Finanzkrise


Unter F wird jede Krise verstanden, die sich in der Sphäre der Geld-, Kapital-, Kredit- und Devisenmärkte abspielt und sich – im äußersten Falle – in Bankzusammenbrüchen, bankrotten Investmentgesellschaften, illiquiden Versicherungsunternehmen, Börsencrashs, wertlos gewordenen Wertpapieren, extremen Preisschwankungen auf den Valutametallmärkten, inflationären oder deflationären Prozessen, einem Devisenabfluss, einer Abwertung der Währung, einem Zusammenbruch des internationalen Zahlungssystems und in zahlungsunfähigen öffentlichen Haushalten zeigt. Die F verschlingt sich mit Geld-, Kredit-, Währungs-, Bank-, Börsen-, Außenhandels- und Haushaltskrisen, mit zyklischen Wirtschaftskrisen und Strukturkrisen, mit Krisen auf Rohstoff-, Investitionsgüter- und Immobilienmärkten und mit Krisen des politischen Systems. Ihre weltpolitische Bedeutung hat sich besonders in der ›Großen Depression‹, die Ende 1929 in den USA ihren Anfang nahm und u.a. zu weltweiten Regierungskrisen und zum Aufschwung faschistischer Bewegungen beitrug, gezeigt. Im ausgehenden 20. Jh. gewannen die F.n erneut ausschlaggebende Relevanz für die weitere weltwirtschaftliche und soziale Entwicklung der Menschheit. 1. Auch wenn Marx den Begriff der F expressis verbis nicht verwendet, so werden die theoretischen Grundlagen der F in seiner Wert-, Geld-, Kapital- und Akkumulationstheorie und in der Darstellung des Gesetzes von tendenziellen Fall der Profitrate gelegt. Die gesamte marxsche Theorie ist zugleich eine allgemeine Krisentheorie (Grossmann 1929, 106, 137f; Schmiede 1973, 164). Andererseits gibt es detaillierte Untersuchungen einzelner Phänomene einer F bei der Untersuchung des Bank- und Kreditwesens, der internationalen Edelmetallzirkulation und des Außenhandels. Ein modernes Kreditsystem sammelt die vereinzelten (latent produktiven Geld-)Kapitale, stellt sie den Produzenten bereit und treibt die Akkumulation, Konzentration und Zentralisierung des Kapitals sowie die Herstellung des Weltmarktes voran. Dadurch wird für Marx das Bank- und Kreditwesen „das kräftigste Mittel, die kapitalistische Produktion über ihre eignen Schranken hinauszutreiben, und eins der wirksamsten Vehikel der Krisen“ (K III, MEW 25, 620f). Im Verlaufe des Konjunkturzyklus' kann eine F aber auch „Vorläufer“ (584) der eigentlichen ökonomischen Krise sein und diese hinsichtlich Form und Verlauf beeinflussen. Der real-ökonomische Kern einer Krise liegt letztlich in der „Überakkumulation von Kapital“ (261). Überakkumuliertes Kapital, für welches die Verwertungsmöglichkeit fehlt, „wird dadurch auf die Bahn der Abenteuer gedrängt: Spekulation, Kreditschwindel, Aktienschwindel, Krisen“ und führt zum Aufbau sog. „Plethora-Kapitale“ (ebd.). Die mit der Krise verbundene Entwertung von Kapital paralysiert durch den allgemeinen Preisverfall die „Funktion des Geldes als Zahlungsmittel, unterbricht an hundert Stellen die Kette der Zahlungsobligationen an bestimmten Terminen“ (264). Dieser Prozess wird noch durch das Zusammenbrechen des Kreditsystems verschärft und führt so „zu heftigen akuten Krisen, [...] wirklicher Stockung und Störung des Reproduktionspozesses“ (264f). Die F kann unterschiedliche Formen annehmen, als „Geldkrise“, das ist jener „Moment der Produktions- und Handelskrisen, in der die Wirtschaft mit Geld unterversorgt ist (K I, MEW 23, 152), als Geldentwertung, „Depreciation“ (MEGA IV.8, 99), als „Discredit etc. Panics“ im Außenhandel, z.B. bei Einführung einer Devisenzwangswirtschaft (105), als Kreditkrise, die sich z.B. im „Nichtdiscontiren der Wechsel“ (229) zeigen kann. 2. Entscheidende Größe für Form