Ein Ende und ein Anfang

Paul Lensch 25. Januar 1919

Ein Ende und ein Anfang.

     Wir haben in Berlin eine umgekehrte griechische Tragödie aufgeführt. Ließen sich die Alten zuerst von einem Trauerspiel erschüttern, dem eine Rüpelkomödie folgte, so haben wir umgekehrt zuerst die Rüpelkomödie aufgeführt, um nachher von einer grauenhaften Tragödie um so stärker erschüttert zu werden.

     Die Ermordung von Rosa Luxemburg als Schlußstein des Spartakus-Putsches ist in der Tat das Trauerspiel nach der Rüpelkomödie. Mit dieser Frau ist der einzige Mann dahingegangen, den bisher die deutsche Revolution aufzuweisen hatte. Und schon sammeln sich die alten Weiber vom Klub der »Unabhängigen« und der »Freiheit«, die Hilferding und Genossen, für die die Tote nie etwas anderes übrig gehabt hatte als das Gefühl der Verachtung, um die Erbschaft anzutreten. Es wäre nicht im Geiste der Ermordeten gehandelt, wollte ich ihr sentimentale Redensarten nachrufen. Sie selber war frei von jeder Spießbürgerei und Sentimentalität, und wären ihre Gegner, die Ebert und Scheidemann, dem Schicksal erlegen, das sie ihnen täglich in ihrer »Roten Fahne« zuschwor, so hätte sie sich nicht hinter gefühlsweichen Worten verkrochen.

     Diese Freiheit von kleinbürgerlichen Instinkten wirkte innerhalb der deutschen Sozialdemokratie, die ja doch zum größten Teil aus kleinen Leuten besteht, aus Elementen, die auch geistig dem Kleinbürgertum und seiner Gefühlswelt angehören, wie ein störender Fremdkörper, und hierauf führte sich ein großer Teil der Unbeliebtheit, um nicht zu sagen des Verhaßtseins, zurück, deren sich die Verstorbene in weiten Parteikreisen zu erfreuen hatte. Sie liebte keine Schonung, weder in der Preßpolemik noch in der mündlichen Debatte, und daß sie dabei oft genug erst Schwierigkeiten schuf, wo keine waren, und vorhandene Gegensätze verschärfte, die zu mildern die Klugheit gebot, soll nicht geleugnet werden. Ihre Schriften, und zwar ihre Broschüren genauso wie ihre großangelegte Arbeit über die Akkumulation des Kapitals verrieten in jeder Zeile das feurige Temperament der Verfasserin wie die strenge Schulung an Karl Marx. Auf der Universität in der Schweiz stand sie vor der Entscheidung, ob sie sich der Mathematik und besonders der Astronomie oder der Volkswirtschaft und Politik zuwenden solle. Sie entschied sich für das letztere, wobei sicherlich ihr angeborenes Kampfbedürfnis wesentlich mitgesprochen hat.

     In persönliche Beziehungen trat ich zu Rosa Luxemburg in den Jahren 1910 oder 1911. Ich leitete seit 1905 die »Leipziger Volkszeitung«, Ende 1907 trat Franz Mehring von seiner Stellung als Mitarbeiter oder, wie es formell hieß, als »Chefredakteur« zurück. Bis dahin hatte ich Frau Luxemburg kaum anders als gelegentlich gesehen. Ihre Mitarbeit an meinem Blatte war sehr gering. Das hielt auch noch in den nächsten Jahren an und änderte sich erst, als wir auf einem Parteitage in nähere Bekanntschaft zueinander traten. Ich erörterte damals in der »Leipziger Volkszeitung« die Probleme des Imperialismus und kam über die Frage der Abrüstung, der Kriegsgefahr und ähnlicher Dinge mit den ältesten Kirchenheiligen des »Radikalismus«, mit Kautsky, Ledebour, Mehring usw. in Konflikt. Da ich zugleich ein entschiedener Gegner des Revisionismus gewesen war, so war man in der Partei in Verlegenheit, welche Etikette man mir aufkleben solle. Schließlich pinselte man mich als ultraradikalen »Anarchosyndikalisten« an. Darin wurde man noch bestärkt, als seit jener Zeit Rosa Luxemburg häufiger für die »Leipziger Volkszeitung« schrieb. Sie trat vollkommen an meine Seite, und wir haben bis zum Ausbruch des Krieges und noch einige Zeit darüber hinaus treue Waffenkameradschaft gehalten. Ihr letztes Werk: »Die Akkumulation des Kapitals« las sie mir im Manuskript zum großen Teile vor.

