2. Unter-, Über- oder Fehlversorgung von Frauen

2. Auch geschlechtersensible Darstellungen zu Unter-, Über- oder Fehlversorgungen im medizinischen Bereich zeigen häufig die Benachteiligung von Frauen:
Dieser Punkt berührt verschiedene Facetten. Eine erste ist der Mythos, dass „Frauen deutlich höhere Kosten im Gesundheitswesen verursachen würden als Männer“. Damit hat sich die Abgeordnete der Grünen im Landtag NRW, Marianne Hürten, in ihrem Einleitungsbeitrag zur Veranstaltung „Dem Ziel näher kommen! Gender Budgeting in NRW“ am 18.2.2005 auseinandergesetzt – für Details sowohl zu dieser Auseinandersetzung als auch weiteren Ergebnissen der Arbeit der Enquête-Kommission „Für eine frauengerechte Gesundheitsversorgung im NRW“ sei auf die homepage der Abgeordneten verwiesen.  Vom Kern her weist sie nach, dass zum einen die Kosten für Schwangerschaft und Geburt einseitig nur den Frauen zugeordnet werden bzw. diese unter die Ausgaben für Krankheitsbehandlung bei Frauen mit subsummiert werden. Die Geburt eines Kindes ist jedoch in der Regel weder mit Krankheit verbunden, noch eine einseitige Angelegenheit der Frauen! Zum anderen entstehen überdurchschnittlich hohe Krankheitskosten (die sich dann entsprechend in der Vergleichstatistik niederschlagen) vor allem bei älteren und hochbetagten Frauen, die meist alleine leben. Dies bedeutet, dass im Krankheitsfall kein Ehepartner die Versorgung übernehmen kann und diese Frauen deshalb zum großen Teil in stationären und teilstationären Einrichtungen versorgt werden, wodurch besonders hohe Kosten entstehen.  Da bei älteren Männern in der Regel die noch lebenden Partnerinnen diese Versorgung unentgeltlich übernehmen, seien die Frauen eigentlich „die Sparstrümpfe für das Gesundheits- und Pflegesystem“ so M. Hürten. Zu diesem Thema sei auch die Untersuchung von Christina König und Erika Zoike empfohlen: Krankheitskosten nach Geschlecht und Alter – Sind Frauen wirklich teurer? Die BKK 10/2004. Von Erika Zoike gibt es gleichfalls eine Vielzahl von Titeln zum unterschiedlichen Verordnungsverhalten von Medikamenten bei Frauen und Männern, in denen sie Fehl- bzw. Überversorgung von Frauen nachweist. Speziell zu dieser Frage hat es im Rahmen der Tätigkeit der Enquête des Landes NRW ein Fachgespräch gegeben, die Ergebnisse sind im Bericht enthalten. Allein für die Unter- und Fehlversorgung von Frauen mit rheumatoider Arthritis werden dort  – neben dem finanziell nicht zu beziffernden Verlust an Lebensqualität für die betroffenen Frauen - für das Land NRW jährliche Folgekosten von rund 70 Mio Euro angeben. Eine zweite Ursache für Unter- bzw. Fehlversorgung ist, dass Symptome für bestimmte Krankheiten meist nur an Männern erforscht, gelehrt und damit in der Praxis geschlechterundifferenziert angewandt werden. Dies führt häufig dazu, dass Erkrankungen wie z.B. Herzinfarkte bei Frauen später (zu spät) erkannt und damit langwieriger behandelt werden müssen. Angaben zu weiteren Krankheitsbildern sind in den o.g. Literaturstellen enthalten . Ein weiterer Aspekt zum Thema unterschiedliche Versorgungsqualität sind auch die international unterschiedlichen Operationszahlen zur Entfernung der Gebärmutter. Diese lassen sich nicht, so die Meinung der ExpertInnen, durch Unterschiede in der Erkrankungshäufigkeit erklären. G. Bunse beschreibt dazu folgende Fakten: je 100.000 Frauen waren gab es 1995 folgende Zahl von Hysterektomien 476 in der BRD 130 in Norwegen 90 in Frankreich. In einzelnen Regionen eines Landes differieren die Zahlen ebenfalls, je nach Zahl der niedergelassenen Frauenärztinnen und verfügbaren Betten. In Deutschland kommt noch die Notwendigkeit des Nachweises einer bestimmten Anzahl dieser Operationen für die angehenden FachärztInnen der Gynäkologie hinzu. Über die Risiken dieser Operation (auch nach abgeschlossenem Kinderwunsch) werde dagegen wenig gesprochen. Diese bestehen in Beckenboden- und Blasenfunktionsstörungen, häufigeres Auftreten von Osteoporose und kardiovaskulärer Erkrankungen, Nierenkrebs, sowie psychischen Problemen für die betroffenen Frauen. Generell bestünde auch eine Forschungslücke zu Langzeitfolgen dieser Operation. Die Durchführung von Gesundheitsmaßnahmen aus Gender-Sicht betrachtet stellt jedoch auch Unter- bzw. Fehlversorgungen beim männlichen Geschlecht fest. Dies zeigen die Daten des 1999 erhobenen Gesundheitssurveys zur Teilnahme an Krebsvorsorgeuntersuchungen. Diese Daten verweisen gleichzeitig auf Differenzen je nach Lebenslage bzw. Schichtzugehörigkeit: So nahmen Menschen wie folgt an den Untersuchungen teil:
 MännerFrauen
Unterschicht20 %28 %
Mittelschicht22 %39 %
Oberschicht26 %42 %
     Hier wirkt der Gender Budgeting Ansatz auch im Sinne eines „eye-openers“, d.h. durch die in diesem Ansatz notwendige differenzierte Aufbereitung des Materials werden weitere Zusammenhänge deutlich. Zur generellen Bedeutung dieser eye-opener Funktion sei auf die Studie der Autorin zum Thema Gender Budgeting verwiesen (s. Anm. 1) >>>> weiter