Konjunktur und Krise

 

In der Öffentlichkeit wird bezüglich der wirtschaftlichen Entwicklung, der Chancen für Lohnerhöhungen oder Steuersenkungen oft mit dem Begriff Konjunktur hantiert. Die eine oder andere Maßnahme sei gut oder schlecht für die Konjunktur, die Arbeitslosigkeit steige oder sinke wegen der Konjunktur usw.  Mit dem Begriff Konjunktur wird also die Bewegung der kapitalistischen Wirtschaft hinsichtlich der Wechselwirkungen ihrer verschiedenen Bereiche, also zwischen Angebot und Nachfrage, Beschäftigungssituation, Zustand des Geld- und Finanzsystems, Lohnentwicklung usw. sowie hinsichtlich der Veränderungen im Wachstum der Volkswirtschaft beschrieben. Mitunter wird allerdings der Begriff auch gleichbedeutend mit dem Begriff Aufschwung, also einer der Phasen des Konjunkturzyklus gebraucht.


Tatsächlich ist der kapitalistischen Wirtschaft eine zyklische Bewegung dieser Größen eigen, so dass Konjunktur und Konjunktur- bzw. Krisenzyklus oft synonym gebraucht werden. Diese Bewegungen sind oft mit gesellschaftlichen Erschütterungen verbunden (man denke nur an die interner Link folgtWeltwirtschaftskrise 1929-32). Die Erfassung der Ursachen dieser Bewegungen, die Bewertung ihrer Folgen und die Entwicklung von Instrumenten zur Beherrschung oder Minderung der Folgen des Konjunkturzyklus bilden dem entsprechend einen breiten Teil der ökonomischen Theorie, der Wirtschafts- und Finanzpolitik sowie von Unternehmensstrategien. Für die Linke war und ist die Beobachtung der Konjunkturentwicklung ein wichtiges Moment bei der Entwicklung  von politischen Strategien, da sich im Konjunkturverlauf auch die politischen Handlungsspielräume verschiedener politischer Kräfte verändern.
Der Konjunkturzyklus hat seine letztendliche Grundlage in der industriellen Produktionssphäre. Die erste industrielle Krise, eine auf kapitalistischer Grundlage entstandene Krise, die den ersten Konjunkturzyklus im Kapitalismus einleitet, fällt in das Jahr 1825. Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein prägt der nun zu beobachtende Konjunkturzyklus die kapitalistische Wirtschaft. Auch wenn sich die Konsequenzen des Konjunkturverlaufes an der Oberfläche als Bewegungen in der Zirkulationssphäre, also im Verhältnis von Angebot und Nachfrage an Waren zeigt, geht es im Verlauf der Konjunktur in erster Linie um einen Zyklus, der von der Anlage sog. konstanten fixen Kapitals, also von der Anlage von Geld in Maschinen und Anlagen, bestimmt wird. (interner Link folgtWeiter dazu)
Die Phasen dieses „klassischen“ Konjunkturzyklus sind Krise, Depression, Belebung und Aufschwung, der wiederum in eine neue Krise übergeht. Jeder dieser Phasen ist eine spezifische Funktion bei der spontanen Selbstregulierung der Kapitalkreisläufe eigen. Allerdings ist jeder Konjunkturzyklus anders, scheinen ganz unterschiedliche Ereignisse und Zusammenhänge die verschiedenen Phasen zu bestimmen. Auch wird nicht immer die gesamte Wirtschaft von einer Krise erfasst, mitunter geht einer gesamtwirtschaftlichen eine interner Link folgtFinanzkrise voraus. Bei all diesen Besonderheiten werden aber Konjunkturbewegungen letztlich immer von den Bewegungen in der materiellen Produktion bestimmt – hier liegen oft die Ursachen und hier werden letztlich immer die Folgen von Konjunkturbewegungen auszutragen sein. Im Folgenden soll als Grundlage für das Verständnis des Konjunkturzyklus dieser modellhaft dargelegt werden.

