Wagen, Plattformen und Kessel demoliert; 44 Eisenbahnstationen wurden zerstört, 607 Eisenbahnbrücken und 1.589 Straßenbrücken gesprengt. In den ukrainischen Flüssen wurden 105 Wasserfahrzeuge versenkt. In den Kämpfen und Sabotageakten der Partisanenarmeen wurden über 3.600 Waffen und Kriegsgeräte, 13.500 Automobile und 1.444 Traktoren außer Gefecht gesetzt. Die Partisan*innen erbeuteten u. a. 13 Panzer und Panzerkraftwagen, 190 Geschütze, 67 Panzerabwehrgewehre, 506 Mörser und Granatwerfer, 3.217 Maschinengewehre, 5.971 Sturmgewehre, 60.355 Schießgewehre, 2.903 Pistolen, 63.300 Minen und Geschosse, 27.200 Granaten, 12.200.000 Patronen und 28.000 Sprengkörper.[11] Darüber hinaus zählte der Ukrainische Stab der Partisanenbewegung nach dem Krieg 468.000 getötete feindliche Soldaten und Offiziere. Diese recht hohe Zahl stößt bei vielen Forscher*innen auf begründete Skepsis. Alternative Schätzungen einzelner Autor*innen liegen bei 10.000 – 20.000, was immer noch beträchtlich ist. Die aufgeführten Resultate beziehen sich sowohl auf die Aktivitäten der Partisanen als auch der Untergrundkämpfer*innen. Ein wesentlicher Teil der selbstorganisierten Volksbewegung kam aus dem antinazistischen Untergrund. Nach der sowjetischen Kommandoübernahme wurden die Berichte über die Aktivitäten der Brigaden und Gruppen an den Ukrainischen Stab der Partisanenbewegung zur Überprüfung und Bestätigung übergeben. Im Anschluss wurden sie den Parteiorganen zur abschließenden Prüfung und Autorisierung vorgelegt.

Welche Kräfte standen hinter den aufgeführten militärischen Erfolgen? – Der Direktor des Zentralen Staatsarchivs der gesellschaftlichen Vereinigungen der Ukraine (CDAHO), Volodymyr Lozyc’kyj, kam zum Schluss, dass in der Ukraine insgesamt 233.230 Personen in der Partisanenbewegung aktiv gewesen sind. Das schließt neben Kämpfer*innen und Kundschafter*innen auch Beteiligte mit ein, die für Unterkunft, Versorgung und andere, nicht unmittelbar militärische Aufgaben, zuständig waren.[12] Offiziell als Mitglied der Partisanenbewegung von den Behörden anerkannt zu werden, war recht schwierig, trotz Wertschätzung durch die Kampfgenossen und Verdiensten in der Partisanenarbeit. Ein Großteil kam aus dem selbstorganisierten Untergrund oder aus dem Volkswiderstand zur Partisanenbewegung. Nach der Befreiung der Ukraine von den Besatzern mussten sich die Partisan*innen demütigenden Überprüfungen ihrer politischen Loyalität unterziehen. Ehemalige Akteure der Widerstandsbewegung wurden in Prüf- und Filtrationslagern des NKWD interniert. Timofіj Gluchovčenko, ein Kämpfer aus der Partisanendivision von Žitomir, beschwerte sich im Brief an seinen Kommandanten Stepan Malikov über die Bedingungen im NKWD-Speziallager Nr. 240 der Ukrainischen SSR: «Wir sind hier zusammen mit Polizisten und Kirchenvorstehern, haben dieselben Rechte: Man treibt uns hinter [Stachel-] Draht [lebend] zur Arbeit, verbietet uns Briefe zu schreiben.»[13] Die Verwaltung der Sonderlager wendete Gewalt gegen die Partisan*innen an und setzte sie psychologisch unter Druck. Die internierten Partisan*innen wurden vor versammelter Mannschaft beschuldigt, «Heimatverräter» zu sein. Die Versuche, der Lagerleitung zu erklären, dass Partisanen und Polizei nicht «ein und dasselbe» seien, führten nur zu verschärften Haftbedingungen. Nach der Überprüfung wurde Gluchovčenko in der Fabrik von Charciyz’k eingestellt, seine Kammeraden erwartete ein schlimmeres Schicksal: Zu einfachen Soldaten degradiert, setzten sie den Kampf im Strafbataillon fort.

