homo oeconomicus

Der homo oeconomicus – Denkfigur und Menschenbild des ökonomischen mainstream


0. Einleitung


Gemeinhin zählt der Begriff homo oeconomicus bei „Otto Normalverbraucher“ oder „Lieschen Müller“, kurz: beim Durchschnittsmenschen, kaum zum Standardvokabular bzw. zur alltäglichen Vorstellungswelt. Dabei sind sie mit seinen inhaltlichen Implikationen in dieser oder jener Form ständig konfrontiert bzw. verhalten sich als wirtschaftliche Individuen – bewußt oder unbewußt – teils danach. Es macht daher Sinn, diesem homo oeconomicus etwas Aufmerksamkeit zu widmen.   
Zunächst fallen einige interessante Tatsachen ins Auge.
Erstens: Gibt man in diesen Tagen das Stichwort homo oeconomicus in die Suchmaschinen von Google-Deutschland ein, so folgt dazu ein Angebot von mehr als Tausend Einträgen.
Zweitens: Jüngst titelte Ulrich Thielemann in „Die Gazette“ (Sommer 2007-Ausgabe, Nummer 14) einen Beitrag mit: „Der Homo oeconomicus – eine Spezies stirbt aus“.
Drittens: In der bei Springer Science+Business Media, New York, publizierten Reihe „The European Heritage in Economics and the Social Sciences“ erscheint 2007 Gebhard Kirchgässners Schrift „Homo oeconomicus“ (1991), fraglos ein Standardwerk zu dieser Thematik, erstmals in englischer Sprache (2007).
Viertens: Im Untertitel seines kürzlich veröffentlichten, der Gerechtigkeitsfrage gewidmeten Buches formuliert Norbert Blüm deutlich, daß es vor allem um „Eine Kritik des Homo oeconomicus“ geht (2006).
Fünftens: Im Kontext von Entwicklungen in den Wirtschaftswissenschaften war kürzlich davon die Rede, daß hier „zurzeit eine Revolution“ stattfindet – und dabei wurde gerade auf neueste Untersuchungen und Erkenntnisse zum homo oeconomicus verwiesen (Gull 2002).
Soviel ist damit erst einmal klar: Daß wir hier den Fokus auf den homo oeconomicus richten, liegt offensichtlich wohl nicht außer der Zeit... 

1. Die politische Dimension

Emanzipatorische Politik der Linken in Fragen von Wirtschaft und Wirtschaftsalternativen kann nur dann wirksam sein, wenn sie mindestens zwei Anforderungen gerecht wird:
Sie muß zum einen die langfristige Erhaltung der Funktions- und Leistungsfähigkeit des Wirtschaftssystems, die Besserung der ökonomischen und sozialen Wohlfahrt der Menschen sowie die Bewahrung einer gesunden Umwelt bzw. eines von Nachhaltigkeit geprägten Mensch-Natur-Verhältnisses im Visier haben.
Und zum anderen muß sie in Rechnung stellen, daß die Denk- und Verhaltensweisen vieler Menschen in Sachen Wirtschaft und Umwelt außerordentlich stark von tradierten Leitbildern, Paradigmen und Politikansätzen des ökonomischen mainstream geprägt werden. Und diese kreisen vor allem um ein schlichtes Mehr an Wachstum und Konsum, um „bessere“ Marktlösungen und monetäre Anreize, um ein Mehr an Wettbewerb und Stärkung des Standortes sowie um „ökologische Modernisierung“ und „grüne Marktwirtschaft“.
 
