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9. Oktober 2026: Seminar : Weltkrise – Rechtsruck – Sozialdarwinismus

Exit-Seminar

Wichtige Fakten

Veranstaltungsort

Familien- und Jugendgästehaus Festung Ehrenbreitstein
56077 Koblenz

Zeit
09.10.2026, 18:00 - 11.10.2026, 11:00 Uhr
Themenbereiche
Kapitalismusanalyse
Zugeordnete Dateien

Beschreibung

In der Zeit eines postmodernen Neoliberalismus nach dem Zusammenbruch des Ostsozialismus in den 1990er Jahren, der unbegrenzte Konsum- und Freiheitsmöglichkeiten imaginierte, fand die Ideologie des „Jeder ist seines Glückes Schmied“ bis in linke Theorien hinein Anklang, von der Beckschen Individualisierungsthese, die von Chancen und Risiken faselte, bis hin zu einer postmodernen hedonistischen Linken mit ihrem Fokus auf Popkultur und einer Feier des Konsums. Eine allgemeine Kulturalisierung des Sozialen trotz Abbaus des Sozialstaats war in nicht unerheblichen Teilen der Linken das Credo. Poststrukturalistische Theorien florierten.

Mittlerweile hat das Blatt sich längst gewendet. Spätestens seit dem Crash von 2008 folgte auf einen „progressiven Neoliberalismus“ (Nancy Fraser) ein autoritärer Neoliberalismus à la Trump, AfD, Le Pen usw. Rechte Bewegungen machten sich weltweit breit. Dem „kleinen Mann“ scheint alles „wurscht“ zu sein. In ihrer „Zerstörungslust“ schrecken viele nicht davor zurück, nicht nur „Andere“, sondern auch sich selbst in den Abgrund zu reißen (Amlinger/Nachtwey). Zölle, Abgrenzungen und Kriege in der Ukraine und in Nahost, Inflation und eine exorbitante Steigerung der Lebenshaltungskosten, aber auch Hitze und Klimawandel, die von den Rechten als irrelevant abgetan werden, bestimmen die Medien. In diesem Zusammenhang wird ein aus der Geschichte bekannter Sozialdarwinismus mehr und mehr sichtbar. Auch wenn der Rechtstrend mittlerweile Risse bekommt, Orban wurde abgewählt, Trumps Umfrage-Ergebnisse sind verheerend, ist dieser Trend weithin ungebrochen. Die AfD ist in Deutschland laut Umfragen die stärkste Partei.

Deshalb wollen wir im diesjährigen Exit-Seminar dem Thema Weltkrise, Rechtsruck und Sozialdarwinismus nachgehen.

Dieses Seminar erfolgt in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung Rheinland-Pfalz.

Fr. 19.00 – 21.30

Robert Kurz: Geisterfahrer der Geschichte (vorgetragen von Herbert Böttcher)

Robert Kurz geht es in seinem Essay »Geisterfahrer der Geschichte«, der 1993 erschienen ist, um das Aufkommen eines erneuten massiven Nationalismus und Patriotismus nach der deutschen Wiedervereinigung. Er zeigt dabei die Widersprüchlichkeit eines postmodernen ›Anything goes‹ in der damaligen Spaßgesellschaft und einem neo-nationalen Identitätswahn in ihrem inneren Zusammenhang auf. Damit verbunden kritisiert er eine Linke, die nach dem Zusammenbruch des Ostblocks, ihres Linksseins überdrüssig, zu Marktfreiheit und Postmoderne, aber auch zum Nationalismus übergelaufen ist. Zugleich weist er nach, dass ein rechtes und ein traditionsmarxistisches Denken, was Nationalismus und Heimatliebe betrifft, konvergierten, ja eine Identität bildeten, vor allem was autoritäre Haltungen betraf. Dabei stellt er klar, dass die Nation erst über Ware und Geld im 19. Jahrhundert entstand, also ein historisches Produkt und keineswegs eine ontologische Tatsache ist, die mittlerweile durch das Weltmarktverhältnis untergraben wird. Solche Widersprüche ignorierend verweist der nationale und neopatriotische Diskurs auf die Globalisierung des Ökonomischen, die sich zum Henker des Sozialen macht. Der Rekurs auf den ökonomisch wie kulturell obsolet gewordenen Nationalstaat ist der vergebliche Versuch, die Krise immanent zu managen – von daher auch der Titel »Geisterfahrer der Geschichte«. Ökonomisch klebt man an der industriellen Lohnarbeit im Wissen darum, dass viele nicht mehr gebraucht werden. Es kommt zu einer Ausgrenzung sozial Schwacher und von Minderheiten, einhergehend mit einer Brutalisierung im Alltag. Ein entleertes Marktindividuum sucht sein Heil in der Vergangenheit. Die Bewältigung der Krise muss jedoch über Bekanntes hinausgehen, jenseits eines Klassenkampfmarxismus und eines rechten und linken Denkens, das sich weithin überlappt.

Sa. 10.00 – 12.30

Roswitha Scholz

Ein neues Verfallsstadium des Kapitalismus… Zur Entwicklung der (welt-) gesellschaftlichen Verhältnisse seit 2008.