     Bei all ihrem natürlichen Scharfsinn und ihrem brennenden Interesse für Politik war sie doch wie die meisten Polen eine vollkommen unpolitische Natur. Der Satz: »Politik ist die Kunst des Möglichen« war nicht für sie geschrieben. Sie hätte ihn eher umgekehrt und gesagt: »Die Politik des Möglichen ist keine Kunst.« Sie war eine auflösende, aber keine vereinigende Natur. Das mußte um so schärfer hervortreten und um so störender wirken, je mehr die deutsche Sozialdemokratie ein ungeheurer Organisations- und Verwaltungsapparat wurde, in dessen Reihen sich das Interesse an politischen Problemen immer dürftiger gestaltete. Die Jahre vor Ausbruch der Revolution waren in dieser Hinsicht die schlimmsten. Die Parteipresse versagte den Fragen des Imperialismus gegenüber vollkommen, und als dann schließlich im August 1914 das Furchtbare Ereignis wurde und der Weltkrieg ausbrach, stand die Partei geistig völlig unvorbereitet der hereinbrechenden Sturmflut gegenüber. Seit jener Zeit befindet sie sich in einem Prozeß stets steigender Zersetzung, den man zwar anfangs mit der Bravade zu leugnen suchte: Wir sind, was wir waren, und wir bleiben, was wir sind, womit man aber nur die eigene Blindheit und das Unvermögen eingestand, die schwere Parteikrisis zu einem Abschluß zu bringen.

     Für Rosa Luxemburg war die Bewilligung der Kriegskredite durch die Reichstagsfraktion ein furchtbarer Schlag. Den Krieg hatte sie nicht gefürchtet, sie sah in ihm ein revolutionäres Element, das schließlich der Partei zum politischen Aufstieg dienen müsse. Aber Voraussetzung dazu war natürlich, daß die Partei selber in entschlossener Opposition dem Kriege und der Regierung gegenüber verblieb. Nun fiel diese Voraussetzung weg, und eine direkt verzweifelte Stimmung brach über sie herein. Selbst jede Tätigkeit im Dienste des Roten Kreuzes oder der Kriegswohlfahrt forderte ihren Spott heraus. Frau Zietz, Karl Liebknecht und andere, die sich solchem Dienste unterzogen, waren ihr der Gegenstand des schärfsten Hohnes. Sie versuchte, gegen die Kreditbewilligung in einer öffentlichen Erklärung zu protestieren. Auf ihre Bitte verhandelte ich am 5. August, also am Tage nach der Kreditbewilligung, mit Karl Liebknecht, ob er bereit sei, seine Unterschrift zu geben. Allein Liebknecht lehnte ab mit der Begründung, objektiv habe zwar die Fraktion Unrecht getan, allein der gute Glaube sei ihr zuzubilligen; sie habe geglaubt, das Beste für die Partei zu tun, deshalb dürfe man ihre Stellung im jetzigen Augenblick nicht durch eine derartige Erklärung gefährden. Jedenfalls war es am 5. August 1914 unmöglich, in Berlin auch nur ein halbes Dutzend Stimmen zum Protest gegen die Kreditbewilligung aufzutreiben.

