Klassiker der Transformationstheorie - Bucharin

Ökonomik der Transformationsperiode - Ein Klassiker der Transformationsforschung


Nikolai Bucharin
Die Ökonomik der Transformationsperiode
Mit Randbemerkungen von Lenin
Herausgegeben von Wladislaw Hedeler und Ruth Stoljarowa
Dietz Verlag Berlin 1990

 

Was kann ein Buch, das im Mai 1920 in Sowjetrussland erschien und sich mit konkreten Fragen der nachrevolutionären Entwicklung befasste, heute noch geben? Betrachtet man die Rezeptionsgeschichte, so könnte man meinen – nichts. Bucharin wird kaum irgendwo als Referenz zur Analyse von Transformationsprozessen aufgegriffen. Dabei ging es Bucharin darum, Grundlagen für eine „allgemeine Theorie eines Transformationsprozesses“ (so die exakte Übersetzung des Untertitels) zu schaffen. Um es vorweg zu nehmen – das Desinteresse ist nicht gerechtfertigt.

Das Nachwort von Wladislaw Hedeler gibt viele Hinweise darauf, wie und vor welchem historischen Hintergrund das Buch zu verstehen ist. So ist zu empfehlen, in diesem Falle das Nachwort zuerst zu lesen. Das sollte man auch, weil wir hier das Buch mit den Randbemerkungen Lenins wiedergeben, die sich dem heutigen Leser nicht ohne weiteres erschließen. Hier sollen darüber hinaus nur einige Aspekte erwähnt werden, die die Frage der Transformationsforschung betreffen.

 

Zeit des Übergangs

Der unschätzbare Wert und die Besonderheit des Buches von Bucharin bestehen darin, dass er in seine Untersuchungen den Prozess des Übergangs vom Kapitalismus in eine neue Gesellschaft von der Analyse des Zerfalls des Kapitalismus über die Revolution bis hin zum Aufbau der neuen Gesellschaft und Visionen des Zukünftigen einbezieht. Es verbinden sich so Elemente der historischen Kapitalismusanalyse, der Analyse des damaligen Kapitalismus, der Analyse der vergangenen Revolution und der damals aktuellen Lage in Sowjetrussland mit prognostischen Aussagen. Weiter ist aus dem unmittelbar ablaufenden Prozess geschrieben, was das Buch von allen damaligen Analysen von Seiten westeuropäischer Sozialdemokraten und Kommunisten wesentlich unterscheidet. Das Aufeinanderbeziehen dieser Elemente, also der Blick auf das Ganze des historisch ablaufenden Prozesses, ist das Einzigartige an diesem Buch. Ein Nachteil, der auch schon zum Zeitpunkt des Erscheinens kritisiert wurde, besteht darin, dass Bucharin seine Aussagen selten unmittelbar belegt. Erst recht heutige LeserInnen müssen sich so wenigstens in Ansätzen mit der russischen Geschichte befassen, wenn sie die Tragfähigkeit der Bucharinschen Auffassungen prüfen wollen.

 

Krisenbearbeitung

Das Buch wurde drei Jahre nach den Revolutionen von 1917 und unter Bedingungen einer nachrevolutionären Krise geschrieben. Eine Breite an Widersprüchen lag dieser Krise zu grunde. Bedingungen wie auch die Wege der Machtübernahme durch die Bolschewiki hatten daran gleichermaßen ihren Anteil. Bucharin wirft vor diesem Hintergrund Fragen auf, die letztlich Theorie und Praxis realsozialistischer Entwicklung in hohem Maße mitbestimmen werden: Was bedeutet es, unter den Bedingungen der vorgefundenen materiellen Verhältnisse, des offenen oder passiven Widerstandes eines Teils der Bevölkerung, vor allem der Bauern und eines Teils der Intelligenz, eine sozialistische Gesellschaft aufzubauen? Gab es überhaupt eine gemeinsames Verständnis dessen, was Sozialismus sein sollte - stand doch im Moment vor allem der Machterhalt der Bolschewiki im Mittelpunkt, die als Garant weiterer Umgestaltungen galten? Was bedeutet es, wenn aus einer schweren Krise und Zerstörung des wirtschaftlichen und sozialen Lebens heraus es offensichtlich unmöglich ist, in einem schnellen Sprung all das zu erreichen, wofür die Arbeiter und Bauern in den Revolutionen des Jahres 1917 gekämpft hatten? Auch hier die Frage - ließen sich die Forderungen nach Brot und Frieden, die die Massen aktiviert hatten, so ohne weiteres in die des sozialistischen Aufbaus übersetzen? Wie geht man also mit den „Unkosten der Revolution“ um? (S. 83) Wie verändern sich die Produktionsverhältnisse unter solchen widrigen Bedingungen und wie können sie verändert werden? (S.79) Was bedeutet es, dass die Zeit „reif“ für eine neue Gesellschaft ist? (S.88) Und schließlich: wie wird aus der Möglichkeit (also aus der „Reife“ der Bedingungen) die Wirklichkeit des Sozialismus, oder wenigstens erst einmal des Umbruchs? (S. 82f. und 97) Er betrachtet weiter die Beziehungen von technisch-arbeitsteilig bedingten und sozialen Hierarchien in Hinblick auf die Konsequenzen für gesellschaftliche Veränderungen (S. 108 und 186)

