Historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus

Publikation Dritte Welt

Welche politischen Implikationen hat der Begriff "Dritte Welt"? Wann ist der Begriff entstanden und wie wurde er verwendet? Ist er veraltet?

Information

Reihe

HKWM

Autor/innen

Pablo González Casanova, Frigga Haug,

Erschienen

Juli 2022

Zugehörige Dateien

Foto: Pixabay / gonzagas

Das Historisch-kritische Wörterbuch des Marxismus (HKWM) ist ein marxistisches Lexikon, das nach seiner Fertigstellung 15 Bände und über 1.500 Einträge umfassen wird. Von den bisher erschienenen neun Bänden in deutscher Sprache sind seit 2017 zwei Bände in chinesischer Sprache herausgegeben worden. Im Frühjahr 2019 hat die Rosa-Luxemburg-Stiftung gemeinsam mit dem HKWM-Team die «Internationalisierung» des Lexikons auf Englisch und Spanisch vorangetrieben, um eine neue Generation marxistischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der ganzen Welt für das Projekt zu gewinnen und seine Leserschaft und Reichweite zu vergrößern. Der unten stehende Eintrag ist Teil einer Auswahl dieser Übersetzungen, die auf unserer Website zur Verfügung gestellt werden. 

Weitere Informationen über das Projekt und andere übersetzte Lexikon-Einträge finden sich in unserem HKWM-Dossier.

A: al-cālam al-thālith. - E: Third world. - F: Tiers-monde. - R: Tretij mir. - S: Tercer mundo. - C: di san shijie 第三世界

I. Das Schlagwort »DW« unterliegt unterschiedlich­sten Definitionen und Verwendungsweisen und wird daher von vielen aus ideologischen und wissenschaft­lichen Gründen abgelehnt. Sein Gebrauch wird zu­weilen ausdrücklich erläutert, zuweilen wird er in Er­mangelung eines besseren übernommen - oder aus bloßer Gewohnheit und um die Verständigung in aka­demischen und politischen Kreisen zu erleichtern.

Nach dem Zweiten Weltkrieg geprägt, erwies sich der Term DW seither als mehrdeutig und vielschichtig. Er bildet eine Schnittmenge von Bedeutungen, die es er­lauben, auf ein und dasselbe vage bestimmte Phäno­men anzuspielen. Eine erste Bedeutungsdimension ergab sich im politischen Bereich infolge der Konfe­renz von Jalta (1945) und den Absprachen zwischen der »Westlichen«, »freien« oder »kapitalistischen Welt« und den »sozialistischen Ländern« über eine Abgrenzung der jeweiligen Einflußsphären. Die Idee, daß es außer diesen beiden Blöcken einen dritten gebe, der für eine unabhängige und eigenständige Entwick­lung kämpft, machte sich 1955 auf der Bandung-Konferenz geltend, an der im wesentlichen asiatische sowie einige afrikanische Länder teilnahmen. Auf die­ser Konferenz schien man sich klar darüber zu wer­den, daß zum Kampf zwischen den beiden Blöcken und zwischen Kapitalismus und Sozialismus ein drit­ter hinzukam: für die Unabhängigkeit und gegen den Kolonialismus bzw. gegen die Einmischung der Groß­mächte in die inneren Angelegenheiten der Staaten oder in ihre Territorien. Weitere Kämpfe kamen hinzu: für die Gleichberechtigung der Nationen und für die friedliche Koexistenz. Chinas Anwesenheit in Bandung und das Fehlen der Sowjetunion sowie der westlichen Großmächte war für die Konferenz poli­tisch ebenso bestimmend wie die Beteiligung von Ländern mit extrem armer Bevölkerung und das Fern­bleiben Australiens und Neuseelands. Daß eine Viel­zahl lateinamerikanischer und afrikanischer Länder fehlte, offenbarte die Grenzen der Gruppierung und mittelbar auch die der DW, welche die Konferenz zu vertreten beanspruchte.