und Verlauf einer F ist der Zins. Die Festlegung eines langfristigen Realzinssatzes erfolgt, wie bereits Marx (MEW 25, 375) und später Keynes (1936, 130) feststellten, durch einen Komplex von historischen, institutionellen und politischen Faktoren, die insbesondere die ökonomische Verhandlungsstärke von Gläubigern und Schuldnern widerspiegeln (vgl. Hein 1998, 149). Sorgt eine Masse überschüssiger Liquidität für ein üppiges Kreditangebot, so sind die Zinsraten niedrig (z.Teil liegt der Realzinssatz im negativen Bereich). Unternehmen und Staaten können ihre Ausgaben leicht über Schulden finanzieren. In dieser Situation können kurzfristige Kredite an Unternehmen und Konsumentenkredite an die privaten Haushalte zur Hauptquelle für eine inflationäre Preiserhöhung werden. Reagieren Unternehmen während einer Krise der Produktion auf das Sinken der Profitraten mit einer Anhebung der Produktpreise, kann dies Dunford (1995, 130) zufolge auf der anderen Seite zu einer Anhebung der Löhne führen und schließlich, wie in den 1970er Jahren in einer inflatorischen Preis-Lohn-Spirale (im Sinne einer ›cost-push-inflation‹) resultieren. Ändert sich in dieser Situation in den wichtigsten Ländern die Geldpolitik, um den Abfluss von Kapital und den Außenwert der Währung zu stabilisieren, so führt dies zu einer Hochzinspolitik, die die Machtbalance in den Kreditbeziehungen zugunsten der Kreditgeber verschiebt. Es besteht nach Keynes (1934, 132) auch die Möglichkeit, „dass, nachdem der Zinssatz auf ein bestimmtes Niveau gefallen ist, die Liquiditätspräferenz praktisch absolut werden kann in den Sinne, dass nahezu jedermann liquide Mittel vorzieht“. Geschieht dies abrupt, wirkt die Verteuerung des Geldes und die Anhebung der Zinssätze in Folge der hohen Verschuldung als ›Zinsschock‹. Damit die Schuldner ihre Schulden bezahlen können, müssen sie um jeden Preis Liquidität suchen, was zu Preisverfall, zur Entwertung von (produktivem) Kapital und gesteigerter Konkurrenz um verbleibende Märkte führt. Es entsteht eine ›deflatorische Lücke‹, d.h. die Situation der Unterversorgung der Volkswirtschaft mit Geld: „Deflation ist die zwangsläufige Folge jeder Inflation“ (v.Bethmann 1999, 15). Weiterer Rückgang des Preisniveaus, Aussetzen der Investitionen, Massenarbeitslosigkeit, Konkurse und die zunehmende Zahlungsunfähigkeit gewerblicher und privater Schuldner führen dann häufig zu einer Bankenkrise und/oder zur Entwertung der „Elemente des fiktiven Kapital“ (MEW 25, 264), zum ›Börsenkrach‹, wie schon 1847 und 1857 (vgl. MEW 25, 570; Kühne 1974, 69; Oelssner 1952, 216ff). Die Deflation in Deutschland zwischen 1930 und 1933 wurde u.a. durch eine drastische Kürzung der Staatsausgaben für Arbeitslose und Wohlfahrtsempfänger, der Beamtengehälter und der Renten für Invaliden, Witwen und Waisen hervorgerufen und flankierte den Übergang zur autoritären Staatsform einer ›Präsidialregierung‹ (Kühnl 1993, 213). 3. Soll sich die F nicht weiter verschärfen, so muss eine neue Verwertungsmöglichkeit für überschüssiges Kapital geschaffen werden. Wenn viele private Haushalte angesichts zunehmender sozialer Unsicherheit ihre Sparleistungen erhöhen und Unternehmen verstärkt selber als Kreditgeber auftreten, dann fallen diese ›Nichtbanken‹ als Kreditnehmer aus. Um den Wert der Geldvermögen zu garantieren, setzt nun ein Prozess der öffentlichen Verschuldung ein, da sich sonst erneut eine Situation der Überliquidität mit niedrigen Zinssätzen ergibt und eine Entwertung von Geldvermögen (durch Inflation oder Börsenkrach) mit entsprechenden weltwirtschaftlichen Folgen droht. Geld in seiner Funktion als Kreditgeld ist