Diese Fragen leitet er aus den Prozessen ab, die zur sozialistischen Revolution führen, also aus dem ihm vor Augen stehenden Zusammenbruchsprozess des Kapitalismus. Krieg und Nachkriegskrisen warfen die Fragen nach den Perspektiven des Kapitalismus und nach den Bedingungen des Übergangs zum Sozialismus als realistische Probleme auf. Bucharin unternimmt aus dieser Analyse heraus dann den Versuch, Perspektiven und Entwicklungsweise der neuen Gesellschaft zu bestimmen.

 

Die Zeit

 

Vergegenwärtigen wir uns zum Verständnis dessen der Zeit, in der das Buch entstand:

 

1917

Februarrevolution in Russland , Sturz des feudal-kapitalistischen Systems

Oktoberrevolution in Russland, Sturz der bürgerlichen Regierung unter Kerenski; Dekrete über den Frieden, über Grund und Boden, über die Einführung des 8-Stunden-Tages, über die Bildung des Volkswirtschaftsrates, über die Nationalisierung der Banken, Deklaration über die Rechte der Völker

 

1918

Januar, Auflösung der Verfassungsgebenden Versammlung durch die Bolschewiki, nachdem sie die Übernahme der Deklaration der Rechte des werktätigen und ausgebeuteten Volkes mehrheitlich verweigert hatte; die Deklaration (später erster Abschnitt der ersten Verfassung Sowjetrusslands) bestimmte den Übergang aller Macht an die Sowjets (Räte). Diese gerieten immer stärker unter Kontrolle der Bolschewiki, wodurch sie immer mehr ihren Charakter als Selbstorganisation der Arbeiter, Bauern und Soldaten verloren.

März, Unterzeichnung des Friedens von Brest-Litowsk, der Sowjetrussland enorme Gebietverluste bringt, Hungersnot

Frühjahr, Beginn des Bürgerkrieges und der ausländischen Intervention mit der Landung britischer Truppen in Murmansk

Juni, Dekret über die Nationalisierung der Großindustrie, Dekret über die Gründung der Komitees der Dorfarmut

Juli, Einführung des Kriegskommunismus, um Nahrungsmittelversorgung und Versorgung der Roten Armee sicher zu stellen

Novemberrevolution in Deutschland

November, Annullierung des Brester Friedens durch Sowjetrussland

 

1919

März, Gründung der Kommunistischen Internationale

 

1920

bis November, Offensive der Roten Armee drängt Interventen weitgehend zurück, endgültige Zerschlagung der Interventionen und der weißgardistischen Truppen, 

August, verheerende Niederlage der Roten Armee vor Warschau - Lenin und sein Umfeld schätzten die Situation in Deutschland (und in Polen) völlig falsch ein und glaubten an eine unmittelbar bevorstehenden Sowjetisierung Polens und Deutschlands

Dezember, Plan zur Elektrifizierung des Landes (GOELRO-Plan)

 

1921

Februar, Gründung von GOSPLAN, der Staatlichen Plankommission

Februar-März, Aufstand in Kronstadt  gegen die Bolschewiki als Höhepunkt von Unruhen in verschiedenen Regionen Russlands. Der Aufstand wird blutig niedergeschlagen. Lenin stellte auf dem in dieser Zeit stattfindenden X. Parteitag der KPR (B) fest, dass durch die Unterschätzung der Probleme der Demobilisierung der Roten Armee nach Ende des Bürgerkrieges, fehlende Arbeit und soziale Versorgung für die Demobilisierten, für die der Krieg ein gewohntes Handwerk geworden war, ein neuer Krieg, das Banditentum entstanden war.

März, Übergang zur NÖP

 

Das Buch wird also in einer Zeit tiefer Krisen wie auch Erfolge der Revolution geschrieben.

 

Wie dem Zusammenbruch entkommen?

