Hypothekenkrise

Hypothekenkrise 2007-2008

Von der Hypotheken- und Kredit- zur Finanzkrise: in drei Akten

1. Akt: Auf den Finanzmärkten werden glänzende Renditen verdient. Doch wohin mit dem vielen (überakkumulierten) Geld? Am besten in China oder anderen aufblühenden Märkten anlegen. Über einen Mangel an Investitionen kann sich China aber nicht beschweren, es bemüht sich sogar, das überdrehte Wachstum zu bremsen. Aber kreative Finanzmarktinnovationen schaffen Abhilfe: z.B.  die sog. Subprime-Kredite, mit denen sogar jenen Hypothenkenkredite aufgedrängt wurden, die mangels Einkommen sich eigentlich keine Immobilien leisten können. Ein niedriges Zinsniveau ermöglichte den Deal: die Hypothekenkredite kurbelten den Immobilienmarkt an, steigende Häuserpreise suggerierten höhere Vermögen der Hausbesitzer, der gefühlte Reichtum beförderte weiteren Konsum per Kreditkarte. In kaum einem anderen Land spielt der private Konsum, auf Pump finanziert, eine ähnlich große Rolle wie in den USA. Zur Sicherheit verknüpfte man die ›Unterschicht‹-Kredite mit anderen Krediten und Anleihen zu komplizierten Paketen, die in dieser verbrieften Form wieder weiterverkauft wurden. Große Kreditnehmer wiederum, wie verarmte Kommunen z.B., ließen ihre Zahlungen von spezialisierten Finanzdienstleitern versichern, um ihre Bonität zu verbessern und günstigere Zinsen zu ergattern. Verbriefung, Bündelung und Versicherung von Krediten ließ die interner Link folgtRating-Agenturen überdurchschnittlich gute bis exzellente (Triple A) Bewertungen ausstellen, denn solange die Zinsen niedrig blieben, war dies ein sicheres Geschäft und das (Rest)Risiko wurde von den interner Link folgtHypothekenbanken auf den gesamten Finanzmarkt verteilt und damit für den individuellen Anleger geringer. 2. Akt: Wenn die Wirtschaft brummt, der Konsum surrt, Preise steigen, die Arbeitslosigkeit niedrig ist, dann steigen die Zinsen. Seit Anfang 2007 häuften sich die säumigen Schuldner, die ihre Hypothekenzinsen nicht mehr bedienen konnten. Im August brach die Kreditkrise aus. Doch anders als in den 1980er Jahren brachen nur wenige Banken zusammen. Die Zerstreuung des Risikos funktionierte als Schutz. Außerdem war dies ein auf die USA beschränktes Phänomen, dachten Analysten. Die eine oder andere Bank in Europa, die sich zu gierig mit Subprime-Paketen eingedeckt hatte, geriet ins Straucheln. Doch insgesamt kamen die europäischen Geldhäuser deutlich besser weg, als die US-Banken, die dreistellige Milliardensummen abschreiben mussten. Darüber hinaus sei die Realwirtschaft nicht betroffen, hieß es. Tatsächlich brummte die Wirtschaft in den USA weiter, die Arbeitslosigkeit blieb niedrig. In Europa kam die Konjunktur gerade in Fahrt. In Ostasien sowieso. Um eine Kreditklemme zu vermeiden und die Liquidität der Wirtschaft zu sichern, pumpten die Zentralbanken dreistellige Milliardenbeträge in die Märkte, die interner Link folgtEZB allein über 350 Mrd. €, also eine halbe Billion US-Dollar. Optimismus aller Orten: die Märkte sind stabil. 3. Akt: Mittlerweile haben Banken über 200 Milliarden US-Dollar abgeschrieben, es könnte noch 400 Mrd. werden. Die Kredit- wird zur interner Link folgtFinanzkrise und beginnt auf die Gesamtökonomie durchzuschlagen. Zunächst platzte die Immobilienblase in den USA und entwertete das Vermögen zahlreicher Hausbesitzer aus der Mittelschicht. Damit sind weitere Hypotheken- wie auch Konsumentenkredite ungedeckt. Die Konsumrate beginnt zu sinken. Neue Kredite für den Hausbau werden kaum vergeben, die Baubranche gerät unter Druck. Auch die Banken sind vorsichtiger geworden, nicht einmal untereinander leihen sie sich noch Geld, da keiner weiß, wie viele geplatzte Kreditpakete die andere in ihren Bilanzen versteckt hat. Nicht einmal die Vorstände wissen es, bewies Deutsche Bank Chef Ackermann. Damit wird es auch für Unternehmen schwieriger an ausreichend Liquidität zu kommen, frisches Kapital wird teurer. Die Konjunktur in den USA flaut ab, die Arbeitslosigkeit beginnt zu steigen, die Banken kündigen Massenentlassungen an, der Konsum bricht weiter ein. Aber in Deutschland scheint die Wirtschaft stabil, die unmittelbare Abhängigkeit von den USA ist geringer geworden. Der Exportweltmeister hat längst auch andere Märkte erobert, z.B. in Südostasien. Dort werden mit deutschen Maschinen enorme Mengen an billigen Konsumgütern für den Export produziert. Ein Export, abhängig