Keine Frage: Politik vollzieht sich gerade heute auch über Begriffe, Erzählungen und Bilder – und manche besitzen gar eine strategische Dimension. Sie öffnen oder blockieren jeweils Pfade der Problemwahrnehmung und damit natürlich auch mögliche Problemlösungen. Dem Begriff bzw. der Denkfigur des homo oeconomicus, dem mit ihm verbundenen Menschenbild  kommt dabei erhebliche Relevanz zu.
Dieser Begriff und dieses Menschenbild sowie das darin eingelagerte Modell menschlichen Verhaltens haben den Status eines in der Gesellschaft doch recht weit verbreiteten Leitbildes angenommen. Der Bonner Ökonom Armin Falk bemerkt in diesem Kontext: „Politik und öffentliches Bewußtsein werden zunehmend durch ökonomische Theorien und Handlungsvorschläge mitbestimmt. Kaum ein anderes erkenntnis- und handlungsleitendes Modell hat daher einen vergleichbaren Einfluß wie das Konzept des Homo Oeconomicus“ (2001, 3) 
Das Modell vom homo oeconomicus findet sich zudem gerade auch im theoretischen Erklärungsbereich von Wirtschaft und Umwelt sowie in der praktizierten Umweltpolitik wieder. Der homo oeconomicus hat also insofern eine „erstaunliche Karriere gemacht“ (Dieckmann 1996, 89).
Darüber hinaus verdient Beachtung, daß das Verhaltensmodell des homo oeconomicus auch als Erklärungsmuster für menschliches Verhalten in diversen Bereichen außerhalb der Wirtschaft angewandt wird. Dieser „economic imperialism“ (Kenneth E. Boulding) verkörpert nicht nur die Übertragung des analytischen Apparates der Ökonomie auf Phänomene, die ursprünglich Domänen anderer Wissenschaftsdisziplinen sind. Vielmehr ist damit zugleich eine radikale Ökonomisierung aller Lebensbereiche verbunden – auch hier gelten die Normen des homo oeconomicus als das Verhalten prägend.
Und das heißt für eine alternative Ökonomie: In den zeitgenössischen Diskursen um die Ausrichtung von Wirtschaft und Wirtschaftspolitik obliegt ihr die gewichtige Aufgabe einer systematischen Delegitimierung von ökonomischen Denk- und Handlungsmuster des ökonomischen mainstream, seiner zentralen Leitbilder. 

2. Die Verortung des homo oeconomicus

Menschen und ihr relevantes Verhalten sind bekanntlich das Untersuchungsobjekt verschiedener Wissenschaftsdisziplinen. Dabei wird aus der jeweils spezifischen Perspektive der einzelnen Disziplin menschliches Handeln betrachtet, analysiert und natürlich theoretisch abgebildet. Insofern haben die jeweiligen Disziplinen dann auch recht divergente Denkfiguren bzw. Bilder vom Menschen entwickelt und verwenden diese in den Diskursen der scientific community.
Als Produkt einer speziell disziplinären Sicht auf den Menschen beinhalten diese Figuren und Bilder zentrale Aussagen und Annahmen über Wesen und Bedürfnisse, über Präferenzen und Handlungsrestriktionen, über Motive und Triebkräfte sowie über Einstellungen und Verhaltensmuster.
 
Nur als Stichworte: Die Soziologie kennt den homo sociologicus, die Rechtswissenschaften arbeiten mit dem homo juridicus, in den Politikwissenschaften findet sich der homo politicus und die Technikwissenschaften bieten den homo technicus auf. 
In den Wirtschaftswissenschaften wie zum Teil auch in der sozialwissenschaftlichen Theoriebildung – hier vor allem im Rahmen der Rational Choice Theory – stellt der homo oeconomicus das grundlegende Konstrukt dar.
Schließlich sind seit einiger Zeit innerhalb der Umwelt- und Nachhaltigkeitsökonomie, an den Schnittstellen von Wirtschafts- und Umweltwissenschaften neue Denkfiguren bzw. Menschenbilder zu finden bzw. in Anwendung. Verwiesen sei hier zum Beispiel auf den homo oecologicus (u.a. Meinberg 1995), der homo ÖKOnomicus (u.a. Dieckmann 1996) oder der homo sustinens (u.a. Siebenhüner 2000).

