Publikation Deutsche / Europäische Geschichte - Geschichte - GK Geschichte Kulturprotestantisches in und aus der DDR

Texte von Günter Wirth aus der Evangelischen Monatsschrift STANDPUNKT 1973 bis 1990 neu veröffentlicht.

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Artikel

Erschienen

Dezember 2009

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Nur online verfügbar

Der Publizist Günter Wirth war von 1973 bis 1990 Herausgeber und Chefredakteur der Evangelischen Monatszeitschrift STANDPUNKT. Von 1985 bis 1993 wirkte er als Honorarprofessor für Neue und Neuere Kirchengeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin, bis September 1990 war er als Leiter der Wissenschaftlichen Arbeitsgruppe des Vorsitzenden der DDR-CDU Lothar de Maizière tätig. Die Zeitschrift UTOPIE kreativ zählte Günter Wirth zu ihren produktivsten und interessantesten Autoren.

Die von der Rosa-Luxemburg-Stiftung geförderte Veröffentlichung im Leonhard-Thurneysser-Verlag Berlin & Basel war gedacht als Festgabe zu seinem 80. Geburtstag. Sie präsentiert mehr als 50 Texte Wirths aus der Evangelischen Monatsschrift STANDPUNKT, außerdem die komplette Bibliografie seiner dortigen Veröffentlichungen.
Kurz vor seinem 80 Geburtstag ist Günter Wirth am 5. Dezember 2009 verstorben. Das Buch ermöglicht Erinnerung und Zugang zu seinem Schaffen als demokratischer Denker und christlicher Intellektueller.  

Günter Wirth
Kulturprotestantisches in und aus der DDR
Evangelische Monatsschrift STANDPUNKT 1973 - 1990

Herausgegeben von Hans-Joachim Beeskow gemeinsam mit Klaus-Peter Gerhardt, Carl Ordnung und Werner Wünschmann
Leonhard-Thurneysser-Verlag Berlin - Basel 2009
ISBN 3-939176-58-3, 10,- €

Inhalt

  • Vorwort                                                            
  • Mit der Zeit? Zum 65. Geburtstag von Albrecht Goes               
  • Ordnungsgemäß? Neuordnung                   
  • Sittlichkeit und Sachlichkeit                   
  • Maler und Märtyrer. Über Fraengers Ratgeb-Monographie               
  • Zur gegenwärtigen Situation der Theologie           
  • ... um dich zu befreien                           
  • Stockholm und Eisenach       
  • Ein Stück lebendiges Erbe                   
  • h. a. s. 65                           
  • Briefe aus Moabit. Zu Martin Niemöllers 84. Geburtstag           
  • Johannes R. Becher und Paul Gerhardt           
  • Karl Barths „Lebenslauf“                   
  • Religionsphilosophische Publikationen als Hilfe der geistigen Auseinandersetzung           
  • Gleichnis und Wirklichkeit. Zum 65. Geburtstag von Rudolf Nehmer       
  • Meisterwerk eines historischen Romans. Zum 50. Geburtstag Rosemarie Schuders am 24. Juli 1978
  • Lessing über die Herrnhuter                        
  • Büchertagebuch                   
  • Erkenntnis und Bekenntnis. Zum 65. Geburtstag von Christa Johannsen           
  • Zum Lutherbild Jochen Kleppers               
  • Zu Hanna Jursch                           
  • Zentrum jüdischen Lebens in Budapest               
  • Otto Nuschke und die „Kirche im Sozialismus“       
  • Vor Life and Peace in Uppsala               
  • Forschung und Praxis. Ein Brief (an Siegfried Bräuer)               
  • Eine kirchengeschichtliche Stunde – und ihr Schatten       
  • Budapester Tagebuch                       
  • Hoheslied neu im Gespräch                   
  • Briefe von Nelly Sachs                           
  • Friedrich Siegmund-Schultze als Hochschullehrer. Zum 100. Geburtstag am 14. Juni 1985           
  • Unsertwegen erzählt                   
  • Pfarrer als Autoren                       
  • Mein Standpunkt                           
  • Hans-Georg Fritzsche     1. 2. 1926 – 29. 5. 1986
  • Neue Aspekte in der Fuchs-Rezeption               
  • Tillich, Schweitzer und Goethe 1932           
  • Zwei Standardwerke                       
  • Ricarda Huch in Jena                       
  • Ernst Wilm 85 Jahre                       
  • Ricarda Huch und die BK. Zu einem Briefwechsel Helmut Gollwitzers       
  • Fritz Lieb 1947 an der Berliner Universität. Vorlesungen über russische Geschichte und Marxismus   
  • Drei Hauptstücke einer theologischen Ästhetik. Zum 85. Geburtstag von Prof. Dr. Heinrich Vogel   
  • Heinz Flügel zum 80. Geburtstag               
  • 800 Jahre Freiberg                       
  • K. K. – unvergessener „Übersetzer“           
  • Ostern im KZ                       
  • Luthertum in der Welt von heute. Zum 40. Gründungstag des LWB 1947 in Lund           
  • Der Pfarrerstand 1887. Zum 100. Jahrestag der Gründung der „Christlichen Welt“
  • Poelchau und das Darmstädter Wort           
  • Aneignung verpflichtenden Erbes. Friedrichswerdersche Kirche als Schinkelmuseum           
  • Ein „objektiver“ Kirchenhistoriker?           
  • Die Russische Orthodoxe Kirche. Auf dem Weg in die Ökumene               
  • Publizistisches Forum. 30 Jahre „communio viatorum“               
  • Benennung von Schuld                       
  • Karl Barth 1946 in Berlin               
  • „Theologische Existenz heute“               
  • Das Modell Albrecht Schönherrs           
  • Mein Standpunkt                        
  • Um christliche Literatur
                  
