Beschreibung
Beeinflusst durch utopisch-sozialistische Ideen errichteten jüdische Zuwanderer aus Osteuropa in Palästina bereits während der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts genossenschaftlich organisierte landwirtschaftliche Siedlungen - Kibbuzim und Moschavim. In ihnen sahen die Vordenker und Politiker des zionistischen Siedlungswerkes eine produktive Möglichkeit, trotz geringer finanzieller Ressourcen den Boden in Besitz zu nehmen, die eingewanderten Jüdinnen und Juden wehrhaft im Lande zu verwurzeln und den körperlich tätigen „neuen“ Menschen, den Chaluz (Pionier), zu formen. Sie definierten als Ziel die Errichtung einer auf wirtschaftlicher und sozialer Gleichheit basierenden sozialistischen Gesellschaft. Privateigentum und Lohnarbeit wurden strikt abgelehnt. Beschlüsse fasste nur die Vollversammlung. Der erste Kibbuz – Degania – wurde 1909/10 am Südufer des Sees Genezareth gegründet.
Die Gemeinschaftssiedlungen veränderten nicht nur die demographischen und wirtschaftlichen Strukturen des Landes, sie nahmen auch bedeutenden Einfluss auf die institutionelle und soziale Ausgestaltung des Jischuv, des jüdischen Gemeinwesens in Palästina, und ab 1948 des Staates Israel. Sie brachten einen bedeutenden Teil der aschkenasischen sozialistisch-zionistischen Elite in Politik und Armee hervor. So waren ein Drittel der Mitglieder des ersten israelischen Kabinetts, einschließlich des Premierministers, und ein Fünftel der 1949 gewählten Knessetabgeordneten Kibbuzmitglieder.
Integraler Bestandteil der Kibbuzkultur war der Gedanke des Selbstschutzes und der Wehrhaftigkeit. Die Gemeinschaftssiedlungen spielten eine bedeutende Rolle für die Landnahme und die Entwicklung neuer Siedlungsformen – insbesondere in strategisch wichtigen Grenzregionen Israels und nach 1967 in den besetzten arabischen Gebieten, vor allem auf dem Golan und im Jordantal.
Seit der Staatsgründung musste sich der Kibbuz mehrfach neuen Existenzbedingungen stellen. Er durchlief einen schmerzhaften Prozess der Entmythologisierung und der schrittweisen Marginalisierung. Hatten die Kibbuznikim 1949 noch 7,8% der jüdischen Bevölkerung gestellt, so waren es 1992 lediglich 2,9% und 2018 – 1,8%. Ab Mitte der 1980er Jahre erfolgten gravierende strukturelle Veränderungen. Privatisierung, Abwanderung der Kibbuzbevölkerung und schrittweise Umwandlung vieler Gemeinschaftssiedlungen in „normale“ Gemeinden beendeten das historische Projekt. Bis zur Gegenwart blieben die Kollektivsiedlungen jedoch Hort linkssozialistischen Gedankengutes, Impulszentren sozial betonter Gesellschaftsprogrammatik und Heimat einer großen Zahl israelischer Friedensaktivistinnen und -aktivisten.
Dr. Angelika Timm ist Nahostwissenschaftlerin und Israel-Expertin (Promotion 1976, Habilitation 1987). Sie lehrte an der Humboldt Universität (1988-1998), an der Freien Universität Berlin (1999-2002) und an mehreren israelischen Universitäten, u. a. an der Bar-Ilan Universität in Ramat Gan (2002-2007). Von 2008 bis 2015 leitete sie das Israel-Büro der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Tel Aviv.
Zahlreiche Publikationen über den Nahen Osten, Israel und das deutsch-israelische Verhältnis, u.a. Israel. Geschichte des Staates seit seiner Gründung, Bonn 1994 u. 1998; Hammer, Zirkel, Davidstern. Das gestörte Verhältnis der DDR zu Zionismus und Staat Israel, Bonn 1997; Israel – Gesellschaft im Wandel, Opladen 2003; 100 Dokumente aus 100 Jahren. Teilungspläne, Regelungsoptionen und Friedensinitiativen im israelisch-palästinensischen Konflikt (1917-2017), Hrsg., Berlin 2017.