     Je länger der Krieg dauerte, desto schärfer trat bei Rosa Luxemburg das Impossibilistische ihres Wesens hervor. So verlangte sie in einer Sitzung, die deutschen Armeen sollten an die Grenzen zurückgehen und dort über den Frieden verhandeln. Aber auch eine andere Seite ihrer Naturanlage trat hervor. So frei sie von jeder pazifistischen Regung war und die kleinbürgerlichen Jeremiaden über den Krieg verachtete, so war sie doch nicht völlig frei von den Resten jener bürgerlichen Anschauung, die in den Westmächten gerne »freie« oder »demokratische« Staaten erblickte, deren Niederlage für den Kulturfortschritt eine größere Schädigung bedeuten würde als eine Niederlage Deutschlands. Man vergesse nicht, daß Rosa Luxemburg eine russisch-polnische Jüdin war, die, wie alle gebildeten Polinnen, eine natürliche Vorliebe für Frankreich und seine Kultur hatte, zumal da sie die französische Sprache so glänzend beherrschte. Die Sozialdemokratie hat bekanntlich ihre internationale Gesinnung stets gern auch damit bekundet, daß sie an die Spitze gerade ihrer wichtigsten Organe, wie »Vorwärts« und »Neue Zeit«, man möchte fast sagen, grundsätzlich Ausländer gesetzt hat. Das war früher so, und das ist, wenigstens was den »Vorwärts« – und auch die »Freiheit« – betrifft, auch heute noch so. In normalen Zeiten mochte das angehen. In Zeiten der nationalen Not jedoch konnte es zutage treten. Und bei Rosa Luxemburg trat es zutage. Die Niederlagen der französischen Waffen schmerzten sie tief, und sie frohlockte förmlich, als sie mir eines Tages von Fortschritten im französischen Artilleriewesen berichten konnte. Darüber kam es zu Differenzen zwischen uns, die sich noch verschärften, als sie den Eintritt der französischen Sozialisten in das Kabinett guthieß. Ich erklärte das als einen schweren Fehler; denn der Kampf gegen die Kreditbewilliger in Deutschland werde unmöglich, wenn die französischen Sozialdemokraten Hand in Hand mit Herrn Poincaré und dem Blutzaren die »Zivilisation« retten wollten. Ablehnung der Kredite sei nur möglich als ein internationaler Akt, einseitig betrieben sei er eine feindliche Stellungnahme gegen das eigene Land. Als dann noch Rosa Luxemburg im Verein mit Karl Liebknecht die Kreditbewilligung zum Anlaß nahm, um die Parteiorganisation zu sprengen und direkt zur Spaltung aufzufordern, kam es zwischen uns zum Bruch, der übrigens schiedlich friedlich vor sich ging. Schließlich kam die Meldung, daß die französischen Sozialisten die neutralen Länder auch noch in den Krieg gegen Deutschland zu hetzen suchten. Da hatte ich von dieser Internationalen genug, ich ging hin und bewilligte die Kredite.

     Frau Luxemburg aber ging in das Gefängnis. Ihr Prozeß gegen den Militarismus, der kurz vor dem Kriege zu Ende ging, endete mit einer vernichtenden Niederlage des Systems. Der Kriegsminister sorgte dafür, daß schnell der Vorhang über die Szene fiel. Aber Rosa Luxemburg hatte noch von früher eine Gefängnisstrafe von einem Jahr zu erledigen. Diese trat sie im Februar 1915 an. Als das Jahr um war, wurde sie in Schutzhaft gesetzt, und erst die Revolution befreite sie im November 1918. Sofort ging sie wieder an ihren Platz, der nur auf dem äußersten linken Flügel der Revolution sein konnte. Die Rolle, die sie seitdem gespielt hat, ist bekannt. Im letzten Hefte der »Glocke« habe ich die Politik des Spartakus-Bundes und der Frau Luxemburg kritisiert. Von dieser Kritik kann ich auch jetzt, nach dem grauenhaften Tode der tapferen Frau, kein Wort zurücknehmen. Sie hatte sich, ohne einen zügelnden Freund zur Seite, in eine revolutionäre Sackgasse verrannt, aus der es für sie kein Zurück mehr gab. Ihr glühendes Temperament schlug ihr ein Schnippchen, und schließlich wurde sie, die gründliche Marxistin, der Düpe ihres persönlichen Hasses. Aber Haß ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck, denn Scheidemann, Ebert usw. waren in ihren Augen viel zu unbedeutende Leute, als daß sie sie mit ihrem Haß beehrt hätte. Und doch war es ihr unmöglich, dorthin zu treten, wo Scheidemann und Ebert standen. So isolierte sie sich selber, und wie sie anfangs der Düpe ihres politischen Hasses geworden war, so wurde sie bald auch der Düpe ihrer politischen Konstruktionen: der Konterrevolution und der Weltrevolution. Um die »Revolution zu retten«, wie ihr Schlagwort lautete, hat sie sie aufs furchtbarste gefährdet. Sie entfesselte den Bürgerkrieg, sie rief die Handgranaten und Minenwerfer zur Hilfe und etablierte in der Hauptstadt des Reiches für eine Woche den roten Terror. Sie hat Wind gesät und Sturm geerntet.

