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Kein Baustoff prägt unsere Welt so sehr wie Beton – und kein Baustoff richtet so viel Schaden an. 40 Prozent der gesamten anthropogenen Masse auf diesem Planeten beruhen auf Zement – flüssigem Stein, gegossen in Brücken, Dämme, Wohnblöcke, Datenzentren. Selbst der KI-Boom steht wortwörtlich auf Betonfundamenten. Die Bilanz ist verheerend: Beton ist für acht bis neun Prozent der globalen CO₂-Emissionen verantwortlich, für zerstörte Ökosysteme, vergiftete Luft, absinkende Städte, Berge von Abfall. Und dennoch wachsen Produktion und Verbrauch: 25 Milliarden Tonnen jährlich, Tendenz steigend.
Die Studie von Tom Ackers, Conrad Kunze, Paulina Orozco, Matthias Schmelzer und Nils Urbanus – hier in einer gekürzten deutschen Fassung vorliegend (die englische Originalstudie ist auch bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung erschienen) – zeigt, dass Zement der offensichtliche Schmierstoff der „imperialen Bauweise“ ist. Die Nebenwirkungen werden mit viel Aufwand unsichtbar gemacht. Nicht zufällig, denn mächtige Industrien haben ein Interesse daran, dass das so bleibt.
Zement ermöglicht relativ günstiges, schnelles, skalierbares Bauen – und damit die Ausweitung einer Bautätigkeit, die laut dem Architekturprofessor Werner Sobek für über 50 Prozent der klimaschädlichen CO₂-Emissionen verantwortlich ist, rechnet man Transport, Abriss und Recycling mit ein. Beton ist nicht neutral. Er ist der Stoff, aus dem die imperiale Lebensweise gemacht ist – einerseits auf Kosten der Natur und andererseits auf dem Rücken der Arbeitskräfte – zum Beispiel auf den Baustellen weltweit und vor allem im globalen Süden.
Das zeigt sich konkret bei einem der großen Player: Heidelberg Materials. Als einer der weltgrößten Zementkonzerne betreibt er über seine israelische Tochtergesellschaft Werke und Steinbruch in den besetzten palästinensischen Gebieten (Westjordanland), aber auch in der Westsahara. Pakistanische Bäuer*innen klagen das Unternehmen an, weil die Emissionen ihre Lebensgrundlagen zerstören, was unter anderem bei den verheerenden Flutkatastrophen im Sommer 2022 sichtbar wurde.
Die zerfallenden Brücken in aller Welt erzählen die Schattenseite des billigen Massenbauens – Beton hat eine relativ kurze Lebensdauer und ist gebaut auf Verschleiß. Zehn Milliarden Tonnen Betonschrott jährlich, downgecycelt oder einfach weggeworfen. Das ist kein Versagen. Das ist System.
Die ökologische Krise ist kein Zukunftsszenario. Sie ist gelebter Alltag. Ein Weiter-so ist keine Option – und erst recht kein auf reine Zahlen ausgerichtetes „Bauen, Bauen, Bauen“. Beton zementiert nicht nur Gebäude und Straßenverkehr. Er zementiert Machtverhältnisse, Ausbeutungsstrukturen, kurz: eine imperiale Lebens- und Bauweise, die die planetaren Grenzen längst überschritten hat. Diese Studie legt die Kosten offen. Es ist Zeit, am Fundament zu rütteln.
Aus dem Vorwort von Ulrich Brand und Stefan Thimmel.
Die deutsche Veröffentlichung ist eine Kurzfassung der vollständigen englischsprachigen Studie.
Die Studie wurde am 18.5.2026 mit den Autoren vorgestellt:
Autorinnen:
- Nils Urbanus hat Physik und Wirtschaftswissenschaften studiert. Er ist Klimagerechtigkeitsaktivist und Gründungsmitglied der Gruppe End Cement.
- Tom Ackers hat Philosophie studiert und schreibt heute über die politische Ökonomie der Energiewende, mit einem Fokus auf die gebaute Umwelt. Er ist Doktorand an der New York University.
- Conrad Kunze forscht zur Energiewende sowie zu europäischen Autokulturen. Er ist promovierter Soziologe und Gründungsmitglied der deutschen Klimagerechtigkeitsgruppe Ende Gelände.
- Paulina Orozco (ein Pseudonym) ist Chemieingenieurin und arbeitet in der südamerikanischen Zementindustrie. Sie forscht zu emissionsärmeren Alternativen zu Portlandzement.
- Matthias Schmelzer ist Wirtschaftshistoriker, Transformationsforscher und Sozialtheoretiker. Er ist Professor für sozial-ökologische Transformation an der Universität Flensburg und Direktor des Norbert-Elias-Zentrums für Transformationsdesign und -forschung.