Altvater/Mahnkopf zufolge eine „Forderung, also ein Vermögenswert, dem auf der anderen Seite Verpflichtungen, Schulden gegenüberstehen. Wachsen die Geldvermögen in der Welt müssen logischerweise auch die Schulden zunehmen – und umgekehrt“ (1996, 145). Dieses gesellschaftliche Verhältnis von Schuldnern und Gläubigern erfordert ein Einspringen der öffentlichen Hand, wenn die privaten Geldvermögen zu groß werden, um von privaten Schuldnern aus erzielten Profiten bedient zu werden, denn, so Marx, die „Entwertung des Kreditgeldes (gar nicht zu sprechen von einer übrigens nur imaginären Entgeldung desselben) würde alle bestehenden Verhältnisse erschüttern“ (MEW 25, 532). Gleichzeitig dürfen die staatlichen Schulden nicht zu groß werden, da andernfalls die Geldwertstabilität gefährdet wäre. Die Staatsschulden sind also eine Funktionsnotwendigkeit, führen allerdings zu akuten Haushaltskrisen, die sich z.B. im Ausfall von Steuern und Abgaben und den daraus resultierenden zusätzlichen Haushaltsdefiziten oder in steigenden Zinsausgaben für die öffentliche Schuld zeigen. Die Bedienung der Schulden wirft Probleme auf, da die öffentliche Verschuldung „die Funktion der Erhaltung privater Geldvermögen nicht erfüllen könnte, wenn der öffentliche Schuldendienst durch Steuern auf Geldvermögen finanziert würde. Dann bleibt nur der Zugriff auf die Einkommen der Nicht-Vermögensbesitzer und die sozialstaatlichen Transferzahlungen“ (Altvater/Mahnkopf 1996, 171). Dieser Prozess kann durch Geldvermögensbesitzer erzwungen, „der Nation aufgedrängt“ werden (MEW 25, 532), da Kapital sonst in Weltmarktregionen mit günstigeren Verwertungsbedingungen abzuwandern droht. Die „Politik der Geldwertstabilität“, wie sie die Europäische Zentralbank im Interesse der Geldvermögensbesitzer und gegen gewerkschaftliche Forderungen nach Finanzierung eines umfassenden Arbeitsbeschaffungsprogramms repräsentiert, setzt sich in den 1990er Jahre hegemonial durch (Galbraith 1992; Reich 1993; Guttmann 1996). Die sozialen und ökologischen Folgekosten der Politik des Monetarismus erzeugen gleichzeitig wieder einen erhöhten staatlichen Finanzierungsbedarf, der die Verschuldung der öffentlichen Haushalte weiter vorantreibt. Eine hohe staatliche Verschuldung kann also die krisenhafte Entwertung von Kapital, wie beim großen Börsenkrach von 1929, verhindern, allerdings wird dadurch die ›Bereinigung‹ der Situation verzögert und die Krise verlängert. 4. Aus der Notwendigkeit, neue Verwertungsmöglichkeiten für überschüssiges Kapital zu suchen, erwächst in bestimmten historischen Phasen die Notwendigkeit des Kapitalexports. Kapital wird im Zeitalter des Imperialismus, wie Hilferding (1910, 424), Luxemburg, (Akku, GW 5, 553-6), Lenin (Imp, LW 22, 244) und Bucharin (1920, 26ff) darstellten, zur Mehrwertproduktion in neue, bislang periphere Räume transferiert; diese werden somit ›in Wert gesetzt‹. Nach dem Niedergang des alten Kolonialismus und erfolgreichen Befreiungskämpfen eröffnete in den 1970er Jahren der Überschuss liquiden Kapitals in den kapitalistischen Zentren vielen Staaten der Peripherie die Möglichkeit, mittels Verschuldung die Defizite in ihren Leistungsbilanzen und ihre weitere Entwicklung zu finanzieren. Abgesehen von der häufig unproduktiven Verwendung der Mittel für Rüstungsgüter und fragwürdige Großprojekte (›Kathedralen in der Wüste‹) oder der Verschwendung durch Korruption, türmte sich mit den Jahren ein enorme Schuldenlast auf. Der Schuldenberg der sog. Dritten Welt belief sich 1980 auf 616 Milliarden US-Dollar und stieg bis 1999 auf über 2 Billiarden Dollar an (Weltbank 1999). Der von den USA ausgelöste ›Zinsschock‹ zu Beginn der 1980er Jahre verteuerte dann den Schuldendienst um ein Vielfaches, gefährdete die Bedienung der Kredite und führte in vielen Fällen zur Zahlungsunfähigkeit (vgl. Altvater 1987, 237f; George 1988, 83f). Die F nimmt hier die Form einer internationalen Schuldenkrise an. Darauf folgende Strukturanpassungspolitiken (insbesondere vorangetrieben durch den IWF), mit deren Hilfe die Aufbringung des Schuldendienstes ermöglicht und die wirtschaftspolitische Öffnung gegenüber dem Weltmarkt durchgesetzt wird, führten in den Entwicklungsländern zum Abbau der ohnehin dürftigen sozialen Sicherungssysteme, zum Ruin der kleinen landwirtschaftlichen Betriebe und Subsistenzwirtschaften und verschärft die sozialen Ungleichheiten und Konflikte. Die hohen Zinsen führen dann letztlich zur Umkehrung der Kapitalflüsse von den Peripherien in Richtung der Metropolen. Das dort nachlassende ökonomische Wachstum lässt die weltweite Nachfrage nach Rohstoffen und einfachen Industriegütern zurückgehen, vergrößert die Handels- und Zahlungsdefizite der Entwicklungsländer und blockiert deren Industrialisierungspolitik. Die Schuldenkrise der Peripherie bleibt jedoch nicht ohne Rückwirkungen auf die Zentren und führte in den 1980er Jahren v.a. in den USA zu einer Bankenkrise. Gleichzeitig steuern die Entwicklungsländer zwangsweise auf eine Forcierung des Exports zu, um Überschüsse für die Bedienung des Schuldendienstes zu erwirtschaften. Auf diese Weise verschärfen sie die Konkurrenz auf den Weltmärkten um die ›Standorte‹ mit den niedrigsten Löhnen, Sozialstandards und Umweltauflagen. Diese Standortkonkurrenz übt ihrerseits Druck auf die Regulationsweisen der kapitalistischen Zentren aus. 5. Als Weltgeld übt das Geld seine Funktion nicht mehr nur national beschränkt aus. Es ist dann allgemeines Zahlungsmittel, allgemeines Kaufmittel und absolute Verkörperung des Reichtums überhaupt. Eine Hegemonialmacht sichert die Konvertibilität von nationalen Währungen und Weltgeld auf dem Weltmarkt. Die Doppelfunktion des Weltgeldes als nationales und als Weltgeld kann sich jedoch als zentrales Problem erweisen. Die kapitalistische Weltwirtschaft muss einerseits mit Liquidität versorgt werden, andererseits aber „institutionell knapp gehalten werden“, um als Anlagewährung stabil zu bleiben (Altvater/Mahnkopf 1996, 184). Nach Aufhebung des Goldstandards erfolgt in modernen Gesellschaften die Wertfundierung des Geldes nicht mehr über einen realen Materialwert, sondern rein monetär. Ohne die Wertfundierung des Geldes durch Arbeit, ohne die Produktion eines gesellschaftlichen Mehrwertes, hat aber Geldschöpfung keine Substanz und bestünde nur in inflationistischer Aufblähung. Daher sind und bleiben Geldgesellschaften immer auch Arbeitsgesellschaften. Die Form des Wertes entfaltet sich zum Geld, die Substanz des Wertes wird aber durch Arbeit gebildet. In Anlehnung an Marx' Zur Kritik, wonach „vom Staat ausgegebenes Papiergeld mit Zwangskurs“ nur durch diesen wertmäßig garantiert ist (MEW 13, 146), betont Altvater „die Unverzichtbarkeit der Zentralbank als einer politischen Institution, die nun institutionelle Regeln der Geldmengensteuerung in Bezug auf die Leistungen der Arbeit entwickeln muss, weil die neutrale Bindung an die durch Arbeit produzierte Metallmenge nicht mehr existiert“ (1997, 100). Um den Wert des Geldes zeitlich (gegen Inflationierung) und räumlich (in der Währungskonkurrenz) zu wahren, muss die Geldmenge im Verhältnis zur Geldnachfrage knapp gehalten werden. Die Liquidität einer wachsenden Weltwirtschaft kann, bei stetigen Handelsbilanzüberschüssen der Hegemonialmacht, nur