Verbriefung

Verbriefung bedeutet, dass Wertpapiere geschaffen werden, die durch eine Bündelung von Kreditverträgen bzw. anderen Wertpapieren besichert sind. Das bedeutet, dass bei Zahlungsunfähigkeit des Emittenten des Wertpapiers die Käufer ihre Ansprüche durch Zugriff auf diese Sicherheiten befriedigen können. Sehr verkürzt könnte man sagen, dass Verbriefung die Zusammenfassung von verschiedenen Kreditverträgen oder Wertpapieren in einem neuen Wertpapier bedeutet. Es sind von anderen Wertpapieren abgeleitete Wertpapiere - daher die Bezeichnung Derivate.

 

Die verschiedenen Arten dieser Papiere unterscheiden sich nach den Typen der Kreditverträge bzw. Wertpapiere, auf die sie sich stützen:

 

  • ABS Asset-Backed Securities sind forderungsbesicherte Anleihen. Unternehmen verkaufen einen Teil ihrer Forderungen an eine eigens für dieses Finanzierungsmodell gegründete Tochter. Sie refinanziert sich durch die Ausgabe von ABS.
  • RMBS Residential Mortgage-Backed Securities - Verbriefte Wohnungsimmobilienkredite
  • CMBS Commercial Mortgage-Backed Securities - Verbriefte Gewerbeimmobiliendarlehen
  • CDO Collateralized Debt Obligations - Investmentpools, die in Kreditportfolios (also einen Korb von Krediten verschiedener Art) investieren.
  • CDS Credit Default Swaps oder Kreditderivate nutzen Banken, um sich gegen Kreditausfälle abzusichern.

 

Eine genaue Definition der einzelnen Typen ist an dieser Stelle nicht sinnvoll und auch kaum möglich. Wichtig ist, das Prinzip zu verstehen! Die Unterschiede zwischen den einzelnen „Produkten“ ist technischer Natur und verändert das Wesen und ihre letztliche ökonomische Funktionsweise nicht.

 

Die Entwicklung der „innovativen Finanzmarktprodukte“ überhaupt war von zwei Zielen bestimmt: Erstens ging es darum, nach der Vergabe von Krediten schneller wieder an Geld zu kommen, und zweitens, das Risiko aus der Kreditvergabe (also Verluste durch Zahlungsunfähigkeit der SchuldnerInnen) bzw. aus dem Investment in einzelne Wertpapiere zu verringern. Beides waren und sind Möglichkeiten einer schnelleren Verwandlung von Geldvermögen in Kapital durch die Erzielung hoher und scheinbar sicherer Zinseinnahmen (Rendite).

 

Das in Krediten vergebene Geld fließt ja eigentlich über einen langen Zeitraum zurück. Theoretisch kann der Kreditgeber in dieser Zeit über sein verliehenes Geld ja nicht verfügen. Er muss sich mit den Zinsen und den eingehenden Tilgungen begnügen. Es war daher schon lange üblich, Forderungen zu verkaufen (Factoring). Ein Unternehmen, in dem hier betrachteten Falle also das kreditgebende Unternehmen (1), verkauft seine Forderung (sein Recht auf Zins und Tilgung) gegenüber dem Schuldner an ein anderes Unternehmen (2). Der Preis, den es dafür erhält, ist etwas niedriger als die Kreditsumme, aber es hat eben liquide Mittel, Geld, um wieder Kredite zu vergeben oder andere Geschäfte zu tätigen. Das Unternehmen, das die Forderung gekauft hat, erhält dann von dem Schuldner anstelle von Unternehmen (1) Zinszahlungen und Tilgungen.

 

Nun ist es so, dass die Vergabe von Krediten immer das Risiko einschließt, dass einige Kunden das Geld nicht zurückzahlen können. Um das Risiko für den Käufer zu vermindern wurden Kredite unterschiedlichen Ausfallrisikos (unterschiedlicher Risikoklasse) gebündelt. Dies wurde versucht, durch mathematische Modelle zu optimieren.

