Es braucht Zeit und Geduld, aber es kann gelingen
Verhinderung von Genitalverstümmelungen im Senegal und Guinea-Bissau. Ein Zwischenbericht.
Mai 2025
Der Verein (I)NTACT, ausgesprochen Internationale Aktion gegen die Beschneidung von Mädchen und Frauen e.V., schaut bei ihrem dritten Projekt im Kampf gegen die Beschneidung von Mädchen und Frauen auf erste gute Erfolge zurück. Ende November 2024 startete das Projekt in Guinea-Bissau und im Senegal. Der erste Schritt ist immer ein behutsamer. Es müssen Frauen vor Ort gefunden werden, die auf Dorfplätzen, in Moscheen, bei Hausbesuchen, in Schulen und Gesundheitsstationen aufklären. Sie hinterfragen das Ritual, sprechen über die gesundheitlichen Folgen, über lebenslange Verletzungen und Schmerzen der verstümmelten Frauen, die Gefahren bei einer späteren Geburt und über die überkommenen Glaubenssätze. Es sind die Frauen selbst, die gewonnen werden müssen für den Kampf gegen diese schreckliche Prozedur. Die Mütter und Großmütter, vor allem die Beschneiderinnen und auch Frauen, die das Sagen in den Dörfern und Stadtteilen haben. Wie aber kann man sie erreichen und gewinnen?
Dazu gab es zunächst ein gemeinsames Seminar mit den Projektpartnern vor Ort. In der Schulung ging es um Aufklärungstechniken, um medizinische, religiöse und soziale Hintergründe der Verstümmelungen. Aber auch um wichtige Arbeitsvoraussetzungen. Denn um in den Dörfern und Stadtteilen mobil sein zu können, brauchen die Beraterinnen ein Mofa, ein Handy, um sich untereinander austauschen zu können, aber auch, um Verstümmelungen zu dokumentieren. Das A und O unserer Projektarbeit ist jedoch, in den Gemeinden Vertrauenspersonen zu finden. Einheimische Frauen, die wichtige Informationen zu lokal aktiven Beschneiderinnen liefern, zu geplanten Beschneidungsfällen oder kürzlich beschnittenen Mädchen. Aber auch von Befürwortern der Beschneidung und sogenannten „Risikohaushalten“. Das sind Haushalte, in denen Mädchen im Beschneidungsalter leben. Diese Vertrauenspersonen, darunter sind auch Männer, erleichtern den Kontakt zwischen den Akteuren der Beschneidung und den Projektmitarbeitern. Die Projektteams konnten 214 noch aktive Beschneiderinnen identifizieren. Diese wurden in persönlichen Gesprächen aufgeklärt und zu Beschneiderinnenseminaren eingeladen. Die werden voraussichtlich im Sommer dieses Jahres stattfinden. Um sicherzustellen, dass die Beschneiderinnen tatsächlich immer noch aktiv sind, wurden Mädchen gesucht, die in den letzten drei Jahren von ihnen beschnitten wurden. Das Ergebnis: Die Projektmitarbeiterinnen fanden 3.730 Mädchen im Projektgebiet. Und zwischen Dezember 2024 und März 2025 planten die identifizierten Beschneiderinnen die Verstümmelung von insgesamt 1.863 Mädchen im Projektgebiet in Guinea-Bissau und dem Senegal. Diese nicht ganz zweitausend Beschneidungen konnten durch die Aufklärung der Beschneiderinnen verhindert werden. Welch ein Erfolg! Welch eine lebenswerte Chance für die betroffenen Mädchen.
Doch neben den Beschneiderinnen spielen religiöse Führer, Dorfchefs und wie schon erwähnt auch lokal einflussreiche Frauen eine wichtige Rolle. Sie müssen unbedingt mit eingebunden werden, im Kampf gegen die weibliche Genitalverstümmelung. Ideal wäre ihre Mitwirkung bei der Abschaffung. In der jetzt ersten Projektphase konnten wir im Projektgebiet 557 traditionelle und religiöse Führer und 482 Hüterinnen der Tradition identifizieren. Zum Austausch untereinander und zur intensiven Aufklärung findet demnächst ebenfalls ein mehrtägiges Seminar mit diesen einflussreichen Traditionshütern statt.
In insgesamt 988 Dörfern und Stadtteilen ist unser Projekt aktiv. Die Projektmitarbeiterinnen werden zum allergrößten Teil interessiert und wohlwollend von der Bevölkerung empfangen. Zu Teilen werden sie bereits von überzeugten Beschneiderinnen und lokalen Traditionshütern in den Dörfern unterstützt. Das macht Hoffnung und gibt uns die Zuversicht, dass das Projekt positiv weiterläuft und zum gewünschten Erfolg führt.