Der Aufschwung

Gehen wir von einem hypothetischen Nullpunkt der kapitalistischen Entwicklung aus, zu dem die produzierten Waren problemlos AbnehmerInnen finden. Der zu erzielende Profit ist absehbar. Allerdings ist nicht die Erzielung eines sicheren absehbaren Profits das, was den Kapitalismus auszeichnet. Die einzelnen Unternehmer (Kapitale) treten einander als voneinander unabhängige Konkurrenten gegenüber. Erst auf dem Markt erweist sich, ob die produzierte Ware tatsächlich Abnehmer findet, das in die Produktion gesteckte Geld sich als Kapital realisieren - kurz gesagt die Kosten gedeckt werden und dazu auch noch ein Mehrwert erzielt werden kann. Wenn die Ware erfolgreich Absatz zu einem vernünftigen Preis findet, dann versuchen die Unternehmen, durch Ausweitung der Stückzahlen oder Rationalisierung mit dem Ziel der Kostensenkung den erzielten Mehrwert (bei evtl. sinkenden Preisen) zu erhöhen und andere Produzenten vom Markt zu drängen. Das erfordert mehr Rohstoffe, mehr Arbeitskräfte und Investitionen in Maschinen und Ausrüstungen, weitere Rationalisierung, Intensivierung der Arbeit. Die günstige Marktsituation der erfolgreichen Unternehmen in der einen Sphäre der Produktion zieht Investitionen in anderen Bereichen, etwa im Maschinenbau oder im Bergbau und in der Landwirtschaft als Rohstofflieferanten nach sich. Die Nachfrage nach Arbeitskräften steigt, womit auch die Löhne steigen und die Entwicklung der Konsumgürter- und Nahrungsmittelproduktion vorantreiben. Der scheinbar problemlose Absatz lässt die Banken relativ freigiebig Kredite zu günstigen Zinsen vergeben.
Mit voranschreitender Zeit verliert aber diese Erweiterung der Kapazitäten mehr und mehr die Verbindung zur kauffähigen Nachfrage. Um die eigene Marktposition zu verbessern, werden Waren massenhaft in den Markt gedrückt und die Erweiterung von Produktionskapazitäten und der Produktionsmenge auf Kredit vorangetrieben. Die sich verschärfende Konkurrenz fordert ihre ersten Opfer - Unternehmen, die nicht in der Lage sind, Waren günstiger als andere anzubieten können ihre Lieferanten und ihre Kredite nicht mehr bezahlen und werden zahlungsunfähig. Ihre Marktanteile werden von anderen übernommen oder die Unternehmen selbst werden aufgekauft. Der Aufschwung nimmt mehr und mehr spekulative Züge an. Die Disproportionen zwischen Angebot und Nachfrage und entsprechend zwischen den verschiedenen Bereichen der Wirtschaft verschärfen sich. In dieser Situation spricht man auch von einer Überhitzung der Konjunktur. Kern ist die massenhafte Überproduktion von Waren, die keinen Käufer mehr finden sowie der Aufbau von Überkapazitäten an Maschinen und Ausrüstungen und Überbeständen an Rohstoffen und Material. Die erzielten Profite suchen vor diesem Hintergrund neue Anlagesphären, vor allem auf den Finanzmärkten. Preise und Zinsen beginnen in dieser Phase bereits tendenziell zu steigen. Insgesamt ist aber immer noch gesamtwirtschaftliches Wachstum vorhanden.

