Texte aus dem Workshop "total verplant"

Ingo Stützle: „Von der Unmöglichkeit, den Wert zu messen....“
Zur Verwendung Marx’scher Kategorien in der jüngeren Planungsdiskussion um die sog. Äquivalenzökonomie (u.a. Dieterich etc.)


Das Bedürfnis, nicht nur Kritik an den ökonomischen Verhältnissen zu formulieren, was Marx’ explizites wissenschaftliche Programm war, hat inzwischen u.a. dazu geführt, dass er – bzw. eine ihm zugeschriebene Arbeitswerttheorie – herangezogen wird, um die Umrisse eines "Sozialismus im 21. Jahrhunderts" zu skizzieren. Diese und ähnliche Vorhaben sind so alt wie Marx' Arbeiten selbst - und älter. Die gegenwärtige Debatte um z.B. die Äquivalenzökonomie zeigt zum einen, dass grundlegende Kategorien der marx’schen Kritik unklar sind – so der Begriff der abstrakten Arbeit. Mit weit reichenden politischen Folgen. Auf der anderen zeigt die Debatte aber auch, dass es noch einer Menge Theorieanstrengung bedarf, die Probleme einer möglichen Planwirtschaft auf angemessenem Niveau theoretisch zu begegnen. Vor dem Hintergrund der Darstellung der grundlegenden Kategorien in Marx' Ökonomiekritik und dessen wissenschaftlichem Programm soll Kritik an Varianten einer positiv gewendeten Arbeitswerttheorie formuliert werden.
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Maja Soboleva: Wirtschaftliche Ideen Aleksandr Bogdanovs

Im Vortrag werden die sozialen und wirtschaftlichen Aspekte der „allgemeinen Organisationslehre“ in ihrer Relevanz für den Aufbau des Sozialismus rekonstruiert. Die Schwerpunkte werden auf die Begriffe „Sozialismus“, „sozialistischer Staat“, „wissenschaftliche Organisation der Arbeit“, „Markt und Plan“ gelegt, welche die praktische Seite der Tektologie zum Ausdruck bringen sollen. Die Unterschiede der Bogdanovschen Konzeption zu den in der Sowjetunion realisierten wirtschaftlichen Ideen werden dargestellt.
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Silke Meyer: Mythos Freie Software – Produktion jenseits von Markt und herrschaftsfrei? Ausschlussmechanismen über race und gender.

Die alternative Software Linux hat demokratische Ansprüche: Sie will NutzerInnen von ökonomischen und rechtlichen Zwängen befreien und hat weit über den Softwarebereich hinaus Debatten über alternative Produktionsweisen, Demokratie und Eigentumskonzepte angestoßen. Da Computer und Software den Zugang zu immer mehr Lebensbereichen kontrollieren, wird Linux oft ein geradezu subversives Potenzial zugeschrieben. In dem Vortrag wird kurz erläutert, was der Clou an "freier" Software ist. Dann wird die Praxis, in der Linux entwickelt und verbreitet wird, kritisch hinterfragt: Wo ist sie alternativ und welches konkrete Veränderungspotenzial birgt sie? Wo und wie werden in der Praxis rund um Linux gleichzeitig herrschende Machtverhältnisse reproduziert? Wie bilden sich Hierarchien und Ausschlüsse heraus, die Linux zu einem Tummelplatz meist weißer, westlicher Mittelschicht-Männer machen?
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Malte Daniljuk: „Sozialismus im 21. Jahrhundert“ in Lateinamerika. Kritische Bestandsaufnahme der Wirtschaftskonzepte in Venezuela