In der Folge der Bandung-Konferenz kam der Be­griff der »Blockfreiheit« auf. Die Bewegung, die ihm entsprach, verfocht neben den früher verkündeten Grundsätzen den der »Koexistenz der Nationen und Staaten, unabhängig von ihrer Größe, Wirtschafts­macht, den Unterschieden im politischen und sozia­len System, von Rasse, Religion oder historischem und kulturellem Erbe« (Gavrilovic 1970). Zu den asiatischen, afrikanischen und lateinamerikanischen Teilnehmern kam Jugoslawien als einziger Vertreter Europas. Sein Beitritt betonte die Unabhängigkeit der Bewegung gegenüber den Großmächten und dem Kampf zwischen »Sozialismus« und »Kapitalismus« bzw. »Demokratie«.

Die Unterschiede zwischen den Ländern, die zur DW gerechnet wurden, waren immer erheblich: Einige lebten in extremer Armut und Unterentwicklung, an­dere wiesen eine stark kontrastierte soziale Schich­tung mit einem erheblichen Anteil mittlerer und hoher Einkommensgruppen auf; der jeweilige Urbanisierungsgrad variierte stark; Erdölproduzenten und  Hochindustrialisierte waren ebenso darunter wie sol­che mit knappen Energieressourcen und geringem In­dustrialisierungsgrad; bei einem Großteil dominier­ten Landwirtschaft und Bergbau, einige verfügten be­reits über eine wirksame Industrialisierungspolitik und eine einheimische Bourgeoisie, die, gestützt auf den Staat, ihren Markt mit importsubstituierenden und protektionistischen Politiken gegenüber der in Technologien und Produktivkräften höher entwickel­ten Weltmarktkonkurrenz verteidigte. Die Unter­schiede der sozialen und politischen Systeme waren ebenfalls enorm: Bei vielen bestanden noch tributäre Produktionsverhältnisse und unterschiedliche For­men von unfreier Arbeit, während bei anderen Lohn­arbeit, Verstädterung, breite Mittelschichten und freie Berufe überwogen. Hier führte die Politik der Akku­mulation und Distribution des Überschusses - abge­sehen davon, daß ein ständig wachsender Anteil in den nationalen Grenzen verblieb - zur Herausbildung eines Staatskapitalismus. Waren die Haupt-Begünstigten auch die neuen Magnaten der DW, so verfolgten sie, um ihre Position zu sichern und ihre Staaten zu stabilisieren, doch eine Politik der Überschußverteilung, die es ihnen erlaubte, sich auf weite Sektoren der organisierten arbeitenden Bevölkerung, auf die städti­sche Bevölkerung und gelegentlich selbst auf bäuer­liche und ländliche Gruppen zu stützen. Nationalisti­sche, antiimperialistische und sozialistische Ideolo­gien wurden zur Erklärung und Legitimierung der Politik dieser Länder herangezogen, die auf internationalem Parkett einen unterschiedlichen Grad an Neutralität oder Bündnisverpflichtungen gegenüber den kapitalistischen und sozialistischen Großmäch­ten bewahrten.

Anfang der 1960er Jahre wurde die Krise des Akkumulationsmodells und des popular-nationalistischen Projekts offenkundig. Seitdem hat sich die Kritik am »Nationalismus« der Blockfreien auch gegen den Be­griff der DW gewandt.

