Historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus

Publikation HKWM Antikolonialismus

A. beruht auf der Anerkennung des Rechts aller Völker, über einen unabhängigen Staat zu verfügen.

Information

Reihe

HKWM

Autor

Samir Amin ,

Erschienen

September 2021

Zugehörige Dateien

Antikolonialer Protest: Statue Königs Lepolds II. in Brüssel (Juni 2020) Mihai Surdu / unsplash

A: al-ʿadāʾliʾl-istʿamār- – E: anti-colonialism. – F: anticolonialisme. – R: antikolonializm. – S: anticolonialismo. – C: fan zhimin zhuyi 反殖民主义

Ideologie und politische Haltung des A gründen sich auf die Anerkennung des Rechts aller Völker, über einen unabhängigen Staat zu verfügen, der auf der Basis einer rechtlichen Gleichheit mit den anderen am Staatensystem teilhat. Dieses Recht ist neu: als universelles wurde es erst 1945 bei der Gründung der UN verkündet. Seine Anerkennung schließt ein, unter den Akteuren der Geschichte, die in der Lage sind, einen gemeinsamen Willen auszudrücken, Einheiten unterschiedlicher Natur anzuerkennen, die als Nationen, Ethnien, Völker usw. gekennzeichnet sind. Die Debatte erfordert also, daß man Kriterien bestimmt, durch welche kollektive Einheiten den Status eines Volks mit dem Recht zur Selbstbestimmung erhalten, sowie eine Präzisierung der Bedingungen, die ein Volk zu erfüllen hat, um die Regeln des internationalen Staatensystems respektieren zu können.

Die Unterdrückung einer ethnischen, sprachlichen oder religiösen Gruppe - egal, ob sie die Gesamtheit eines Volkes oder eine Minderheit inmitten eines anderen Volkes bildet - geht in die früheste Antike zurück; Rom liefert ein bekanntes Beispiel. Auch wenn die Unterdrückung häufig in enger Verbindung mit irgendeiner Form der Ausbeutung der Arbeit steht, ist sie dennoch ein eigenes Phänomen, das manchmal sogar unabhängig von der Ausbeutung bestehen kann. Aber verglichen mit der Theorie des Ökonomischen und der Ausbeutung der Arbeit steckt die Theorie der Unterdrückung noch - ebenso wie die der Politik und der Macht im allgemeinen - in den Anfängen.

Die Entstehung des kapitalistischen Weltsystems basiert seit seinem merkantilistischen Ursprung im 17. Jh. auf einer riesigen Ausdehnung des kolonialen Tatbestands, die fünf unterschiedliche Formen mit jeweils unterschiedlichen Funktionen annimmt: 1. Die Kolonien mit europäischer Neubesiedlung - sei es in unbesiedelten oder schwach besiedelten Gebieten, sei es durch Ausrottung der dort lebenden Bevölkerung (Neu-England und Kanada, später Südafrika, Australien und Neuseeland) - sind das Produkt einer immensen Wanderungsbewegung, verursacht in Europa durch die kapitalistische Entwicklung, die die armen Bauern vom Land vertreibt. Die Auswanderer stellen hier ein System kleiner Warenproduktion wieder her, das frei ist von jeder feudalen Fessel. Beseelt von einer antikolonialistischen Ideologie,für die die amerikanische Revolution das schönste Beispiel darstellt, nehmen sie schnell den Unabhängigkeitskampf mit den Metropolen auf. 2. In bestimmten Gegenden Lateinamerikas werden die dezimierten, aber nicht ausgerotteten Bevölkerungen durch den atlantischen Merkantilismus einer Ausbeutung unterworfen, die sich zunächst auf die Bodenschätze, dann auf die Landwirtschaft bezieht. Hier ist, wie in Brasilien, die antikolonialisnsche Unabhängigkeitsbewegung zu Beginn des 19. Jh. eine Angelegenheit der lokalen herrschenden Klassen iberischen Ursprungs (Kreolen). Die Bewegung, die sich gegen die Monopole der absteigenden Metropolen richtet, wird von Großbritannien, der aufsteigenden Macht des kapitalistischen Systems, unterstützt. 3. Eine dritte Form der Kolonisation sind die wirklichen Kolonien dieser Zeit,deren Bcdeutung mit der Mehrwertauspressung durch Sklavenausbeutung zusammenhängt (Antillen, der Süden Nordamerikas, der Nordosten Brasiliens). Hier nimmt der A die gewaltsame Form eines Sklavenaufstands an, dessen hervorragendes Beispiel Haiti während der französischen Revolution ist 4. Die Kolonisation der bevölkerten großen Territorien Asiens (Indien, Indonesien und Philippinen) integriert sich erst nach der industriellen Revolution in das neue kapitalistische System und entwickelt sich im 19. Jh. zur Quelle landwirtschaftlicher Rohstofflieferungen und zum Absatzmarkt für Manufakturindustrien der Metropolen. 5. Schließlich ermöglicht die Beherrschung der Meere England- und in untergeordneter Position Frankreich-, sich ein weltweites Netz von Seehandelsplätzen aufzubauen.