durch ein permanentes Zahlungsbilanzdefizit, also durch beträchtliche Nettokapitalexporte gewahrt werden. Der Kapitalexport in Form von Direktinvestitionen und Krediten ist solange unproblematisch, wie aufgrund komparativ überlegener Produktionsbedingungen Kapital in Form von Exporterlösen wieder zurückfließt. Wenn die hegemoniale Macht ihre produktive Überlegenheit verliert und wettbewerbsfähige Konkurrenten auftreten, wird sich dies auf die Handelsbilanz auswirken und den Geldrückfluss durch Exporte vermindern, während das nicht zurückfließende, in der Zirkulation verbleibende Geld in einer kriseninduzierten Situation überschüssiger Liquidität nun seine spekulative Wirkung entfalten kann. Um die Liquidität der Weltwirtschaft zu garantieren, wäre vor diesem Hintergrund eine Inflationierung (mit entsprechender Abwertung) des Weltgeldes unausweichlich. Andernfalls wäre, bei einer Deflationierung, um den Wert des Weltgeldes stabil zu halten, ein massiver Anstieg des Zinsniveaus mit entsprechender weltwirtschaftlicher Rezession (gegebenenfalls Depression) die Folge (Kühne 1974, 87). Aus diesem wachsenden Widerspruch zwischen Verfügbarkeit und Knappheit des nationalen Geldes einer Hegemonialmacht als Weltgeld, dem sog. Triffin-Dilemma, ergibt sich eine F als Krise des Weltgeldes. 1973 scheiterte auf diese Weise das internationale Nachkriegsregime mit seinem System der festen Wechselkurse von Bretton Woods und der von der Hegemonialmacht USA garantierten Leitwährung Dollar und führte zur Etablierung eines Regimes flexibler Wechselkurse. 6. Die Liberalisierung und Deregulierung der Geld- und Kapitalmärkte seit Beginn der 1970er Jahre hat zur Expansion und Entwicklung der Weltfinanzmärkte als selbständige Verwertungssphäre für Kapital geführt, welche nun selbst zu einem wesentlichen Krisenfaktor in der Weltökonomie avancierte. Die Freigabe der Kurse und die sich daraus ergebenden täglichen Schwankungen beträchtlichen Ausmaßes ermöglichen neue Möglichkeiten für Spekulationsgeschäfte. Conert (1988) beziffert den Umfang der Finanztransaktionen auf den nun liberalisierten und deregulierten internationalen Geld- und Devisenmärkten auf jährlich über 350 Billionen Dollar. Bei einem jährlichen Welthandelsvolumen von über 5 Billionen Dollar und „unter Berücksichtigung von Auslandsforderungen und -verbindlichkeiten der Banken in der Größenordnung von rund 9000 Milliarden US-$“ waren 1996 nach Berechnungen Altvaters (1998, 17) nur noch ca. 4% des Umsatzes für die Finanzierung des gesamten Welthandels und von Auslandsverbindlichkeiten, also für die Abwicklung ›realer‹ Transaktionen, ausreichend, der Rest entfiel auf internationale Spekulationsgeschäfte. Die Aktivitäten auf den Weltfinanzmärkten lösen sich also von realen Prozessen und drängen die Funktion des Geldes als Zirkulationsmittel gegenüber seiner Funktion als Zahlungsmittel zurück. Es entsteht der Eindruck, dass wachsende Geldvermögen und Einkommen aus der Spekulation mit Aktien und Anleihen, Devisen oder Derivaten ›erwirtschaftet‹ oder ›gewonnen‹ werden könnten. Der moderne Kapitalismus erscheint auf diese Weise als eine Art „Perpetuum mobile“ (Altvater/Mahnkopf 1996, 177). Dem widersprechen Storper und Walker, indem sie betonen, dass „money cannot, in the end, simply breed money“ (1989, 42). Doch wenn Geldkapital „selbst nicht direkt produktiv ist und an der Produktion von Mehrwert nicht direkt beteiligt ist, so ändert das nicht seine Natur als Kapital, d.h. als Wert, der ständig auf einen Zuwachs an Wert aus ist“ (Mandel 1991, 252). Zinsen als ›Preis des Geldes‹ fordern ihren Anteil am Mehrwert und am