Ursachen des Zusammenbruchs 2

Ausgehend von diesen Kernprozessen entwickeln sich folgende Komplexe sozialer Problemlagen, die die Delegitimierung des „alten“ Sozialstaates verstärken. Im Kern sind es folgende Veränderungen, auf die alle politischen Kräfte derzeit Antworten suchen - Polarisierung von Lebenschancen im Bereich der abhängig Beschäftigten („Armutskarrieren“ auf der einen Seite und Partizipation an Kapitalkreisläufen aus Vermögen, aus Marktbeherrschung usw. auf der anderen Seite) - allgemeine Verunsicherung der sozialen Situation - die Veränderung der Unternehmensstrukturen - Verschiebung regionaler Strukturen - Neubestimmung des Verhältnisses von kleinen und großen Kapitalen - wachsende Anforderungen an die qualitativen Seite des Arbeitsvermögens (lebenslanges Lernen, Arbeitsintensität) - neuartige Leistungen und Produkte, die neuartige Arbeitsinhalte, Anforderungsstrukturen, arbeitsorganisatorische Lösungen erfordern wie auch ermöglichen - Versuch, ökologische Anforderungen in die kapitalistisch geprägten Marktbeziehungen zu integrieren. Dies wiederum ist verbunden mit einer weiteren Auffächerung der konkreten Lebenslagen der Menschen und ihrer Interessen. Gemeinsame Interessen sozialer Gruppen oder Klassen werden oft überdeckt von anderen Sub-Interessen. Dies ist weiterhin verbunden mit Prozessen, in denen sich materiell mit gesellschaftlich bestimmten Tendenzen verflechten. - Phasen des Lernens, der Weiterbildung oder der grundsätzlichen beruflichen Neuorientierung erscheinen als gesonderte Arbeitsmärkte (Übergangsarbeitsmärkte) in dem Maße, in dem die Unternehmen in der Lage sind, ihre Umstrukturierungs- und Anpassungsstrategien zu vergesellschaften - die gesellschaftliche Arbeitsteilung wird immer komplexer - diese Komplexität manifestiert sich in einer extrem steigenden Arbeitsintensität, die wiederum differenzierend wirkt - die Statik der grundsätzlichen Umverteilungsprozesse lassen Teile des gesellschaftlichen Arbeitsvermögens (der gesellschaftlichen Arbeits- und Produktivkraft) als auf Dauer überschüssig erscheinen, wenn sie nicht gewaltsam (außerökonomisch) entwertet werden - Kombilohn- und Dienstleistungsdiskussion (Unterstellung, daß niedrig bezahlte Stellen a priori niedrig bezahlt sein müssen) - Die Gleichheit der Lohnabhängigen gegenüber dem Kapital wird überlagert durch die wachsende Verschiedenartigkeit konkreter Arbeitsfunktion und konkreter Lebenslagen - dies schlägt sich nieder in sinkender Akzeptanz des Flächentarifvertrages als gemeinsame Basis für die Sicherung der sozialen Stellung. Die Anonymisierung von Herrschaftsverhältnissen macht (vor allem durch die partielle oder scheinbare Partizipation weiterer Gesellschaftskreise an ihnen) die Einordnung erlebter Hierarchien in ein Gesellschaftsbild komplizierter. - Die Totalität der Arbeitsteilung erzwingt den Zerfall der traditionellen bürgerlichen Familie und setzt damit die Frage des Verhältnisses der Generationen (und der Geschlechter) neu. Dies findet seinen Niederschlag in der Diskussion um die Alterssicherung und die Forderung nach deren Privatisieren auf der einen und die um die „Einordnung“ der berufstätigen Frau in die Gesellschaft auf der anderen Seite. Damit wiederum stellt sich die Frage nach „Billigjobs“ ebenfalls neu. Hintergrund ist die Weiterentwicklung des Menschen in seiner Eigenschaft als Produktivkraft - historisch unterscheiden sich Frauen heute durch die in bestimmten Bereichen errungene Gleichberechtigung (insbesondere Bildung und grundsätzlicher Zugang zum Arbeitsmarkt) und Ältere durch die längerdauernde Erhaltung ihrer Leistungsfähigkeit  (nicht nur der Lebenserwartung schlechthin) sehr grundsätzlich von früheren Generationen. Das verändert wiederum die Konkurrenzsituation auf dem Arbeitsmarkt. Die Frage der Privatisierung der Alterssicherung wird vor diesem Hintergrund erst wieder möglich! Anders ausgedrückt - Solidarität und Klassenbewußtsein erhalten, auch unabhängig von den Wirkungen des Zusammenbruchs der traditiuonellen Arbeiterbewegung, einen neuen Gegenstand, neue Inhalte und neuartige Felder. Diese neuen Bedingungen - insbesondere die aus ihnen resultierende Inhomogenität des Ar-beitslebens läßt verständlich werden, warum Mindestsicherungsmodelle, wie etwa das Biedenkopfsche Modell, oder das Bürgergeld-Modell der FDP, von verschiedenen Seiten her Interesse hervorrufen. Die erhoffte (und nach Berechnungen keinesfalls sichere) Haushalts- und Kostenentlassung ist nur Vorwand, um im sozialen Bereich - eine Re-Regulierung insbesondere durch das Ausschalten der Gewerkschaften durchzusetzen (das schließt die Abdrängung der Gewerkschaften auf das Feld „reiner“ Tarifpolitik sowie einer Verbetrieblichung der Beziehungen Kapital-Arbeit ein) - diese durch Selbstregulierungsprozesse zwischen den abhängig Beschäftigten durch Schaffung von Konkurrenzsituationen zu untersetzen . An der Oberfläche erscheinen auf der Ebene der sozialen Sicherungssysteme diese Veränderung wesentlicher gesellschaftlicher Beziehungen als Finanzierungs- und als Akzeptanzproblem. Bedarf an Arbeitskraft gesunken - Warum ist das eigentlich ein Problem? >>>> weiter