Finanzmarktgetriebener Kapitalismus – Begriff für eine neue Konstellation

Die beschriebene Anhäufung und Internationalisierung von privatem Finanzvermögen hat allmählich die quantitativen Proportionen zwischen dem Finanzsektor und dem produktiven Bereichen der Wirtschaft (vor allem also Industrie und Landwirtschaft) – und damit auch die Beziehungen zwischen den Hauptakteuren und die Engpässe kapitalistischen Entwicklung – in Richtung auf ein finanzmarktgetriebenes Muster verändert. Im traditionellen Muster kapitalistischer Entwicklung waren die Unternehmer oder die Manager die entscheidenden Akteure, und ihre Arbeit bestand in der Organisation der Produktion und des Verkaufs. Die Finanzierung war ein Engpass für Unternehmensinvestitionen und wirtschaftliche Entwicklung.  Er wurde nicht nur durch das Sparen der Haushalte, sondern auch und primär durch die interner Link folgtKreditschöpfung der Banken überwunden, die politisch durch die Zentralbank gestützt wurden. In dieser Phase bilden sich folgende Grundfunktionen des Finanzsystems heraus:
  • Gewährleistung eines reibungslosen Zahlungsverkehrs durch Geschäfts- und Zentralbanken
  • Verwaltung und Sicherung der Ersparnisse von Haushalten und Unternehmen durch Banken und Finanzaufsicht
  • Finanzierung von Unternehmen durch Banken und Kapitalmärkte
Im Unterschied dazu finden wir im „reifen Kapitalismus“ einen Überfluss an Finanzvermögen, für das rentable Anlagemöglichkeiten zunehmend schwieriger zu finden sind – während gleichzeitig die Kreditschöpfung in großem Umfang weitergeht, weil sie eine wesentlicher Gewinnquelle für den Bankensektor ist. In dieser Situation finanzieller interner Link folgtÜberakkumulation treten Finanzinvestoren zunehmend als zentrale Akteure an die Stelle einzelner Unternehmer oder Manager. Sie sammeln Geld von den letztendlichen Vermögensbesitzern ein, bündeln es zu großen Beträgen und verwenden diese in einem breiten Spektrum von Aktivitäten, unter denen die Produktion von Gütern und Dienstleistungen nur eine von vielen Optionen ist. Kapitalismus wird zu finanzmarktgetriebenem – genauer finanzinvestorgetriebenen – Kapitalismus, jedenfalls in den entwickelten Ländern.Die allmähliche Herausbildung dieser neuen Konstellation von Märkten und Akteuren verändert die Grundstruktur des Kapitalismus nicht. Sie besteht nach wie vor darin, durch Ausbeutung von Arbeitskraft Mehrwert produzieren zu lassen und als Kapitalprofit anzueignen.  Die Finanzinvestoren – ursprünglich nur eine Dienstleistungsbranche zum Management und zur Vermehrung von Finanzvermögen – die jetzt zu zentralen Akteuren werden, sind vom konkreten Produktionsprozess sehr viel weiter entfernt als die traditionellen Unternehmer und auch als die technokratischen Manager großer Industrie- oder Dienstleistungskonzerne. Unter diesem Aspekt ist finanzmarktgetriebener Kapitalismus eine weitere reale Mystifikation der Natur des Kapitalismus. Er eliminiert alle Zwischenstufen zwischen Geld (G) und mehr Geld (G’) als dem letzten Zweck des Kapitals – wohingegen der Industriekapitalismus noch der sichtbareren Form G – W <– P –> W’ – G’ folgt: Mit Geld werden Waren (W) gekauft, damit werden in der Produktion (P) neue, höherwertige Waren produziert (W'), die nun durch den Verkauf  mehr Geld (G') einbringen.
Der Aufstieg des finanzmarktgetriebenen Kapitalismus ging einher mit einer langfristigen Verlangsamung des Wirtschaftswachstums in den USA und in Europa – zumindest im Vergleich zum Vierteljahrhundert nach dem zweiten Weltkrieg. Eine Erklärung hiefür dürfte die anhaltende Umverteilung von unten nach oben sein, die einen Teufelskreis von Wachstumsschwäche, Arbeitslosigkeit und weiterer Umverteilung nach sich zog. Dieses Muster treibt seinerseits das starke Wachstum der Finanzmärkte an. Die Gewinne und hohen Einkommen werden immer weniger für Konsum (jedenfalls über eine gewisse Grenze des Luxuskonsums hinaus) oder der produktiven Investition (wegen der unzureichenden Märkten für Endprodukte und Dienstleistungen) genutzt. Stattdessen werden sie auf den Finanzmärkten angelegt. In bestimmten Abständen können sie dann das Wirtschaftswachstum über den Aufbau massiver Finanzspekulation zeitweise hochtreiben. Aber wenn die spekulativen Blasen dann platzen wird es massive negative Rückwirkungen für Wachstum, Beschäftigung und den Lebensstandard der Mehrheit der Menschen geben. Der Übergang zu diesem Muster finanzmarktgetriebener Entwicklung ist ein allmählicher Prozess, der vor rund 30 Jahren begonnen hat und keineswegs abgeschlossen ist. Es ist auf der einen  Seite ein Angriff auf die Erfolge und Errungenschaften progressiver Reformpolitik während der drei Jahrzehnte nach dem zweiten Weltkrieg. Auf der anderen Seite ist es der Ausdruck einer neuen Form von finanzieller Überakkumulation von Kapital, als Alternative zu der traditionellen Form von Überakkumulation. Während letztere sich in Überkapazitäten bzw., der Unterauslastung bestehender Kapazitäten im produktiven Sektor zeigte, kommt erstere zunehmend in der Anhäufung von Finanzvermögen zum Ausdruck, das nicht im produktiven, sondern im Finanzsektor angelegt wird. interner Link folgtweiter