Überhaupt wurden Vertreter*innen der selbstorganisierten Widerstandsbewegung im Stalinismus nicht ausreichend für ihren Einsatz gewürdigt. Nach dem Krieg gab es nicht selten Hetze und Verfolgung gegen sie. Viele von ihnen wurden sogar zu langjährigen Haftstrafen verurteilt, trotz augenscheinlicher Verdienste im Kampf gegen den Nationalsozialismus. Erst Stalins Tod ermöglichte ihre Rehabilitierung.

Was die Zusammensetzung der sowjetischen Widerstandsbewegung betrifft, so bestand sie mit 59% zum Großteil aus Ukrainer*innen, zu 22% aus Russ*innen und zu 6,6% aus Belaruss*innen. Nur 13,9% waren Kommunist*innen, 19,9% Vertreter*innen des Kommunistischen Jugendverbands Komsomol, der Rest war parteilos.[14] Die Frage nach den ethnischen und nationalen Minderheiten in der Widerstandsbewegung ist bis heute weitgehend unerforscht, wie auch ihre Affiliationen zu verschiedenen Strömungen des antifaschistischen Kampfes. Ungefähren Schätzungen zufolge machten Jüd*innen etwa 3% der sowjetischen Widerstandsbewegung aus. Der tatsächliche Anteil ist aller Wahrscheinlichkeit nach höher, da Jüd*innen häufig fiktive Nachnamen verwendeten und ihre Nationalität anders als mit «jüdisch» angaben. Sie waren in allen Strömungen der Widerstandsbewegung aktiv. Es ist ebenfalls schwierig aus den Listen der Partisanenarmeen eine weitere ethnische Minderheit zu identifizieren, nämlich die der Rom*nija. Wie auch Jüd*innen waren sie häufig unter anderen Namen aufgeführt. Vor dem Hintergrund des Naziterrors und zuweilen auch der rom*nijafeindlichen Stimmungen in der lokalen Bevölkerung waren sie gezwungen, ihre ethnische Zugehörigkeit zu verheimlichen. In der Besatzungszeit kursierten Gerüchte über Partisanenorganisationen von Rom*nija. So gab eine Frau, die Anfang 1942 aus dem besetzten Char’kiv-Gebiet geflohen war, bei einer Anhörung des NKWD der Ukrainischen SSR Folgendes zu Protokoll: «Früher waren diese Zigeuner ein Lied- und Tanzensemble und heute hauen sie die deutschen Faschisten in die Pfanne. An dem Bahnhof Nova Bavarija in Char’kiv ließen sie einen deutschen Transportzug mit Essen entgleisen, alles war futsch. Die Deutschen haben einen Zigeuner aus ihrer Gruppe festgenommen, er hat früher das Ensemble geleitet, und ihn vor dem Bahnhof gehenkt.» Diese Information wurde allerdings nie offiziell bestätigt.

Den Großteil der Widerstandsbewegung machten Männer aus. Allerdings erwähnen zahlreiche Partisanen- und Zeitzeugenberichte auch Frauen in der Bewegung. Nach Schätzung des Historikers Oleksandr Hohun gab es in den elf größten Partisanenverbänden (45.478 Kämpfer*innen) 3.171 Frauen, also einen Anteil von 6,97%.[15] Diese Zahl entspricht auch ungefähr dem Gesamtanteil der Frauen an der sowjetischen Widerstandsbewegung. Laut offiziellen Daten des Ukrainischen Stabs der sowjetischen Partisanenbewegung bestand der Widerstand zu 6,1% aus Frauen.[16] Genauso wie die Männer nahmen Frauen an den Kämpfen gegen die deutschen Garnisonen und die Polizei teil, verübten Sabotageakte an Eisenbahngleisen, Brücken, Lagerräumen, hielten Wache, waren Funkerinnen, Melderinnen, Kundschafterinnen, Ärztinnen, Sanitäterinnen, Köchinnen oder Wäscherinnen.