3. Analytische und normative Aspekte

Aus der Wissenschaftstheorie ist gemeinhin bekannt, daß wissenschaftliche Aussagen auf bestimmten Vorannahmen basieren, die selbst nicht Objekt der Analyse sein können. Deshalb müssen WissenschaftlerInnen bestimmte Annahmen über ihr Untersuchungsobjekt formulieren. Erst auf dieser Grundlage lassen sich schlüssige Forschungsfragen ableiten.
Insofern sind auch die verschiedenen Menschenbilder zunächst aus rein analytischen Zwecken entworfen worden. Sie zeichnen sich in der Regel durch starke Vereinfachungen aus – eben weil eine komplexe bzw. ganzheitliche Sicht auf den Menschen nicht im Zentrum der einzelnen Disziplin steht. Zudem ist die Modellierung menschlichen Verhaltens um so praktikabler, je einfacher die Annahmen selbst sind und je weniger davon überhaupt unterstellt werden.
Was bedeutet dies nun? Erstens ist die Konstruktion von Menschenbildern, die Entwicklung von Verhaltensmodellen zu analytischen Zwecken ein völlig normales Arbeitsprinzip innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft. Es ist ein allseits anerkanntes methodisches Vorgehen, das entsprechend dem jeweiligen Forschungsinteresse natürlich auch bestimmte Erkenntnisse und Einsichten über den untersuchten Gegenstand zutage fördert.
Zweitens sind die auf diesem Wege geschaffenen Konstrukte jedoch per se mit einem recht ernsthaften Problem behaftet: Sie weisen eine erhebliche Reduktion gerade der Vielfalt menschlichen Denkens und Handelns auf.
Drittens gibt es das Problem der Beschränkung der Handlungsoptionen des realen Menschen, seiner Wahlfreiheit bzw. Freiheitsgrade. Diese erklärt sich vor allem daraus, daß die Verhaltensmodelle vom Menschen eine beträchtliche normative Dimension aufweisen. Die angebotenen Menschenbilder steuern doch auf recht subtile Weise die Sicht auf die eigene Person und die Mitmenschen. Sie beeinflussen somit auch die Handlungsoptionen sowie die real ausgewählten Handlungsschritte. Gerade die normative Dimension dieser Menschenbilder bleibt häufig außen vor – obwohl gerade der homo oeconomicus, sein Aufstieg zu einem Leitbild und -prinzip der Wirtschaft und Gesellschaft des Kapitalismus ein höchst anschauliches und beeindruckendes Beispiel für dieses normative Moment liefert. Insofern ist gerade für eine emanzipative politische Ökonomie eine schlüssige Problematisierung seines analytischen Potentials wie auch seiner normativen Wirkungen unabdingbar.   

