Publikation Parteien- / Bewegungsgeschichte - Deutsche / Europäische Geschichte - Ungleichheit / Soziale Kämpfe - Kapitalismusanalyse - Revolutionen100 #Lenin150

Theoretiker und Praktiker der Revolution

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Erschienen

April 2020

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Kein Mensch hat wohl die Weltgeschichte so beeinflusst wie er: Wladimir Illjitsch Uljanow, genannt Lenin. Nur Marx, Luther, Mohammed mögen Lenin diesen Rang streitig machen. Lenin widmete sein gesamtes Leben der Revolution, der Weltrevolution. Eine globale wurde es zum Schluss nicht, aber die als global gedachte Oktoberrevolution mündete in der explizit nicht nationalen Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, erfasste alsbald ein Sechstel der Welt und inspirierte – mal gelungene, mal gescheiterte – revolutionäre Umstürze rund um den Globus.

Sein Schicksal ahnte Lenin jedoch nicht. «Die großen Revolutionäre», schrieb er im Jahr der Oktoberrevolution, «wurden zu Lebzeiten von den unterdrückenden Klassen ständig verfolgt, die ihre Lehre mit wildestem Ingrimm und wütendstem Haß begegneten, mit zügellosen Lügen und Verleumdungen gegen sie zu Felde zogen. Nach ihrem Tode versucht man, sie in harmlose Götzen zu verwandeln, sie sozusagen heiligzusprechen, man gesteht ihrem Namen einen gewissen Ruhm zu zur ‹Tröstung› und Betörung der unterdrückten Klassen, wobei man ihre revolutionäre Lehre des Inhalts beraubt, ihr die revolutionäre Spitze abbricht, sie vulgarisiert [...]» (LW 25: 397).3 Was Lenin schreibt, trifft zweifellos auf Martin Luther King, Nelson Mandela und vielleicht Marx und Che Guevara zu und vielleicht auch auf den Umgang mit seiner Person und seinem Werk im Staatssozialismus, aber es trifft sicherlich nicht zu, wenn es um die herrschende Wahrnehmung und Darstellung des Theoretikers und Praktikers der Revolution heute geht. Lenins Name steht in der bürgerlichen und teilweise auch in der linken Geschichtsschreibung für Terror oder Scheitern.

Zweifellos war Lenin lange heiliggesprochen. Anhänger*innen hatte er weltweit, insbesondere im globalen Süden, wo sein Name Unabhängigkeit von kolonialer und imperialistischer Ausbeutung und nachholende Entwicklung versprach. Bis vor gut fünf Jahrzehnten waren Lenins Worte – oder vielmehr die jeweiligen Deutungen seiner aus dem Zusammenhang gerissenen Worte – in den kommunistischen Massenparteien in West und Ost Gesetz. Mit dem Untergang des Staatssozialismus zerbrach auch der Marxismus-Leninismus als Doktrin. In der an Marx orientierten Linken im Westen verschwand damit aber nicht nur der Marxismus-Leninismus, sondern auch Lenin als Denker. Hatte man zuvor Lenins Werke als Offenbarung gelesen, las man ihn jetzt überhaupt nicht mehr. Selbst in Russland gilt der Verbrecher Stalin heute mehr als Lenin, weil man nach den Erfahrungen mit Boris Jelzin, der mit weltpolitischer Schwäche und dem Ausverkauf öffentlichen Eigentums identifiziert wird, und angesichts des weit verbreiteten Gefühls einer Belagerung durch den Westen starke Führer (wie Wladimir Putin) und den siegreichen «Großen Vaterländischen Krieg» ehrt, aber den Propheten von Umsturz und Revolution fürchtet.