Publikation International / Transnational - Europa Die Russische Revolution 1917 in der aktuellen Debatte.

Zum 90. Jahrestag der Russischen Revolution.

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Erschienen

Januar 2007

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Osteuropa in Tradition und Wandel. Leipziger Jahrbücher. Band 9

Hrsg. Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen e. V. und Gesellschaft für Kultursoziologie e. V. Leipzig 2007.
337 S.

Kostenbeitrag: 15,00 €, Mitglieder 10,50 €

Inhalt:
Ernstgert Kalbe: Editorial. S. 7-9. – I. Aufsätze und Studien: Ernstgert Kalbe: Zur Permanenz der Russischen Revolution 1917. Revolutionstheoretische Sichten von zeitgenössischen Akteuren. S. 13-55. – Horst Schützler: Die Russische Revolution von 1917 in der russischen Historiographie heute. S. 57-103. – Sonja Striegnitz: Staatsduma und Kostituierende Versammlung: Parlamentarismus und Demokratie im Revolutionsgeschehen 1917/1918 in Rußland. S. 105-140. – Wolfgang Geier: Terror und Tugend – Jacobinismus und Bolschewismus. S. 141-166. – Eckart Mehls: Die russische Revolutionen 1917 und die russisch-polnischen Beziehungen 1917-1920. S. 167-193. – II. Dokumentationen: Das Programm der Kommunistischen Partei Rußlands (Bolschewiki). Einführung von Karl Radek (Zürich 1920). S. 197-224. – Das Programm der Kommunistischen Partei Rußlands (Bolschewiki) angenommen auf dem 8. Parteikongreß (8. bis 23. März 1919). S. 225-252. – III. Kritik und Information: Wolfgang Grabowski: Die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten – Realität und Fiktion. S. 255-277. – Eckart Mehls: Geschichtspolitik in der Strategie der Gestaltung der »IV. Republik« in Polen. S. 280-313. – Sonja Striegnitz: [Rezension zu] Helga Köpstein: Die sowjetischen Ehrenmale in Berlin. S.315-318. – Weitere Veröffentlichungen der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen zu Osteuropa-Themen. S. 319-327. – Weitere Veröffentlichungen der Gesellschaft für Kultursoziologie e. V. zu Osteuropa-Themen. S. 329-333. – Zu den Autoren dieses Bandes. S. 335-337.

Aus dem Editorial:
Im 90. Jubiläumsjahr der Russischen Revolution von 1917 legen wir den neunten Band von »Osteuropa in Tradition und Wandel. Leipziger Jahrbücher« unter dem Titel »Die Russische Revolution in der aktuellen Debatte« vor. Von »Russischer Revolution« ist wegen der Permanenz der Revolution übergreifend vom Februar zum Oktober – und auch danach noch – die Rede, wobei sich diese sozial vom demokratischen zum sozialistischen Inhalt fortschreitend vertiefte, was den partiellen Wechsel der agierenden historischen Subjekte in sich einschloß. Da die »Sieger der Geschichte« ihre Legitimation regelmäßig historisch offensiv begründen, während die »Verlierer« ihre Niederlage gewöhnlich defensiv mit der Ungunst der Bedingungen erklären, wird es heute zunehmend schwieriger, geschichtlichen Verlauf und Ergebnisse des Revolutionsgeschehens von 1917 halbwegs objektiv und sachlich zu bewerten. Während im heutigen Zeitgeist die »demokratische Februarrevolution« und ihre bürgerlichen Vorreiter als in Übereinstimmung mit dem angeblichen Trend demokratischer Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft gewürdigt wird, gilt für die »proletarische Oktoberrevolution« und deren kommunistische Akteure das Verdikt einer gewaltsamen und terroristischen Oktroyierung eines sozialistischen Modells der Gesellschaft, das a priori inhuman und perspektivlos gewesen sei. Dabei wird von der kraft- und ausweglosen Politik der »Provisorischen Regierung«, die im Regime des imperialistischen Krieges gefangen blieb, ebenso abstrahiert wie von dem Umstand, daß die Bolschewiki die Revolution vorantrieben, indem sie dem Hunger der Massen nach Frieden, Land und Brot folgten.
Die Logik des bewaffneten Klassenkampfes, bei dem sich die Revolutionäre des Oktober sowohl mit der inneren Konterrevolution wie mit der Intervention von außen, also einer Welt von Feinden konfrontiert sahen, führte dazu, daß sich spätestens seit dem »Frieden von Brest-Litowsk« der »rote Terror« gegen den »weißen Terror« richtete, wobei schwer zu rechten ist, wer wo und wann den ersten Stein warf. »Revolutionsgeschichte« hält sich selten an »Revolutionstheorie«. Auch wenn erstere ohne letztere nicht denkbar ist, läuft der revolutionäre Prozeß – von vielerlei Faktoren geprägt – nicht selten aus dem Ruder. Dennoch gibt »Revolutionstheorie« der revolutionären Aktion Richtung und Ziel vor; ihre Ergebnisse verhalten sich wie eine Diagonale zwischen Kräftepotential und Strategien im Parallelogramm der handelnden Kräfte.
Insofern führt kein Weg vorbei an der bedeutenden historischen Leistung W. I. Lenins als analytischer Theoretiker und politischer Stratege der Revolution, der sich zwar – wie viele zeitgenössische Revolutionäre – hinsichtlich der erhofften Perspektive der »Weltrevolution« mitsamt den schwerwiegenden Konsequenzen für Sowjetrußland irrte, jedoch nicht für die unsäglichen Verbrechen des Stalinismus verantwortlich zu machen ist, wie das im »Mainstream« der aktuell gebräuchlichen Interpretation sowjetischer Geschichte üblich wird. Die Beiträge im vorliegenden Band widerspiegeln das teilweise sehr unterschiedliche Herangehen an die Russische(n) Revolution(en) von 1917, schon dadurch, indem sie sich verschiedenen thematischen Fragestellungen zuwenden. [...]
Die revolutionsgeschichtlichen Beiträge verdeutlichen, daß auch unter den hier vertretenen Autoren verschiedene, ja gegensätzliche Sichten und Wertungen der Russischen Revolution bestehen, die – gemäß dem editorisch pluralistischen Grundsatz der »Leipziger Jahrbücher« – gleichberechtigt vorgetragen werden. [...]
Wie üblich, beschließen bibliographische Angaben aus der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen und der Gesellschaft für Kultursoziologie den Band, welche die beachtlichen bildungspolitischen und wissenschaftlichen Aktivitäten beider Institutionen zur Entwicklung in Osteuropa in das Bewußtsein rufen.