27. April 2017 Film Remake, Remix, Rip-Off

Information

Veranstaltungsort

naTo
Karl-Liebknecht-Straße 46
04275 Leipzig

Zeit

27.04.2017, 19:30 - 21:30 Uhr

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Eine Veranstaltung der Cinémathèque Leipzig e.V. mit Unterstützung der RLS Sachsen

Cem Kaya, Türkei/BRD 2016, Dok, 96 min, OmU

 

Im Anschluss Gespräch mit dem Regisseur Cem Kaya über die ambivalente Geschichte der
türkischen Filmindustrie und ihre Akteur*innen.

 

Am 16. April 2017 wird in der Türkei über eine Verfassungsänderung abgestimmt, die dem
amtierenden Präsidenten noch mehr Macht verschaffen wird, als er sie bereits jetzt ausübt.
Dabei zeigen die Einschüchterungsversuche schon jetzt erschreckende Ausmaße. Dass
in Deutschland ebenfalls Bespitzelungen und Angriffe auf politische Gegner*innen erfolgen,
ist ebenso bedenklich, wie die Großveranstaltungen, auf denen prominente Vertreter der AKP
für ein Ja zur Verfassungsänderung werben. Der Ausgang des Referendums ist offen, allerdings
ist zu befürchten, dass die systematische Ausschaltung der politischen Opposition die Chancen
für eine Mehrheit des NEINs verringern werden.

Die Reihe Türkei: Zensur und Widerstand widmet sich in unregelmäßigen Abständen der
Geschichte und Gegenwart der Türkei und den historischen Kontinuitäten politischer
Einflussnahme auf unterschiedliche Lebensbereiche.

Den Auftakt bildet der Dokumentarfilm REMAKE, REMIX, RIP-OFF von Cem Kaya:

Die türkische Filmindustrie „Yeşilçam“ gehörte in den 60er und 70er Jahren mit bis zu
350 „Neu“-Erscheinungen pro Jahr zu den produktivsten der Welt und das, obwohl es weder
Filmschulen noch angemessene Ausrüstung gab und die gesamte Branche einer strengen
Zensur-Behörde unterstand. Mit der amerikanischen und europäischen Konkurrenz konnte man
eigentlich nicht mithalten und deswegen gingen die wenigen Regisseure und Drehbuchautoren
auf eigene Weise kreativ-imitierend mit den großen Hollywood- Vorbildern um: Ob „Der Exorzist“,
„Star Wars“ oder „Rambo“, es wurde kaum ein Hit ausgelassen, der nicht einem Remake unterzogen,
kopiert und auf den Geschmack des Publikums angepasst wurde. Neben einer Handvoll Autorenfilme
entstanden so türkische Superheldenfilme, pseudo-historische Sandalenschmonzetten, türkische Thriller,
anatolische Western, Komödien und schließlich Hardcore-Pornos.

In einer Zeit, die global und lokal durch den Kalten Krieg, Studierendenproteste, politische Unruhen und
Zensur definiert wurde, versuchten die (ausschließlich männlichen) Regisseure von Yeşilçam, die Kluft
zwischen kommerziellen Produktionen und ihren eigenen künstlerischen zu schließen.

Mit dem Aufkommen des Fernsehens Mitte der 70er Jahre und dem Militärputsch 1980 begann der
Niedergang Yeşilçams. Viele sozialkritische Filme wurden beschlagnahmt und zerstört. Bis heute werden
Filme von Regisseuren wie Yılmaz Güney nicht öffentlich gezeigt. Trauriger Höhepunkt dieser Entwicklung
war der Abriss des ältesten Kinos in Istanbul im Jahr 2013, nur wenige Wochen vor Beginn der Gezi-Proteste.

Der Film gibt einen Einblick in die historischen Kontinuitäten politischer Einflussnahme auf die Filmproduktion
der Türkei. Die politische Kontrolle über die Filminhalte und der ökonomische Druck haben die Arbeit der
Filmschaffenden in der Türkei über die Zeit hinweg maßgeblich beeinflusst.

 

 

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