Kleines Lexikon der Ökonomie

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Ansteckung

Mit dem Begriff Ansteckung wird versucht, die Wechselwirkung verschiedener Krisenprozesse zu erklären. Es ist ein Begriff, der allerdings das Wesen der Sache mehr verschleiert als erklärt. Der Begriff unterstellt, dass es „gesunde“ Volkswirtschaften oder Unternehmen gäbe, die durch bestimmte Prozesse von anderen, „kranken“, von ihrem im Großen und Ganzen guten Weg abgebracht werden. Es wird der Eindruck erweckt, es gäbe einen den Wirtschaftsprozessen fremden Erreger, der auf eigentümliche Art weitergegeben wird. Die hier vorgenommene Gleichsetzung von biologischen und sozialen bzw. wirtschaftlichen Prozessen geht aber am Wesen der Sache vorbei. Dem kapitalistischen Wirtschaften ist die Tendenz zur Krise innewohnend. Krisen brechen als Ausdruck von tiefgehenden Widersprüchen in dieser Art des Wirtschaftens aus. Krisen in einem Land können so tatsächlich Krisen in einem anderen Land auslösen – aber nur, insoweit die Bedingungen dafür bereits vorhanden sind. Wird mit Bezug auf die Staatsverschuldung von Ansteckung gesprochen, so sind die Renditeerwartungen, also die Interessen der Investoren in Staatsanleihen der entscheidende Faktor. Wenn Investoren nicht mehr damit rechnen, dass ein Staat in der Lage ist, die Zinsen auf die ausgegebenen Staatsanleihen pünktlich zu zahlen und/oder die Staatsanleihen zurückzuzahlen versuchen sie, ihre Anleihen schnell zu verkaufen. Damit signalisieren sie „Misstrauen“ in dieses Wertpapier. Daraufhin muss der Staat, will er neue Anleihen aufnehmen, meist höhere Zinsen bieten. Damit aber wächst in der Zukunft die Zinslast für den Staat, d.h. die Staatsfinanzen werden noch instabiler. Die wachsenden Zinserwartungen an der einen Stelle ziehen aber entsprechende Erwartungen an anderer Stelle nach sich. Sei es aus Misstrauen, sei es aus Gier – die Investoren erwarten auch von anderen Staaten eine höhere Verzinsung der Staatspapiere. Die anderen Staaten werden also „angesteckt“ – sie werden von den Investoren einer ähnlichen Bewertung unterworfen, wie tatsächlich oder vermeintlich ökonomisch kriselnde Staaten. Ausgehend von den Renditeerwartungen der Investoren werden so andere Staaten in die Krise hineingezogen, jenseits ihrer möglicherweise viel besseren Position.

Börse

Die Börse ist der Ort, an dem Finanzanlagen wie Aktien (verbriefter Anteil an einem Unternehmen), Staatsanleihen oder Derivate gehandelt werden. Große Börsen befinden sich in New York, Chicago, London, Tokio oder Frankfurt am Main. Die Börse ist im Wesentlichen gleichbedeutend mit den Finanzmärkten. Hier treffen sich Käufer und Verkäufer von Wertpapieren. Die Geldsumme, zu der eine Anleihe oder Aktie gehandelt wird, ist ihr Preis (bei der Aktie „Kurs“). weiter

Derivate / innovative Finanzmarktprodukte

siehe Verbriefung

Eigentum

„Das ist meine Schaufel“

Eigentumsfragen werden häufig illustriert mit einem Streit um die berühmte Frage „meins oder deins“. Am Häufigsten haben mit diesem Problem wohl Eltern zu tun, wenn die lieben Kleinen sich darum streiten, wem jetzt die Schaufel, der Eimer, der Batman oder das neue Dreirad gehört. Und so ist es uns allen vertraut, das Gezeter: „Das ist meins, meins“.
Wenn ein Kind der Meinung ist, ein Spielzeug ist „seins“, muss sich das allerdings nicht unbedingt mit dem tatsächlichen rechtlichen Tatbestand decken und wenn es eine Sache als seins bezeichnet, kann sich das jederzeit willkürlich ändern, bis hin zur abrupten Interesselosigkeit an einer Sache. Vorschulkinder sind weder in der Lage, zwischen Eigentum und Besitz zu unterscheiden, sind also noch nicht in der Lage abstraktes Eigentumsrecht zu denken. Das erlernen sie erst im Laufe der Jahre. Eigentum ist also nichts natürliches, sondern etwas gesellschaftliches. interner Link folgtweiter

