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In ihren jeweiligen Fallstudien aus Westasien und Nordafrika (WANA) untersuchen die sechs Beiträge dieser Publikation, wie Hunger unter Bedingungen politischer Gewalt entsteht, instrumentalisiert und ertragen wird. In der gesamten Region ist Hunger nicht bloß das Ergebnis von Knappheit oder Umweltkrisen; er ist eng mit der Geschichte von Krieg, kolonialer Herrschaft und wirtschaftlicher Ausbeutung verflochten. Die Länder der WANA-Region teilen ein Erbe imperialer Gewalt, das ihre politischen Ökonomien und Ernährungssysteme bis heute prägt.
Unter kolonialer Herrschaft wurden die lokalen Wirtschaftssysteme umstrukturiert, um externen Interessen zu dienen. Gebiete, die einst als Kornkammern für die regionale Bevölkerung fungierten, wurden zu Orten des Rohstoffabbaus – sie lieferten Öl, Gold und andere Rohstoffe an die imperialen Zentren. Diese Umwälzungen untergruben diversifizierte Agrarsysteme und legten den Grundstein für eine langfristige Nahrungsmittelabhängigkeit. In den 1980er Jahren verschärften die von der Weltbank und dem Internationalen Währungsfonds auferlegten Strukturanpassungsprogramme diese Anfälligkeiten. Maßnahmen zur Förderung von Monokulturen, Hybridsaatgut und chemischen Betriebsmitteln marginalisierten Kleinbauern und verstärkten die Abhängigkeit von globalen Lebensmittelmärkten. Solche Abhängigkeiten haben Gesellschaften in Zeiten von Krieg, Blockaden und Krisen extrem verwundbar gemacht.
Obwohl das Völkerrecht und humanitäre Normen die Aushungerung der Zivilbevölkerung formal verbieten, ist die Durchsetzung nach wie vor schwach und wird oft durch die politischen Interessen mächtiger Akteure eingeschränkt. In dieser Kluft zwischen Rechtsgrundsätzen und politischer Realität sind Gemeinschaften gezwungen, sich auf ihre eigenen Überlebensstrategien zu verlassen. Der Kampf um Nahrung unter Bedingungen der Gewalt wird so untrennbar mit dem Kampf um Freiheit verbunden. Bauern und Gemeinschaften widersetzen sich der Entbehrung, indem sie ihr Recht auf Land, auf Lebensgrundlagen und auf Nahrung geltend machen. Ernährungssouveränität wird zu einer Praxis des Widerstands gegen Kontrolle und Zerstörung.
Lokale Akteure in Westasien und Nordafrika haben wirkungsvolle Formen der Resilienz entwickelt – von Gemeinschaftsküchen und Saatgutbanken bis hin zu genossenschaftlichen Landwirtschaftsnetzwerken und Dachgärten. Diese Initiativen sichern nicht nur das Leben unter Belagerung, sondern stellen die Instrumentalisierung des Hungers aktiv in Frage. Sie offenbaren die Handlungsfähigkeit der betroffenen Bevölkerungsgruppen und zeigen, dass Gemeinschaften dort, wo rechtlicher Schutz versagt, ihre Lebensgrundlagen, ihr Wissen und ihre kulturellen Praktiken bewahren.
Bei Ernährungssouveränität geht es daher nicht nur um den Zugang zu Nahrungsmitteln. Sie umfasst Praktiken der Solidarität, die Ressourcen zurückgewinnen, die Resilienz in Krisenzeiten stärken und festgefahrene Machtverhältnisse verändern.
Inhalt
- Tanja Tabbara
Das Erbe imperialer Gewalt
Aushungern und Geschichten von Widerstand und Resilienz aus Westasien und Nordafrika - Annia Ciezadlo
Syrien oder die Kunst des Aushungerns - Michelle Eid
Oliven als Waffe
Die gezielte Zerstörung von Landwirtschaft, Wirtschaft und Landverbundenheit im Libanon - Mohamed Ismail Ireg
Belagerung und Solidarität
Die imperialistische Politik des Aushungerns im Sudan - Dr. Imen Louati
Strukturelle Gewalt, landwirtschaftliche Abhängigkeit
Der Kampf um Ernährungssouveränität in Nordafrika - Dr. Schluwa Sama
Wie die Landbevölkerung den Widerstand am Leben hielt
Land, Arbeit und Überleben in Irakisch-Kurdistan - Raya Ziada
Freiheit ernten
Ernährungssouveränität und der Kampf gegen den kolonialen Hunger in Palästina
Autor*innen
Annia Ciezadlo ist Journalistin; sie redigiert investigative Berichte und ausführliche Reportagen für die in Beirut ansässige Publikation „The Public Source“.
Michelle Eid ist eine libanesische Forscherin und Programmmanagerin für Ernährungssouveränität im Beiruter Büro der Rosa-Luxemburg-Stiftung.
Mohamed Ismail Ireg ist ein unabhängiger sudanesischer Agrarwissenschaftler, Autor und Forscher mit den Schwerpunkten Landwirtschaft, Ernährungssysteme und politische Ökonomie im Globalen Süden.
Dr. Imen Louati ist Programmmanagerin für politische Ökologie und Forscherin im Nordafrika-Büro der Rosa-Luxemburg-Stiftung.
Dr. Schluwa Sama ist Expertin für Landwirtschaft, Ernährungssysteme und politische Ökonomie im Irak und in Kurdistan.
Tanja Tabbara ist Referentin für sozioökologischen Wandel in Afrika und Westasien bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin.
Raya Ziada ist eine palästinensische Forscherin und Autorin mit Sitz in Ramallah; sie ist Programmmanagerin für Ernährungssouveränität bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Palästina und Jordanien.