Zentral ist nach Bucharin für den Prozess des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus die Unmöglichkeit für den Kapitalismus, sich erweitert zu reproduzieren, die Situation einer „negativ erweiterten Reproduktion“. Diese Situation als Ergebnis der Krise des Kapitalismus überträgt sich auch auf die nachrevolutionäre Zeit. Dies ist nach Bucharin den Verheerungen des Niedergangs des Kapitalismus wie auch den Herausforderungen des Umbaus der Gesellschaft geschuldet. Vor dem Hintergrund der hier nur kurz skizzierten Situation ein nur zu gut verständlicher Ansatz.

Dies veranlasste wahrscheinlich Hermann Duncker in einer Rezension, die Arbeit Bucharins als Fortführung der von Luxemburg vorgenommenen Analysen in ihrem Werk „Die Akkumulation des Kapitals“ auf der Grundlage der neueren Erfahrungen zu betrachten. Sie hatte anknüpfend an Marx herausgearbeitet, dass mit der Entwicklung des Kapitalismus zum Imperialismus die Tiefe der Krisen immer mehr zunehmen würden. Bucharin war nun mit den handgreiflichen Problemen unmittelbar konfrontiert und versuchte, daraus Schlussfolgerungen für Theorie und Praxis zu formulieren.

Bucharin steht so mehr noch als Lenin am Ausgangspunkt einer Diskussion über die Möglichkeiten, Grenzen und Erfordernisse linker Politik in Zeiten des Übergangs. Die maßgeblich von Lenin und ihm eingeleiteten Diskussionen ziehen sich aus dem Kriegskommunismus über die Zeit der NÖP bis hin zu den Debatten um einen Sozialismus im und des 21. Jahrhundert(s). Im Unterschied zu Lenin war Bucharin zudem noch bis in die dreißiger Jahre aktiv in diesem Umgestaltungsprozess und in die Kämpfe um die Richtungen der Entwicklung der Sowjetunion verwickelt. In der entscheidenden Frage nach dem Charakter einer den Bedingungen des Übergangs adäquaten Gestaltung der wirtschaftspolitischen Rahmensetzungen (und damit der Rolle des Parteiapparates in der Gesellschaft) unterliegt er 1929 der stalinschen Richtung, wird danach politisch kaltgestellt und 1938 erschossen. Fünfzig Jahre später wurde er vollständig rehabilitiert.

 

Die Ungeduld

Den damaligen Rezensenten schien die Herangehensweise Bucharins an die aktuellen Probleme allerdings nicht unbedingt hilfreich. Manchen, so W. Hedeler in seinem Nachwort, war sie zu sehr der Etappe des gerade zu Ende gehenden Kriegskommunismus verhaftet. Insgesamt wurde aber wohl die Tragweite der von Bucharin skizzierten Probleme unterschätzt. Lenin selbst dürfte 1921 wie viele andere noch von einer überschaubaren Zeit der Übergangs ausgegangen sein, bevor er lernen musste, dass dieser wohl länger dauern würde. Das dürfte auch für Bucharin selbst gelten, der zu diesem Zeitpunkt noch Geld, Ware und Märkte als kurzfristig zu überwindend darstellte. Obwohl er die Probleme der Neukonstituierung des Produktionsapparates, wie Wechselbeziehungen zwischen Produktionsverhältnissen und Produktivkräften durchaus sah, sah er die Lösung in einer recht mechanistisch anmutenden „Neukombination“. Den Übergangsprozess auf der sozialen Seite (hinsichtlich der politischen Interessen der handelnden Akteure) fasste er zwar durchaus in seiner Widersprüchlichkeit und betonte die Notwendigkeit der Analyse der Erfahrungen der Betriebsräte (S.175), der Selbstorganisation der Arbeiter (S. 175) und des „Wachsens von unten“ (S. 187) – dürfte aber auch hier den Zeitfaktor unterschätzt haben. Mit vielen seiner ZeitgenossInnen teilt er einen überschwänglichen Glauben an die schöpferische Kraft und das Bewusstsein des Proletariats als dem entscheidenden (eigentlich einzigen) Akteur der Transformation. Die praktische Erfahrung, dass jede neue Lösung auch neue Widersprüche, auch in der neu entstehenden, „neukombinierten“ Wirtschaft (bzw. den neu entstehenden ökonomischen Interessen) produziert, war erst noch zu machen.

Heute muss man sagen:Die Problembeschreibung aus der wirtschaftspolitischen Sicht war ein Herangehen, das auf der Höhe der Zeit stand. Mit der Einführung der NÖP verlor das Buch inhaltlich keinesfalls an Bedeutung. Bucharin stand damit nicht allein. Ebenfalls 1920 hatte E. Varga die Erfahrungen der Ungarischen Räterepublik in ähnlicher Weise analysiert. In den zwanziger Jahren entwickelte sich in Sowjetrussland, dann in der Sowjetunion eine reiche Diskussion zu transformatorischen Fragen, die schlichtweg durch die Realität der Probleme des sozialistischen Aufbaus diktiert waren und mit denen sich Bucharin in seinem Buch beschäftigte. Zu nennen sind hier z.B. Čajanov, Kondratjev, Preobraženskij sowie all die Ökonomen, Juristen (heute noch relativ bekannt Paschukanis) und KulturwissenschaftlerInnen, die die sich mit den verschiedenen Facetten dieses Überganges befassten.