Es ist nicht bekannt, ob es in der Ukraine Partisanenformationen gab, die von Frauen angeführt wurden. Aber interessant sind in diesem Zusammenhang selbst Gerüchte, die von der sowjetischen Aufklärung auf dem Gebiet der besetzten Ukraine dokumentiert wurden. So wurde laut der Melderin aus dem Kyjiwer Untergrund, Marija Hurs’ka, im Untergrund der Hauptstadt erzählt, dass die bekannte Aktivistin und Rübenzüchterin Marija Demčenko eine Brigade organisiert hätte. Ihre Aktivitäten wurde aufgedeckt und die Kommandantin hingerichtet.[17] Der Fall von Marija Demčenko wurde ebenfalls nie bestätigt, was die Bedeutung von Frauen im Widerstand allerdings keinesfalls mindert.

Der sowjetische Widerstand in der Ukraine war eine multiethnische Bewegung, die sich überwiegend aus Ukrainier*innen zusammensetzte. Sie hatte in ihrer Entwicklung einen weiten Weg zurückgelegt, von zahlreichen tragischen Niederlagen der geschulten Kämpfer*innen und der revoltierenden Bevölkerung bis zu einer einheitlichen, kontrollierten und effektiven Kraft. Der Beitrag der ukrainischen Partisan*innen und Untergrundkämper*innen in Kriegsführung, Sabotage und Aufklärung war entscheidend bei der Befreiung der Ukraine von den Nazis.

 
[Übersetzung von Irina Bondas Tabea Xenia Magyar für Gegensatz Translation Collective]


[1] Vgl. A. Kentij, V. Lozyc’kyj: Vіjna bez poščady і myloserdja: Partyzans’kyj front u tylu vermachtu v Ukrajinі (1941 – 1944) [Krieg ohne Gnade und Erbarmen: Die Partisanenfront im Hinterland der Wehrmacht in der Ukraine (1941 – 1944)], Kyjiw 2005, S. 4.

[2] In der Hochzeit der UPA im Sommer 1944 zählte sie 23.000 Mann. Die Formationen unter Bul’ba-Borovec’ werden von Historiker*innen auf eine Stärke von 3.000 – 10.000 geschätzt. Anm. d. Red. 

[3] Das führte zu einem bewaffneten Konflikt zwischen der UPA und der polnischen Widerstandsbewegung, dessen Opfer in erster Linie die Zivilbevölkerung war. Den Höhepunkt erreichte der ukrainisch-polnische Konflikt 1943 auf dem Gebiet von Wolhynien, wo es zu ethnischen Säuberungen kam. Schätzungen zufolge fielen der UPA 60.000 – 100.000 Pol*innen aus der Zivilbevölkerung zum Opfer. Auf der ukrainischen Seite gab es wesentlich weniger Opfer. Anm. d. Red. 

[4] «Kopija stenogrammy besedy s komandirom partizanskogo otrjada Zolotonošskogo rajona Poltavskoj oblasti Savranom M. I., 23.12.1943 g.» [«Kopie des Stenogramms der Unterhaltung mit dem Kommandanten Partisaneneinheit des Bezirks Zolotonoša M. I. Savran, 23.12.1943»], Zentrales Staatliches Archiv gesellschaftlicher Vereinigungen der Ukraine (CDAHO), f. 166, op. 2, spr. 34, ark. 1-2.

[5] «Kopija stenogrammy besedy s komissarom soedinenija Fedorova – podpolkovnikom Družininym V. N., 3 aprelja 1944 g.» [«Kopie des Stenogramms der Unterhaltung mit dem Kommissar des Fedorov-Verbands, Oberstleutnant V. Družinin, 3. April 1944»], CDAHO, f. 166, op. 2, spr. 61, ark. 2.st

[6] «Prikaz No 53 Štaba partizanskogo dviženija Jugo-Zapadnogo fronta, s. Novo-Belen’kaja, 12 avgusta 1943 g.» [«Befehl Nr. 53 des Stabs der Partisanenbewegung der Süd-West-Frond, von Novo-Belen’kaja, 12. August 1943»], CDAHO, f. 62, op. 4, spr. 352, ark. 12.

[7] Vgl. I. Kuras, A.  Kentyj: Štab nepokorennyh: (Ukrainskij štab partizanskogo dviženija v gody Velikoj Otečestvennoj vojny) [Stab der Unbesiegbaren: (Der Ukrainische Stab der Partisanenbewegung in den Jahren des Großen Vaterländischen Krieges)], Kyjiw 1988, S. 114.