vom Import des größten globalen Konsumenten, den USA. Die Ökonomen sind sich einig: die globale Nachfrage wird deutlich zurück gehen. Die Gewinnerwartungen der Konzerne sowie Aktienkurse werden ›korrigiert‹. Der Finanzdienstleister Bloomberg schätzt die Verluste durch Kreditklemme und Kursverfall auf bis zu 2,5 Billionen US-Dollar. Eine interner Link folgtKapitalvernichtung die sich keineswegs nur auf Finanztitel und ›fiktives Kapital‹ beschränkt. Der interner Link folgtDAX fiel seit Anfang des Jahres um mehr als 1000 Punkte. Auch um die Konjunktur in Deutschland ist es schlechter bestellt, v.a. für mittelständische Unternehmen ist es schwieriger geworden Kredite zu erhalten. Nun soll der private Konsum einspringen, sogar die Regierung plädiert für höhere Tarifabschlüsse. Trotz nominaler Lohnsteigerung im letzten Jahr sind die Reallöhne jedoch seit über 10 Jahren nicht gestiegen. Lohnerhöhungen, so wünschenswert sie sind, können einen Einbruch des Exports nicht kompensieren. Nachspiel: Orthodox interner Link folgtneoliberale Ökonomen empfehlen die Krise auszusitzen. Es handle sich um eine notwendige „Korrektur“, so Bundesbankpräsident Weber. Marxistisch gesprochen: überakkumuliertes Kapital wird vernichtet, bis sich wieder anständige Verwertungsbedingungen einstellen. Die Zeche zahlen die Lohnabhängigen. Das teilen nicht alle: weder die Bevölkerung, noch die Regierungen, die um ihre Reputation fürchten müssen – in den USA tobt schließlich der Vorwahlkampf. Banken und bedrohte Unternehmen betteln um staatliche Interventionen. Die USA erweisen sich dabei wieder als äußerst flexibel, wenn es um den Erhalt des grundsätzlichen Konsenses für die oft als interner Link folgtKasino-Kapitalismus gescholtene ökonomische Ordnung geht. Dann werden von der Fed, der US-Zentralbank, die Leitzinsen gesenkt wie seit Beginn der 1990er Jahre nicht mehr, weitere Zinsschritte sollen folgen, zusätzlich werden weitere 400 Mrd. Dollar frisches Geld bereitgestellt. Und die Regierung kündigt ein Konjunkturprogramm in Höhe von einem Prozent des interner Link folgtBIP an. Das ist nicht die Lösung der Finanzkrise und auch nicht der Überakkumulation. Aber es ist besser als nichts. In Europa hingegen sperrt sich die EZB: eine steigende Inflation verunmögliche Zinssenkungen, Konjunkturprogramme gefährdeten die Haushaltskonsolidierung. Auch vor überzogenen Lohnerhöhungen wird gewarnt – sie beförderten nur die Inflation. Also tun wir nichts und warten, dass der Sturm vorbeiziehen möge oder wenigstens andere härter treffe. Doch der fallende Dollarkurs, der bereits ein neues Rekord-Tief erreichte, gefährdet zunehmend die europäischen Exportchancen. Nun fordern Bundesregierung und Europäische Kommission von den USA ernsthafte Schritte zur Stabilisierung des Dollarkurses – also Zinserhöhungen mitten in der Krise. Das wäre der sichere Weg in eine globale Rezession, denn wenn der 'globale Konsument' USA ausfällt, wissen auch die Exportgiganten China, Japan oder eben die Bundesrepublik nicht, wohin die vielen Waren exportieren. Doch die EZB erklärt sich für nicht zuständig: anders als die Fed, sei sie nicht auf Wahrung von Wachstumschancen verpflichtet, sondern allein auf Beschränkung von Inflationsrisiken. Es wird Zeit der monetaristischen Privatisierung der Geldpolitik durch die EZB ein Ende zu bereiten und ihr ein politisches Gegengewicht zur Seite zu stellen, wie Strauss-Kahn, Chef des IWF, fordert. Die Geldpolitik muss von ihrer einseitigen Fixierung auf Inflationsbekämpfung gelöst und demokratisch bestimmt werden. Dies wäre nur ein erster Schritt zur Re-Regulierung der Finanzmärkte allerdings kein ›Sand im Getriebe‹ als vielmehr ›Schmieröl‹ im Hightech-Motor des globalen Kapitalismus und Garant einer weniger krisenanfälligen Akkumulation. Nichtsdestoweniger ist dies sinnvoll, weil es den Druck auf öffentliche Haushalte und Investitionen sowie Löhne mindert, Möglichkeiten für die Berücksichtigung und Durchsetzung von beschäftigungsbezogenen, sozialen, ökologischen und feministischen Interessen eröffnet. Der Autor: Mario Candeias ist Politologe und Referent für Kapitalismuskritik bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Sein Buch: Neoliberalismus. Hochtechnologie. Hegemonie. Grundrisse einer transnationalen kapitalistischen Produktions- und Lebensweise, Argument-Verlag, verbesserte Neuauflage 2008. Kontakt unter candeias@rosalux.de