Publikation Kapitalismusanalyse - Wirtschafts- / Sozialpolitik - Geschlechterverhältnisse - Gesellschaftliche Alternativen - Nordamerika Who cares?

Eine feministische Kritik der Care-Ökonomie | A Feminist Critique of the Care Economy. Nancy Folbre, USA.

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Autorin

Nancy Folbre,

Erschienen

August 2014

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Der neoliberale Kapitalismus scheint sich nicht um Pflegearbeit zu scheren. Ob es sich um die Fürsorge für alte Menschen, Kinder oder psychisch Kranke handelt: Pflegearbeit ist entweder miserabel oder gleich gar nicht bezahlt. Professionelle Pflegekräfte gehören zu den am wenigsten geschützten und am meisten ausgebeuteten Angestellten. Und von Müttern und Großmüttern, die sich um alte und junge Generationen kümmern und dafür ihre eigenen Bedürfnisse hintanstellen, erwartet man, dass sie aus der Lauterkeit ihrer Arbeit hinreichend Genugtuung ziehen. Unterdessen bereichern sich die Eliten – deren Geschäftsgebahren oftmals alles andere als lauter ist – schamlos auf Kosten anderer.

Die Bezugnahme auf Mütter und Großmütter ist hier bewusst gewählt, wird bezahlte und unentgeltliche Pflegearbeit doch überwiegend von Frauen verrichtet. In den Vereinigten Staaten besteht ein hoher Anteil der Pflegearbeiterinnen aus Afro-Amerikanerinnen, Latinas und anderen women of color – und zwar nicht zuletzt deshalb, weil die Zahl der im Dienstleistungssektor prekär Beschäftigten im Zuge der Deindustrialisierung und der zunehmenden sozialen Ungleichheit stetig wächst. Die chronische Unterbezahlung und fehlende Anerkennung von Pflegearbeit fußen demnach auf den patriarchalen und rassistischen Machtstrukturen unserer Gesellschaft.

Fest steht: Unser Verhältnis zu Pflegearbeit existiert nicht in einem Vakuum, sondern wird von der Regierungspolitik und von hegemonialen Institutionen wie den Medien, Schulen und religiösen Einrichtungen geprägt. Je nachdem, wie der Wohlfahrtstaat beschaffen ist, fallen Geschlecht und Hautfarbe in der Pflegearbeit mehr oder minder ins Gewicht. Staatliche Maßnahmen vergesellschaften den Nutzen, aber nicht die Kosten von Kindern: Kinderlose Menschen profitieren von der Erziehungsarbeit der Eltern und insbesondere der Mütter (die den Löwenanteil dieser Arbeit leisten), ohne die Aufwendungen für die Kindererziehung mitzutragen.

In der vorliegenden Studie beleuchtet Nancy Folbre, Professorin für Wirtschaftswissenschaften an der University of Massachusetts Amherst und MacArthur Fellow, wie es um die Pflegearbeit in den USA bestellt ist und welche Veränderungen geboten sind. Folbre zeichnet nach, wie sich die Pflegearbeit im Rahmen des Wohlfahrtstaates entwickelt hat, und kommt zu dem Urteil, dass der patriarchale Kapitalismus genau jene rücksichtslos ausbeutet, denen er sein Fortbestehen verdankt. Anschließend legt sie dar, welche konkreten politischen Reformen uns den Weg aus der Krise der Pflegearbeit ebnen können. Ihre Vorschläge sind zugleich pragmatisch – es scheint durchaus möglich, sie im Rahmen der bestehenden Ordnung umzusetzen – und weitreichend genug, um unserer Hoffnung auf grundlegende Veränderungen gerecht zu werden. Wie können wir eine nachhaltigere und weniger ausbeuterische Welt für unsere Kinder und Kindeskinder erschaffen? Folbres Analyse bietet einen umfassenden Fahrplan für Aktivisten und Wissenschaftler, die sich dafür einsetzen, dass Pflegearbeit der Stellenwert und die Wertschätzung zukommt, die ihr gebühren.

Vollständiger Text in englisch (PDF).


It would seem that contemporary capitalism doesn’t care that much about care work. Including support for our elders, children, mentally ill, and others requiring assistance, care work is either poorly remunerated or, quite often, not paid at all. Professional care workers are among the least protected and most exploited members of the labor force. Mothers, grandmothers, and others who sacrifice to nurture our past and future generations are told to take reward from the righteousness of their task; meanwhile, the elites — whose business practices are oftentimes anything but righteous — console themselves with a wild accumulation of riches by sheer dispossession.

Reference to mothers and grandmothers is not hyperbolic; care work, both paid and unpaid, is overwhelmingly performed by women. It is also disproportionately performed by women of color, particularly as the decline of manufacturing and rise of economic inequality continues to provoke an upsurge in low-wage service sector employment. The chronic undervaluation and lack of respect for care work thus represents and perpetuates white supremacy and patriarchy in our society.

Our relationship to care work of course does not exist in a vacuum, but rather is buttressed and guided by hegemonic institutions — from the mainstream media to our schools and churches — as well as by government policy, which this study examines in depth. The development of gender and race roles in care work is intimately linked to the way our welfare states have been constructed. Public policies have been used to socialize the benefits of children more successfully than the costs, redistributing resources from parents to non-parents and from mothers (who devote the most time and money to the next generation) to everyone else.

In this study, Nancy Folbre, MacArthur Fellow and professor emerita of economics at the University of Massachusetts Amherst, explores the contemporary treatment of care work and what can be done to change it. Starting with the concept of care and its historical development within the framework of the welfare state, Folbre builds a damning case against patriarchal capitalism and its exploitation of those who sustain its past, present, and future. Then, turning to the here-and-now, the author aims her sharp analytical insight to the middle-distance and proposes a series of reforms that is sufficiently realistic to be achievable within the current constraints of the existing order, yet far-reaching enough to speak to our transformative dreams — how can we imagine a more sustainable and less exploitative world for our children and children’s children? This text provides a thorough roadmap for activists and academics fighting to reframe our notions of care and the value our society assigns it.

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Published by the Rosa Luxemburg Stiftung, New York Office, August 2014.