Gemeinsames Element des DW-Konzepts war im­mer der Versuch, eine Gruppe der Völker kolonialen Ursprungs zu bilden, d.h. derer, die eine Kolonialge­schichte durchlebt hatten und nun neue Formen von Kolonialismus und Abhängigkeit ertrugen. Unter diesem Gesichtspunkt war es von den Ideologen und Wissenschaftlern der Großmächte immer abgelehnt oder ungern gesehen worden, für die der Kolonialis­mus ein Phänomen der Vergangenheit und Abhängig­keit, kein Faktor von Unterentwicklung war. Die vor­nehmlich von der Sowjetunion angeführten Wissen­schaftler und Ideologen des sozialistischen Blocks be­trachteten ihrerseits den DW-Begriff von Beginn an als unwissenschaftlich und politisch unannehmbar. Für sie war »DW« ein ideologischer Ausdruck, d.h. er stand im Widerspruch zum »wissenschaftlichen Ma­terialismus«. Man bezichtigte ihn der Suche nach einem anderen, von Imperialismus und Sozialismus gleichweit entfernten Standort. Politisch bezeichnete man ihn als »Kapitulation gegenüber dem Imperialis­mus und den Monopolen«; er stehe im Widerspruch zu dem grundlegenden Kampf der »sozialistischen Länder«, in den sich die »Völker der ganzen Welt« ein­zureihen hatten, um den »rückschrittlichen und krie­gerischen Tendenzen des Imperialismus« die Stirn zu bieten. Diese Autoren kamen zu dem kategorischen Schluß: »Es gibt keine DW« (Breve Diccionario 1970). (In den philosophischen, soziologischen und histori­schen Nachschlagewerken der DDR fehlte der Begriff - ebenso im LS und im KWM). Sie übersahen, daß es das bipolare System war, dessen Teil sie waren, das den Ko­lonialismus beendet und die postkolonialen Länder ungeachtet ihrer Unterschiede in eine in dieser Hin­sicht gemeinsame Position gerückt hatten: »So setzt der Gegensatz der beiden ‚Welten‘, des imperialisti­schen Kapitalismus und des sich entwickelnden So­zialismus, eine Dritte Welt frei.« (Haug 1979, 202)

Kritik am Begriff DW kam auch aus dem Denken der neuen Linken, das sich in den 1960er Jahren in­folge der kubanischen Revolution entwickelte. Die Krisen der Regierungen popularer Observanz, aus denen populistische Regimes mit wachsendem Ein­fluß transnationaler Konzerne hervorgegangen waren, riefen zwei typische Phänomene und die entsprechen­de Kritik hervor. Einerseits entstanden in der DW selbst Herrschafts- und Akkumulationszentren, die dazu führten, daß man etwa für Südafrika, Israel, Iran, Brasilien und Indien die Kategorie des »Sub-Imperialismus« in Erwägung zog (Petras 1981, 39ff); ande­rerseits kam zu der zunehmenden Angliederung der nationalen und transnationalen Bourgeoisie ein Pro­zeß der militärischen Integration und Angliederung der Streitkräfte und »bürokratisch-autoritären« Regie­rungen der DW. Alle diese Allianzen und Angliede­rungen ließen das Unabhängigkeits-Projekt illuso­risch erscheinen. Andererseits verschärften sich selbst in den Ländern des sozialistischen Blocks die Wider­sprüche zwischen der gesellschaftlichen und der pri­vat-persönlichen Akkumulation ebenso wie die dog­matischen und sinnentleerten Kundgebungen eines Marxismus-Leninismus, in dem die Rituale allen Raum für Vernunft, Analyse- und Urteilsfähigkeit be­setzt hielten. Bestimmte Autoren der Linken bestrit­ten nicht nur die Existenz einer DW, sondern selbst die von »zwei Welten«. Unter ihnen vertrat besonders A.G. Frank (1991) beharrlich die These, daß es nur eine einzige Welt gebe und daß dies »praktisch seit An­beginn der Menschheitsgeschichte« so gewesen sei.  Mit der Perestroika verabschiedete Gorbatschow - besiegelt durch das von ihm ungewollte Ende der So­wjetunion - nicht nur die auf Akkumulation, Klassenstandpunkt und Antiimperialismus gegründeten Deutungen, sondern verfocht auch die Vorstellung eines einzigen Menschheitskampfes um das gemeinsa­me menschenwürdige Überleben, dem die nationalen und Klasseninteressen unterzuordnen seien. Er be­dürfe der antagonistischen Zusammenarbeit der alten Blöcke im Ringen um das universelle Wohl, wobei es gelte, das exterministische Wettrüsten einzustellen und die freiwerdenden Mittel unter der Losung »Ab­rüstung für Entwicklung« zugunsten der DW und einer ökologischen Wende in der Industriepolitik zu verwenden (Gorbatschow 1988 u. 1989; vgl. Haug 1989, 49-102). Nachdem das Ende des weltrevolutio­nären Zyklus erklärt und das Scheitern der nationalen Befreiungsbewegungen eingestanden war, äußerte selbst Fidel Castro (1989): »Wenn ein sozialistisches Land den Kapitalismus aufbauen will, müssen wir sein Recht dazu respektieren«. Die Akademiker der Sowjetunion gingen in ihrer großen Mehrheit noch weiter und erklärten Kategorien wie den »Klassen­kampf« für ebenso obsolet wie marxistisch-leninisti­sche Wissenschafts- und Praxisformen schlechthin oder den Marxismus selbst, den sie einst als erste be­seitigt hatten in Form seiner Verwandlung in ein Ob­jekt offizieller Anbetung, um ihn nun offiziell zu Grabe zu tragen und den »Markt« zu ihrem neuen Anbetungsobjekt zu machen.