Die Berliner Schlußakte (1884/5) ist Vorspiel einer neuen Welle kolonialer Eroberungen, die nach einigen Jahren zur Aufteilung Afrikas führt. Gleichzeitig sinken die alten Staaten Asiens (China, Persien, Ottomanisches Reich) de facto auf den Status von ‘Halbkolonien’. Nun kristallisiere sich die moderne kolonialistische Ideologie heraus, die sich durch eine ‘zivilisatorische Mission des Ostens zu rechtfertigen versucht

Der Gegenangriff der Opfer des imperialen Systems läßt nicht lange auf sich warten: schon Ende des 19. Jh. bilden sich nationale Befreiungsbewegungen, die antiimperialistisch und zugleich innenpolitische Träger sozialer und politischer Reformen sind. Diese Bewegung ist der Vermittler des modernen A, der nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst zur Anerkennung des Völkerrechts und dann nach der Konferenz von Bandung (1955) zur Beschleunigung der allgemeinen Entkolonisierung vor allem Afrikas führt.

Man hat beobachtet, daß das koloniale Phänomen spezifisch war für die Phasen verschärfter Konkurrenz zwischen verschiedenen Metropolen, die sich die Welthegemonie streitig machten: für die durch die Konfrontation zwischen England und Frankreich geprägte Zeit des 17. und 18. Jh. und für die Zeit des Konflikts zwischen den von Lenin analysierten Imperialismen von 1880 bis 1945. Dagegen verteidigt die Hegemonialmacht in den kurzen Perioden, in denen sie diese Hegemonie wirklich ausübt (England zwischen 1815 und 1870, die USA nach dem Zweiten Weltkrieg), das Prinzip der Öffnung der Welt für alle Konkurrenten (den freien Austausch des 19. Jh., das freie Unternehmen heute)- ein Prinzip, das durchaus vereinbar ist mit der formellen Anerkennung staadicher Unabhängigkeit

Der Kolonialismus unterscheidet sich also vom wesentlicheren Phänomen da- Ungleichheit in der weltweiten Ausdehnung des Kapitalismus, das durch die Polarisierung zwischen Zentren und Peripherien gekennzeichnet ist. Diese Polarisierung kann man keineswegs auf ihre imperialistisch-kolonialistische Form der Zeit zwischen 1880 bis 1945 reduzieren. Sie ist dem kapitalistischen System immanent und begleitet alle seine Entwicklungsphasen, von den Anfängen bis heute.

Obwohl die koloniale Form vorsintflutlich erscheinen mag, existierte sie doch noch bis in die 1990er Jahre in zwei Fällen: in Palästina, das durch die Kolonisation der zionistischen Besiedlung in Anspruch genommen wurde, und in Südafrika, wo das Apartheid- Regime der afrikanischen Mehrheit die Rechte eines Volks aberkannte. Diese Formen konnten nur deshalb überleben, weil sie in die globalen Strategien des Imperialismus integriert waren.