Die Krise (auch Rezession)

Diese Überhitzung der Konjunktur schlägt oft relativ schnell in die Krise um. Anfangs kann die Überproduktion durch Verschleuderung der Waren der bankrotten Unternehmen oder auch durch physische Vernichtung sowie durch weitere Inanspruchnahme von Krediten bewältig, besser gesagt verdeckt werden. Die Krise verhält sich spiegelbildlich zum Aufschwung: die Preise sinken auf dem Scheitelpunkt der Konjunktur, am Bruchpunkt zwischen Aufschwung und Krise, schneller, als die Produktivitätsentwicklung dies auffangen kann, der Zusammenbruch von Unternehmen in der einen Sphäre führt zum Zusammenbruch von Zulieferern, zu Ausfällen von Krediten und entsprechenden Problemen bei den Banken, zu Arbeitslosigkeit, die wiederum die Konsumgüterproduktion trifft. Die sinkende Nachfrage nach Arbeitskraft führt zu einem Sinken der Löhne auch der noch Beschäftigten, die Konkurrenz unter ihnen wächst. Solange noch die zuviel produzierten Waren und die überschüssigen Produktionskapazitäten wirksam sind, solange bedeutet dies, dass die meisten Unternehmen mit ihren verkauften Waren Verluste machen. Entsprechend brechen die Erträge und die Profite ein. Die Besitzer von Wertpapieren, wie Aktien, versuchen daher, diese los zu werden, da die Unternehmen keine Gewinne mehr erwirtschaften, also auch keine Dividende gezahlt werden kann. Die Börse wie überhaupt der Handel mit Wertpapieren als Finanzierungsinstrument der Unternehmen versagt ihren Dienst. Der Zusammenbruch des Kredit- und Finanzsystems verschärft die Situation der Unternehmen weiter.
Gleichzeitig jedoch profitieren die Unternehmen, die relativ günstige Marktpositionen halten konnten, vom Preisverfall und von den sinkenden Löhnen. Sie sind in der Lage, billiger als  gedacht Maschinen, Anlagen oder auch andere Unternehmen aufzukaufen, die Produktion aufrecht zu erhalten und so ihre Marktposition zu erhalten bzw. zu verbessern.
Die Krise äußert sich im rapiden Fall der Wachstumsraten und schließlich auch im Sinken des absoluten Betrages des Bruttoinlandsproduktes. Krise bedeutet massive interner Link folgtKapitalvernichtung und gleichzeitig massive Umverteilung von Kapital. Im Ergebnis werden die in der Aufschwungsphase entstandenen Disproportionen abgebaut und so die Grundlagen für eine Wiederbelebung der Wirtschaft geschaffen.

Depression

Ist die Krise durch einen rapiden Fall der Produktion gekennzeichnet, so die folgende Phase der Depression (oder auch Stagnation) durch gleichbleibendes, relativ niedriges Niveau der Produktion, anhaltende Massenarbeitslosigkeit und relativ niedriges Lohn- und Preisniveau. Noch sind die Bestände an Waren relativ hoch. Gleichzeitig bleiben die Zinsen auch auf hohem Niveau, da die Banken selber noch mit den Folgen der Ausfälle an Krediten zu kämpfen haben, die Nachfrage nach Krediten aber relativ groß ist, allerdings auch das Risiko des Kreditausfalls hoch bleibt. Die für die Beschäftigten ungünstige Arbeitsmarktlage ermöglicht in den Unternehmen eine Erhöhung der Arbeitsintensität. Die verbliebenen Unternehmen können relativ billig Maschinen und Ausrüstungen erwerben, so dass die Grundlagen für eine neue Runde im Kampf um Absatzmärkte geschaffen werden.

Belebung

In dem Maße, in dem Bestände an Waren abgebaut werden und die Nachfrage (zuerst bescheiden) steigt beginnen die Unternehmen wieder die Produktion zu erweitern, z.T. mit einem erneuerten, z.T. mit einem erneuerungs- und erweiterungsbedürftigen Ausrüstungsbestand. Die Konsolidierung der Unternehmen führt zu einer Stabilisierung der Finanzen, mithin zu einer wieder wachsenden Möglichkeit für die Banken, Kredite zu vergeben. Dies erweitert wieder die Möglichkeiten der Modernisierung und Erweiterung der Produktion, verbunden mit sinkender Arbeitslosigkeit. Steigende Löhne, steigende Preise und sinkende Zinsen erweitern die Chancen des Übergangs in eine neue Aufschwungphase. Die Wirtschaft beginnt wieder zu wachsen.

