Publikation Kapitalismusanalyse - Arbeit / Gewerkschaften - Wirtschafts- / Sozialpolitik - Corona-Krise - GK Klassen und Sozialstruktur Systemrelevante Berufe

Sozialstrukturelle Lage und Maßnahmen zu ihrer Aufwertung. Studie von Philipp Tolios

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Reihe

Studien

Autor

Philipp Tolios,

Erschienen

Februar 2021

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«Wir bleiben zuhause. Und wir danken allen, die den Laden am Laufen halten.» So lautete das Motto einer Anzeigenkampagne, die der Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV) am 21. März 2020 initiierte. Der «Laden» – dazu zählten all diejenigen Tätigkeiten, auf die eine Gesellschaft, die in einer akuten Notlage ihr soziales und ökonomisches Leben drastisch einschränken will, auch für befristete Zeit schlechterdings nicht verzichten kann und soll: die Versorgung mit Lebensmitteln, mit Wasser, Strom und Information, die Betreuung und Versorgung der Kranken, der Alten, der Gebrechlichen in Arztpraxen, Krankenhäusern und Pflegeheimen, der Schutz der öffentlichen Sicherheit und Ordnung – von der Müllbeseitigung über die Brandbekämpfung bis zum Schutz von Leben und Eigentum –, die Gewährleistung von Mobilität und Zustellung. Kassiererinnen im Supermarkt, Pflegerinnen auf der Intensivstation und viele andere wurden als «Heldinnen des Corona-Alltags» beklatscht und gewürdigt, einmalige Prämien als Zeichen der besonderen Wertschätzung ausgelobt.

«Unverzichtbar», «erforderlich», «notwendig» für die «Grundversorgung» bzw. für das «absolut nötige Minimum» an gesellschaftlichem Leben waren einige hoch angesehene und entlohnte Berufe: Ärztinnen und Virologen zum Beispiel. Die meisten Unverzichtbaren und Erforderlichen stehen in der Lohn- und Einkommenshierarchie indes in der unteren Hälfte, oft sogar am unteren Ende. Ein typisches Beispiel sind die Reinigungsberufe, ohne die ein regelgerechter Betrieb etwa von Krankenhäusern nicht vorstellbar ist. Was würde es nun für das gewachsene Lohn- und Gehaltsgefüge bedeuten, wenn Reinigungskräfte im Verhältnis zu Ärzten oder Professorinnen besser bezahlt würden? Und wie würde sich die geschlechtliche Arbeitsteilung verändern, da doch viele unverzichtbare Berufe typische Frauenberufe sind?

Die gesellschaftliche Diskussion solcher Fragen hat durch die Pandemie-Erfahrungen neuen Auftrieb erhalten. Mit der von Philipp Tolios hier vorgelegten Studie wollen wir dazu beitragen, dass sie auf empirisch fundierter Grundlage fortgeführt werden kann.

Für die Unverzichtbaren fand sich in der öffentlichen Debatte schnell ein geschmeidiger Begriff, die «systemrelevanten Berufe». Ein kritischer Impuls des Begriffs liegt in seiner Sperrigkeit gegenüber der meritokratischen Ordnung. «Bildung» gilt als zentrales Medium für die Zuweisung gesellschaftlicher Positionen, die Position in der Berufs- und Einkommenshierarchie wird gleichgesetzt mit einer entsprechenden Position in der Hierarchie der formalen Bildungsstände. Bildung wird verengt zumeist mit Bildungsabschlüssen gleichgesetzt. Würde man auf diese Unverzichtbarkeit für die Allgemeinheit statt auf den Bildungsstand abstellen, geriete der schöne Schein der meritokratischen Ordnung in fundamentale Unordnung.

Philipp Tolios analysiert die Stellung der «systemrelevanten Berufe», vor allem ihre Vergütung, auf der Basis von Daten der Beschäftigtenstatistik der Bundesagentur für Arbeit und Erhebungen im Rahmen des Sozio-ökonomischen Panels SOEP. Wenn die Studie dazu beträgt, die Diskussion über Wege und Formen einer höheren Wertschätzung für die «systemrelevanten Berufe» am Leben zu erhalten und zu vertiefen, dann erfüllt sie unsere Erwartungen.

Wenn dabei der schillernde Begriff «systemrelevante Berufe» durch einen besseren ersetzt wird, der die Menschen dazu bringt, mit Stolz und Selbstbewusstsein diesen Tätigkeiten nachzugehen – dann wäre für die klassenpolitischen Auseinandersetzungen in und nach der Pandemiezeit noch mehr gewonnen.

Florian Weis und Horst Kahrs

Inhalt

Vorwort

1 Einleitung

2 Sozialstrukturelle Lage der systemrelevanten Berufe
2.1 Welche Berufe sind systemrelevant?
2.2 Analyse systemrelevanter Berufe auf allen Anforderungsniveaus
2.2.1 Helfer*innen
2.2.2 Fachkräfte
2.2.3 Spezialist*innen
2.2.4 Expert*innen
2.3 Systematisch niedrigere Löhne in systemrelevanten Berufen
2.4 Systemrelevante Arbeit ist überwiegend Arbeit von Frauen
2.5 Heterogener Gender-Pay-Gap in systemrelevanten Berufen
2.6 Systemrelevante Arbeit ist Arbeit am Menschen
2.7 Größe der einzelnen Berufsgruppen

3 Maßnahmen zur Aufwertung systemrelevanter Berufe
3.1 Sonderzahlungen
3.2 Erhöhung der Tarifabdeckung und Maßnahmen gegen den Niedriglohnsektor
3.3 Maßnahmen gegen Lohnungleichheiten zwischen Männern und Frauen
3.4 Anhebung des Mindestlohns

4 Der Stellenwert systemrelevanter Arbeit in der Fremd- und Selbstwahrnehmung

5 Fazit

Literatur

Autor

Philipp Tolios ist Sozialwissenschaftler und Gewerkschafter. Kontakt: tolios.philipp@gmail.com