Finanzialisierung

Durchdringung aller Bereiche der Gesellschaft mit finanzkapitalistisch geprägten Beziehungen - sei es durch Derivate oder andere "innovative Finanzmarktprodukte", sei es durch die Veränderung der Maßstäbe des Wirtschaftens, des Verwaltungshandelns oder auch des individuellen Verhaltens entsprechend auf den Finanzmärkten üblichen Kriterien. weiter

Finanzkrise

Unter F wird jede Krise verstanden, die sich in der Sphäre der Geld-, Kapital-, Kredit- und Devisenmärkte abspielt und sich – im äußersten Falle – in Bankzusammenbrüchen, bankrotten Investmentgesellschaften, illiquiden Versicherungsunternehmen, Börsencrashs, wertlos gewordenen Wertpapieren, extremen Preisschwankungen auf den Valutametallmärkten, inflationären oder deflationären Prozessen, einem Devisenabfluss, einer Abwertung der Währung, einem Zusammenbruch des internationalen Zahlungssystems und in zahlungsunfähigen öffentlichen Haushalten zeigt. interner Link folgtweiter

Finanzmarkt

Als Finanzmärkte bezeichnet man diejenigen Märkte, auf denen „Finanzprodukte“ gehandelt werden. Der Begriff kam erst in den 1970ern auf und umfasst meist den Kapitalmarkt (für Wertpapiere wie Aktien und Anleihen), den Geldmarkt (kurzfristige Geldgeschäfte zwischen Banken und mit der Zentralbank) und den Devisenmarkt für Währungsgeschäfte. weiter

Hebel / leverage

Um Geschäfte zu machen, setzen Investoren, Kapitalbesitzer, eigenes Kapital ein und nehmen außerdem Kredite (Fremdkapital) auf. Sie machen so aus ihrem eigenen Kapital mehr Kapital, da sie das Fremdkapital ja wie eigenes verwenden können. Wenn das Geschäft gut geht, kann der Kapitalbesitzer das Fremdkapital einschließlich der Zinsen zurückzahlen und er selbst kann einen Gewinn einstreichen – sein eingesetztes Kapital hat sich verwertet, als ob es höher gewesen wäre als es tatsächlich ist. Der Hebelweiter

homo oeconomicus

Denkfigur und Menschenbild des ökonomischen mainstream

Gemeinhin zählt der Begriff homo oeconomicus bei „Otto Normalverbraucher“ oder „Lieschen Müller“, kurz: beim Durchschnittsmenschen, kaum zum Standardvokabular bzw. zur alltäglichen Vorstellungswelt. Dabei sind sie mit seinen inhaltlichen Implikationen in dieser oder jener Form ständig konfrontiert bzw. verhalten sich als wirtschaftliche Individuen – bewußt oder unbewußt – teils danach. Es macht daher Sinn, diesem homo oeconomicus etwas Aufmerksamkeit zu widmen. interner Link folgtweiter

Hypothekenkrise

Von der Hypotheken- und Kredit- zur Finanzkrise: in drei Akten

1. Akt: Auf den Finanzmärkten werden glänzende Renditen verdient. Doch wohin mit dem vielen (überakkumulierten) Geld? Am besten in China oder anderen aufblühenden Märkten anlegen. Über einen Mangel an Investitionen kann sich China aber nicht beschweren, es bemüht sich sogar, das überdrehte Wachstum zu bremsen. Aber kreative Finanzmarktinnovationen schaffen Abhilfe: z.B.  die sog. Subprime-Kredite, mit denen sogar jenen Hypothenkenkredite aufgedrängt wurden, die mangels Einkommen sich eigentlich keine Immobilien leisten können... interner Link folgtweiter

Kapitalismus/Kapitalistische Produktionsweise

(Ein Stichwort aus dem externer Link in neuem Fenster folgtHistorisch-Kritischen Wörterbuch des Marxismus)

In der politischen Alltagssprache wird meist der Begriff "Kapitalismus" gebraucht, für die Geschichts- und Gesellschaftstheorie ist der Begriff der kapitalistischen Produktionsweise jedoch unentbehrlich. externer Link in neuem Fenster folgtweiter