     In diesem Sturm ist sie umgekommen. Ihr Tod ist erschütternd, und doch liegt auch in dieser Tragik etwas Versöhnendes. Denn es muß mal ausgesprochen werden: In der deutschen Revolution war kein Raum mehr für Rosa Luxemburg. Sie war eine wilde, zerstörende Naturkraft. In bürgerlichen Revolutionen, die ja immer in erster Linie politische Revolutionen sind, da wäre sie am Platze gewesen. In ihnen kommt es zuerst darauf an, niederzureißen. Der deutschen Revolution aber war der Zusammenbruch des alten Regimes voraufgegangen. Als sich ihr die Gefängnistore öffneten, war die Arbeit, für die sie berufen gewesen wäre, getan. Worauf es jetzt ankam, das war der Aufbau. Das aber war nichts für Rosa Luxemburg. So protestierte sie gegen die Revolution, die ohne ihre Beteiligung vollzogen war: Diese Revolution war keine Revolution. Aber ihr Protest gegen die Revolution war nur ein Protest gegen ihre eigene historische Überflüssigkeit. Und da sie sich gegen diese bittere Erkenntnis mit Maschinengewehren und Handgranaten sträubte, so geschah das Unausweichliche: Die Revolution verschlang ihr eigenes, ihr treuestes Kind.

     Rosa Luxemburg wird im Gedächtnis der deutschen Arbeiterklasse weiterleben.

     Von ihr zu Karl Liebknecht herüber ist eine Reise ins Flachland. Merkte man aus jedem Worte, was Rosa schrieb oder sprach, den stürmisch drängenden und zugleich mit reinster Kultur genährten Feuergeist, so wirkte eine Rede Liebknechts – von seinen Schriften laßt uns schweigen! – wie ein Hagelschlag ins Dorngestrüpp. Es war viel Mache, viel gesuchte Pose und gewolltes Märtyrertum dabei. Schon nach seinem Prozeß wegen Hochverrat in Leipzig – es war wohl Ende 1907 – bedauerte er mir gegenüber, daß er nicht statt zu Festungshaft zu Zuchthaus verurteilt worden sei; das wäre für die Zukunft viel besser gewesen. War sein Vater ein reich begabter Feuilletonist, ein Stück Poet, der die Welt sich immer so ausmalte, wie er sie gerne sehen wollte, und war er gerade wegen seiner poetischen Begabung auch imstande, dieses Phantasiegebilde dem Leser um so anschaulicher vor Augen zu führen, je weniger Kenntnisse von der wirklichen Welt, vom Wirtschaftsleben des Kapitalismus der Poet wie sein Publikum hatten, so war von dieser reichen Begabung des Vaters lediglich die mangelnde Kenntnis der Wirklichkeit und der Wirtschaft auf den Sohn übergegangen. Die blühende Phantasie des Vaters war zu blutleerer Phantastik und schließlich abstrakter Phantasterei geworden. Karl Liebknecht war ein übernervöser, fahriger Agitator geworden, dem seine hastige Tätigkeit keine Zeit zu solider Arbeit an sich selber übrigließ. Bei Ausbruch des Weltkrieges dachte er ursprünglich an keine intransigente Rolle. ER machte wohl als erster der Reichstagsabgeordneten schon im August 1914 seine »Reise an die Front« und sah kein Arg darin, die Offiziere zu bitten, ihm per Auto die zerschossenen Forts von Lüttich und andere Sehenswürdigkeiten zu zeigen. Auch an einem Kaiserhoch beteiligte er sich damals, was er zwar anfangs abzuleugnen suchte, als ihn später die »Deutsche Tageszeitung« darauf festnagelte, nachher aber doch einräumen mußte. Seinem Kampf im Reichstage und vor allem in der Fraktion gegen die Fraktionspolitik fehlte jedes Moment der Größe. Man glaubte immer, ein subalternes Opfer des Querulantenwahnsinns vor sich zu haben. Seine Verurteilung zu Zuchthaus war eine dumme Bestialität, die ihm aber erst die nötige Weihe der Kraft zu geben schien. Als die Revolution ihn befreite, war er eine Ruine. Er glaubte, zu den höchsten Sternen greifen zu können, der Retter und Führer des Proletariats zu werden. In Wahrheit war er der Führer des Lumpenproletariats geworden, das sich in dunklen Massen in die nicht allzu dunklen Scharen seiner opferbreiten Gesinnungsfreunde hineingeschlichen hatte. Als die Kugel ihn niederstreckte, hat sie nur noch ein leeres Gehäuse getroffen, aus dem der Geist schon lange entflohen war. […]


Hier zitiert nach: Die Glocke, Jg. 4, H. 43 vom 25. Januar 1919.