Gesprächskreis Ländlicher Raum

Der Gesprächskreis:

Der Gesprächskreis Ländlicher Raum wurde 2002 gegründet. Er setzte in gewisser Weise die 1993 eingeführte Themenreihe „Agrarpolitik und ländlicher Raum fort. Diese Themenreihe hatte 3-4 mal jährlich insbesondere aktuelle Probleme der Agrarpolitik und des ländlichen Raumes als Politikfeld behandelt. Mitbegründer waren Dr. Fritz Schumann, damals Bundestagsabgeordneter der PDS, Dr. Hans Watzek, Landwirtschaftsminister a. D. und Günter Maleuda, später Bundestagsabgeordneter der PDS. Begonnen wurde im Februar 1993 mit dem heute noch aktuellen Thema: „Bodeneigentum in Deutschland. Zur Tradition wurden anlässlich der jeweiligen Bundestagswahlen Diskussionen mit Repräsentanten der im Bundestag vertretenen Parteien über deren agrarpolitische Positionen. Zu den Höhepunkten zählten zwei Konferenzen 1995 und 2000 zur „Gegenwart und Zukunft von Agrargenossenschaften und anderen Gemeinschaftsformen in der Landwirtschaft“, die jeweils u. a. durch soziologische Untersuchungen des Instituts für Sozialdatenanalyse (isda) vorbereitet und in Kooperation mit dem Bauernverband bzw. Genossenschaftsverbänden veranstaltet wurden.[1]

Anliegen des Gesprächskreises war und ist, diese Traditionen fortzusetzen, jedoch einerseits das Schwergewicht auf Fragen des ländlichen Raumes zu verlagern und andererseits verstärkt Expertenwissen aus Praxis und Wissenschaft im Hinblick auf Problemlösungen, auf das Gewinnen und Umsetzen von neuen Erkenntnissen, guten Erfahrungen und know how zusammenzutragen.

weitere Infomationen

Dabei geht es um praxisorientiertes Wissen für Akteure und Multiplikatoren auf drei Ebenen:

  • (1) Beitrag zu Grundfragen der integrierten Entwicklung des ländlichen Raumes, zum ganzheitlichen Herangehen an die Analyse der Probleme und Veränderungen; sei es die Frage  der Entwicklung einer ländlichen Wirtschaft, mit der neben landwirtschaftlichen vor allem auch nichtlandwirtschaftliche Klein- und Mittelunternehmen und nichtlandwirtschaftliche Arbeitsplätze im ländlichen Raum geschaffen werden[2]; sei es die Entwicklung einer ländlichen Infrastruktur nach solchen Kriterien, die in der Verminderung sozialer Ungleichheiten in den Lebensverhältnissen sowie in der bleibenden Rolle dezentraler Siedlungsstrukturen und entsprechend relativ kleiner Siedlungseinheiten (Dörfer) bestehen;
    sei es  Grunderkenntnissen, welche Rolle die verschiedenen demografischen Gruppen spielen[3] und wie dem demografischen Wandel auf dem Lande aktiv und zukunftsorientiert, also nachhaltig begegnet werden kann.
    Damit soll zur Ausgestaltung des Politikfeldes Ländlicher Raum, sowohl einer ressortübergreifenden Politik für den ländlichen Raum als auch einer akteursorientierten Politik im ländlichen Raum beigetragen werden.
  • (2) Auf der regionalen Ebene geht es vor allem um Konsequenzen aus den Analysen der unterschiedlichen  ländlichen Räume, sowohl im Hinblick auf die große Differenziertheit zwischen ländlichen Regionen als auch deren spezielle Entwicklungspotenziale. Dazu wurden verschiedene Studien und Untersuchungsergebnisse präsentiert und diskutiert[4]. Insbesondere geht es um eine Sichtweise, die nicht die negativen Wirkungen des demografischen Wandels einseitig überbetont  und z. B. von einer „drohenden Gefahr schwedischer Verhältnisse“ spricht, sondern, im Gegenteil, wie z. B. in Schweden, wo dünn besiedelte Regionen als Teil des Ganzen, als Normalität betrachtet werden,  wo nicht nur den dicht, auch die dünn besiedelten Regionen eine Zukunft gesichert werden soll.
    Eine spezielle Thematik, die weiter verfolgt wird, ist die Rolle der LEADER-Regionen für die regionale und Dorfentwicklung; dies insbesondere auch im Hinblick auf  den potenziellen Erhalt der positiven LEADER-Erfahrungen in der EU-Politik für den ländlichen Raum nach 2013 und die Möglichkeiten, nicht nur materielle Projekte zu fördern, sondern auch soziale Prozesse, wie z. B. die Mobilisierung des „sozialen Kapitals“ der Dörfer, des Wirkens lokaler Akteure.
  • (3) Als dritte Ebene spielt seit 2003 die lokale Ebene, insbesondere die Entwicklung der Dörfer, eine zunehmende Rolle in der Arbeit des Gesprächskreises. Im Unterschied zur offiziellen Politik, für die meist die Kommunalpolitik die unterste Handlungsebene darstellt, wandte sich der Gesprächskreis – angeregt durch die Erfahrungen von Dorfbewegungen in anderen europäischen Ländern – intensiv der eigentlichen untersten Ebene im ländlichen Raum, der Ebene der Dorfentwicklung zu.