Kapitalvernichtung/ -entwertung

Zu unterscheiden sind die direkte, physische K (etwa durch Krieg oder Feuer), Prozesse der „moralischen“ Entwertung durch konkurrenzvermittelte technologische Entwicklungen sowie der plötzlichen Entwertung aufgrund von Krisen. Entscheidend ist, dass die Akkumulation des Kapitals ohne periodische K nicht möglich ist. K ist Grundlage der Neuinvestition und zugleich Folge der Konkurrenz. Letztere führt zu „teilweiser Depreziation funktionierender Kapitale“ als Folge der durch die Aussicht auf Extraprofit angetriebenen Produktivkraftentwicklung. Sie führt stets zum „Untergang vieler kleinerer Kapitalisten, deren Kapitale teils in die Hand des Siegers übergehen, teils untergehen“. interner Link folgtweiter

Kasino-Kapitalismus

Der Ausdruck K geht auf John Maynard Keynes zurück, der beobachtete, dass Investitionsentscheidungen in kapitalistischen Ökonomien mit hoch entwickelten Finanzmärkten nach einem Muster getroffen werden, das dem Kasinospiel gleicht: „Spekulanten mögen unschädlich sein als Seifenblase auf einem steten Strom der Unternehmungslust. Aber die Lage wird ernsthaft, wenn die Unternehmungslust die Seifenblase auf einem Strudel der Spekulation wird“, die „Liquiditätspräferenz“ der Kapitaleigentümer sich verstärkt. interner Link folgtweiter

Keynesianismus

(Ein Stichwort aus dem externer Link in neuem Fenster folgtHistorisch-Kritischen Wörterbuch des Marxismus)

Angesichts der Großen Depression in den Jahren nach 1929 hat sich für viele Jahrzehnte eine Wirtschaftstheorie durchgesetzt, die sich gegen die Realitätsferne der neoklassischen Schule wendet. Der
marxistisch orientierte polnische Ökonom Michal Kalecki und der britische Liberale John Maynard Keynes sind die beiden bedeutendsten Urheber dieser
Theorie, für die sich dann später die Bezeichnung K herausgebildet hat. externer Link in neuem Fenster folgtweiter

Konjunktur / Krise

In der Öffentlichkeit wird bezüglich der wirtschaftlichen Entwicklung, der Chancen für Lohnerhöhungen oder Steuersenkungen oft mit dem Begriff Konjunktur hantiert. Die eine oder andere Maßnahme sei gut oder schlecht für die Konjunktur, die Arbeitslosigkeit steige oder sinke wegen der Konjunktur usw.  Mit dem Begriff Konjunktur wird also die Bewegung der kapitalistischen Wirtschaft hinsichtlich der Wechselwirkungen ihrer verschiedenen Bereiche, also zwischen Angebot und Nachfrage, Beschäftigungssituation, Zustand des Geld- und Finanzsystems, Lohnentwicklung usw. sowie hinsichtlich der Veränderungen im Wachstum der Volkswirtschaft beschrieben. interner Link folgtweiter

Neoliberalismus

Ausgangspunkt:

Kritik des (keynsianischen) Wohlfahrtsstaates und der Gewerkschaften

Hayek: Gewerkschaften haben sich durch ihr ›Monopol‹ zur Organisierung der Arbeiterklasse des Staates ›bemächtigt‹ und ›unterdrücken‹ den freien Wettbewerb auf dem Markt (1980, Bd. 3, S. 232). Dies führe zu steigenden staatlichen Ausgaben, Ineffizienz, Verschwendung, zu hohen Löhnen, überhöhter Belastung der Unternehmen und damit zur Minderung ihrer Wettbewerbsfähigkeit.

Kollektivistische Organisationen und staatliche Bürokratie lähmen die individuelle Initiative und rauben den Menschen ihre Eigenständigkeit. Sie produzieren Abhängigkeit, übertriebene Ansprüche und setzen falsche Anreize für ein Leben in der ›sozialen Hängematte‹. Sozialstaatliche Sicherungssysteme, Kündigungsschutzgesetze, Tarifautonomie etc. produzieren also Fehlverhalten und steigende Kosten und sind verantwortlich für eine wachsende Arbeitslosigkeit. interner Link folgtweiter

 

Neoliberalismus, Geschichte des weiter

Privatisierung

Eines der zentralen Ziele neoliberaler Politik ist Privatisierung. Das liegt vor allem daran, dass der Markt als die angeblich zentrale und effizienteste Instanz durchgesetzt wurde. In der Neoklassik, der herrschenden Schule der Wirtschaftslehre, gilt jeder Eingriff in den Markt als Störfaktor. Verschiedene Diskursstränge kumulierten ab den 1970er Jahren in Debatten über Deregulierung, die in vielen Ländern in "unabhängigen" Kommissionen zu Telekommunikation, öffentlicher Nah- und Fernverkehr, Energieversorgung etc. führte. Damit gelang es, Stichwortgeber und wissenschaftliche Stützpunkte für neoliberale Politik zu etablieren. interner Link folgtweiter
 