Venezuela galt bis 1999 mit seiner auf Ölexport basierenden Rentenökonomie als neoliberales Musterland. Die Begleiterscheinungen dieser Wirtschaftsform waren eine starke Krisenanfälligkeit, extrem hohe Inflation und eine enorme, dauerhafte soziale Ungleichheit. Die neue Regierung stellte die gesellschaftliche Funktion von Wirtschaft in den Vordergrund und begann nach einer Konsolidierungsphase eine aktive Steuerung wirtschaftlicher Prozesse: Es wurde u.a. ein Mindestlohn eingeführt, der regelmäßig an die die Inflation angepasst wird, Unternehmensgründungen auf genossenschaftlicher Basis werden unterstützt, Schlüsselunternehmen werden verstaatlicht. Insgesamt führten diese neo-etatistischen Konzepte innerhalb kurzer Zeit zu einer deutlichen Verbesserung der Makrodaten und zu einem sozialen Wachstum. Aber die hohe Ausgabenquote hat auch eine nach wie vor hohe Inflationsrate zur Folge und bei einzelnen Maßnahmen wie der Preisbindung für Grundnahrungsmittel werden die Grenzen staatlicher Steuerungsmöglichkeiten in einem kapitalistischen Umfeld deutlich. Link für Dateidownload folgtweiter

Weitere Abstracts

Kerstin Bischl: „Das Ende vom Plan?“ Planwirtschaftliche Realitäten in der SU

Im Allgemeinen wird übersehen, dass es in den 70 Jahren, die die SU existierte, höchst verschiedene Phasen der Planwirtschaft gab. Denn die ‚Beplanung’ und deren Intensivität änderte sich von Generalsekretär zu Generalsekretär. In den Jahren unter Breschnew bedeutete Planwirtschaft ein formal erfülltes Plansoll zu präsentieren, während sich informelle Netzwerke und Aneignungsprozesse (auch im Politbüro) verfestigten und Wirtschaft wie Politik bestimmten. Es waren und sind diese verkrusteten Strukturen, die in der Perestroika-Zeit dafür sorgten, dass die Privatisierung zu einer massiven Oligopolbildung führte, und die in ihrem Fortbestehen bis heute die Formierung einer Öffentlichkeit behindern.

Bernd Gehrke: Plan, Markt und Arbeiterselbstverwaltung - Dissidenz in Osteuropa

Seit der bolschewistischen Machtergreifung 1917 und der Herausbildung des so genannten Kriegskommunismus verwandelten sich die ökonomischen Debatten der Marxisten über eine nichtkapitalistische Ökonomie zugleich auch in Debatten über den tatsächlichen sozioökonomischen Charakter und eine Kritik der neu entstandenen Ökonomie. Von der Kritik an der betrieblichen Ein-Mann-Diktatur in den Jahren 1919, über die Kritik der Arbeiteropposition und der „Dezisten“ auf dem 10. Parteitag der bolschewistischen Partei 1920 bis hin zu den Ökonomen des „Prager Frühling“ stand immer wieder der „bürokratische Zentralismus“ im Zentrum der Kritik. Für die marxistische Kritik galt er nicht nur als ein Synonym für Ineffizienz, sondern auch als Ausdruck einer neuen Herrschaft und einer „Diktatur über das Proletariat“. Durch die Einführung der Arbeiterselbstverwaltung 1950 in Jugoslawien wurde begonnen, eine praktische Alternative zum System der bürokratisch-zentralistischen Zentralverwaltungswirtschaft stalinistischen Typs in der Praxis zu verwirklichen. Daran anknüpfend wurde die Arbeiterselbstverwaltung zur Leitidee der oppositionell-sozialistischen Kritiker des Stalinismus und insbesondere der revolutionären Rätebewegungen in Polen und Ungarn im Jahre 1956. Seither war die Verbindung der unter dem Slogan „Markt und Plan im Sozialismus“ geführten Effizienz-Debatte mit der im Zeichen der Selbstverwaltung stehenden Herrschaftsdebatte das wesentliche Unterscheidungsmerkmal zwischen den Modernisierern der ökonomischen Herrschaft des Stalinismus und den verschiedenen Richtungen von sozialistischer Demokratie und Selbstverwaltung. Der unterschiedliche Stellenwert, welcher der Warenproduktion, der „alten Teilung der Arbeit“ (Marx) oder dem Ausmass und den Methoden der Planung im Sozialismus zugebilligt wurde, unterschied die verschiedenen Konzeptionen und Richtungen der Kritik an den bestehenden Herrschaftsverhältnissen im Ostblock, vom „Marktsozialismus“ bis zu den Anhänger/innen einer „Kulturrevolution“. Erst die Niederschlagung des Prager Frühlings und der Arbeiterbewegungen 1968/1969 in der Tschechoslowakei sowie 1981/1982 in Polen schuf die Voraussetzung für die immer weitere Durchsetzung marktwirtschaftlich-kapitalistischer Konzeptionen innerhalb der Dissidenz Osteuropas.