Mit dem Ende der »Zweiten« und »Dritten Welt« scheint nurmehr die »Erste« übrig zu bleiben, die seit dem 16. Jh. sich zu entwickeln und die Welt zu be­herrschen begonnen hat. Eine Weile lang setzten die von der Sowjetunion geführten sozialistischen Län­der und diejenigen, die sich nach dem Zweiten Welt­krieg aus einer nationalistischen, sozialistischen, kommunistischen oder populistischen Position her­aus um ihre nationale Entwicklung bemühten, Re­geln der inneren wie der globalen Akkumulation durch, die sich von den naturwüchsigen Tendenzen der Marktwirtschaft unterschieden. Auch wenn die »Sozialdemokratien« der Großmächte ähnliche Ver­änderungen angestrebt hatten, so gelang es doch nur den kommunistischen und nationalistischen Be­wegungen oder den neuen Revolutionsbewegungen der 1960er Jahre, ein entscheidendes Gewicht auf die Entwicklung der Produktivkräfte in ihren Ländern und die Umverteilung des Überschusses zu legen, um den Sektoren der Kopf- und Handarbeit einen größe­ren Anteil zuzubilligen, ferner auf die Wiedergewin­nung und den Erhalt der nationalen Territorien und Reichtümer, die zuvor in Händen der Großmächte waren, und auf die Wahrung des Weltfriedens und der friedlichen Koexistenz. Doch verstrickt wie sie waren in heftige Widersprüche, die Erscheinungen der Kor­ruption und Bereicherung, des Autoritarismus, der intellektuellen und ideologischen Erniedrigung för­derten und zu einer Militarisierung nach innen wie außen führten, hat ihr Ende auch den Begriff DW in Mißkredit gebracht.

Zu Beginn der 1990er Jahre kehrte man dazu zu­rück, in Kategorien von »zentralem« und »periphe­rem Kapitalismus« zu denken, wie sie Paul Baran ge­prägt hat und deren Wegbereiter Raul Prebisch in der CEPAL gewesen ist. Innerhalb des Marxismus hat besonders Samir Amin den Begriff des peripheren Kapi­talismus ausgearbeitet. Er umfaßt die ehemaligen Ko­lonialländer Afrikas, Asiens und Lateinamerikas, zu denen heute Länder der ehemaligen Sowjetunion und des Blocks ihrer mittel- und osteuropäischen Verbün­deten kommen. Was China, Vietnam und Kuba anbe­langt, so scheinen sie Mühe zu haben, dem Globalisierungsprozeß eines Kapitalismus zu widerstehen, der zudem in den 1980er Jahren die Bevölkerung der armen Länder von zwei Drittel auf drei Viertel der Menschheit hat anwachsen lassen.

Der Ausdruck DW wird in der »kalten Nachkriegs­zeit« weiterhin verwendet, wiewohl mit weniger ideo­logischen Abgrenzungen und größerer Unbestimmt­heit. Gleichzeitig ziehen es manche vor, von den »Ländern des Südens« und den »Nord-Süd-Beziehun­gen« zu sprechen, um - sei es auch indirekt - einige der Probleme anzusprechen, die früher mit der Kategorie DW aufgeworfen wurden.