Ratingagentur

Ratingagenturen sind Privatunternehmen. Sie bewerten regelmäßig die Kreditwürdigkeit von Staaten, Gemeinden und Unternehmen. Für diese Kreditwürdigkeit geben sie Noten: das Rating. An diesen Noten orientieren sich die Finanzanleger: Eine gute Note bedeutet hohe Kreditwürdigkeit, also mehr Sicherheit für den Anleger. weiter

Staatsanleihe

Eine Staatsanleihe ist ein festverzinsliches Wertpapier und die wichtigste Form, wie sich Staaten auf den Finanzmärkten Kredit nehmen. Für die Bundesrepublik Deutschland gibt die Deutsche Finanzagentur die Anleihen aus. Die Agentur ist in Bundesbesitz und führt das Schuldenmanagement durch. weiter

Staatsbankrott/Staatspleite

Bei einer Umfrage des Magazins „Stern“ im Juli 2011 fürchteten 63 % der Befragten, die deutschen Staatsschulden könnten „ins Uferlose“ steigen. „Ist die ganze Welt bald pleite?“, fragte im Juli 2011 die BILD-Zeitung angesichts der wachsenden Schuldenstände in Europa und den USA. Seit Anfang des Jahres 2010 behaupten immer wieder auch Experten, Griechenland sei „pleite“. Und im Juli 2011 sagte der Chef der Republikaner im US-Parlament, John Boehner: „Listen, we’re broke.“
Was ist dran? Eines ist schon klar: „Die ganze Welt“ kann nicht pleite sein. Denn die Summe der globalen Schulden ist genau so hoch wie die Summe der globalen Forderungen, also Vermögen. weiter

Sozialökologischer Umbau

Der Begriff „sozialökologischer Umbau“ beschreibt einen reflexiven, iterativen Such- und Transformationsprozess, in dem sowohl die gesellschaftspolitischen Macht- und Eigentumsverhältnisse sowie die gesellschaftlichen Strukturen so verändert werden, dass die sozialen Lebensbedingungen der Menschen erhalten und verbessert werden. Zugleich verändern die Menschen ihre Lebensweisen, insbesondere ihr wirtschaftliches Handeln, so dass ihre natürlichen Lebensbedingungen und die ökologische Mitwelt (Biosphäre) bewahrt werden, gesunden und gesund bleiben. interner Link folgtweiter

Umverteilung

(aus dem «ABC der Alternativen»)

Umverteilung meint die Korrektur der Aufteilung materieller oder immaterieller Größen auf Individuen, Gruppen oder soziale Klassen in einer Gesellschaft.
Strukturen und Mechanismen der (Um-)Verteilung prägen nicht nur die Wachstums- und Entwicklungsbedingungen der Ökonomie, sondern auch die soziale Qualität der Gesellschaft. Link für Dateidownload folgtweiter

Verbriefung

Verbriefung bedeutet, dass Wertpapiere geschaffen werden, die durch eine Bündelung von Kreditverträgen bzw. anderen Wertpapieren besichert sind. Das bedeutet, dass bei Zahlungsunfähigkeit des Emittenten des Wertpapiers die Käufer ihre Ansprüche durch Zugriff auf diese Sicherheiten befriedigen können. Sehr verkürzt könnte man sagen, dass Verbriefung die Zusammenfassung von verschiedenen Kreditverträgen oder Wertpapieren in einem neuen Wertpapier bedeutet. weiter

Vergesellschaftung

(aus dem «ABC der Alternativen»)

Vergesellschaftung bedeutet Überführung von individuellem Privateigentum an Produktionsmitteln in das Eigentum von Gesellschaftern bzw. in das Eigentum der Gesellschaft (siehe auch öffentliches Eigentum), in der sich Menschen genossenschaftlich assoziieren bzw. in deren Namen der demokratische Staat handelt. Erst mit der Entwicklung der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft seit dem 18. Jahrhundert wird die Vergesellschaftung reale Möglichkeit bzw. Gegenstand politischer und sozialer Auseinandersetzungen. Link für Dateidownload folgtweiter

Stichworte aus «ABC der Alternativen»