Auf der einen Seite stand und steht das Ziel, die Erfahrungen dieser Dorfbewegungen bekannt zu machen. 2002 wurde erstmalig im Gesprächskreis Ländlicher Raum über das Ländliche Parlament von Schweden berichtet, das zweijährlich einen Höhepunkt der schwedischen Dorfaktionsbewegung darstellt. Das war der Beginn einer intensiven Beschäftigung mit den Erfahrungen der Dorfbewegungen, die inzwischen in 24 europäischen Ländern wirken. [5] 2005 hielt ein Vorstandsmitglied der schwedischen Dorfbewegung, Stig Hansson, im Gesprächskreis einen mit großem Interesse aufgenommenen und diskutierten Vortrag[6] über die Erfahrungen dieser Dorfbewegung, die sich „Ganz Schweden soll leben!“ (Hela Sverige ska leva!) nennt, was soviel bedeutet wie: „Nicht nur die Städte, sondern auch die Dörfer, und nicht nur der dicht besiedelte Süden, sondern auch die dünn besiedelten nördliche Regionen sollen leben“. 2007 traten in einer Tagung des Gesprächskreises fünf führende Repräsentanten europäischer Dorfbewegungen (Estland, Finnland, Niederlande, Slowakei, Schweden) auf; im Ergebnis dieses Erfahrungsaustausches entstand die Idee, in noch größerem Rahmen eine internationale Konferenz vorzubereiten, um die Erfahrungen der europäischen Dorfbewegungen bundesweit bekannt zu machen und die Möglichkeiten der praktischen Anwendung dieser Erfahrungen zu diskutieren. 2009 beschloss der Vorstand der Vereinigung von Dorfbewegungen in Europa ERCA (European Rural Community Association, in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung im Mai 2011 in Berlin eine (>) „Internationale Dorfkonferenz 2011“ zum Thema „Dörfer in Aktion“  zu veranstalten.

Auf der anderen Seite ist der Gesprächskreis bestrebt, unmittelbar zu helfen, solche Erfahrungen praktisch umzusetzen. So entstand 2004 aus der „Brandenburgischen Werkstatt Lokale Agenda 21“ heraus eine Arbeitsgruppe Dorf, die sich u. a. zum Ziel setzte, die Erfahrungen der europäischen Dorfbewegungen zu nutzen, um ein „Brandenburgisches Netzwerk für Lebendige Dörfer (www.lebendige-doerfer.de) aufzubauen. 2005 veranstaltete diese Arbeitsgruppe gemeinsam mit dem Ökospeicher-Verein Wulkow (www.oekospeicher.de) dessen jährliche Vitaregio-Tag unter dem Thema „Bürgerschaftliches Engagement für lebendige und zukunftsfähige Dörfer“, auf dem u. a. – vermittelt durch den Gesprächskreis -  der o. g. Stig Hansson seinen Vortrag über die Erfahrungen der schwedischen Dorfbewegungen hielt. 2007 veranstaltete diese Arbeitsgruppe den ersten „Tag der Dörfer“ in Brandenburg, flankiert durch Ergebnisse einer von Silke Stoeber, Humboldt-Universität Berlin, durchgeführten Untersuchung[7]. Inzwischen wurden auch 2008 und 2009 solche Tage der Dörfer veranstaltet.