4. Der Fall des homo oeconomicus

Es ist – wie bereits festgestellt – überhaupt keine Frage: Im heutigen ökonomischen mainstream bildet der homo oeconomicus das zentrale idealtypische Modell zur Erklärung menschlichen Verhaltens in der Wirtschaft (u.a. Dietz 2005, Manstetten 2000, Kirchgässner 2007).
Was ist seine Kernaussage? Danach ist der Mensch grundsätzlich ein rational handelnder, seinen individuellen Nutzen maximierender und über eine stabile Präferenzordnung verfügender Akteur. Zudem besitzt er alle für seine Entscheidungen erforderlichen Informationen und läßt sich zudem bei diesen auch nicht von anderen Einflüssen, beispielsweise anderen Menschen, beeinträchtigen.           
Natürlich sind mit der Figur des homo oeconomicus eine Reihe ernsthafter Debatten verbunden (vgl. u.a. Bürgenmeier 1994, 56 ff.). In jüngster Zeit gab es dazu auch eine Reihe von interessanten Wortmeldungen.
Vor allem aber sind aus der Perspektive kritischer Geistes- und Sozialwissenschaften, aus der Sicht emanzipativer Politik eine deutliche Problematisierung und kritische Hinterfragung  gefordert. Solche Fragen sollten in diesem Zusammenhang beispielsweise sein: - Wie steht es um den realen Gehalt der getroffenen Annahmen?
- Welche Konsequenzen sind in dem verwandten methodologischen Ansatz enthalten?
- Wie sind die Wirkungen der Verwendung dieses Menschenbildes zu beurteilen?
Hierzu im Folgenden einige Anmerkungen:
Erstens: Das Modell des homo oeconomicus steht fraglos für eine Eleminierung sowohl sozialer Größen bzw. Faktoren und ihres Einflusses – vor allem der Macht- und Eigentumsverhältnissen – auf das Handeln von Menschen wie auch für die Mißachtung ethisch-moralischer Normen, ihrer besonderen Beziehung zum menschlichen Verhalten. Sie gelten in der Regel als wenig bedeutsam für die Darstellung und Ableitung menschlichen Agierens – ganz sicher ein immenses Defizit! 
Die Wirtschaft und ihre Subjekte erscheinen insofern als eine Art mechanisch funktionierendes Gebilde, das Wirtschaften selbst als eine Allzeit-Veranstaltung jenseits von sozialer und historischer Verankerung und Prägung. Kurz: Menschliches Verhalten ist wahrlich viel zu komplex, als daß es sich schlicht auf nur eine einzige Verhaltenshypothese zurückführen läßt. Zudem hat sich – insbesondere in den letzten Jahren – gezeigt, daß die Hypothese wirtschaftlicher Rationalität keinesfalls im Einklang steht mit Erkenntnissen und Erfahrungen aus Soziologie und Psychologie sowie den Neurowissenschaften hinsichtlich des menschlichen Verhaltens.
Zweitens: Das durch den homo oeconomicus-Ansatz repräsentierte menschliche Individuum agiert sowohl außerhalb jedweder sozialer wie kultureller Bindungen bzw. Institutionen wie auch außerhalb der ökologischen Natur.
Erschien beispielsweise in der klassischen Ökonomie im Gebrauchswert zumindest noch die Stofflichkeit der Waren, so ist doch im oben genannten Ansatz jetzt jede stoffliche Bindung verloren gegangen. Kurz: Es geht nur noch um Nutzen, um die Produktion von Nutzen mittels der „Produktionsfaktoren“ Erwerbsarbeit, Boden und Kapital.
Die Konsequenz dieser Sichtweise ist, daß die physische Dimension von Produktion und Konsumtion von Gütern verschwindet. Somit wandelt sich – aus der Perspektive der Theoriegeschichte – eine in der klassisch-neoklassischen Wirtschaftstheorie bereits angelegte Vernachlässigung der Natur zu einer systematischen Blindheit ihr gegenüber. Drittens: Die Denkfigur des homo oeconomicus ist ohne Zweifel ganz eindeutig männlicher Natur. Dafür spricht nicht allein das in seinem Kontext häufig verwandte Bild vom „Robinson auf der Insel“ bzw. diverse angebotene „Robinsonaden“. Vielmehr bedeutet gerade die endgültige Abtrennung der sozialen Lebenswelt von den versorgungsökonomischen Prozessen, daß die „ökonomische Theorie auch `geschlechtsblind`“ geworden ist (Hofmeister/Biesecker 2003, 50). Kurz: Das präsentierte Verhaltensmodell erfaßt im gleichen Maße und ohne jeden Unterschied Männer wie Frauen. Damit bleiben gerade geschlechterspezifische Momente des Wirtschaftens und der Wirtschaft von vornherein ausgeblendet. 
