Krise ohne Konflikt?

Die herrschende Deutung der Reaktionen auf die Krise seitens der Lohnabhängigen ist Fatalismus und Passivität. Auf der anderen Seite nehmen PolitkerInnen für sich in Anspruch, das Gute für das Gemeinwohl getan zu haben und deuten die oberflächliche Ruhe als Zustimmung. Beide Einschätzungen, so zeigen verschiedenste Untersuchungen, sind falsch. 

Eine gerade vorgelegte Studie unter dem Titel "Handlungs- und Interessenorientierungen in der Krise" stellt dar, dass es unter der ruhigen Oberfläche gärt.

Eine Zusammenfassung der Ergebnisse der Studie kann man in dieser Präsentation nachlesen. Mitte März 2011 erscheint im VSA Verlag dann die Studie in Buchform.

Symptomatisch sind die Protokolle der durchgeführten Gruppengespräche, wovon wir hier einige Beispiele wiedergeben:

„Aber das wird immer schlimmer. Die Leute fühlen sich nicht wie ein Mensch. Sie müssen kämpfen ums Leben, um durchzukommen. Mit so einem Lohn musst du wirklich kämpfen. Und wenn die da oben schwätzen, wieso werden in Deutschland so wenig Kinder geboren? Ja, wie können die Leute denn noch Kinder wollen, wenn sie allein nicht klar kommen. Das sehen sie da oben nicht. Also wenn ein Mensch ein Geld nicht hat, kommt er nicht klar, wie will der in Armut das Kind noch ... So kann doch das Leben nicht weitergehen. Also das wird immer mehr und mehr. Es wird ja nicht mal ein kleines bisschen besser,... Und ich weiß nicht, wir wählen, wählen ... die Leute haben ja immer Erwartungen an die Politik, aber da ändert sich nichts. Da ändert sich gar nichts. Nein.“

„Das ist doch moderne Sklaverei geworden hier. Ich frage mich immer, wenn ich meine Abrechnung sehe, brutto und netto, dafür gehst du arbeiten? Und dann siehst du die ganzen Schmarotzer hier, die dicke 5er BMW fahren, in den Schulferien ans Mittelmeer, 5 Sterne-Hotel, in einer Anlage Urlaub machen können. Und ich als Arbeiter, Steuerzahler kann mir seit zwei, drei Jahren keinen Urlaub leisten mit meiner Familie. Das ist doch kein Sozialstaat mehr.“

„Ich erinnere mich an die Proteste gegen die Kohl- Regierung. Und dann ist man demonstrieren gegangen. So. Und dann kommt man in den Betrieb Montagmorgen und unterhält sich mit Kolleginnen und Kollegen und dann sagen die: Ja, was ist denn schon passiert? Da waren dann mal gerade 50- oder 100.000 Menschen auf den Straßen gewesen. Da habe ich mal zu ihnen gesagt: Passt mal auf, ich sage dir, wie das funktioniert. Samstags sitzt du vor dem Fernseher, die Füße hoch, ein Fläschchen Bier in der Hand, guckst Fernsehen. Dann sagen die: Ja, die Gewerkschaften, Kirchenbund, die haben alle aufgerufen gegen den Sozialabbau von der Kohl- Regierung. Dann sitzt du da und hörst, da waren nur 50-/60.000 Menschen. Dann sitzt du da mit deiner Pulle Bier in der Hand und sagst: Ja, da kann ja nichts passieren, wenn da nur so wenig hingehen. Aber dann sind es 2 - 3 Mio. Menschen, die genauso am Fernsehen gesessen haben wie du auch. Das ist das, was eigentlich nicht passt in unserem Staat. Die Verdrossenheit, die „Leck mich am Arsch“- Methode, oder/und „Lasst die anderen mal machen, mich betrifft das zwar, aber warum soll ich was tun“?“

Am Ende jeder Gruppendiskussion stand die Frage: Wohin wird die Reise in Zukunft gehen?

"Bergab, denke ich."

"Ich sage bergab."

"Immer weiter bergab."

"Arbeitsverdichtung, Arbeitslosigkeit, Hartz IV, da wird es hingehen. B4: Also wenn die mit Hartz IV und mit der ganzen Regierungsweise, wenn die so weitermachen, dann platzt die Seifenblase…, es kracht dann irgendwann und dann gibt es keinen Mittelständler mehr. Dann gibt es bloß mehr Arme, Arme, Arme, Arme, und vielleicht einen Reichen. Und der Reiche, der muss halt irgendwann mal zur Rechenschaft gezogen werden. Dass bei uns in Deutschland noch mal so ein Boom kommt, dass es wieder aufgeht. Ich würde es mir wünschen, aber ich glaube nicht."

"Die Hoffnung stirbt zuletzt."

"Ich würde auch sagen, wir sind momentan im freien Fall. Das wird auch noch ein bisschen dauern. Da muss halt, ja, die Bundesregierung sehr schnell was tun."

"Also ich denke, das war eine Chance, aber die ist schon vorbei. Da haben wir den Einsatz schon irgendwie verpasst. Vor einem knappen Jahr hätten wir auf die Straße gehen müssen und einen Umsturz fordern, sage ich mal. Umsturz also jetzt nur weit gegriffen, aber Veränderung fordern. Ich denke, jetzt sind wir schon wieder an dem Punkt vorbei. Zu spät."

"Die Medien berichten, dass die Wirtschaftszahlen wieder nach oben gehen. Und man geht schon wieder zur Normalität über."

"Alles, was gewackelt hat, hat sich mittlerweile stabilisiert oder etabliert, hat seine Position ausgebaut. In dem Moment, wo es wirklich auf der Kippe stand…jetzt fragt mich bitte nicht, was man hätte machen sollen… aber wie gesagt, die Krise war da, die war frisch, es kam Bewegung in die Sache. Und da hätte man dann ..." "In die Kerbe schlagen sollen."

"Genau. Ja. Und jetzt hat jeder wieder seine Positionen gefestigt. Und alles ist gut."

"Wir hören über die Krise. Aber niemand hat gesagt, was wir machen müssen. Machen die anderen für uns? Ziehen ab von unserem Lohn, aber ich weiß nicht, was wir machen müssen. Aber…wir müssen weiter machen, wir müssen die Zukunft für unsere Kinder sichern. Aber welches Mittel? Die wollen unser Geld nehmen. Und wir werden arm. Ich weiß es nicht… was für ein System…"