Bibliographie: S. Amin, Le développement inégal, Paris 1973; P. Baran, The Political Economy of Growth, 1957; M. Bedjaoui, Towards a New International Economic Order, New York-London 1979; D. Boris, »Gibt es noch die Dritte Welt?«, in: ders., W.Gerns u. H.Jung (Hg.), Keiner redet vom Sozialismus. Aber wir, Köln 1992, 52-67; Breve Diccionario Político, Buenos Aires 1970 (auf Grundlage des Kleinen politi­schen Wörterbuchs von I.V. Lionjin u. M.E. Struve, Moskau 1969); F. Castro, »Discurso en el XXXVI. Aniversario del 26 de Julie«, in: Granma, 1989; T.T. Evers, Bürgerliche Herr­schaft in der Dritten Welt, Köln 1977; A.G. Frank, »World System History Phase«, in: Journal of World History, 2. Jg., Nr. 1, 1991; M. Gavrilovic, »The vitality of non-align-ment«, in: Review of international Affairs, 21. Jg., Nr. 482, Belgrad 1970; P. González Casanova, Imperialismo y liberación en América Latina. Una introducción a la historia contemporánea, Mexiko-Madrid 1978; M. Gorbatschow, »Rede vor der UNO-Vollversammlung v. 7. Dezember 1988«, in: Pravda, 8.12.1988 (Auszüge in: FAZ, 9.12., 6); ders., »Das intellek­tuelle Potential der Perestrojka erweitern«, Rede vor Wissen­schaftlern und Kulturschaffenden im ZK, 6. Januar 1989, in: Sowjetunion heute, Nr. 3/1989, Beilage, I-XII; Haug, »Marxismus, Dritte Welt und das Problem des Eurozentris­mus«, in: ders., Pluraler Marxismus, Bd. 2 (Teil II: »Marxismus in den ‘Drei Welten‘«), Berlin/W 1987, 197-227 (engl. in: Socialism in the World, 3. Jg., 1979, Nr. 15, Belgrad); ders., Gorbatschow - Versuch über den Zusammenhang seiner Ge­danken, Hamburg 1989; J.F. Petras u.a., Class, State and Power in the Third World, London 1981; E. Schoeck-Quinteros u. L. Quinteros-Yáñez, »‘Dritte Welt‘«, in: EE, 1, 595-628; D. Senghaas, Peripherer Kapitalismus, Frankfurt/M 1974; P. Strotmann, »Der Zusammenbruch der ka­pitalistischen Entwicklungsmodelle in der Dritten Welt«, in: Argument 51,11. Jg., 1969, 32-49.

Pablo González Casanova (WFH, NB)

→ Abkopplung, Armut/Reichtum, Blockfreiheit, Dependenztheorie, Entkolonialisierung, Entwicklungsländer, Exterminismus, Imperialismus, Metropolen, nationale Befrei­ung, Neokolonialismus, Nord-Süd-Konflikt, Perestrojka, peripherer Kapitalismus, popular-nationale Politik, Populis­mus, Systemkonkurrenz, transnationale Konzerne, tributäre Produktionsweise, Trikontinent, Vierte Welt, Weltmarkt

II. Gegen Ende der 1970er Jahre wird im »Bielefelder Ansatz« (vornehmlich Maria Mies, Veronika Bennholdt-Thomsen und Claudia von Werlhof) eine Parallelisierung zwischen der Ausbeutung/Unterdrückung der Dritten Welt und derjenigen der Frauen in der ersten Welt globaltheoretisch zu begründen ver­sucht. Ausgangspunkt sind ihre Erfahrungen in der Dritten Welt, die sie dazu brachten, in die damalige Diskussion um Produktionsweisen (Cordova, Amin, Rey, Terray, Mandel, Meillassoux u.a.), die als heterogen, verflochten, ungleichzeitig bestimmt wer­den, einzugreifen.

