Genossenschaften im Widerstreit von Interessen, konfrontiert mit zahlreichen Widersprüchen

Genossenschaften werden EU-offiziell gewollt, um
- das Angebot an benötigter Arbeitskraft zu erhöhen,
- regionale Ressourcen zu mobilisieren,
- Menschen in den Verlierer-Regionen der Globalisierung mit notwendigen Waren und
   Leistungen zu versorgen,
- abgehängten Regionen zu neuer Reproduktionsfähigkeit zu verhelfen,
- Unterlegene im Konkurrenzkampf und ohnehin in der Gesellschaft Benachteiligte zu
   integrieren,
- soziale Kohärenz zu stärken. Bei der Behandlung von Genossenschaften geht es der Europäischen Kommission:
- erstens um mehr Verständnis für und mehr Interesse an der Unternehmensform
   Genossenschaft
- zweitens um ihre Gleichstellung gegenüber anderen Unternehmensformen und um
  die Wettbewerbsfähigkeit von Genossenschaften,
- drittens um den Erhalt und die Mehrung von Kleinst-, kleinen und mittleren Unternehmen,
- viertens um die Milderung von sozialen Problemen in den neuen EU-Mitgliedsländern,
  insbesondere in der Landwirtschaft und in ländlichen Räumen,
- fünftens um Strategien für Regionen mit wirtschaftlichem Entwicklungsrückstand,
- sechstens um die Erschließung von genossenschaftlichen Potenzen zur Schaffung
  von Arbeitsplätzen. (Kommission der Europäischen Gemeinschaften, 2004: 4-20) Dagegen kann linke Politik schwerlich opponieren. das Problem ist – wie oben entwickelt – die Einordnung der Genossenschaft als Unternehmensform und soziale Organisation in politische Strategien. So interessiert die Europäische Kommission und relevante Akteure in der europäischen Union primär „der Beitrag der Genossenschaften zur Wettbewerbsfähigkeit Europas und zur Verwirklichung anderer Zielsetzungen der Europäischen Union“ (Kommission der Europäischen Gemeinschaften 2001: 4). Es ist durchaus möglich, zugleich die Gründung von Genossenschaften zu fördern und in der Gesellschaft soziale und demokratische Rechte abzubauen, Gesellschaft durchzukommerzialisieren und Repressionen zu mehren. Auch eine von „bekennenden Linken“ gegründete Genossenschaft, um eigene Probleme und/oder soziale, ökologische und ökonomische Probleme in der Kommune und Region zu lösen, muss nicht zu allen Zeitpunkten im Inneren demokratisch sein. Auch muss sie nicht automatisch in politischen Strategien eingeordnet sein, die auf die Verteidigung, Stärkung und Erweiterung der sozialen, demokratischen und kulturellen Rechte der Menschen zielen, auf Gerechtigkeit und verantwortungsvollen Umgang mit der Natur. Sollen Genossenschaften den Mitgliederinteressen entsprechen, Regionalentwicklung sozial und ökologisch gestalten und gesellschaftspolitisch intervenieren helfen, müssen sie hier und heute demokratische und wirtschaftlich erfolgreich sein. Das schließt (zeitweise) öffentlich geförderte Genossenschaften nicht aus. Die Genossenschaftsmitglieder müssen keinesfalls in sozial gleicher Lage sein. International bestehen erfolgreiche Genossenschaften – nicht zuletzt zur Meisterung von Aufgaben der öffentlichen Daseinsvorsorge – aus sozial und ökonomisch sehr unterschiedlichen Akteuren – aus Arbeitslosen, öffentlichen Verwaltungen, Privatunternehmen, Menschen mit höheren Vermögen und Einkommen….
Der gut gemeinte Slogan „wir-eG statt Ich-AG“ ist nicht immer richtig und eine kollektive Existenzgründung muss nicht unbedingt in Form einer Genossenschaft erfolgen. Es geht um die Entwicklung vielfältiger Kooperationen, die mittels wirtschaftlicher Tätigkeit die soziale Lage ihrer Mitglieder verbessern und Einfluss auf die Entwicklung ihrer Lebensumwelt nehmen. Derartige Entwicklungen setzen also Akteure mit besonderen Einstellungen und Fähigkeiten voraus. Diese haben mit Motivation, Bildung, Organisation, Beratung und Begleitung von Menschen zu tun. Hierfür sind die Möglichkeiten von öffentlichen Gremien, Verwaltungen und Einrichtungen keineswegs zu unterschätzen.
Sollen Kooperationen gesellschaftsgestaltend sein oder werden, sind politische Bündnisse vonnöten, die vor allem die Rahmenbedingungen für Wirtschaft ohne Fixierung verbessern. Eine Allianz von Genossenschafts-, Gewerkschafts- und globalisierungskritischer Bewegung für Wirtschaftsdemokratie und Gerechtigkeit ist entscheidend für den Erfolg linker Reformpolitik.