Die Arbeit des Gesprächskreises hat durch Anregungen und Förderung zur Entwicklung einer solchen zivilgesellschaftlichen Bewegungsform beigetragen, wie es das „Brandenburgische Netzwerk für Lebendige Dörfer“ darstellt Das Netzwerk  wurde inzwischen als eine Art regionaler Dorfbewegung als Mitglied in die europäische Vereinigung der Dorfbewegungen (ERCA) aufgenommen. Mitglieder der AG Lebendige Dörfer gehören zu den regelmäßigen Teilnehmern des Gesprächskreises; der wiederum gab der AG Lebendige Dörfer Gelegenheit, jeweils über die Tage der Dörfer zu berichten und die gewonnenen Erfahrungen zur Diskussion zu stellen.

Auch die Ergebnisse von zwei Dorfuntersuchungen wurden im Gesprächskreis ausgewertet.  Auf die gleiche Weise erhielt das Projekt „Land. Leben. Kunst. Werk“ aus Quetzdölsdorf (Sachsen-Anhalt) die Gelegenheit, über die Erfahrungen des ersten dort veranstalteten Tages der Dörfer zu berichten.

2010 wird im Mittelpunkt der Arbeit des Gesprächskreises die weitere Vorbereitung der Internationalen Dorfkonferenz 2011 stehen. Jede Tagung wird sowohl diesen Stand und die Möglichkeiten der Mitwirkung der Gesprächskreismitglieder beraten als auch ausgewählte Dorfprojekte zur Präsentation ihrer Erfahrungen einladen (u. a. Ökodorf Siebenlinden Sachsen-Anhalt), Dorf und Ökospeicher-Verein Wulkow b. Frankfurt (Oder), Dorf Lohmen und Seeblickregion sowie Dorfverein Zinzow (beide Mecklenburg-Vorpommern).Überdies ist geplant, Repräsentanten der staatlichen Politik für den ländlichen Raum  und Verantwortliche für die LEADER-Initative zu Grundsatzdiskussionen einzuladen. Zur Vorbereitung der Konferenz wird im Gesprächskreis auch die Auswertung einer Studie zu den Möglichkeiten der Selbstorganisation von Dörfern gehören.



 

[1] Siehe: K. Krambach / Hans Watzek (Hrsg.): Gegenwart und Zukunft von Agrargenossenschaften und anderen gemeinschaftlichen Produktionsformen in der Landwirtschaft. 2 Protokollbände. Gesellschafsanalyse und politische Bildung e. V., Berlin 1995; siehe auch: K. Krambach: Soziale Potenziale für den landwirtschaftlichen Gemeinschaftsbetrieb. Isda Studie Nr. 19, Berlin 1995. Siehe auch K. Krambach / H. Watzek. Agrargenossenschaften heute und morgen: Soziale Potenziale als genossenschaftliche Gemeinschaften. Studie, RLS Manuskripte Nr. 35, Berlin 2000.

 

[2] Neue Arbeitsplätze im ländlichen Raum. Erfahrungen aus Praxis und Politik. RLS Manuskripte 31, Berlin 2002.

 

[3] Jugend und ländlicher Raum. Protokoll (Manuskriptvervielfältigung). In Kooperation mit dem Landjugendverband. RLS 2003. Siehe auch: Rolle der Landfrauen – treibende Kraft der Dorfentwicklung (Interne Dokumentation).In Kooperation mit den ostdeutschen Landfrauenverbänden., 2005.

 

[4] Siehe u. a.: Empfehlungen für Raum- und Regionalentwicklung in strukturschwachen Regionen. Ergebnisse aus der BBR-Studie "Stabilisierungsstrategien für strukturschwache Räume“; Diversifizierung - Arbeit und Einkommen im ländlichen Raum; Masterplan Daseinsvorsorge – Regionale Anpassungsstrategien für Infrastrukturen. (ZALF-Studien).

 

[5] K. Krambach: Nationale Dorfaktions-Bewegungen und ländliche Parlamente in europäischen Ländern. Studie. RLS, Berlin 2004; Vanessa Halhead: Dorfbewegungen in Europa -Verallgemeinerte Erfahrungen. Studie (Übers. aus dem Englischen). RLS. Berlin 2006.

 

[6] Stig Hansson: Erfahrungen der schwedischen Dorfaktions-Bewegung. Vortrag von Stig Hansson im Gesprächskreis Ländlicher Raum, Mai 2005. Manuskriptdruck.

 

[7] Silke Stöber: Lebendige Dörfer in Brandenburg – Bürgerbeteiligung im Alltag. Ergebnisse einer Bürgerbefragung. Potsdam und Berlin 2006. ( in: www.la21bb.de ).

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Referent für Nachhaltigkeit und sozial-ökologischen Umbau Steffen Kühne
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