Freilich war diese Wendung für viele Linke ein Greul. Karl Korsch bezeichnete die NÖP z.B. als „Entartung der marxistischen Theorien“ . Aber – weder die durch ihn repräsentierte Richtung noch der Realsozialismus noch irgend eine andere linke Strömung hat bisher auf die von Bucharin aufgeworfenen Probleme nachhaltige Antworten gefunden. Es lohnt sich also, auf die Wurzeln zurück zu gehen und neu zu diskutieren.

 

Der Text

 

Titel, Inhaltsverzeichnis und Vorbemerkung der HerausgeberInnen

Vorwort, 1. Kapitel: Struktur des Weltkapitalismus

2. Kapitel: Ökonomik, Staatsgewalt und Krieg

3. Kapitel: Zusammenbruch des kapitalistischen Systems

4. Kapitel: Allgemeine Voraussetzungen des kommunistischen Aufbaus

5. Kapitel: Stadt und Land im Prozess des gesellschaftlichen Transformation

6. Kapitel: Die Produktivkräfte, die Unkosten der Revolution und die technische Umwälzung

7. Kapitel: Allgemeine Organisationsformen der Transformationsperiode

8. Kapitel: Das System der Produktionsverwaltung unter der Diktatur des Proletariats

9. Kapitel: Die ökonomischen Kategorien des Kapitalismus in der Übergangsperiode

10. Kapitel: Der „außerökonomische Zwang“ in der Übergangsperiode

11. Kapitel: Der Prozess der Weltrevolution und das Weltsystem des Kommunismus

Bemerkungen Lenins zu Kapitel 3 und Recensio academica (ebenfalls von Lenin)

Bucharin: Nachwort zu der deutschen Ausgabe

Wladislaw Hedeler: Transformationstheorie - oder Utopie. Ein Buch im Widerstreit

Anmerkungen

  

Mit freundlicher Genehmigung und Unterstützung des Karl Dietz Verlag Berlin

Weiterführende Literatur (nur in deutscher Sprache)

Auf Russisch sind in Bibliotheken die Neuausgaben der Schriften Bucharins Ende der achtziger/Anfang der neunziger Jahre wie auch deutschsprachige Ausgaben aus den zwanziger Jahren verfügbar. Die unterschiedlichen Transliterationen der Autorennamen ist unverändert aus den bibliographischen Angaben übernommen worden.

Bogdanoff, A.A. Allgemeine Organisationslehre: Tektologie. Organisation Verlagsgesellschaft, 1926. (Bucharin orientiert sich in seiner Entwicklungsauffassung in hohem Maße an Bogdanov. Dieser hatte in seiner „Tektologie“ das, was später als Kybernetik bekannt wurde, bereits weitgehend entwickelt.)

Bucharin, Nikolai, Jewgenij A. Preobraschenskij. Das Abc des Kommunismus. Populäre Erläuterung des Programms der Kommunistischen Partei Russlands (Bolschewiki). Zürich: Manesse Verlag, 1985.

Bucharin, Nikolaj Ivanovič. Der Weg zum Sozialismus. Frankfurt a.M.: Sendler,1982.

Bucharin, Nikolai. Ökonomik der Transformationsperiode. Mit Randbemerkungen Von Lenin. Berlin: Dietz Verlag Berlin, 1990.

Bucharin, Nikolai. 1929. Das Jahr des Großen Umschwungs. Berlin: Dietz Verlag Berlin, 1991.

Lukács, Georg. Sozialismus und Demokratisierung. Frankfurt am Main: Sendler, 1987. (nimmt hier Bezug auf die Auffassung des späten Lenin zu den Eigenarten des Übergangs vom Kapitalismus zum Spozialismus)

Čajanov, Aleksandr V. Die Lehre von der bäuerlichen Wirtschaft : Versuch einer Theorie der Familienwirtschaft Im Landbau. Frankfurt/Main: Campus-Verl., 1987.

Tschajanow, Alexander W. Reise Ins Land der bäuerlichen Utopie. Frankfurt am Main: Syndikat, 1984.

"Unpersonen" : Wer waren sie wirklich? Bucharin, Rykow, Trotzki, Sinowjew, Kamenew. Hrsg. von Barbara Heitkam, Berlin: Dietz Verlag Berlin, 1990.