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Die feministischen Bewegungen in Lateinamerika haben im letzten Jahrzehnt dafür gesorgt, dass es sowohl in der breiten Öffentlichkeit als auch in der Politik ihrer Länder ein ausgeprägtes Bewusstsein für die Ungerechtigkeiten gibt, die aus der vergeschlechtlichten Arbeitsteilung erwachsen: Die Feststellung, dass Frauen seit jeher immer für Reproduktions- und Sorgearbeit verantwortlich waren, ohne dafür anerkannt oder angemessen entlohnt worden zu sein, überrascht dort heute niemanden mehr.
Neu ist jedoch, dass in den letzten Jahren eine Reihe politischer Maßnahmen ergriffen wurde, um Sorgearbeit zu demokratisieren und die mit ihr verbundene Verantwortung gerechter zu verteilen – und zwar nicht nur unter allen Geschlechtern, sondern auch zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Akteuren – der Familie, dem Staat, den Communities und in gewissem Maße auch dem Markt. Im Fokus stehen dabei die Rechte von Personen, für die gesorgt wird, ebenso wie die Rechte derer, die Sorgearbeit leisten.
Die vorliegende Studie gehört zum Projekt „Sorgende Städte“ der Rosa-Luxemburg-Stiftung und beleuchtet drei Beispiele für solche konkreten politischen Maßnahmen zur demokratischen Organisation von Sorgearbeit: die „Utopias“ in Iztapalapa, einem Stadtbezirk von Mexiko-Stadt (Mexiko), das „Bezirkliche Sorgesystem“ in Bogotá (Kolumbien) und das „Haus der Gleichstellung“ in Santiago de Chile (Chile).
Die drei Projekte gehen von den spezifischen Bedingungen und Herausforderungen vor Ort aus und suchen nach Antworten, wie sich Sorgearbeit gesellschaftlich besser organisieren und gerechter verteilen lässt. Dabei ist es zentral, die Zielgruppen in den Prozess der Projektentwicklung und -umsetzung einzubeziehen. Aufgrund der lokalen Gegebenheiten unterscheiden sich die drei Projekte voneinander, weisen aber trotz der geografischen Entfernung gewisse Ähnlichkeiten auf: Sie sind alle aus organisierten feministischen Bewegungen heraus entstanden, die seit einem Jahrzehnt ein politisches Subjekt mit großer Mobilisierungskraft in der Region darstellen. Die Protagonist*innen dieser Bewegungen sind an verschiedenen Stellen auch in staatliche Institutionen und politische Ämter gelangt, von denen aus nun politische Maßnahmen entworfen werden, die den Forderungen der Bewegungen Rechnung tragen. Die jeweiligen Projekte inspirieren sich gegenseitig und regen weitere Maßnahmen in anderen Regionen an.
Die vergleichende Studie geht auf ihre Ursprünge und Vorläufer ein und erläutert, mit welchen Akteuren die Projekte jeweils zusammenarbeiten. Anschließend beschreiben die Autor*innen deren Funktionsweise, das heißt ihren rechtlichen Rahmen, ihre Infrastruktur, ihre Angebote und wer sie in Anspruch nimmt, wer dort arbeitet und wie ihr Selbstverständnis aussieht. Schließlich berichten sie über Erfahrungen aus der praktischen Arbeit und geben einen Ausblick in die Zukunft.
Inhalt:
Die „Utopias“ im Stadtteil Iztapalapa in Mexiko-Stadt – Sorgearbeit anders gestalten
- Entstehungsgeschichte
- Eine Art „städtisches Akupunkturprojekt“ für die ganze Familie
- Gemeinsamkeiten und Unterschiede
- Rechtliche Struktur und Verwaltung
- Gegenwart und Zukunft
Das „Bezirkliche Sorgesystem“ in Bogotá – eine Initiative zur Gleichstellung
- Entstehungsgeschichte
- Eine sorgende Stadt
1 Care-Blöcke
2 Care-Busse
3 Unterstützung im eigenen Zuhause
4 Operative Care-Anlaufstellen - Die Herausforderungen: ressortübergreifende Arbeit und Kontinuität
- Gegenwart und Zukunft
Das „Haus der Gleichstellung“ in Santiago de Chile – ein intersektionaler Blick auf Sorgearbeit
- Entstehungsgeschichte
- Sorgearbeit im weiten Sinn
- Feministische Institutionalisierung
- Gegenwart und Zukunft
Abschließende Überlegungen
Die Eckdaten im Vergleich
Autorinnen:
Eugenia Testoni ist Politologin und arbeitet schwerpunktmäßig zu Fragen der Geschlechterverhältnisse. Derzeit koordiniert sie die Querschnittsgruppe für Geschlechterfragen sowie die Organisationseinheit „Ley Micaela“ im Ministerium für Produktion, Wissenschaft und Technologische Innovation der Provinz Buenos Aires. Sie forscht zu geschlechtsbasierter Gewalt und entwickelt entsprechende Workshops im zivilgesellschaftlichen Bereich.
Camila Zubcov ist Soziologin mit Erfahrungen in der empirischen Sozialforschung. Zuletzt koordinierte sie ein Projekt, bei dem Bewohner*innen marginalisierter Stadtteile befragt wurden, um die Bedeutung von Geschlechterfragen in der popularen Ökonomie zu erforschen. Derzeit arbeitet sie als Parlamentsberaterin und koordiniert das Programm „Emprende“ der Nichtregierungsorganisation Mujeres 2000, das darauf ausgerichtet ist, Frauen durch Schulungen und den Zugang zu Mikrokrediten bei der Existenzgründung zu unterstützen. Außerdem gibt sie Sensibilisierungsworkshops zu Geschlechterthemen im zivilgesellschaftlichen und im akademischen Bereich.
Diese Studie ist in Kooperation mit der Fundación para el Desarrollo Humano Integral und dem Observatorio de Géneros y Políticas Públicas entstanden.