Viertens: Da die Standardannahmen des homo oeconomicus-Konzepts eine ganz bestimmte Form von Rationalität unterstellen, führt dies auch zu entsprechenden Konsequenzen bei der Übertragung dieses Modells auf das Umweltverhalten – was angesichts der immensen  Dimensionen der Umweltprobleme in diesem Jahrhundert von grundsätzlicher Bedeutung für die Menschheit ist.
Das Umweltverhalten wirtschaftender Individuen kann danach im ökonomischen mainstream nur als ein bestimmter Typus von rationalem Verhalten erfaßt und untersucht werden. Das heißt, daß die ökonomische Rationalität im Prinzip einen instrumentellen Charakter aufweist, M.a.W.: Bei gegebenen Zielen und Rahmenbedingungen wird der optimale Einsatz von Mitteln kalkuliert. Die Ziele selbst, ihre inhaltliche Begründung sind nicht unmittelbar Gegenstand dieser Rationalität. Insofern besitzt der ökonomische Rationalitätsbegriff mehr oder minder auch einen „formellen Charakter“ (Becker 2007, 3).
Zudem gibt es in diesem Kontext ein weiteres Problem – die Standardannahmen produzieren im Grunde einen subjekttheoretischen Wertbegriff, denn der Wert der Waren hängt vor allem von den subjektiven Bewertungen des Individuums ab. Kurz: Es gibt keine objektiven Grundlagen des Wertes jenseits individueller Präferenzen.
Fünftens: Im Modell des homo oeconomicus kommt die Natur explizit nicht vor. Es existiert keine Hervorhebung der Natur gegenüber anderen ökonomischen Größen bzw. Gütern (vgl. auch Cortekar et al. 2006, Schefold 2001). Sie findet nur dann Berücksichtigung in den ökonomischen Ableitungen, wenn ihr die Eigenschaften bzw. die Grundmerkmale eines Gutes zuerkannt oder übertragen werden können.
Was bedeutet dies jedoch? Wird die Natur nun als ein Gut wie jedes andere verstanden, dann müssen ihr gemäß der tradierten Logik des ökonomischen mainstream natürlich auch die Eigenschaften von relativer Knappheit und Substituierbarkeit zugerechnet werden. Doch gerade hierin besteht die eigentliche crux, weil eine solche Betrachtung für viele Bereiche der Natur überhaupt nicht zutreffend ist und auch nicht in jedem Fall durch die Erkenntnisse der Naturwissenschaften gedeckt wird.
Es ist doch vielmehr so, daß insbesondere in der Gegenwart nicht wenige Bereiche der Natur bzw. nicht wenige natürliche Ressourcen durch Endlichkeit bzw. den Zustand absoluter Knappheit charakterisiert werden. M.a.W.: Sie sind nicht oder nicht beliebig substituierbare Mittel zur Befriedigung von grundlegenden Bedürfnissen des Menschen. Und – sie lassen sich auch nicht schlicht reproduzieren.   
Gerade dieses sehr zentrale Moment absoluter Knappheit von Bereichen der Natur bzw. natürlicher Ressourcen wird über das Modell des homo oeconomicus kaum annähernd problemadäquat erfaßt. Insofern ist es für eine wirklich angemessene Behandlung einer existentiellen Menschheitsfrage theoretisch unbrauchbar.  
Sechstens: Gemessen an – fraglos normativ ausgerichteten – Kriterien wie etwa wirtschaftliche und soziale Gerechtigkeit bzw. Generationen- und Geschlechtergerechtigkeit, langfristige Erhaltung der ökonomischen Existenzgrundlagen des Menschen, Sicherung der natürlichen Lebensgrundlagen oder nachhaltiges Wirtschaften, kann das homo oeconomicus-Modell wahrlich nicht als ein überzeugender Orientierungsrahmen für wirtschaftliches Handeln fungieren.
Gerade auch unter dem so gewichtigen Aspekt nachhaltigen Wirtschaftens erweist sich der homo oeconomicus im normativen Sinne als höchst problematisch. Und warum? Zum einen steht speziell sein individualistisch ausgerichtetes Maximierungsverhalten in Sachen Nutzen bzw. Gewinn jedweder Übernahme wirtschaftlicher und sozialer Verantwortung für andere Menschen und besonders für künftige Generationen entgegen. Auch eine Bereitschaft zur Kooperation mit Anderen bei der Bewältigung von wirtschaftlichen oder ökologischen Problemlagen wird durch das Set von Annahmen in keiner Weise gedeckt bzw. unterstützt.     
