Ethische Fragen in der Sozialpolitik 2

Diese relative Autonomie der Wertesysteme gründet sich darauf, dass Gesellschaft sich nie nach einem vorbestimmten Schema entwickelt; immer sind verschiedene Möglichkeiten offen, Alternativen sind immer möglich. Noch wichtiger ist aber, dass Gesellschaft Interessenausgleich erfordert, es muss ein gesellschaftlicher Konsens zu grundlegenden Fragen erreicht werden, wenn die verschiedenen Gruppen nicht gemeinsam untergehen wollen. Über viele Jahrhunderte spielte dabei die Religion bzw. die Kirche eine wichtige Rolle. So erklärt sich, warum die christlichen Kirchen oder religiös gebundene Menschen zu bestimmten sozialen Fragen ausserordentlich sensibel reagieren und öffentlich aktiv werden. Erinnert sei an die Theologie der Befreiung auf der einen Seite und die deutlich konservative Haltung der katholischen Kirche (insbesondere des Papstes und des Vatikan) zu Fragen von Schwangerschaftsverhütung und -abbruch, zu AIDS oder zu gleichgeschlechtlichen Beziehungen.
Im Unterschied zu vielen anderen Institutionen und sozialen Gruppen in der Gesellschaft verfolgen Religionen und insbesondere Kirchen Wertesetzungen und ethische Diskurse mit hoher Kontinuität - sie sind unmittelbar Teil ihrer Identität. Auch wird ihnen von vielen Menschen hier Kompetenz zugeschrieben. Und schließlich richten sich auch viele Menschen nach den von Kirchen oder Religionen vorgenommenen Normsetzungen. Natürlich entstehen diese Positionsbestimmungen nicht neben den realen gesellschaftlichen Konflikten, sie sind Teil dieser Konflikte. Insbesondere die päpstlichen Enzykliken greifen in ihrem Wertebezug mit großer Wirksamkeit in soziale Auseinandersetzungen ein. Die Wortmeldungen der christlichen Kirchen in Deutschland zu sozialpolitischen Fragen sind dafür ein gutes Beispiel. Nachdem sich evangelische und katholische Kirchen mit einem gemeinsamen Papier positioniert hatten (weiter zum Text) schwenkte die Deutsche Bischofskonfenz mit einem eigenen Dokument "Das Soziale neu denken" von der (im Resultat sehr moderaten) Kritik in dem früheren Papier ab. (weiter zum Text - unter "Erklärungen der Kommissionen") Den eher machtnahen Positionen der Kirchenführungen steht das soziale Engagement in den Gemeinden mitunter scharf gegenüber - und dies mit Bezug auf grundsätzlich gleiche Wertehaushalte.(weiter zu einer Aktion der Katholischen Arbeitnehmerbewegung KAB) Einen besonderen Stellenwert nimmt dabei die Auseinandersetzung mit den Folgen der neoliberal geprägten Globalisierung ein. In einem Beitrag unter dem Titel "Für eine alternative Globalisierung im Dienst von Menschen und Erde: Die ökumenische Herausforderung" von Dr. Rogate R. Mshana (>>>> weiter - pdf-Datei) wird eine neue Initiative vorgestellt, die im Rahmen der für 2006 vorgesehenen Tagung des Ökumenischen Rates der Kirchen debattiert werden soll. (dazu auch U.Duchow in einem Beitrag im "Freitag" >>>> weiter) weiter
Theologie der Befreiung bei Wickipedia >>>> weiter ausführliche Darstellung zur Befreiungstheologie >>>> weiter