Publikation Gesellschaftstheorie - Demokratischer Sozialismus Die Bildungselemente einer neuen Gesellschaft in Marx’ „Kapital“

Blendungseffekte im Verhältnis von Kapitalismusanalyse und kommunistischer Prognose

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November 2009

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Jedem Großproblem der Gegenwart und jedem der jüngsten Ereignisse auf den Finanzmärkten kann man einen schreiend aktuellen Kommentar aus Marxens Opus anfügen. Wurde im Moment des Zusammenbruchs des Staatssozialismus 1989 in den Medien der Herrschenden immer wieder das Hohelied auf die revolutionäre Kraft der bürgerlichen Produktionsweise und der bürgerlichen Klasse aus dem „Manifest“ zitiert, so ist selbst dort jetzt der Krisentheoretiker und Kapitalismuskritiker Marx aktuell.
Die Schlussfolgerung scheint sich aufzudrängen, dass die kapitalistischen Gesellschaften der Gegenwart sich nach genau jenen Gesetzmäßigkeiten entwickeln würden, die Marx in den Bänden des „Kapitals“ dargestellt habe. Offensichtliche Abweichungen wie die eines gebändigten Kapitalismus oder Sozialstaats werden durch viele Marxisten auf unwiederholbare Sondersituationen von Weltkrieg, Systemkonkurrenz, starker Arbeiterbewegung und mächtigen sozialistischen und kommunistischen Parteien auch im Westen zurückgeführt. Es bleibt nur ein Problem: Die Revolutionen in den hochentwickelten Ländern sind ausgeblieben, die in der Sowjetunion dagegen ist durch den Kapitalismus wieder eingeholt worden. Und Chinas wie auch Kubas Weg ist weit entfernt von den kommunistischen Visionen, wie sie bei Marx entwickelt sind.

Ist die Antwort wirklich so einfach: Marx’ Diagnose bei der Untersuchung des Kapitalismus sei völlig richtig, nur die Rezepte wären falsch gewesen? Muss nicht die Diagnose selbst befragt werden? Und muss nicht genauer gefragt werden, wo die tiefere Ursache für das Versagen der Rezepte selbst gelegen hat? Könnte es nicht sogar sein, dass sich Diagnose und Rezept in ihren Stärken und Schwächen wie Spiegelbilder zueinander verhalten? Was aber würde dies für die theoretische Begründung eines Sozialismus im 21. Jahrhundert bedeuten?

Ich möchte mich den genannten Problemen in drei Schritten stellen: Erstens möchte ich Marxens Anspruch in Erinnerung rufen, aus der wissenschaftlichen Analyse der kapitalistischen Produktionsweise die Handlungsmöglichkeiten, Notwendigkeiten und Ziele kapitalismusüberwindender Politik abzuleiten. Zweitens will ich auf die drei aufeinander bezogenen Vorstellungen von Sozialismus/Kommunismus hinweisen, die Marx in seinen ökonomischen Schriften entwickelt hat. Dabei konzentriere ich mich fast ausschließlich auf den Ersten Band des „Kapital“, die „Bibel der Arbeiterklasse“ (Engels). Und drittens möchte ich den Zusammenhang zwischen Kapitalismusanalyse und Kommunismusprognose in Marx’ Werk kritisch reflektieren, um daraus Fragen an die Begründung sozialistischer Politik in der Gegenwart abzuleiten und Elemente einer pluralen nachkapitalistischen Entwicklungsweise moderner Gesellschaften zu skizzieren.

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Der Artikel erschin stark gekürzt in: Marx' Kritik der politischen Ökonomie und die Linke heute. Beiträge eines internationalen Workshops. Pankower Vorträge, hrsg. von der Hellen Panke e.V., Heft 35 (2009), S. 43-51.