Zum anderen kollidiert die außerordentliche Orientierung auf den kurzfristigen ökonomischen Nutzen und Wohlstand mit den bereits recht deutlich gewordenen Erfordernissen der Aufgabe tradierter Konsumtionsmuster und der Entwicklung neuer, mehr von Aspekten der Suffizienz geprägten Konsumtionsweisen.    
Siebtens: Ausgehend von der realistischen Annahme, daß Menschenbilder generell eine normative Wirkung entfalten, gilt es zum homo oeconomicus diesbezüglich festzustellen, daß das hier angebotene Menschenbild wohl doch recht problematisch ist.
So zeigte sich – um nur ein Beispiel anzuführen – anhand von empirischen Erhebungen, daß seine recht häufige Verwendung in der wirtschaftswissenschaftlichen Lehre und Forschung bereits nicht unerheblichen Einfluß auf das Verhalten der hier Tätigen ausübt.
Eine recht repräsentative Untersuchung von Marwell/Ames (1982, 295 ff.) unter Studierenden in den USA belegt, daß vor allem jene aus dem Bereich der Wirtschaftswissenschaften in spieltheoretischen Situationen vergleichsweise doch weniger „kooperativ“ agierten als jene anderer Fachdisziplinen. Und sie versuchten auch wesentlich häufiger als sogenannte free rider einen individuellen Nutzen aus dem kooperativen Verhalten anderer Akteure zu ziehen. Und in einer Studie von Frank/Gilovich/Regan (1993, 159 ff.) wird dokumentiert, daß die Studierenden entsprechende Denkweisen und Haltungen in der Mehrzahl der Fälle erst im Verlaufe ihres Studiums erworben haben, sie also nicht schon vor ihrem Studium besaßen.  
Das heißt, dass a.) ÖkonomInnen auf Grund ihrer Ausbildung wohl schon eine höhere Anfälligkeit für egoistische Orientierungen und Einstellungen zeigen. Und angesichts der Tatsache, daß sie häufig in Führungspositionen wirtschaftlicher Institutionen aufsteigen, kann wohl realistisch davon ausgegangen werden, daß sie diese gemäß dem bereits internalisierten Menschenbild formen wollen und auch werden. Kurz: die Verbreitung eines solchen Verhaltens in der Gesellschaft ist auch mit der massiven Verwendung des homo oeconomicus-Modells in der wirtschaftswissenschaftlichen Lehre und Forschung verbunden.    b.) ein stark individualistisch ausgerichtetes Maximierungsverhalten von wirtschaftlichen Subjekten zu einer ernsten Gefährdung der institutionellen Rahmenbedingungen der Wirtschaft führen kann. Und dies deshalb, weil Institutionen im ganz erheblichen Maße auf Kommunikation, Vertrauen und Kooperation gegründet sind (vgl. auch Kubon-Gilke 1997). Achtens: Wohl kann innerhalb der Wirtschaftstheorie über die homo oeconomicus-Figur eine spezifische Modellierung menschlichen Verhaltens vorgenommen werden. Sie vermittelt dann Einfachheit, Operationalisierbarkeit, Plausibilität sowie intellektuelle Konsistenz. Doch diese Art von Wirtschaftsanalyse operiert mit Annahmen bzw. Hypothesen, die nie ernsthaft empirisch getestet bzw. verifiziert wurden. Zumal: Die Rationaltätshypothese steht im Widerspruch zu Erfahrungen und Erkenntnissen von Soziologie, Psychologie und den Neurowissenschaften bezüglich des menschlichen Verhaltens.  
Der US-amerikanische Ökonom Lester Thurow hat in diesem Zusammenhang treffend bemerkt: „Ein Modell, das angibt, wie der homo oeconomicus handeln sollte, garantiert noch lange keine wirklichkeitsgetreue Beschreibung der tatsächlichen Handlungen eines konkreten homo sapiens. Ein solches Konzept kann nichts in der Welt messen, und doch kann ein kluger Ökonom damit jede Aktivität so beschreiben und einordnen, als ob sie dem Modell entspräche und das Ergebnis eines Maximierungsprozesses auf dem freien Markt wäre“ (1984, 40).