Die ursprünglichen Kreditgeber Unternehmen (1) verkaufen nun Wertpapiere (ABS), die durch diese „Kreditbündel“ besichert sind. Die Qualität der Sicherheit wird durch Ratingagenturen bewertet. Der Vorteil für den Verkäufer besteht darin, schnell wieder Geld zu haben, der Käufer meint, mit dem eingeräumten Sicherheiten (Grundstücke oder andere Sicherheiten) eine sichere Anlage getätigt zu haben. Wenn also Unternehmen (1) seine Verpflichtung aus dem verkauften ABS-Titel nicht erfüllen kann, also z.B. einen bestimmten Zins nicht zahlen kann, kann Käufer Unternehmen (2) auf die Sicherheit, also die Kredite und damit potenziell auf Grundstücke usw., zurückgreifen und diese selber verwerten – wenn sie denn verwertbar sind! Das ist dann das Problem der Käufer der Papiere. Die ABS stellen hier Anrechte auf die Tilgungen und Zinsen aus den Hypothekendarlehn dar – wenn die SchuldnerInnen zahlen, fließt das Geld also zurück – wenn sie nicht zahlen können, eben nicht; den Kreditgebern bleibt bestenfalls das Grundstück, das ihnen dann zufällt, das sie verkaufen und dann die Käufer der ABS auszahlen können. Das sind dann die „faulen Kredite“.

Bereits hier verschwindet aber auch das Risiko der Einzelkredite aus dem Blick des Betrachters. Die Bündelung und ihre finanzmathematische Fundierung suggerieren Stabilität und Zuverlässigkeit, da sich ja Verlust und Gewinn auf einem gewissen Niveau ausgleichen könnten – was unter bestimmten Bedingungen eine Weile auch funktionieren kann. Diese trügerische Sicherheit macht diese verbrieften Forderungen handelbar und mit jedem Verkauf verselbständigt sich die Bewegung der Wertpapiere mehr und mehr von der Bewegung der ihnen eigentlich zugrunde liegenden Basis, der konkreten Kreditbeziehungen. Die hohen Bewertungen US-amerikanischer Papiere durch Ratingagenturen machten diese zu scheinbar idealen Anlagemöglichkeiten in aller Welt und wurden auch als Sicherheit für die Abwicklung anderer Geschäfte hinterlegt, es wurde also Kredit auf der Grundlage dieser Papiere, die ihrerseits auch nur auf Krediten basieren, geschaffen.

Käufer waren vor allem Fonds (darunter viele Pensionsfonds), also Unternehmen, die Vermögen verwalten, mit dem eingesammelten Geld Wertpapiere kaufen und aus den Zinseinnahmen bzw. dem Gewinn aus dem Handel mit den Wertpapieren Ausschüttungen an die Einleger vornehmen. Die „faulen“ Kredite wandern so durch die Hände verschiedener Eigentümer, die letztlich auf die Rückzahlung der Kredite durch die SchuldnerInnen hoffen. Außerdem versuchen Spekulanten, ausschließlich durch den Kauf und Verkauf der Forderungen Geld zu verdienen – die Risiken sind durch die verschiedenen Formen kaum noch sichtbar.

Letztlich muss aber irgendwann ein solches Papier in Leistungen umgesetzt werden, andernfalls wird die Wertlosigkeit offenbar. Dann wird bei einer entsprechenden Masse der Probleme eine Kettenreaktion ausgelöst. Wenn sich zeigt, dass die Mehrzahl der Kreditnehmer ihre Schulden nicht mehr bezahlen kann erweist sich die Bündelung als Bumerang. Die Besitzer der Papiere bekommen Probleme, ihr laufendes Geschäft zu finanzieren – ihnen wird das Geld knapp, da Zinseinnahmen und die Einnahmen aus den Tilgungen wegfallen. Sie können ihre Verbindlichkeiten bei anderen Geschäftspartnern nicht mehr bezahlen. Damit bricht der Kreditmarkt, wenigstens in bestimmten Segmenten, zusammen.

 

aus: Wirtschafts- und Finanzkrise - Ursachen, Folgen, Strategien. Seminar- und Arbeitsmaterial (Lutz Brangsch, Sabine Nuss, Ann-Katrin Lebuhn) zum Arbeitsmaterial