Publikation Bildungspolitik Tino Bargel: Entwicklung von sozialer Lage, Studienbedingungen und studentischem Bewusstsein

Tino Bargel wird das Eröffnungsreferat halten auf der Konferenz „Zwischen Resignation und Revolte – soziale Lage und politisches Bewusstsein der Studierenden“ am 21. April an der Uni Köln. Karl-Heinz Heinemann hatte im Vorfeld Gelegenheit mit ihm zu sprechen. Das Interview ist hier dokumentiert. Alle Infos zur Konferenz, Programm und Anmeldung unter: studierendenbewusstsein.de.

Information

Reihe

Online-Publikation

Autorin

Rosa-Luxemburg-Stiftung Nordrhein-Westfalen,

Erschienen

März 2012

Bestellhinweis

Nur online verfügbar

Unter dem Titel „Studiensituation und studentische Orientierungen“ veröffentlicht das Bundesbildungsministerium mittlerweile den 11. „Studierendensurvey“. Die Konstanzer Arbeitsgruppe Hochschulforschung befragt dazu regelmäßig Studierende nach ihren Interessen, ihrer Lage und ihrer Zufriedenheit mit dem Studium. Der letzte Survey wurde 2011 veröffentlicht. Tino Bargel, Hochschulforscher in Konstanz, ist von Anfang an daran beteiligt. Er wird das Eröffnungsreferat halten auf der Konferenz „Zwischen Resignation und Revolte – soziale Lage und politisches Bewusstsein der Studierenden“ am 21. April in der Studiobühne an der Uni Köln.

 Im letzten Studierendensurvey wurde festgestellt, und darüber hat dann das Bundesbildungsministerium auch gern berichtet, dass die Zufriedenheit der Studierenden mit der Studiensituation – trotz Bologna und Überfüllung – zugenommen hat. Wie erklären Sie sich das?

Es ist die Tendenz der Zufriedenheitsfragen, dass die Antworten positiv ausfallen, und zwar um so mehr, je globaler sie gestellt werden. Deswegen machen sie manche Marktforscher gern. Fragt man dann detaillierter nach: Sind Sie mit dem oder jenem zufrieden, da erhält man interessantere und aufschlussreichere Ergebnisse. Fragt man zum Beispiel, wie häufiger in der Tourismusbranche: Waren Sie insgesamt mit Ihrem Urlaub zufrieden, so antwortet mancher positiv, obwohl er gegen den Veranstalter klagt, weil Kakerlaken im Hotelzimmer waren.

Man muss daher immer aufpassen, wie man mit solchen Daten umgeht. Die Angabe, dass 20 % nicht zufrieden sind, das erscheint manchem gering, was sich aber als Irrtum herausstellt. Denn wenn 20 % der Hotelgäste nicht zufrieden sind, muss die Hotelleitung überlegen, was sie verbessern muss. Und in der Öffentlichkeit wird oft so getan, als ob 72-78 % Zufriedene bei den Studenten schon ein großartiger Erfolg ist. Aber 20 % oder mehr Unzufriedene, das sind zu viel Studierende, da sind die Hochschulen aufgefordert, etwas zu tun.!

Sind viele Studierende vielleicht einfach deshalb nicht mehr gesellschaftlich oder politisch engagiert, weil sie nach der Bologna-Reform im Studium zu sehr gestresst sind?

Das ist tatsächlich eine Ursache: es gibt objektiv mehr Stress. Die Studenten selber machen sich aber auch mehr Stress, indem sie erfolgreicher und schneller sein wollen, manchmal sogar mehr, als von ihnen verlangt wird. Und, das ist das Interessante, sie fühlen auch mehr Stress. Wegen der unsicheren Zukunftsperspektive, wegen der verstärkten Konkurrenz, die sie empfinden.

Hat denn die Bolognareform den Stress erhöht?

Ja, im Bachelorstudium wird der Stress stärker empfunden. Die Studierenden klagen aber nicht darüber, dass die Leistungsanforderungen gestiegen sind. Stress bringt die Art der Umsetzung des Angebotes. Sprich: in welcher Weise die Module gestaltet werden, in welcher Weise Prüfungen gestaltet werden, in der Menge am Ende des Semesters, und dass die Noten relevant werden für das Schlusszeugnis. Und gleichzeitig werden die Sanktionen sehr rigide und bürokratisch gehandhabt, ohne Flexibilität, ohne Atem holen. Es gibt keine Zeitfenster, es gibt zu wenig Individualität, und das sind einige Punkte, die im Bachelorstudium repariert werden müssen.

Sie plädieren also für mehr Freiräume im Studium, für mehr Wahlmöglichkeiten und mehr Selbstständigkeit?

Das ist ihnen unter dem Konzept des Kunden zu sehr abgenommen worden. Sie sind fast in ein Korsett gepresst worden und das ist besonders hart für die Studierenden in den Fachkulturen, wo das bisher nicht so üblich war. Da haben die Reglementierungen erheblich zugenommen. Das ist übertrieben und führt dazu, dass diese Eigenständigkeit der Studierenden verloren geht. Das heißt auch, dass das Interesse an anderen Tätigkeiten, kultureller, sozialer und politischer Art ebenfalls eingeschränkt wird. Und manchmal, dies muss man kritisch einwenden, wird die Belastung im Studium von den Studenten, die als Bachelor studieren, als Entschuldigung genommen, in diesen Bereichen nichts machen zu müssen.

Herr Bargel, Sie haben über Jahrzehnte die deutschen Studierenden beobachtet, ihre Lage, ihr Studienverhalten und ihr Bewusstsein beschrieben. Wie sehen Sie die heutige Generation der Studierenden?

Ich bin vorsichtig mit Etikettierungen. Ich habe einmal verfolgt, wie die deutschen Studentengenerationen seit den fünfziger Jahren etikettiert worden sind: von der skeptischen über die unbefangene bis zur rebellischen Generation und dann zur Generation Golf, das letzte Buch war, glaube ich, betitelt: Generation doof. Heute bin ich ein wenig ratlos, wie die Generation selber. Wenn ich etikettieren soll, würde ich sagen: ein bisschen ratlos, ein bisschen meinungslos, ein bisschen gleichgültig. Es wäre gut für sie, sich wieder stärker eine Meinung zu bilden, was auch eine gewisse Anstrengung bedeutet, dafür Stellung zu nehmen und sich dafür einzusetzen. Unsere Daten zeigen eindeutig, dass das Interesse an politischer Partizipation, Engagement, Demonstration sehr nachgelassen hat. Aber das heißt für sich genommen noch wenig. Wenn das allgemeine politische Interesse von 52 auf 37 % zurückgeht, dann das sind ja immer noch über 500.000 Studenten, die bei Protestaktionen ganz schön Remmi Demmi machen könnten. Das kann auch heute noch passieren. Denn ihre soziale Situation ist so, wie man auch in anderen Ländern sieht, dass die Studenten relativ schnell organisierbar sind, weil sie noch nicht so stark in berufliche und familiäre Verantwortlichkeiten eingebunden sind, auf die sie Rücksicht nehmen müssen.

Die entscheidende Frage ist: bleibt das Aufbegehren gewissermaßen nur ein Strohfeuer, eine kurzfristige Aktion, die wieder abebbt, oder wird es zu einer Bewegung, die langfristig wirksam ist, bis hin zu einer Rebellion, die die Systemfrage stellt. Aber davon sind wir, wie mir scheint, in Deutschland noch weit entfernt, aufgrund der Verhältnisse hier und der vorhandenen Einflussmöglichkeiten auch zu Recht, wie ich meine.