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Gesellschaftliche Auseinandersetzungen um Aufmerksamkeit, Deutungshoheit und politische Mobilisierung verlagern sich immer stärker in digitale Räume. Plattformen wie YouTube, Instagram, TikTok – und zunehmend auch Twitch – prägen den öffentlichen Diskurs, formen neue Öffentlichkeiten und verändern die Art und Weise, wie Menschen miteinander über Politik sprechen. Für linke Politik stellt sich damit nicht nur die Frage, wie soziale Medien strategisch genutzt werden können, sondern auch, wie sich emanzipatorische Praxis innerhalb eines Mediensystems entfalten lässt, das von Plattformkapitalismus, datenförmiger Verwertung und affektiver Ökonomie geprägt ist.
Die Rosa-Luxemburg-Stiftung begleitet diese Entwicklungen seit mehreren Jahren mit Analysen zu „linken Praxen“ in digitalen Medien. Nach Studien zu YouTube, TikTok, Instagram, zu linken Podcasts, Telegram und zuletzt „Influencing against the system“, dem Handbuch für linke Medienaktivist*innen, richtet sich der Blick nun
auf ein bisher wenig erforschtes Terrain: deutschsprachiges linkes Twitch.
Twitch steht für eine neue, besonders dynamische Form digitaler Öffentlichkeit: Echtzeitkommunikation, improvisierte Performanz, intensive Interaktion und affektive Nähe. Politische Kommunikation findet hier nicht in geschnittenen Clips oder vorbereiteten Statements statt, sondern in Momenten der geteilten Präsenz – im Gespräch mit einer Community, im Reagieren auf Videos, im gemeinsamen Alltag vor der Kamera. Damit entstehen neuartige Formen politischer Bindung, die Unterhaltung, Information und Aktivismus miteinander verschränken.
Die vorliegende Pionierstudie der Wissenschaftlerinnen Anna Berg und Nur Yasemin Ural fragt, wie sich auf Twitch eine linke politische Kultur herausbildet – und was sie über zeitgenössische Formen politischer Artikulation und Solidarität verrät. Sie beschreibt, wie Streamer*innen und Communities digitale Räume schaffen, in denen politische Bildung, gegenseitige Fürsorge und kollektive Emotionen miteinander verknüpft werden. Gleichzeitig beleuchtet sie die Risiken dieser neuen Öffentlichkeit: Prekarisierung, Abhängigkeit von Plattformökonomien, geschlechtsspezifische Angriffe, „Beef-Culture“ und Überforderung durch Dauerpräsenz.
Auf Grundlage von Interviews und teilnehmender Beobachtung werden affektive Dynamiken, Konfliktkulturen und solidarische Praktiken des linken Twitch analysiert. Daraus werden Erkenntnisse über Potenziale für linke Politik und für politische Bildung auf der Plattform abgeleitet.
Mit dieser Studie erweitert die Rosa-Luxemburg-Stiftung ihre Reihe zu Influencer*innen und digitalem Aktivismus um eine Plattform, deren Bedeutung für politische Kultur und Organisierung in Zukunft weiter wachsen dürfte. Sie versteht sich als Beitrag zur Debatte um Strategien linker digitaler Kommunikation – und als Einladung, die Potenziale kollektiver solidarischer Öffentlichkeiten im digitalen Raum weiterzudenken.
Autorinnen:
Nur Yasemin Ural ist Soziologin und arbeitet an der Schnittstelle von Anthropologie, Religionswissenschaft und Kulturwissenschaft. Derzeit ist sie assoziierte Forscherin am deutsch-französischen Forschungszentrum Centre Marc Bloch an der Humboldt-Universität zu Berlin. Sie befasst sich mit Affekten, Emotionen und Politik in pluralistischen Gesellschaften.
Anna Berg ist Soziologin und Assistant Professor an der Central European University in Wien. Sie untersucht Medien- und Kommunikationspraktiken in politischen Mobilisierungen, insbesondere die Rolle alternativer Medienökologien für politische Sinngebung auf Basis ethnografischer Feldforschung in Deutschland.