5. Über Modernisierungen 

Unübersehbare Wirklichkeitsferne und substantielle Defizite der Denkfigur des homo oeconomicus sowie recht erhebliche Kritik an seinen Grundannahmen gerade auch aus der Zunft der ÖkonomInnen – kürzlich erst von Vertretern der postautistischen Ökonomie (vgl. u.a. Dürmeier et al. 2006) – haben in jüngerer Zeit doch zu einer Reihe von bemerkenswerten Entwicklungen bzw. zu Modernisierungen der Annahmen geführt.
Immerhin fördern diese Prozesse die einigermaßen aufschlußreiche Aussage zutage, daß ein ernsthafter „Streit um den Moralisierungsbedarf marktwirtschaftlichen Handelns“ entbrannt ist und die Frage steht: „Den homo oeconomicus bändigen?“ (u.a. Parche-Karwik 2003). Es wird auch bereits eine Entwicklung „Vom Homo oeconomicus zum sozialen Wesen“ ausgemacht (Falk 2004, 16).       Auf drei Beispiele soll an dieser Stelle in aller Knappheit aufmerksam gemacht werden: Erstens gibt es innerhalb der institutionalisierten akademischen Ökonomie lauter werdende Stimmen, die – basierend auf empirischen Forschungen und Erkenntnissen aus Laborversuchen der sich in den letzten Jahren stark entwickelnden experimentellen Wirtschaftsforschung – davon sprechen, daß es Zeit ist, vom „klassischen“ homo oeconomicus „Abschied“ zu nehmen.
So erklärt etwa der Axel Ockenfels, ein Schüler des Bonner Nobelpreisträgers Reinhard Selten, daß die Wirtschaftstheorie „jetzt sehr spät auf etwas reagiert, was schon seit Hunderten von Jahren Tatsache ist: dass Menschen nicht nur Egoisten sind, sondern sich eben auch nach dem Prinzip `Wie Du mir, so ich Dir` verhalten und auf Fairness und Status in einer Referenzgruppe achten“ (2005).
Er plädiert daher gemeinsam mit dem US-Amerikaner Gary Bolton (2000, 166 ff.) für einen erweiterten Ansatz, der sich in der ERC-Theorie – ERC steht für Equity, Reciprocity und Competition – manifestiert. Darin wird der Versuch unternommen, Effizienz und Fairness miteinander zu verknüpfen bzw. die Trennung von Effizienz- und Verteilungsfragen aufzuheben.
In ähnliche Richtung geht beispielsweise auch die Argumentation von Ernst Fehr, der in viel beachteten Veröffentlichungen (u.a. Fähr et al. 2001, 2002a, 2002b, 2005) auf eine Economics of Fair Play abstellt. Danach würde der neue homo oeconomicus auch Eigenschaften bzw. Züge wie Fairness, Vertrauen, Solidarität und teils Altruismus aufweisen.   
Zweitens gibt es Bemühungen, über die Entwicklung des RREEMM-Modell – die Initialien stehen für Resourceful-Restricted-Evaluating-Expecting-Maximizing-Man – eine „realistischere“ Figur des homo oeconomicus anzubieten.
In diesem Ansatz, der sich vor allem auf Ausarbeitungen von William H. Meckling (1976), Siegwart Lindenberg (1996), Lindenberg/Bruno S. Frey (1993) und Hartmut Esser (1999) gründet, wird das „klassische“ Menschenbild um  reale, jedwede menschliche Handlungsoptionen einschränkende Bedingungen – eben durch die conditio humana – komplettiert. Zu den Restriktionen gehören natürliche wie auch soziale Beschränkungen bzw. „Umweltbedingungen“.