Ralf Hoffrogge: Ein konkretes Modell: „Das reine Rätesystem“ des Linkssozialisten Richard Müller (1880-1943)

Das Modell des "Reinen Rätesystmems" entstand anfang 1919 aus den Erfahrungen der Massenstreiks gegen den Weltkrieg und der Praxis der revolutionären Arbeiterräte nach der Novemberrevolution. Planwirtschaft als Rätedemokratie ist die Kernformel dieses Modells, dass in der Konstituierungsphase der Weimarer Republik maßgeblichen Einfluß hatte. Obwohl das Schema Richard Müllers in seiner Einfachheit mehr Fragen aufwirft als beantwortet, macht es doch klar wie offen und umkämpft Begriffe wie Planwirtschaft, Sozialisierung aber auch Sozialismus und "Diktatur des Proletariats" in der revolutionären Welle von 1917-1923 waren.

Reinhart Kößler: Anarchie des Marktes, Rationalität des Plans und Despotie des Betriebs

Die kapitalismuskritische Debatte um Planung war entscheidend bestimmt durch eine antiutopische Wendung und die gleichzeitige Perspektive der Überwindung der dem Markt zugeschriebenen Anarchie durch eine übergreifende rationale Planung. Diese wurde vor allem in der entscheidenden Rezeption durch Lenin und die Bolschewiki aufs Engste mit der Projektion der Rationalität des industriellen Betriebs auf die gesamtgesellschaftliche Ebene verknüpft. Dabei geriet die despotische Herrschaft, die dem Betrieb eingeschrieben ist aus dem Blick. Damit verkürzt sich einerseits die Kapitalismuskritik um eine entscheidende, in der Kritik der politischen Ökonomie zumindest angelegte Dimension, andererseits geht die Perspektive der Überwindung von Herrschaft zugunsten von Kriterien formaler, auf betriebliche Effizienz reduzierter Rationalitätskriterien verloren.

Thomas Sablowski: Wie zivilisiert ist die Zivilisierung des Kapitalismus, wie sozialistisch kann die sozialistische Marktwirtschaft sein?

Nach dem Zusammenbruch des „real existierenden Sozialismus“ haben sich viele Linke ganz von sozialistischen Vorstellungen verabschiedet oder sich zumindest mittelfristig auf das Projekt einer „Zivilisierung“ des Kapitalismus orientiert. Es geht demnach nicht um die Überwindung der kapitalistischen Produktionsweise, sondern um die Veränderung der Spielarten des Kapitalismus, um die Re-Regulierung des Neoliberalismus. Inzwischen gibt es dazu relativ elaborierte Vorschläge etwa im Bereich der Wirtschaftspolitik und der Regulierung der Finanzmärkte. Andere Linke plädieren für eine sozialistische Marktwirtschaft, weil sie das Scheitern des „real existierenden Sozialismus“ einer prinzipiellen Unzulänglichkeit planwirtschaftlicher Konzepte zuschreiben. Zum Teil wird dabei auch positiv auf China Bezug genommen, dessen Regierung heute selbst das Projekt einer sozialistischen Marktwirtschaft für sich in Anspruch nimmt. Doch wie zivilisiert kann die Zivilisierung des Kapitalismus sein, und wie sozialistisch die sozialistische Marktwirtschaft? Was macht überhaupt den Unterschied zwischen einer Re-Regulierung des Kapitalismus und einer sozialistischen Marktwirtschaft aus? In meinem Beitrag möchte ich Widersprüche beider Konzepte herausarbeiten und deutlich machen, dass die Marxsche Vorstellung von Kommunismus und das Problem der Gestaltung einer partizipativen Planwirtschaft nach wie vor unabgegolten sind. Das spricht nicht unbedingt gegen Konzepte einer Re-Regulierung des Kapitalismus oder einer sozialistischen Marktwirtschaft: Diese können in einem Prozess des Übergangs durchaus ihren Platz haben. Aber sie können schwerlich das Ende der Geschichte bedeuten.