  • Personenregister (Auswahl)
  • Bibliographie Günter Wirth im STANDPUNKT
  • Nachwort
  • Danksagung

Vorwort

Die heute Achzigjährigen entstammen dem in der Rückschau besonders beachtenswerten Jahrgang 1929. Die ihm angehörten, wurden in den letzten Monaten ja Wochen des Zweiten Weltkrieges noch als „Kindersoldaten“ in den Krieg gehetzt und verheizt. Wer diesem Blutzoll seiner Gleichaltrigen entkommen ist, wollte es nun, nach dem Ende der Nazidiktatur und des Krieges, in jeder Hinsicht besser machen als die Eltern- und Vorgängergeneration; er wollte und musste versuchen, eine neue, friedliche und demokratische Ordnung zu errichten, die solche Katastrophen ausschließt. Das hieß, alle bourgeoisen und rassistischen Verstrickungen zu überwinden, an die großen kulturellen und religiösen Leistungen der Vergangenheit, zumal an die Bekennende Kirche und den christlichen Widerstand anzuknüpfen, die weiten Traditionen humanistischer Kultur und Kunst, die Überlieferungen und Werte der reichen bildungsbürgerlichen Welt aufzunehmen und aus all dem etwas Neues zu formen, das damals für viele mit dem Begriff eines demokratischen und humanistischen, ja christlichen Sozialismus verbunden war.

Damit ist das geistige Umfeld bezeichnet, die so unruhige, aber auch hoffnungsvolle Zeit der ersten Nachkriegsjahre, in denen Günter Wirth, dem diese Festgabe zu seinem 80. Geburtstag gewidmet ist, in seiner erzgebirgischen Heimat (Brand-Erbisdorf) aufwuchs und sich schon als Oberschüler und Abiturient, aber auch im Konfirmandenunterricht und der Jungen Gemeinde, tiefer mit jenen kulturellen Werten und humanistischen Traditionen verband, sich in seinen protestantischen Positionen festigte und sich auch politisch engagierte; dies ‚natürlich’ in der CDU, deren humanistisch-demokratische Zielsetzung die seine war. In diesem Sinne – also konträr zu jenem restaurativen und reaktionären Kampfbegriff aus der späten Kaiserzeit – war „kulturprotestantisch“, von heute gesehen, eigentlich von Anfang an ein Schlüsselbegriff seines Denkens und Handelns.

