Publikation Geschichte - Demokratischer Sozialismus - Staat / Demokratie - Programmdebatte - 1968 Jenseits von Sozialdemokratie und Kommunismus?

Bericht von der Konferenz der Rosa-Luxemburg-Stiftung NRW und des Gesprächskreises Geschichte in Duisburg im Dezember 2009 zur Problemgeschichte, Programmatik und Aktualität des Linkssozialismus Von Bernd Hüttner.

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Autor

Bernd Hüttner,

Erschienen

Dezember 2009

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Die von der Rosa-Luxemburg-Stiftung NRW organisierte und vom Gesprächskreis Geschichte der RLS mit veranstaltete Tagung reagierte auf zwei Umstände. Zum einen ist in den letzten Jahren eine größere Zahl von Publikationen zum Themenfeld des  Linkssozialismus erschienen, zum anderen gewinnt das Thema angesichts der Existenz der LINKEN, die von vielen als die „linkssozialistische Partei“ angesehen wird, die es in Deutschland noch nie gegeben habe, an Bedeutung. Gut 100 TeilnehmerInnen waren der Einladung nach Duisburg gefolgt und hörten insgesamt 11 Vorträge.

Der Eröffnungsvortrag von Arno Klönne musste verlesen werden, da er verhindert war. Klönne dimensionierte den Linkssozialismus als vielfältige Strömung, die nur schwer unter eine Definition gezwungen werden könne. Gekennzeichnet sei sie vom Ungehorsam gegenüber der Praxis und der Geschichtsphilosophie von SPD und KPD und durch die Betonung von Streik, Protest und Basisdemokratie statt von Parlamentarismus und bürokratischer Disziplin. Schlussendlich sei aber die linkssozialistische Hoffnung auf einen Wandel von SPD und KPD gescheitert und die Bedeutung des Linkssozialismus nach 1945 vor allem in ihrem Weitertragen kritischen Gedankengutes an die „1968er“ zu sehen.

Gerd-Rainer Horn (Universität Warwick/GB) wies auf die internationale Dimension hin und berichtete von den „Linkswenden“ einiger Sozialdemokratien in Europa Anfang der 1930er Jahre. Reiner Tosstorff (Frankfurt/M) referierte zum spanischen Bürgerkrieg. Auf großes Interesse stieß der Beitrag von Thomas Klein (ehemals Vereinigte Linke, jetzt Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam) über „Linkssozialistische Strömungen und Alternativen in der und zur SED“.   Klein charakterisierte die DDR als durchherrschte Gesellschaft, in der dissidente Diskussionen nur in sehr kleinen Zirkeln möglich gewesen seien. Differenzen unter den linken DDR-Oppositionellen – wie etwa Bahro oder Havemann – habe es hinsichtlich der Frage gegeben, inwieweit und vor allem: welche Potentiale für eine Reform der SED und damit auch der DDR gegeben gewesen seien.

Stefan Müller (Duisburg) wies im Widerspruch zu vielen vorgetragenen Definitionen darauf hin, dass der Linkssozialismus in Deutschland immer Teil der (Erneuerung der) Sozialdemokratie und der Gewerkschaften gewesen sei. Am Beispiel der IG Metall-Bildungsarbeit der 60er und 70er Jahre berichtete er über ein Praxisfeld linkssozialistisch inspirierten Handelns. Um Praxis ging es auch im Referat von Gottfried Oy (Frankfurt/M.), in dem er am Beispiel des Berufsfeld-Ansatzes des Sozialistischen Büros über linkssozialistische Organisationsvorstellungen informierte.

Gisela Notz wies in ihrem Vortrag darauf hin, dass es im Linkssozialismus, der von vielen - in kritischer Absicht - als eher von Männer dominiert angesehen wird, sehr wohl Frauen gegeben habe. Die linke Geschichtsschreibung blende aber im allgemeinen die Bedeutung von Frauen systematisch aus. Richard Heigl (Regensburg) verglich die Staatskritik von Wolfgang Abendroth und Johannes Agnoli und konturierte deren unterschiedliche strategische Vorstellungen und theoretischen Konzepte. Während Agnoli Integration vor allem Gefahr ansah, war sie für Abendroth das widersprüchliche und durch Recht kodifizierte Ergebnis von sozialen Kämpfen.

Die Podiumsdiskussion zum Abschluss der Tagung bestritten Klaus Kinner,  Joachim Bischoff und Gisela Notz. Hier stand die Bedeutung der aktuellen Krise als Epochenumbruch und die Herausforderung des Linkssozialismus für eine programmatische Debatte der politischen Linken im Mittelpunkt. Joachim Bischoff postulierte, dass die Aktualität des Linkssozialismus für heute darin bestehe, dass eine Rückkehr zum „goldenen Fordismus“ nicht möglich sei. Klaus Kinner mahnte die Bedeutung des positiven Erbes der Linken für heute an, wies aber auf die widersprüchliche Situation von linken Intellektuellen hin, die heute Parteien gegenüberstünden, die in der Tendenz anti-intellektuell ausgerichtet seien.

Die Tagung zeigte deutlich, wie vielfältig das auf ihr behandelte Feld in geografischer, zeitlicher und theoretischer Hinsicht ist und dass nicht alle Aspekte abbildbar sind. Sie litt darunter, dass die Bedeutung des Linkssozalismus für die Bundesrepublik tendeziell überschätzt wurde und noch mehr: die neuen sozialen Bewegungen nicht als Teil des Linkssozialismus präsent waren.

Der Aspekt der Politisierung des Alltags blieb unterrepräsentiert, die strategische Debatte, ob sich zeitgenössische LinkssozialistInnen nicht zur LINKEN verhalten wie ihre VorgängerInnen in den 1960er und 1970ern zur SPD, war eher unsichtbar. Erschwerend kommt hinzu, dass kaum jemand sagen kann, wie heute Basisdemokratie, Selbstverwaltungssozialismus oder eine ökosozialistische Konversion  der Industriegesellschaft, also das was einen modernen Linkssozialismus ausmachen könnte, eigentlich aussehen soll, bzw. diese Ansätze in der LINKEN minoritär sind.

Bernd Hüttner
 

Zu der Tagung ist 2010 ein Konferenzband erschienen, der auch Beiträge von nicht auf der Tagung vertretenen AutorInnen enthält.

Konferenzband:

Christoph Jünke (Hrsg.)

Linkssozialismus in Deutschland
Jenseits von Sozialdemokratie und Kommunismus?

264 Seiten | 2010 | EUR 18.80
ISBN 978-3-89965-413-4