Publikation Geschlechterverhältnisse - Gesellschaftliche Alternativen - Ungleichheit / Soziale Kämpfe - Wirtschafts- / Sozialpolitik - Kapitalismusanalyse - Arbeit / Gewerkschaften Leiharbeit aus gendersensibler Perspektive

Zur geschlechtsspezifischen Strukturierung von Zeitarbeit und geringfügiger Beschäftigung. Studie von Alexandra Manske im Rahmen des RLS-Projektes «Lasst uns über Alternativen reden …»

Information

Reihe

Studien

Autor

Alexandra Manske,

Erschienen

Juli 2012

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Es mag auf den ersten Blick unverständlich sein, dass eine Studie zur Ausbreitung von Leiharbeit im Rahmen des Projektes «Lasst uns über Alternativen reden …» der Rosa-Luxemburg-Stiftung unterstützt wurde. Handelt es sich doch hier um eine Forschungsskizze, um die Bestimmung eines Forschungsfeldes. Auf den zweiten Blick wird aber klar, dass gerade das hier behandelte Thema ein Dreh- und Angelpunkt für die Durchsetzbarkeit von Alternativen ist.
Die Leiharbeit und ihre massenhafte Verbreitung gehören neben «Hartz IV» zu einem der wichtigsten Projekte, mit denen in den letzten Jahren die Machtkonstellationen zwischen Lohnabhängigen und Unternehmern grundlegend zugunsten Letzterer verschoben wurden. Leiharbeit ist ein Element der Auflösung gewerkschaftlicher Macht und Instrument der Umverteilung von unten nach oben gleichermaßen. Sie produziert Unsicherheit bei den LeiharbeiterInnen selbst wie auch bei denen, die (noch) in einem Dauerarbeitsverhältnis stehen. Leiharbeit ist Teil einer neuen Realität, die man ablehnen kann, auf die man aber trotzdem mit entsprechenden Formen von politischer und sozialer Organisation reagieren muss. Dazu muss man aber wissen, was sich eigentlich im Bereich der Leiharbeit abspielt, wie sie im Verhältnis zu anderen Beschäftigungsformen steht und welche Potenziale für Selbstorganisation und Widerstand sich herauszubilden beginnen.
(Aus dem Vorwort von Lutz Brangsch, Rosa-Luxemburg-Stiftung)

Warum diese Studie?

Der deutsche Arbeitsmarkt durchläuft seit den 1980er Jahren einen tief greifenden Wandel. Seit den 1990er Jahren äußert sich die Erosion des Normalarbeitsverhältnisses in einer signifikanten Zunahme prekärer sowie befristeter und somit sozial wenig bis gar nicht abgesicherter Beschäftigungsverhältnisse. Als Grund für diese Phänomene gilt neben dem Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft (vgl. z. B. Nollmann 2006) und den Effekten eines globalisierungsbedingten Wettbewerbsdrucks vor allem die Ausweitung des Niedriglohnsektors (vgl. z. B. Goldthorpe 2003). Sozialwissenschaftliche und öffentliche Diskurse reflektieren diese Dynamiken nun nicht mehr als das «Ende der Arbeitsgesellschaft», wie noch in den 1980er und frühen 1990er Jahren. Seit etwa zehn Jahren ist vielmehr von der «Prekarisierung der Arbeitsgesellschaft» (Castel 2000), von einer wachsenden Menge an «Ausgeschlossenen» (Bude 2008) sowie von einer «verunsicherten Mittelschicht» (z. B. Vogel 2009) die Rede.

Auf politischer Ebene haben wir es beispielsweise mit einer Lockerung des Kündigungsschutzes sowie der Förderung von geringfügiger Beschäftigung und Leiharbeit zu tun, was sich sozioökonomisch unter anderem in einer zunehmenden Spreizung von Einkommen und Vermögen manifestiert. Den größten arbeitsmarktpolitischen Effekt hatten in diesem Zusammenhang die Agenda-2010-Reformen der rotgrünen Bundesregierung. Sie gingen mit einer starken Ausweitung atypischer Beschäftigung einher. Vor allem die Liberalisierung der Leiharbeit durch die Veränderungen des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes (AÜG) im Rahmen des Hartz-I-Reform-Paketes sowie die politisch forcierte Ausweitung der geringfügigen Beschäftigung durch die Hartz-II-Gesetzgebung hatten nachhaltige Auswirkungen auf den deutschen Arbeitsmarkt.

Diese Reformen haben teilweise zu einer Perpetuierung bestehender, andererseits aber auch zu einer Neukonstituierung geschlechtsspezifischer Ungleichheiten am Arbeitsmarkt geführt. Es sind daher Wandlungsprozesse sowie Beharrungstendenzen der industriegesellschaftlich geformten Geschlechterordnung zu beobachten, die sich vor allem durch widersprüchliche Dynamiken auszeichnen (vgl. Manske 2011). Damit ist die grundlegende Perspektive skizziert, aus der heraus der vorliegende Themenaufriss zur geschlechtsspezifischen Strukturierung von Leiharbeit und geringfügiger Beschäftigung verfasst ist. Während das Thema Leiharbeit im Industriesektor in den letzten Jahren sowohl von gewerkschaftspolitischer als auch von wissenschaftlicher Seite auf die Agenda gesetzt wurde, ist deren geschlechtsspezifische Ausprägung bislang weitgehend unerforscht. Bislang wird davon ausgegangen, dass Leiharbeit ein «männliches» Problem ist, während als Pendant dazu Minijobs als ein «weibliches» Problem betrachtet werden. Doch ist das wirklich so? Oder gibt es Indizien, dass sich hier neue geschlechtsspezifische Ungleichheitskonstellationen herausbilden?

