12. Mai 2022 Diskussion/Vortrag Fern von den Siegern, nah bei den Verlierern

Seismographen des Wandels IV

Information

Veranstaltungsort

Rosa-Luxemburg-Stiftung
Bibliothek
Straße der Pariser Kommune 8A
10243 Berlin

Zeit

12.05.2022, 19:00 Uhr

Themenbereiche

Deutsche / Europäische Geschichte, Erinnerungspolitik / Antifaschismus, Migration / Flucht, Kunst / Performance, Europa der Vielen

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Fern von den Siegern, nah bei den Verlierern
Eine niederländische Lehrerin führt eine Gruppe von geflüchteten Kindern an, die gerade aus einem Schiff in den Tilbury Docks in Essex ausgestiegen sind (1945).

Flucht und Exil sind Hauptstraßen im künstlerischen Kosmos von Steffen Mensching. Im Clownduo mit Hans-Eckardt Wenzel sang er angesichts der Einschränkungen des Asylrechts und des Sterbens im Mittelmeer, das zur gefährlichsten Grenze der Welt sich wandelte, bereits 1992 «Sie werden kommen». In Gedichten bis zum aktuellen Band «In der Brandung des Traums» (2021) werden Flüchtlingsschicksale erzählt, das originelle Traumbuch des Exils von Rudolf Leonhard gab er heraus, die rettende Flucht von Juden in die USA veranschaulicht er im Roman «Jacobs Leiter» (2003). Die beiden Hauptgestalten in «Schermanns Augen» (2018), Rafael Schermann und der Otto Hafernkorn, gelingt es, den Nazis zu entkommen, aber sie landen in Stalins Lagersystem.

In einem Intermezzo zeigen wir einen Ausschnitt aus dem Dokumentarfilm «Gefangen in der Hungersteppe»(Achim Engelberg/Günter Heinzel, 2008), der die Überreste der Lagerwelt zeigt, in der der reale Schermann litt und starb.

Der Abend schlägt einen Jahrhundertbogen vom Ersten Weltkrieg bis in unsere Tage, wo Millionen aus der Ukraine fliehen und das Sterben im Mittelmeer wieder einmal in den Hintergrund gerät, aus der von Steffen Mensching gestalteten Perspektiven der Fliehenden, die ihn bis in den Traum verfolgen.

Geschichten von Fliehenden ähneln den Botenberichten des klassischen Dramas: In ihnen verdichten sich planetarische Konflikte, gestern wie heute. Bereits Bertolt Brecht, der vom sowjetischen Wladiwostok im Juni 1941 den Pazifik überquert hatte und im kalifornischen Santa Monica angekommen war, sah «auf dem letzten Boot» eine neue «Landschaft des Exils», so der Titel seines Ankunftsgedichts, in dem er sich und seinesgleichen als «Boten des Unglücks» bezeichnete. Als solche sind Flüchtlinge nicht nur Seismographen einer Epoche, die von jeher durch historische Ereignisse und Unglücke gekennzeichnet ist, sondern sie prägen zunehmend die Erinnerungskulturen in den großen Städten, die dem Turm von Babel ähneln. Oft flieht man dorthin, wohin andere zuvor ausgewandert sind.

Die bisherigen Veranstaltungen der Reihe «Seismographen des Wandels» sind auf unserer Website dokumentiert: Teil 1; Teil 2 sowie Ankündigung Teil 3.

Zur Diskussion stellen sich aber auch Fragen: Welche Rolle kann Literatur bei der Bewusstwerdung der Welt spielen? Wie engagiert sich Literatur für Veränderungen in der Welt, ohne in den Dienst genommen zu werden? Wie kann, wie sollte sie das anscheinend Wirkliche in Frage stellen? Muss sie, wie Brecht im Exil meinte, immer noch von den Eigentumsverhältnissen sprechen?

Steffen Mensching, Enkel von Karl Marx und Karl Valentin, bleibt ironisch-utopisch: «...die jüngste / Vergangenheit hat in diesem Land / zum gegenwärtigen Zeitpunkt / nicht die Spur einer Zukunft».

  • Steffen Mensching, studierte Kulturwissenschaften an der HU Berlin. In den 1980er Jahren wurde er als Clown im Duo mit Hans-Eckardt Wenzel bekannt. Er ist Schriftsteller und Regisseur, Schauspieler und Intendant sowie diesjähriger Träger des Berliner Literaturpreises. Aktuell übt er die damit verbundene Gastprofessur für deutschsprachige Poetik am Peter-Szondi-Institut der FU Berlin aus. Mensching liest Lyrik aus «In der Brandung des Traums» und aus seinem - nach Christoph Hein - Jahrhundertroman «Schermanns Ende» (beide Wallstein Verlag).
  • Achim Engelberg, Publizist und Buchautor, befragt Steffen Mensching und liest eine Passage aus seinem aktuellen Buch «An den Rändern Europas» (DVA/Penguin Random House) über Flüchtlinge gestern und heute.

Um den Gästen einen sicheren Besuch der öffentlichen Veranstaltungen zu ermöglichen, behält die Stiftung die Verpflichtung zum Tragen einer FFP2-Maske bei. Das Betreten des Gebäudes ist nur mit einer FFP2-Maske gestattet. Die Maske ist während des gesamten Aufenthaltes zu tragen, auch auf dem Sitzplatz, und darf lediglich zum Verzehr von Getränken und Speisen abgenommen werden. Die 3G-Nachweispflicht entfällt.

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Referatsleiter Geschichte, Rosa-Luxemburg-Stiftung

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