[8] «Dokladnaja zapiska o podpol’nych bol’ševistskich organizacijach, dejstvovavšich v period okkupacii v g. Nikolaeve načal’nika UNKGB po Nikolaevskoj oblasti A. Martynova sekretarju Nikolaevskogo obkoma KP(b)U tov. Filippovu, 31 avgusta 1945 g.» [«Berichtsnotiz über bolschewistische Untergrundorganisationen, die während der Okkupation in Nikolajev aktiv waren, verfasst vom Leiter des Ukrainischen Volkskommissariats für Staatssicherheit für das Gebiet Nikolajev A. Martynov an den Sekretär des Gebietskomitees der Kommunistischen Partei der Ukraine, Genosse Filippov, 31. August 1945»], Zentrales Staatsarchiv des Sicherheitsdienstes der Ukraine (HDA SBU), f. 60, op. 1, spr. 99607, t. 2, ark. 47.

[9] L. Lehasova, M. Ševčenko: Spalenі sela (1941 – 1944 rr.): ukraїns’kij vimіr tragedії [Verbrannte Dörfer (1941 – 1944): Das ukrainische Ausmaß der Tragödie], in: Storіnki voєnnoї іstorії Ukraїni: Zb. nauk. Statej [Seiten der ukrainischen Kriegsgeschichte: Sammelband wissenschaftlicher Artikel], Kyjiw 2010, Ausg. 13, S. 162.

[10] «Stenogramma besedy s komandirom štaba soedinenija boevych partizanskich grupp i otrjadov Umanščiny Grib–Verchova K.K.» [«Stenogramm der Unterhaltung mit dem Kommandanten des Stabs des Verbands von Kampfgruppen von Uman’, K. Hryb-Verchov»], CDAHO, f. 166, op. 2, spr. 58, ark. 11.

[11] Vgl. A. Kentij, V. Lozyc’kyj, M. Slobodjanjuk: Radjans’kyj ruch Oporu na okupovanіj terytorіji Ukrajiny [Die sowjetische Widerstandsbewegung auf dem okkupierten Territorium der Ukraine], Kyjiw 2010, S. 32.

[12] Vgl. V. Lozyc’kyj: «Do pytannja pro zahal’nu čysel’nіst’ partyzanіv URSR u roky Velykoji Vіtčyznjanoji vіjny (1941 – 1945 rr.).» [«Zur Frage der Gesamtzahl der Partisanen der USSR in den Jahren des Großen Vaterländischen Krieges (1941 – 1945)»], in: Ukrajins’kyj іstoryčnyj žurnal [Ukrainische historische Zeitschrift] Nr. 6/2011, S. 168.

[13] «Raport byvšego sekretarja partijnogo bjuro partizanskogo otrjada im. Molotova Gluchovčenko Timofeja Michajloviča komandiru soedinenija partizanskich otrjadov Žitomirskoj oblasti Malikovu Stepanu Fedoroviču, 20 nojabrja 1944 g.» [«Rapport des ehemaligen Sekretärs des Parteibüros der Partisaneneinheit in Molotov, Timofej Gluchovčenko, an den Kommandanten des Partisanenverbands im Gebiet Žitomir, Stepan Malikov, 20. November 1944»], CDAHO, f. 1, op. 23, spr. 1364, ark. 6.

[14] Vgl. A. Kentij, V. Lozyc’kyj, M. Slobodjanjuk: Radjans’kyj ruch Oporu na okupovanіj terytorіji Ukrajiny [Die sowjetische Widerstandsbewegung auf dem okkupierten Territorium der Ukraine], Kyjiw 2010, S. 33.

[15] «Materialy, podobrannye naučnym sotrudnikom Upravlenija NKVD URSR tov. Gudzenko P.P., 16 fevralja  –  19 ijulja 1942 r.» [«Materialien, ausgewählt vom wissenschaftlichen Mitarbeiter der Leitung des NKWD USSR, Genosse R. Gudzenko, 16. Februar – 19. Juli 1942»], CDAHO, f. 1, op. 70, spr. 23, ark. 62.

[16] Vgl. А. Gogun: Stalinskie kommandos. Ukrainskie partizanskie formirovanija, 1941 – 1944 [Stalins Kommandotruppen. Ukrainische Partisanenformationen 1941 – 1944], Мoskau 2012, S. 329.

[17] Vgl. A. Kentij, V. Lozyc’kyj: Radjans’kі partyzany: svіtlo і tіnі [Sowjetische Partisanen: Licht und Schatten], Kyjiw 2010, S. 73.