Konjunktur als volkswirtschaftlicher Regulator

Soweit die Theorie, die das Wesen der Konjunktur erfasst. Tatsächlich erscheint der Konjunkturzyklus in vielfältigen Formen: Mitunter gehen seine Phasen ineinander über, mitunter werden auch nur Teilbereiche der Wirtschaft erfasst, oft erfüllen die einzelnen Phasen ihre beschriebenen Funktionen nicht oder nur unzureichend. Staatliche Regulierung modifiziert durch Geld-, Finanz- und Währungspolitik den Verlauf und die Wirkungen des Konjunkturzyklus. Der Außenhandel kann ähnlich wirken. Kriege bedeuten als Zeit der physischen Vernichtung von Kapital und eines massenhaften Absatzes von Waren, die tatsächlich zur Vernichtung bestimmt sind, ebenfalls Modifikation des Konjunkturzyklus. Schon das bloße Auseinanderfallen von Kauf und Verkauf einer Ware sowie die relative Eigenständigkeit der Geldzirkulation spielen für Entstehung und Verlauf einer Krise eine wichtige Rolle. So ist es völlig offen, ob eben eine Ware, die zu einem bestimmten Preis eingekauft wurde, auch tatsächlich wieder zu diesem Preis verkauft werden kann. Inzwischen können neue Produktionsverfahren gefunden worden sein, die sie z.B. auf dem Markt billiger macht.
Gemeinsam ist allen diesen Modifikationen und Erscheinungsweisen, dass sie den Widerspruch zwischen dem gesellschaftlichen Charakter der Produktion und der nach Maßstäben privater Interessen verlaufenden Organisation der Produktion in den einzelnen Unternehmen zum Ausdruck bringen. Auf der einen Seite steht der Sachverhalt, dass jegliche Produktion eine tiefgehende Arbeitsteilung zwischen den Produzenten verlangt; auf der anderen Seite steht, dass die Produzenten in Konkurrenz zueinander und in diesem Sinne auch isoliert voneinander produzieren. Aus dieser Wechselwirkung entspringen die wichtigsten Triebkräfte des Kapitalismus. Da die bürgerliche Eigentumsordnung (gemeint ist hier das Eigentum an Produktionsmitteln, nicht das individuelle Eigentum) eben dadurch gekennzeichnet ist, dass ökonomisch gesehen die verschiedenen Anbieter eben erst auf dem Markt aufeinander treffen, kann die Regulierung (hier verstanden als Herstellung der Übereinstimmung von Angebot und Nachfrage) erst nach der Produktion, also im Nachhinein erfolgen - dabei kommt dem Konjunkturzyklus für die Regulierung der volkswirtschaftlichen Beziehungen eben eine zentrale Rolle zu. Im Konjunkturzyklus, vor allem in der Krise, wird der Widerspruch zwischen gesellschaftlichem Charakter der Produktion und privater Aneignung durch die Vernichtung überschüssigen, nicht verwertbaren Kapitals zeitweise gelöst. Es wird ein zeitweiliges relatives Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage, zwischen den Produktionskapazitäten im volkswirtschaftlichen Maßstab, im Geldumlauf usw. erzeugt, indem die Bedingungen für seine neuerliche Zerstörung geschaffen werden.
Krise und Depression sind somit keine „Unfälle“, nicht Ausfluss der Unfähigkeit von Managern oder Regierungen, sondern ein normales Element kapitalistischer Wirtschaft. Der Konjunkturzyklus kann in seinem Verlauf modifiziert – er kann aber nicht abgeschafft werden. Dies wäre nur möglich, indem der Kern des kapitalistischen Wirtschaftens, das kapitalistische Eigentumsmonopol, weitgehend eingeschränkt wird.