Die Philosophie der Aufklärung brachte eine erste antikolonialistische Ideologie hervor, die im Moment der Radikalisierung der Französischen Revolution sogar bis zur Solidarisierung mit den Aufständischen von Haiti reichte. Später haben in Europa die liberale Linke und sogar die herrschenden Strömungen der Arbeiterbewegung (H. Internationale) auf den A verzichtet. Letztere gingen so weit, das »objektiv fortschrittliche« Werk der Kolonisation zu rechtfertigen. Auch auf dieser Ebene hat der von Lenin vollzogene Bruch die Grundlagen eines neuen Internationalismus gelegt, der die Arbeiter der entwickelt en kapitalistischen Welt und die unterdrückten und ausgebeutetcn Völker der Peripherien verbinden kann. Dieses Ziel bleibt bis heute eine nicht abgegoltene Aufgabe.

Konfrontiert mit dem Problem der ungleichen Entwicklung des Kapitalismus stellte sich der Marxismus immer auf prinzipiell antiimperialistische, antikolonialistische und antineokolonialistische Positionen. Marx und Engels kritisierten den Korruptionseffekt der englischen Kolonisation in Irland und der russischen Kolonisation in Polen: »Ein Volk, das andere unterdrückt, kann sich nicht selbst emanzipieren.« (MEW18,527) Während später die II. Internationale auf pro-kolonialistische Positionen überging, legte Lenin 1917 eine Theorie des Imperialismus als »höchstes Stadium des Kapitalismus« vor(Imp ,LW 22,189ff), in der er die Bildung von Monopolen in den kapitalistischen Zentren am Ende des 19. Jh. verknüpftem« der kolonialen Aufteilung, dem Konflikt der Imperialisten untereinander und der Korruption der »Arbeiteraristokratie«. Seit dem I. Kongreß der Völker des Ostens (Baku September 1920) rief die DL Internationale die Arbeiterklassen im Westen zur Solidaritätsaktion mit den um ihre nationale Befreiung kämpfenden Völker auf. In diesem Geist meinte Stalin, der afghanische Emir, der den britischen Aggressionen widersteht, sei objektiv fortschrittlicher als die in der Labour-Partei organisierten britischen Arbeiter, die ihre imperialistischen Herren unterstützten. Schließlich überwand die UdSSR nach der Konferenz von Bandung (1955) die Isolation, in die sie die westlichen Mächte seit 1917 eingeschlossen hatten, und zwar gerade aufgrund ihrer Unterstützung der Befreiungsbewegungen in Asien und Afrika sowie der aus dieser Befreiung hervorgegangenen radikalen antiimperialistischen und anti-neokolonialistischen Staaten. Mit der Auflösung des sowjetischen Systems hat sich dieses Blatt mittlerweile gewendet: anläßlich des Golfkriegs 1991 hat sich das neue Rußland dem einheitlichen Lager der kapitalistischen Länder angeschlossen.

Während die Kolonisation im engen Sinne ein besonderes Phänomen bestimmter Epochen darstellt, ist der Gegensatz zwischen Zentren und Peripherien der weltweiten Ausdehnung des Kapitalismus von Anfang an immanent Aber die Analyse der Ursachen und Mechanismen dieser mit dem Kapitalismus verbundenen Welt-Polarisierung sowie der Schlußfolgerungen für die politische Aktion ist noch immer unvollendet. Der historische Marxismus hat vielleicht, wie das ganze sozialistische Denken, diese Polarisierung sogar unterschätzt. In seiner optimistischen Vision hoffte er darauf, daß die Bourgeoisien ihre historische Rolle erfüllten, indem sie eine Produktivkraftentwicklung sicherstellten, die die Bedingungen des Klassenkampfes weltweit homogenisieren würde. Davon abweichend formulierte Rosa Luxemburg in Akku die These, daß die Reproduktion des Kapitals seine Ausdehnung auf die vor- und nichtkapitalistischen Milieus erfordere. Obwohl Lenin das theoretische Argument von Luxemburg zurückwies, stellte er die ungleiche Entwicklung fest und suggerierte durch seine Theorie der »schwächsten Kettenglieder« (Stalin, FL, 32; vgl Lenin, LW27, 265 u.LW 5,521), daß die sozialistische Weltrevolution ausgehend von den Peripherien des Systems eingeleitet werden könnte.

