10. Juni 2021 Diskussion/Vortrag Pathische Aneignung und völkischer Sog

Was wir über «Querdenker», Verschwörungsmythen und das Framing durch organisierte Nazis wissen müssen und was wir mit politischer Bildung dagegen tun können

Information

Veranstaltungsort

Online oder Analog

Zeit

10.06.2021, 18:30 - 20:30 Uhr

Themenbereiche

Neonazismus / Rassismus, Politische Weiterbildung

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Pathische Aneignung und völkischer Sog

Eine amorphe, nur in Teilen organisierte Bewegung mit deutlich reaktionärer und rechts-nationalistischer Tendenz versammelte sich immer wieder in den zurückliegenden Jahren auf den Straßen Deutschlands. Ob Montagsdemos, Friedenswinter, Pegida oder zuletzt die sog. Hygienedemos – Forderungen aus diesen Kontexten sind eine Art Umsturz, Systemwechsel oder «Neuanfang» mit «verfassungsgebender Versammlung» zur Beendigung eines vermeintlichen alliierten, wahlweise finanzoligarchischen, in jedem Fall «fremdbestimmten» Besatzungsregimes. Das Mobilisierungspotenzial von mehreren zehntausend Menschen ist beträchtlich.

Bemerkenswert und kennzeichnend für die Einschätzung dieser neuen rechten Bewegungen von «besorgten Bürgern» und «Querdenkern» ist eine Mélange an ideologischen, politischen und assoziativen Versatzstücken, die hier scheinbar beliebig zusammengeschraubt werden. Rhetorisch wird eine fundamentale Kritik am Ist-Zustand formuliert, die hoch anschlussfähig ist für unterschiedliche und inkonsistente politische Vorstellungen aber eben auch für völkisch-nationalistische Argumentationen.

Dabei sind Anschlussmöglichkeiten für eine Vielzahl von Personen und Gruppen gegeben, die – mutmaßlich mit nur wenig politischer Erfahrung oder Bildung – ohne Arg fragen, was daran falsch sein kann, für das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland auf die Straße zu gehen. Unbemerkt oder bewusst unbeachtet bleibt dabei, dass organisierte Nazis die Großdemonstrationen für ihre Zwecke – zum Beispiel jüngst die Bilder der Aktion auf der Reichstagstreppe – instrumentalisieren und so medial auch kapern. Transportiert werden diese rechten Narrative durch – häufig dezidiert antisemitische – Verschwörungsfantasien und hochgejazzte Falschmeldungen in den Sozialen Netzwerken und Messenger-Diensten. Die benutzten Symbole und Figuren, von der Reichskriegsflagge über «Judensterne» mit der Aufschrift «ungeimpft» bis hin zu den Ikonen Anne Frank, Sophie Scholl, Ernesto Che Guevara und Mahatma Ghandi erlauben es Vielen, sich guten Glaubens den Protesten anzuschließen, und erschweren für viele «Ungeübte» die Sache stichhaltig einzuschätzen.

Besonders für einen linken Diskurs ist es enorm schwierig, die zum Teil richtige Kritik der Protestierenden an den herrschenden Verhältnissen vor dem Zugriff der Ideolog*innen in den Reihen der Querdenker*innen zu schützen und gegen die völkische Aufladung vorzugehen. Dies wollen wir an diesem Abend versuchen.

Mit:

Friedrich Burschel ist Referent zum Schwerpunkt Neonazismus und Strukturen/Ideologien der Ungleichwertigkeit bei der Akademie für Politische Bildung der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin. Er war über fünf Jahre akkreditierter Korrespondent des nicht-kommerziellen Lokalsenders Radio Lotte Weimar im NSU-Prozess und ist Mitarbeiter von NSU-Watch (www.nsu-watch.info). Seit Ende des NSU-Prozesses hat er zahlreiche weitere Prozesse zu rechten Umtrieben in den bewaffneten Organen der BRD, zu neonazistischen Mordanschlägen und rechtem Terror beobachtet.

Die Teilnahme ist kostenfrei.


Salon Bildung 2021:

Transformatorische Bildung in Zeiten einer gesellschaftlichen Polarisierung

Mit dem Salon Bildung betreibt die Rosa-Luxemburg-Stiftung ein öffentliches Format, das in der Tradition politischer Salons steht. Auf den Veranstaltungen diskutieren wir zu aktuellen Themen der emanzipatorischen Bildung. Wir laden Menschen ein, die etwas Spannendes zu sagen haben, und diskutieren anschließend gemeinsam ihre Positionen. In angenehmer und geselliger Atmosphäre lassen wir den Abend ausklingen.
Die Veranstaltungsreihen des Salon Bildung sind eine Kooperation zwischen Studienwerk und der Akademie für politische Bildung.

Alle Veranstaltungen:

18. März: Klassismus und Wissenschaft
10. Juni: Pathische Aneignung und völkischer Sog
9. September: Kritische Haltung ist wichtiger als Methoden
9. Dezember: Gegenkultur als Kettenbrecherin

Kontakt

Dr. Marcus Hawel

Stv. Direktor des Studienwerks, Rosa-Luxemburg-Stiftung

Telefon: +49 30 44310457