Werlhof formuliert diese Mehrfachbestimmun­gen von Produktionsweisen als allgemeines Gesetz, nicht als Ausnahme. Mit ihrer These von der Gleich­zeitigkeit kapitalistischer und nichtkapitalistischer Bereiche als Strukturprinzip knüpft sie an Rosa Luxemburgs Akkumulationstheorie an, wo es etwa heißt: »Wenn der Kapitalismus also von nicht-kapitalistischen Formationen lebt, so lebt er, genauer ge­sprochen, von dem Ruin dieser Formationen, und wenn er des nichtkapitalistischen Milieus zur Akku­mulation unbedingt bedarf, so braucht er es als Nähr­boden, auf dessen Kosten, durch dessen Aufsaugung die Akkumulation sich vollzieht. Historisch aufge­faßt, ist die Kapitalakkumulation ein Prozeß des Stoffwechsels, der sich zwischen der kapitalistischen und den vorkapitalistischen Produktionsweisen voll­zieht. Ohne sie kann die Akkumulation des Kapitals nicht vor sich gehen, die Akkumulation besteht aber [...] von dieser Seite genommen im Zernagen und im Assimilieren jener. Die Kapitalakkumulation kann demnach sowenig ohne die nichtkapitalistischen Formationen existieren, wie jene neben ihr zu existie­ren vermögen. Nur im ständigen fortschreitenden Zerbröckeln jener sind die Daseinsbedingungen der Kapitalakkumulation gegeben.« (Akku, GW 5, 363f). Für Luxemburg gehören diese Analysen zur Imperialismustheorie; Werlhof dagegen bezeichnet - ähn­lich Meillassoux - den Vorgang als »fortgesetzte ursprüngliche Akkumulation« (1978, 21): »Typischerweise finden wir diese eben nicht ‚außer‘-ökonomi­sche (im Sinne des Überbaus) und auch nicht außerkapitalistische Gewalt in allen Bereichen der fortgesetz­ten ursprünglichen Akkumulation: in der Familie, der Gewalt gegen Frauen überhaupt, der Gewalt im Reproduktionsbereich allgemein, sowie in der Dritten Welt.« (25)

Nachdem die privaten Haushalte in den industriali­sierten Ländern als Produktionsweise innerhalb der kapitalistischen bestimmt sind, werden globale Trends und Geschlechterbeziehung gleichgesetzt: »Man konnte diesen Mechanismus verfolgen bis hinein in das letzte Mikroverhältnis zwischen einem Mann und einer Frau, ob in oder außerhalb der Familie.« (Ebd.) Inhaltlich ließen sich diese in nichtkapitalistischer Form verrichteten Tätigkeiten kennzeichnen als Pro­duktion unbezahlter Gebrauchsgüter für den direk­ten Konsum; Mies schlägt dafür den Begriff der Subsistenzproduktion vor und entziffert als deren Subjek­te Hausfrauen und Kleinbauern - alle, die mit der Her­stellung und der Erhaltung des unmittelbaren Lebens bzw. der elementaren Lebensmittel beschäftigt sind. »Die ‚Kolonien‘ sind demnach die externe Welt-‚Hausfrau‘ - und die Hausfrauen hier sind die interne Kolonie des Kapitals und der Männer.« (1983, 117) Werlhof präzisiert: »Der Lage der Frauen am ähn­lichsten ist die Lage der bäuerlichen Subsistenzproduzenten und der ‚marginalen‘ Masse der städtischen ‚Existenz‘-Produzenten in der Dritten Welt. Nicht die Frauen haben den Status von Kolonien, sondern die Kolonien haben den Status von Frauen. Oder: Das Verhältnis von ‚Erster‘ und ‚Dritter‘ Welt entspricht dem zwischen Mann und Frau.« (1978, 30)

Dieser Theorieansatz ringt mit zwei Problematiken. Da er davon ausgeht, daß das Kapital auf nichtkapita­listischen Grundlagen akkumuliert und diese dabei zugleich zerstört, müßten folgerichtig nicht nur die Produktionsweisen in der Dritten Welt, sondern auch die privaten Haushalte in den ersten Welten zerstört werden. Die Bielefelderinnen folgern umgekehrt, daß es im Kapitalismus ein Interesse gibt, diese ungleich­zeitigen Produktionsweisen zur eigenen Akkumula­tion zu erhalten. Anders als Luxemburg, die entweder Barbarei oder revolutionären Übergang in eine andere Gesellschaft annahm, diagnostizieren Werlhof u.a. eine geradezu totalitäre bewußte Beibehaltung von Frauenunterdrückung im Interesse des Kapitals. Es wird in dieser Weise schwierig, einerseits die tatsäch­liche Zersetzung von privat betriebener Familienpro­duktion zu denken und andererseits zu begreifen, daß Frauen auch in die privaten Haushalte abgeschoben werden, weil derart strukturelle Krisen von zunehmender Arbeitslosigkeit mit weniger sozialer Unruhe ausgetragen werden.