Seit dem Crash 2008 hat sich so mancherlei geändert, ja, der Kapitalismus ist in eine neue Phase des Verfalls eingetreten – so die hier vertretene These. Es kommt zu vielerlei Verwerfungen: „Ich blicke nicht mehr durch“ ist deshalb ein oft zu hörendes Statement. In dem Vortrag werden Thesen zur (welt-)gesellschaftlichen Entwicklung seit dem Crash 2008 aufgestellt, deren formanalytischer Ausgangspunkt die seit Jahrzehnten entwickelte Wert-Abspaltungs-Kritik ist. Dabei werden nicht zuletzt vulgärmarxistische Annahmen nach den „handlungsleitenden Interessen“ problematisiert. Diese Fragestellung ist zwar durchaus in einem analytischen Sinne legitim, aber dabei muss klar sein, auf welche Ebene sie sich bezieht. Denn die „kapitalistische Rationalität der sogenannten Interessen, auch der sekundären ‚politischen‘ bezieht sich immer auf die Logik des Verwertungsprozesses und seiner objektivierten, von der Konkurrenz diktierten Abläufe“. Dieser „Systemzusammenhang ist jedoch seinerseits in hohem Grade irrational: Die Kapitalverwertung stellt nun einmal einen von allen menschlichen Bedürfnissen entkoppelten abstrakten Selbstzweck dar, der letzten Endes selbst in selbstzerstörerisches Handeln nahe legt“ Robert Kurz: Weltordnungskrieg, S. 365 f.). Diese Irrationalität nimmt nach 2008 und den danach einsetzenden Deglobalisierungs-Bestrebungen eine neue Qualität an. Man könnte geradezu sagen, dass sie kulminiert.

Es ergibt sich der Widerspruch: Nach dem Crash von 2008 kann man nicht mehr weitermachen wie bisher, also versucht man der Globalisierung durch Deglobalisierungs-Maßnahmen, Nationalisierung usw. Herr zu werden. Was aber ökonomisch höchstwahrscheinlich noch weiter in die Krise und das Chaos hineinführen wird.

Vor diesem Hintergrund werden fragmentierte Überlegungen auf verschiedenen Ebenen angestellt: zu Geopolitik und -ökonomie, zu den Stellvertreterkriegen in der Ukraine und in Nahost, zu Nihilismus und Todestrieb heute, einem oberflächlichen Reichen-Bashing, zu aktuellen faschistischen Tendenzen, Geschlechterverhältnissen usw.

Sa. 15.30 – 18.00

3. JustIn Monday

Die Souveränität der identitären Internationalen

So wenig eine kritische Theorie der heutigen »Neuen Rechten« ohne Rückgriffe auf die klassischen Texte Adornos, Horkheimers und Marcuses auskommen kann, so sehr bedürfen diese einer aktualisierenden Fortschreibung. Nicht, weil diese heute im Lichte »neuerer Erkenntnis« zu relativieren wären, sondern weil auch das reaktionäre Denken, so sehr es auch Machtansprüche in Ewigkeit verkleidet, mit der Zeit geht. Einen historischen Krisenzyklus später als der Nationalsozialismus kann sich das völkische Denken daher nicht mehr so um »Volk« und »Rasse« drehen und auf die autoritäre Macht des nationalen Staats gerichtet sein, wie das damalige es war. Die heutige Rede von Souveränität und Identität ist daher von Reflexen darauf durchzogen, dass sich heute nicht eine Totalität nationaler Kapitale in der Krise befindet, sondern das Weltkapital, dass seine Souveränität transnationalisiert hat. Im Vortrag sollen sowohl die historische Genese dieser Konstellation rekonstruiert, als auch die aktuelle Gestalt betrachtet werden, die sie mit Trumps zweiter Amtszeit angenommen hat.

Sa. ab 19. Uhr Mitgliederversammlung

So. 10.00

4. Peter Bierl

Das Ausjäten der Schwachen

Wenn alle in Konkurrenz zueinanderstehen und ständig Gewinner und Verlierer sortiert werden, gehört Sozialdarwinismus zur halbbewussten Alltagsreligion. Das Leben ist die Grundlage entsprechender Ideologien und Praktiken, die im 19. Jahrhundert ausformuliert und umgesetzt wurden. Mörderischer Höhepunkt war die zwangsweise Sterilisierung und Ermordung einiger hunderttausend Menschen während des NS-Regimes.

Die Ideologie wurde nicht von Konservativen formuliert, sondern von säkularen liberalen, linken und feministischen Autor:innen, die auf eine biologische „Höherentwicklung“ der Menschheit zielten. Zu ihren Wiedergängern zählt der australische Bioethiker Peter Singer, der Behinderte, Demente und Neugeborene zu Menschen zweiter Klasse stempelt und Euthanasie empfiehlt, als Erlösung, aber auch um Geld zu sparen. Der Sozialdemokrat Thilo Sarrazin behauptete, Migrant:innen und Hartz-IV-Empfänger:innen hätten minderwertiges Erbgut.

Während der Corona-Pandemie erklärte der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer, die Maßnahmen gegen das Virus würden nur Menschen retten, die aufgrund ihres Alters sowieso bald sterben müssten. So schlimm sei das Virus nicht, gefährdet seien vor allem die Alten, schrieb Anselm Lenz, Organisator der ersten Schwurblerproteste. Auch die Klimakatastrophe als Folge kapitalistischen Wirtschaftens tötet hierzulande in erster Linie alte und kranke Menschen, wie sich in den sommerlichen Hitzewellen zeigt.

Der Referent Peter Bierl skizziert in seinem Vortrag den alten und neuen Sozialdarwinismus und seine Ursachen. Bierl arbeitet als freier Journalist. Zuletzt veröffentlichte er „Antisemitismus. Einführung in Geschichte und Theorie“ (2026), „Einmaleins der Kapitalismuskritik“ (Neuauflage 2025), „Unmenschlichkeit als Programm“ (2022) sowie „Die Legende von den Strippenziehern. Verschwörungsdenken im Zeitalter des Wassermanns“ (2021).

Anmeldung unter: seminar@exit-online.org

 

 

Kontakt

Gesine Kleen

Stellv. Regionalbüroleiterin Saarland, Rosa-Luxemburg-Stiftung Rheinland-Pfalz

Telefon: +49 6131 6274703

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