Der in diesen Kontexten agierende individuelle Modell-Akteur (man) erfährt demnach Handlungseinschränkungen (restricted), vermag diese clever zu nutzen (ressourceful), muß seine subjektiven Schätzungen/Erwartungen vornehmen bzw. bilden (expecting), um seine Handlungsoptionen im Hinblick auf seine Ziele zu bewerten (evaluating) und sich dann derart zu entscheiden, daß der erwartete Nutzen maximal ist (maximizing).
Der RREEMM lebt im Grunde nach den Denk- und Verhaltensweisen eines erweiterten Rational Choice-Modells. Der Ansatz selbst beinhaltet von seinem Wesen her eine um größere Nähe zur ökonomischen und sozialen Wirklichkeit bemühte Kombination von homo oeconomicus und homo sociologicus.
Drittens werden in enger Verbindung mit Studien und Aussagen der Verhaltensökonomik eine Reihe von Anstrengungen unternommen, insbesondere über den Ausbau der Annahmen  zur Ableitung der Nutzensfunktion das Modell des homo oeconomicus zu erweitern – der homo reciprocans soll dann schließlich das Ergebnis sein(vgl. u.a. Falk 2001, Falk et al. 2006, Bowles/Gintis 2002).
Der homo reciprocans sei – so das Ergebnis von Verhaltensexperimenten – insbesondere dadurch charakterisiert, daß er in anstehenden  Entscheidungssituationen das Verhalten und die Handlungsoptionen von anderen Individuen strategisch mit ins Kalkül nimmt, soziale Präferenzen besitzt, auf Gegenseitigkeit baut – und insofern in seinem Verhalten schon komplexer ist, als bisher angenommen wurde.  Wie sind diese Modernisierungen zu sehen? - Es sind eindeutige Reflexionen auf die im breiteren Maße wahrgenommener Grenzen und Defizite der tradierten Denkfigur des homo oeconomicus. 
- Es handelt sich um Bemühungen zur Überwindung des Autismus des ökonomischen mainstream angesichts eines spürbarer werdenden Problemdrucks. Dem offensichtlichen, nun auch stärker praktisch relevant werdenden Widerspruch zwischen Theoriekonzept auf der einen und seiner Praxistauglichkeit auf der anderen Seite, soll im Kontext ökonomischer wie sozialer Steuerungsnotwendigkeiten begegnet werden.  
- Es sind Anstrengungen zu einer „Aufhebung“ des homo oeconomicus. Das heißt, daß das  Verhaltensmodell und Menschenbild mit einer „reicheren“ Ausstattung versehen werden, jedoch nicht grundlegend in Frage gestellt oder aufgegeben werden. Diese „Aufhebung“ erweist sich daher als ein Versuch zur Rettung des homo oeconomicus-Ansatzes.
- Die Erkenntnis, daß bei der Analyse eines wirtschaftlichen Problems bzw. des Verhaltens von Wirtschaftssubjekten stets mehrere, durchaus recht verschiedene Aspekte zu berücksichtigen, also nicht reduktionistisch auf nur eine einzige Annahme zurückzuführen sind , läßt sich im übrigen bereits in anderen wissenschaftlichen Forschungsprogrammen finden – etwa dem der Sozioökonomik, des Institutionalismus oder der marxistisch inspirierten politischen Ökonomie.
- Kurzum: Die gegebenen Konstellationen erlauben nicht von einer wissenschaftlichen Sensation oder gar einer „Revolution“ in den Wirtschaftswissenschaften zu sprechen. Vielmehr zeichnet sich ein bestimmter, vergleichsweise aber eher bescheidener Erkenntnisfortschritt des ökonomischen mainstream ab.     
Günter Krause Juli 2007  
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