Es will nicht zufällig erscheinen, daß Günter Wirth in einer sehr ausführlichen Replik auf das Werk des nur wenige Jahre älteren Joachim Fest in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 8. Dezember 2007 auf die vom Autor nachgezeichneten Züge seines Vaters abhebt und als dessen – und wohl eben auch als seine eigenen –  Positionsbestimmungen hervorhebt: das eines entschiedenen Republikaners, bekennenden Bildungsbürgers,überzeugten Preußen und frommen Mannes, dies allerdings mit der Einschränkung, daß Günter Wirth ein überzeugter Sachse ist, der freilich die demokratischen und humanistischen Traditionen der preußischen Geschichte zu erkennen und zu würdigen wußte. Sein Buch „Der andere Geist von Potsdam“ ( 2000 bei Suhrkamp) beweist das. Dort lesen wir eine Art Resümee dessen, was auch des Autors Selbstverständnis ausspricht und seiner geistigen Existenz selbst im hohen Alter eigen ist: „Wir finden in Potsdam also ein Geflecht, ein heimliches, ja unheimliches von Strömungen und Unterströmungen universales Denkens, die, gemessen an den Maßstäben der jeweiligen Systeme, unzeitgemäß sind, in Wahrheit aber zeitgenössisches Weltbild, humane Gesittung und weltanschauliche Haltung zur Deckung bringen. Sie erweisen damit ein Ethos des Bildungsbürgertums, das gültig ist, unabhängig davon, welche Zeichen die jeweils Mächtigen für die Zeit setzen ...“

Demokratischer Republikaner, bewußter Bildungsbürger und bekennender Christ sind Günter Wirths Grundpositionen, die er in seiner Jugend gewinnt und denen er seither unbeirrt treu bleibt. Zunächst aber, weil ohne Studienplatz, entwickelt, erprobt und bewährt er seine kulturprotestantischen Positionen als Journalist der CDU-Zeitung „Märkische Union“ in Potsdam, sehr bald schon als wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Leitung seiner Partei, oft unmittelbar bei Otto Nuschke, sodann als Stellvertretender Chefredakteur der „Neuen Zeit“ und als Cheflektor des Union Verlages – zwischendurch endlich sein Studium der Germanistik an der Berliner Humboldt-Universität absolvierend. Hier wurde er auch mit einer Dissertation über Heinrich Böll promoviert.

Das waren Jahre, in denen er jene Lebens- und Personenkenntnis gewann, jenes breite und tiefe theologische, philosophische, historische und literarische Wissen, das ihn in wachsendem Maße kennzeichnete und seine Reden, Vorlesungen, Aufsätze und Artikel bestimmte. Die Spannweite seiner Arbeiten reichte von Herder bis Schweitzer, von Andreae bis Barth, von Bonhoeffer bis Niemöller und Nuschke. Seiner journalistischen Feder und seinem scharfen Lektorenblick sind Veröffentlichungen u. a. von bzw. über Jochen Klepper, Rudolf Hermann, Albrecht Goes, Nelly Sachs, Heinrich Vogel, Emil Fuchs und Harald Poelchau zu verdanken – Titel, die auf ihre Weise bildungsbürgerliche Traditionen aufgriffen und lebendig erhielten, wie sie die Positionen christlicher Existenz in einer sozialistischen Gesellschaft stärkten.

Anfang der 1970er Jahre flauten die Auseinandersetzungen zwischen evangelischen Kirchen und dem Staat DDR allmählich ab, nach einem oft schmerzlichen Prozeß, der hier nicht nachgezeichnet werden kann. Es wurde nun weithin zur Normalität „ungekränkten Gewissens“ (Landesbischof Moritz Mitzenheim), sowohl loyaler Staatsbürger als auch bewußter Christ sein zu können und zu wollen. Gelebtes Christsein, gewiß nun nicht mehr im Zentrum der Öffentlichkeit, blieb dennoch Möglichkeit und Wirklichkeit auch in der sozialistischen Gesellschaft. Sichtbarer Ausdruck dieser Veränderungen war die Bildung des Bundes Evangelischer Kirchen in der DDR (1969), die viele Vereinbarungen zwischen Kirche und Staat ermöglichte.