Theorie und Praxis des »sozialistischen Übergangs« müssen im Lichte der vorgeschlagenen Analysen zur Polarisierung des realexistierenden Weltkapitalismus neu besichtigt und kritisiert werden. Konfrontiert mit den unerträglichen sozialen Auswirkungen dieser Polarisierung, sind die Völker der Peripherie dazu auf gerufen, zu revoltieren und sich der Unterordnung unter die polarisierende Logik der weltweiten Ausdehnung des Kapitalismus zu widersetzen. Nach der russischen Revolution haben die Revolutionen in China, Vietnam und Kuba eine Strategie des Aufbaus des Sozialismus in den Peripherien des Wltsystems entwickelt, die durch Mao Zedongs Theorie der »ununterbrochenen« Revolution der »Neuen Demokratie« (1940, AW 2, 395-449) systematisiert w-urde. Am anderen Pol des marxistisch inspirierten Denkens orientierte sich die sowjetische Theorie nach 1955 darauf, die nationalen bürgerlichen Entwicklungsversuche der Bandung-Periode (1955-1975) zu unterstützen. Diese Praxis hielten jene für opportunistisch und unwirksam, die wrie Che Guevara davon ausgingen, daß die historische Rolle der Bourgeoisien in der Peripherie die Grenzen der vom Weltkapitalismus auferlegten Subalternisierungen (»compradorisation«) nicht überschreiten konnte.

Die historische Erfahrung zeigt, daß die gesamte Theorie des (notwendig ebenfalls weltweiten) Übergangs vom Weltkapitalismus zum Kommunismus neu überlegt werden muß. Ein besseres Verständnis der Natur der kapitalistischen Polarisierung ist notwendige Voraussetzung für einen erneuen Vorstoß sozialistischen Denkens und Handelns sowie des schöpferischen Marxismus.

Bibliographie: S. Amin, L’accumulation a l’échelle mondiale. Critique de la théorie de sous-développement, Dakar- Paris 1970 (teilweise dt. in: Neuere Beiträge zur Imperialismustheorie, Bd. 1, München 1971); ders.. Le développement inégal. Essai sur les formations sociales du capitalisme périphérique, Paris 1973; ders., Classe et Nation dans l’histoire et la crise contemporaine, Paris 1979; N.I.Bucharin, Imperialismus und Weltwirtschaft (1915/18), Berlin 1929; A. Emmanuel, L’échange inégal. Essai sur les antagonismes dans les rapports économiques internationaux, Paris 1969; A.G.Frank, Le développement du sous-développement, Paris 1972; ders., Abhängige Akkumulation und Unterentwicklung, Frankfurt/M 1980, H. Grossmann, Das Akkumulations- und Zusammenbruchsgesetz des kapitalistischen Systems (1929), Frankfurt/M 1967; G.Haupt, M.Löwy, C.Weill, Les marxistes et la question nationale 1848-1914. Etudes et textes, Paris 1974; R.Hilferding, Das Finanzkapital (1910), Frankfurt/M 1968;J.A.Hobson, Der Imperialismus (1902), Köln- Berlin/W 1968; I.M.Wallerstein, Das modeme Weltsystem. Kapitalistische Landwirtschaft und die Entstehung der europäischen Weltwirtschaft im 16. Jahrhundert, Frankfurt/M 1986; ders.,Der historische Kapitalismus, Berlin/W 1984.

Samir Amin

→ Abkopplung, Arbeiteraristokratie, Aufklärung, Ausbeutung, Bauernbewegung, Befreiung, Blockfreiheit, chinesische Revolution, Dependenztheorie, Drei-Welten-Theorie, Dritte Welt, Entkolonialisierung, Französische Revolution, Guerilla, Imperialismus, koloniale Produktionsweise, Kolonialismus, kubanische Revolution, Macht, nationale Befreiung, Neokolonialismus, Oktoberrevolution, peripherer Kapitalismus, Solidarität, ungleicher Tausch, Unterdrückung, Vietnam- Krieg, Volk, Zentrum/Peripherie