Arbeitslohn. Huffschmid (1997, 71) verdeutlicht, dass die Vermittlung zwischen einem „Defizitsektor“, der Geld braucht, und einem „Überschusssektor“, der Geld verleiht, in einer wachsenden Wirtschaft, in der die Ersparnisse voll absorbiert werden, erst problematisch wird, wenn der Überschusssektor dauerhaft mehr Finanzmittel bereitstellt, als die Unternehmen nachfragen, und wenn die öffentliche Hand daran gehindert wird, dieses Geld aufzunehmen und auszugeben. Mit dem Wachstum der Geldvermögen steigen auch die Zinsansprüche und damit der Zwang zur Produktion weiteren Mehrwertes. Trotz aller ›Finanzinnovationen‹ sind die Steigerungsraten des Surplus „energetisch und material und daher auch ökonomisch [...] und sozial (der Widerstand gegen die ›Gewalt des Geldes‹ wächst) doch begrenzt“ (Altvater/Mahnkopf 1996, 168). Wenn die Rate der Produktivitätssteigerungen und die Profitrate über der Zinsrate liegen, wie es im ›goldenen Zeitalter‹ des Fordismus der Fall war, ist die Bedienung der Forderungen aus Geldvermögen kein Problem. Besteht aber eine strukturelle Überakkumulation von Kapital und übersteigt der Zinssatz die Realrendite, muss der Zinsendienst zwangsläufig aus der produktiven Substanz erfolgen. Es etabliert sich eine Suprematie der Finanzsphäre, die zu einer Erhöhung der Zinsbelastung der reproduktiven Bruttoprofite führt, die Investitionsrate sinkt, das Wachstum stagniert. Werden zur Steigerung der Profitrate verstärkt Rationalisierungsmaßnahmen forciert und entwickelt sich die daraus resultierende Steigerung der Produktivität angesichts einer mangelhaften Investitionsquote schneller als die real-wirtschaftlichen Wachstumsraten der Produktion, ist Massenarbeitslosigkeit notwendig die Folge. Längerfristig abnehmende Beschäftigung, zumal in Zeiten staatlicher Austeritätspolitik, heißt Reduktion der effektiven Nachfrage, Kontraktion der Konsummittelproduktion und somit weiteres Sinken der Nachfrage nach Investitionsgütern: „Es entwickelt sich ein circulus vitiosus mit zunehmender Arbeitsplatzvernichtung“ (Kisker 1997, 65). Angesichts mangelnder Binnennachfrage wird versucht, die Lücke über verschärfte Exportsstrategien zu schließen. Der Kampf um Exportanteile verschärft die internationale Konkurrenz zwischen den Staaten. Doch können nicht alle Staaten einen Exportüberschuss erwirtschaften; wenn irgendwo auf der Welt Überschüsse produziert werden, müssen andernorts Defizite entstehen, da die Summe aller Handels- und Leistungsbilanzsalden auch in einer globalisierten Welt null ergeben muss. Der freie Handel verschärft auf diese Weise die räumlichen und sozialen Ungleichheiten in der Welt, trägt zur Polarisierung der Leistungsbilanzen bei und führt so zur Fortschreibung eines hohen Realzinsniveaus. Weiterhin gibt die Blockade der reproduktiven Kapitalbildung durch hohe Zinssätze der Finanzspekulation neuen Aufrieb. Profitmacherei durch Überlistung anderer Anleger und Umverteilung von Einkommen zugunsten des zinstragenden Kapitals erscheint zunehmend attraktiver als wirkliche Profitproduktion. Damit erhöht sich die Labilität des Finanzmarktes, d.h. die Neigung zur F als massive Entwertung der aufgehäuften Besitztitel. 