Diesen Prozeß zu begleiten und zu fördern, seine Probleme und Widersprüche zu reflektieren, Anstöße und Überlegungen zur werdenden „Kirche im Sozialismus“ einzubringen und die politisch-geistige Auseinandersetzung zu führen, wo Engstirnigkeiten und Beschränktheiten zu Hemmnissen und Irritationen führten – das war der Sinn der 1973 gegründeten Evangelischen Monatsschrift STANDPUNKT, deren Herausgeber und Chefredakteur Günter Wirth wurde.

Schon damals war klar, was danach immer erneut zutage trat: Es gab für diese Aufgabe keinen besseren und geeigneten als ihn, der STANDPUNKT wurde seine Zeitschrift. Die Kraft seiner Argumente, seine brillanten Analysen historischer Zusammenhänge, seine gründliche Beschäftigung mit theologischen und künstlerischen, insbesondere literarischen Erscheinungen in Vergangenheit und Gegenwart, seine breite, weit über die Landesgrenzen hinausgreifende Personen- und Sachkenntnis bestimmten die Qualität des STANDPUNKT (woran natürlich seine beiden Mitarbeiter ihren guten Anteil hatten). Aber es war seine Position, sein Wissen und Können, seine Leidenschaftlichkeit für protestantische Kultur wie für bildungsbürgerlichen Protestantismus, seine Allergie gegen Einengungen, Gängelei oder gar zensorische Anmaßungen – kurz: seine Haltung als kämpferischer, christlich-demokratischer und kulturprotestantischer Publizist, die den STANDPUNKT prägten und dessen Ansehen, Verbreitung und Auflage stetig steigen ließen.
Günter Wirth war trotz der Fülle an Arbeit, die ihm hier oblag, nie ein Stubengelehrter. Seine Arbeit brachte ihn überall im Lande mit Theologen, Gemeindepfarrern, Kirchenmusikern, Schriftstellern und anderen Künstlern in Verbindung.

„Nebenher“ war er – beratend, schreibend, reisend, redend – tätig im Präsidium der CDU, als Vizepräsident des Kulturbundes, in der Christlichen Friedenskonferenz, (deren Mitbegründer er 1958 war), als Vorsitzender der Ständigen Kommission Kultur der Berliner Stadtverordnetenversammlung und nicht zuletzt (von 1985 bis 1993) als Honorarprofessor für Neuere und Neueste Kirchengeschichte an der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin.

Die in diesem Band ausgewählten Beiträge von Günter Wirth, die er zwischen 1973 und 1990 im STANDPUNKT publizierte, erweisen eindrucksvoll seine geistige Spannweite, die Vielfalt seiner Interessen und Fähigkeiten, sie geben aber kein umfassendes Bild seiner publizistischen Leistungen. Es lohnt sich daher, die einzelnen Jahrgänge des STANDPUNKT genau durchzusehen und z. B. die vielen erhellenden Interviews zur Kenntnis zu nehmen, die der Herausgeber in all den Jahren mit Bischöfen wie Universitätstheologen, mit christlichen Schriftstellern und Künstlern wie mit Gemeindepfarrern und -kirchenräten geführt hat, nicht zuletzt mit leitenden Vertretern der Ökumene.
Auch so sind in dieser Zusammenstellung seiner Aufsätze erstaunliche Funde garantiert. Es ist ein breites und vielfarbiges Spektrum, das Günter Wirth in seinen STANDPUNKT-Beiträgen auch heute noch bereithält und einer aufgeschlossenen Öffentlichkeit bietet, keineswegs nur Erinnerungen aus der DDR und an sie, sondern erhellende, anregende und weiterführende Anstöße für geistige Arbeit auf dem Felde kulturprotestantischer Haltung und Gesinnung heute. Sie sind eine notwendige, wahrlich anstehende und gebotene Würdigung des Jubilars.

Die Herausgeber

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