Zumindest gibt es erste Anzeichen dafür, dass zunehmend auch Frauen in Leih- oder Zeitarbeitsverhältnissen tätig sind und dass sich Leiharbeit in traditionell weiblich segregierten Beschäftigungsfeldern auszubreiten beginnt, beispielsweise im Pflegebereich. Da anzunehmen ist, dass Leiharbeit ein virulentes Problem auf dem Arbeitsmarkt bleiben wird, wird das Thema geschlechtsspezifisch strukturierte Leiharbeit im Rahmen dieser Literaturstudie genauer untersucht.

Bei den folgenden Ausführungen handelt es sich um einen problemorientierten Themenaufriss, der eher Fragen aufwirft als Antworten gibt oder gar eigene empirische Befunde vorstellt. Die Studie konzentriert sich auf die Auswertung bereits vorhandenen Datenmaterials und entsprechender Fachliteratur, auf deren Basis Tendenzen einer Herausbildung von Leiharbeit als weiblich konnotierter Beschäftigungsform zunächst einmal konturiert werden sollen. Für zukünftige geschlechterpolitische Einschätzungen werden für die Perspektive einer weiterführenden Forschungsagenda sicherlich Verbindungen zu qualitativen Fragen, wie der Veränderung einer Geschlechterordnung sowie der Verwischung von weiblich und männlich definierten und unterschiedenen Weisen der Organisation von Leiharbeit, zu untersuchen sein. Dabei wird es darum gehen, über die in den offiziellen Statistiken binär abgebildeten Zahlen hinaus zu einer verknüpfenden Perspektive zu kommen, die Geschlechterverhältnisse als nicht nur statistische Größen, sondern im Kontext ihrer komplexen Bearbeitung im Rahmen von Prekarisierungsstrategien durch Erwerbsarbeit, aber auch durch sie umgebende soziale und gesellschaftliche Bedingungen analysiert. Die zentrale Frage ist daher allgemein formuliert und lautet, inwieweit Leiharbeit geschlechtsspezifisch strukturiert ist und wie sie sich zur Beschäftigungsform der sogenannten Minijobs verhält. So werden quantitative Entwicklungen beider Beschäftigungsformen und deren geschlechtsspezifische Ausprägung dargestellt. Es werden Sektoren beleuchtet, in denen Leiharbeit von Frauen zunimmt beziehungsweise zugenommen hat. Ziel ist es, den aktuellen Forschungsstand zu diesem Komplex zu skizzieren und Entwicklungen aufzuzeigen, die einer genaueren wissenschaftlichen und politischen Beachtung bedürfen. Im Rahmen dieses Erkenntnisinteresses soll auch die Dichotomie «Leiharbeit = männlich» versus «Minijobs = weiblich» kritisch inspiziert werden. Zunächst werden geschlechtsspezifische Erwerbsstrukturen erläutert (2). Dieser Abschnitt dient als Hintergrundfolie für die nachfolgenden Erläuterungen und ordnet die Frage nach den geschlechtsspezifischen Strukturen von Leiharbeit und ihrem Verhältnis zur geringfügigen Beschäftigung in einen größeren Bezugsrahmen ein. Als wesentliche Quelle dient hier der im Jahr 2011 veröffentlichte erste Gleichstellungsbericht der Bundesregierung (vgl. Deutscher Bundestag Drucksache 17/6240 vom 16.6.2011; im Folgenden Bundesregierung 2011). Sodann werden die veränderten sozialrechtlichen Regelungen sowie die strukturelle und quantitative Entwicklung von Leiharbeit (3) und von geringfügiger Beschäftigung dargestellt (4). Anschließend wird speziell auf deren geschlechtsspezifische Dynamiken eingegangen (5). Es wird ein Vergleich zwischen Minijobs und Leiharbeit als Beschäftigungsformen für Frauen vorgenommen und der Frage nachgegangen, ob sich in diesen Arbeitsverhältnissen geschlechtsspezifische Wandlungsprozesse abzeichnen und worin diese bestehen (5.1, 5.2). Darauf aufbauend wird exemplarisch die Pflegebranche in den Blick genommen. Hierbei handelt es sich um ein weiblich segregiertes Beschäftigungsfeld, zu dem erste Befunde zur Ausweitung von Leiharbeit vorliegen (5.3). Abschließend wird in einem knappen Fazit auf Lücken in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung und auf politische Regulierungsdefizite eingegangen sowie weitergehender Forschungsbedarf benannt (6).

Alexandra Manske, 2012

Dr. phil. Alexandra Manske arbeitet zu Soziologie der Arbeit und der Geschlechterverhältnisse am Institut für Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin. Gegenwärtig vertritt sie an der Fakultät Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der Universität Hamburg eine Professur für Soziologie, insbes. Arbeit, Organisation und Innovation.

Von der Autorin ist in der Reihe Standpunkte der Rosa-Luxemburg-Stiftung bereits erschienen: Die «Neu-Erfindung» der Arbeitsgesellschaft. Wandel und Beharrung in den Geschlechterverhältnissen (Standpunkte 8/2011).