7. Durch Bankgeschäfte per Internet, Online-Orders von Wertpapieren und Computerhandel an den Börsen wird auf den Finanzmärkten die „letzte Geschwindigkeitsmauer“ (Virilio 1993, 8) erreicht: Geld und Kapital lässt sich nun in einem entterritorialisierten, virtuellen doch sehr realen Cyberspace per Knopfdruck mit Lichtgeschwindigkeit von einem Ort an jeden beliebigen anderen transferieren. Dies gilt insbesondere für den Devisenhandel. Aber auch der Derivatehandel, ursprünglich entwickelt als Absicherungsinstrument, das Zins-, Wertpapier- und Währungskursrisiken für Unternehmen kalkulierbar machen sollte, verselbständigt sich zu einem hochspekulativen Geschäft (durchschnittliche Umschlagszeit: 8 Tage; Huffschmid 1997, 74). Diese Beschleunigung der Transaktionen erhöht, angesichts von Informationsasymmetrien und möglichen Kettenreaktionen an den internationalen Börsenplätzen, das systemische Risiko. Langfristige Investitionen erscheinen als zu riskant; doch die Hast nach kurzfristigen, vermeintlich sicheren Spekulationsgewinnen lässt als kumulativen Effekt „spekulative Blasen“ (Heine/Herr 1996) entstehen und verstärkt die Instabilitäten auf den Weltfinanzmärkten. Verantwortlich für Dysfunktionalitäten auf den Finanzmärkten, die dann zur Destabilisierung der untergeordneten Güter- und Arbeitsmärkte führen, sind aus post- bzw. geldkeynesianischer Sicht nicht ökonomisch-strukturelle Prozesse, sondern politische Handlungsdefizite einer verfehlten Finanz- und Geldpolitik. Dahinter steht die Annahme, das Geld sei den realwirtschaftlichen Prozessen äußerlich und nicht aus ihnen selbst hervorgebracht. Es ist Medium oder Instrument zur Steuerung wirtschaftlicher Prozesse, welches von den Zentralbanken gottgleich „aus dem Nichts“ (Heine/Herr 1996, 206) geschaffen oder geschöpft wird. Eine arbeitsgesellschaftliche Wertfundierung des Geldes (und der Geldmenge) findet nicht statt. Mittels maßvoller Geld- und Zinspolitik werden dann Güter und Arbeitsmärkte gesteuert. Aber ohne die Wertfundierung des Geldes durch Arbeit im marxschen Sinne, ohne die Produktion eines gesellschaftlichen Mehrwerts hätte Geldschöpfung keine Substanz und bestünde nur in inflationistischer Aufblähung. Geld ist demnach der Repräsentant des gesamtwirtschaftlichen Wertproduktes, und das Wachstum des gesellschaftlichen Mehrproduktes bestimmt (zusammen mit dem Kreditbedarf der Unternehmen zur Produktion künftiger Werte) das Wachstum der Geldmenge. Wird Geld jedoch mangels ausreichender Profiterwartungen in großem Maßstab dem produktiven Bereich entzogen und für Finanzspekulationen genutzt, wird aus dem Zirkulationsprozess Geld-Ware-Geld' ein Kreislauf mit der Eigenschaft Geld-Geld'. Diese Form der „Monetarisierung“ (Amin 1997, 77) erwirtschaftet aber kein Mehrprodukt — die Zunahme der Geldvermögen kann somit nur durch Umverteilung zugunsten zinstragenden Geldkapitals erfolgen. Diese Form der „Bereicherung läuft sich tot, wenn nicht irgendwo eine Basis für die Erweiterung der produktiven Sphäre entsteht“ (78). Eine derartige Entkopplung von Produktion und Finanzsphäre verweist also auf strukturelle Fehlentwicklungen und Inkonsistenzen mit bedrohlichen Konsequenzen. Künftige F.n in einem „Casino-Kapitalismus“ (Strange 1986) können Vehikel für eine erneute beschleunigte Kapitalakkumulation sein. Der hohe Preis dafür wäre nicht nur eine gigantische Vernichtung von bloßen Eigentumsansprüchen, von fiktivem Kapital und die Entwertung von Kapitalwerten, sondern auch die Vernichtung von Kapital in allen seinen Formen, einschließlich der Wertbestandteile der Arbeitskraft. Die Eliminierung sozialstaatlicher Strukturen und die soziale Ausgrenzung eines erheblichen Teils der arbeitsfähigen Bevölkerung in den kapitalistischen Metropolen und zunehmende Verelendung und Dezimierung der Weltbevölkerung auf dem Trikont wären die Folgen (vgl. Krüger 1986, 908; Wolf 1988, 5ff). interner Link folgtMario Candeias, Entwurf eines Stichwortes für das Historisch-kritische Wörterbuch des Marxismus, hgg. von W.F.Haug
Bibliographie
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