Konjunkturzyklus als Bewegung von Kapital

Obwohl sich die Konjunkturbewegungen bzw. der Krisenzyklus in den genannten verschiedenartigen Prozessen in der Wirtschaft zeigt, liegt das Wesen und die letzte Ursache des Konjunkturverlaufes in der Art und Weise, in der sich Kapital und das Kapitalverhältnis reproduziert. Kapital ist erst einmal Geld, das eingesetzt wird, um mehr Geld zu erhalten. Im Falle der industriellen Produktion wird Geld in Maschinen, Rohstoffe und Arbeitslohn umgesetzt, um schließlich dem Eigentümer einen Mehrwert, Profit, zu liefern. Indem er Geld auf diese Weise einsetzt und Waren einschließlich der Ware Arbeitskraft einkauft und verwertet, reproduziert (erhält und entwickelt) er die gesellschaftlichen Verhältnisse, die es ihm ermöglichen, diesen Vorgang fortgesetzt zu wiederholen. Indem er Arbeiter als Lohnarbeiter anstellt, indem er Waren auf dem Markt einkauft und verkauft, erzeugt er immer wieder die Verhältnisse, die ihm die Wiederholung dieser Aktivitäten erlauben, andernfalls erhält er (vielleicht) sein Geld zwar zurück, kann es aber nur noch konsumtiv, also ohne Vermehrung, ausgeben. Andere Wege bieten ihm die bürgerlichen Rechts- und Gesellschaftsverhältnisse in der Regel nicht - dies unterscheidet den Kapitalismus als zivilisatorischen Fortschritt etwa von Feudalismus.


Die auf der Oberfläche sichtbare Überproduktion von Waren entsteht nun nicht aus Fehlern einzelner UnternehmerInnen, sondern aus Zwängen eben dieser Kapitalreproduktion heraus. Sie beruht auf der Ausweitung der Produktion durch

- Erweiterung des Bestandes an Maschinen und Anlagen auf dem gegebenen technologischen Niveau oder/und
- Erhöhung der Intensität der Arbeit oder/und
- Modernisierung vorhandener Maschinen und Anlagen oder/und
- Anwendung neuer Technologien.

 

Vor allem die Anlage von Geld in die Maschinerie, der Kauf von Maschinen und Anlagen zum Zwecke der Verwertung des in ihnen (und in Material und Arbeitskraft) vorgeschossenen Kapitals und die sich aus dieser Anlage ergebenden Konsequenzen sind die für die Zyklizität der kapitalistischen Wirtschaft entscheidenden Prozesse. Für den Kapitalismus ist typisch, dass die Anlage von Kapital in Maschinerie (konstantes fixes Kapital) relativ zum für Arbeitslöhne eingesetzten Kapital (variables Kapital) steigt (organische Zusammensetzung des Kapitals). So steigt im Laufe der Zeit die Bedeutung der Frage, ob dieser in Maschinerie usw. getätigte Vorschuss tatsächlich zum Kapitalisten, Unternehmer zurückfließt oder nicht. Die Produktion von Waren auf diesen Maschinen usw. ist eben nur Mittel, um das vorgeschossene Kapital zu verwerten. Um also den Konjunkturverlauf verstehen zu können, muss vor allem und zuerst auch auf die Entwicklung der Investitionen oder auf die Erneuerungszyklen von verschlissenen Maschinen und Ausrüstungen, auf das Verhältnis von Investitionen zur Erweiterung oder solche zur Effektivierung der Produktion geschaut werden. Jede dieser verschiedenen Arten der Erneuerung des Produktionsapparates hat unterschiedliche Wirkungen auf den Verlauf des Konjunkturzyklus.

  

Die Zyklizität der wirtschaftlichen Entwicklung der Bundesrepublik in den letzten vierzig Jahren ist hier an Hand der Kennziffern Bruttoinlandsprodukt, als Ausdruck der Entwicklung der Leistungen der Wirtschaft insgesamt, Produktion in Bergbau und im verarbeitenden Gewerbe sowie den Brottoanlageinvestitionen, also dem Umfang der Ausgaben für neue Maschinen und Ausrüstungen, dargestellt (als Index der Entwicklung, bezogen auf das Jahr 2000=100). Es zeigt sich hier anschaulich, dass der Konjunkturzyklus sehr stark von der Entwicklung der Bruttoanlageinvestitionen, also der Anlage von Kapital in Maschinen und Anlagen, bestimmt wird. (Quelle: Deutsche Bundesbank; langfristige Zeitreihen lfd.)