Die andere Problematik betrifft die Gleichsetzung globaler imperialistischer Praktiken mit einem Mikro­verhältnis. Die Konkretion zwingt zu konkreter Be­trachtung. Hier ist es bei aller Zustimmung zur allge­meinen Diagnose von Frauenunterdrückung wenig plausibel, sich die durchschnittlich in ziemlichem Wohlstand lebenden Frauen etwa der deutschen Kleinbürger als ähnlich ausgebeutet wie die Bevölke­rungen der Dritten Welt vorzustellen. So schlägt die Tugend, einen Gesamtzusammenhang zu denken, um in die Untugend, jedes Element nun als ausreichend bestimmt zu erachten. So war dieser Versuch einer globaltheoretischen Neubestimmung von Frauen­unterdrückung und damit zugleich einer Theorie des patriarchalen Kapitalismus zunächst zwar heftig um­stritten, geriet aber in den Zeiten des Verzichts auf umfassende Theoriebildung überhaupt seit Mitte der 1980er Jahre zunehmend aus der Diskussion.

Angesichts der fortschreitenden Globalisierung des transnationalen Bankkapitals, vor allem in Gestalt der Politiken von Weltbank und Weltwährungsfonds, gibt es in den 1990er Jahren neue Versuche einer Parallelisierung von Unterdrückung/Ausbeutung von Frauen in der Ersten und Entwicklungspolitik in der Dritten Welt. Diese Entwicklung verleiht den Versuchen von Frauen aus der Ersten und aus der Dritten Welt, anders als bloß im Modus einseitiger Hilfe zusammenzuarbei­ten und für solche politische Kooperation auch theoretische Analyse ihrer vielfältigen Unterdrückungs­formen und möglichen Gleichartigkeiten zu leisten, eine ‚materielle Grundlage‘: die von der Weltbank finanzierte Entwicklungspolitik verdrängt nicht nur herkömmliche Produktionsweisen, sondern tendiert auch dazu, den weiblichen Körper ihrer Kontrolle zu unterwerfen. Eine Gemeinsamkeit von Dritter Welt und Frauen in der Ersten wird darin gesehen, daß beide de facto als auszubeutende ‚Naturressource‘ fungieren. Sichtbar werde dies an der Restrukturierung des Reproduktionssektors (verstanden als Bereich der Gattungsreproduktion) und der internationalen Arbeitsteilung. So begründet sich gemeinsame Politik als Kampf für das Recht auf »gutes Leben« und Frauenleben überhaupt, dessen Dimensionen selbst­bestimmt zu erstreiten sind, bisher akzeptierte Vor­stellungen von Reichtum in Frage stellend (vgl. etwa Dietrich 1994).

Bibliographie: V. Bennholdt-Thomsen, »Subsistence Production and Extended Reproduction«, in: K.Young (Hg.), Of Marriage and the Market, London 1981; dies., M. Mies, C.V. Werlhof, Frauen, die letzte Kolonie, Reinbek 1983; G. Dietrich, »Defense of Production of Life vis-à-vis Onslaught of Worldbank Politics an Urban Women's Organizations in the Informal Sector« (unveröff. Beitrag zum 13. Weltkongreß für Soziologie in Bielefeld 1994); M. Mies, »Gesellschaftliche Ursprünge der geschlechtlichen Arbeits­teilung«, in: Beiträge zur feministischen Theorie und Praxis, 3. Jg., 1980, Nr. 3; dies., »Subsistenzproduktion, Hausfrauisierung, Kolonisierung«, in: ebd., 6. Jg., 1983, Nr. 9/10; C.V. Werlhof, »Der blinde Fleck in der Kritik der politi­schen Ökonomie«, in: ebd., 1. Jg, 1978, Nr. 1.

Frigga Haug

→ Akkumulation, Frauenbewegung, Hausarbeit/Familienarbeit, Hausarbeitsdebatte, Hausfrauisierung, Imperialis­mus, internationale Arbeitsteilung, Produktionsweise, Reichtum, Reproduktion, Subsistenzproduktion, transna­tionale Konzerne, vorkapitalistische Produktionsweisen