Klaus Steinitz: War die Planung schuld am Scheitern des Realsozialismus? – Probleme und Erfahrungen in der DDR

In meinem Vortrag stehen die historischen Erfahrungen der Planung und der Verbindung von Plan und Markt in den staatssozialistischen Ländern im Vordergrund. Diese zu analysieren und zu bewerten, verlangt eine Antwort zumindest auf folgende Fragen:
1. Das in der Sowjetunion entwickelte Planungsmodell wurde in seinen Grundstrukturen und seiner Funktionsweise nach der Zerschlagung des Faschismus auf die unter sowjetischen Einfluss stehenden europäischen Länder übertragen.
Konnte dieses Modell und die praktizierte zentralistische Staatsplanung  die Grundlage bilden für die Herausbildung einer emanzipativen, demokratischen modernen sozialistischen Gesellschaft? Das Grundproblem besteht hier in grundlegenden Defiziten dieses Planungsmodells und in den dadurch mit verantworteten Fehlentwicklungen in der gesamten Gesellschaft, dabei insbesondere in der Ökonomie.  Diese zeigen sich vor allem darin, dass es nicht oder nur völlig ungenügend gelang, zwei grundlegende Aufgaben einer zum Kapitalismus alternativen Gesellschaft zu erfüllen:
  • einmal eine gesellschaftliche und dabei speziell  wirtschaftliche Entwicklung unter bewusster und demokratischer Mitwirkung der Produzenten und aller BürgerInnen im Interesse ihrer Bedürfnisbefriedigung und ihrer  freien Entwicklung zu erreichen;
  • zum anderen eine hohe, dem Kapitalismus überlegene Rationalität, Produktivität und Effizienz der gesellschaftlichen Produktion und Reproduktion zu realisieren.
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Wenig Einigkeit herrschte unter den TeilnehmerInnen der Konferenz „Total verplant“. Kaum verwunderlich bei Fragen, wie: Muss ein Plan den Markt ersetzen? Was bedeutete der "Marktsozialismus"? Was sind überhaupt "Planung" und "Markt"? Warum sind die Planwirtschaften gescheitert? Wo könnte der Platz eines linken Planungskonzeptes zwischen den eher technokratisch anmutenden Vorstellungen des "Computersozialismus" und den Vorstellungen eines unendlich scheinenden basisdemokratischen Abstimmungsprozesses einer "partizipativen Ökonomie" nach M. Albert zu finden sein? Wie hängen Planung und Wirtschaftsdemokratie zusammen?
Sich nach dem Scheitern bisheriger Projekte des real existierenden Sozialismus wieder an das Instrument der Planwirtschaft zu wagen, seine Tücken und Chancen auszuloten ist die Herausforderung dieses Wochenendes gewesen. Bei allen Unterschieden zwischen den TeilnehmerInnen war jenen aber eine Sache gemein, die sie in dieser Konstellation an einen Tisch brachte: die Unzufriedenheit mit der aktuellen Wirtschaftsform und dessen politischer Navigation.
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