Nachricht | Erinnerungspolitik / Antifaschismus - Antisemitismus (Artikel) Mit 13 in Auschwitz

Buchvorstellung der deutschen Übersetzung von Tomáš Radil: «Ein bißchen Leben vor diesem Sterben»

Information

Autor

Hubert Laitko,

Das Buch, von dem hier die Rede ist, handelt vom größten und grausamsten aller Menschheitsverbrechen, dem Holocaust. Es beleuchtet dieses weltgeschichtliche Unheil aus einer besonderen, individuellen Perspektive, der Erlebniswelt eines jüdischen Jungen, der als Dreizehn- bis Vierzehnjähriger durch die Hölle von Auschwitz gegangen ist und sie überlebt hat – dank einem raren Zusammentreffen von Zufall, Geschick, Wachsamkeit und erwiesener Solidarität. Die Verbindung der beiden polaren Perspektiven – der geschichtswissenschaftlichen Charakteristik des Gesamtphänomens und des unwiederholbaren, einmaligen Erlebens eines Betroffenen – ist unerlässlich, um sich dem Begreifen des Unbegreiflichen wenigstens in kleinen Schritten zu nähern.

Tomáš Radil: «Ein bißchen Leben vor diesem Sterben»

Details

Tomáš Radil gehört zu den wenigen Jugendlichen, die Auschwitz überlebten und darüber berichten konnten. Prof. Dr. Hubert Laitko hat die tschechische Originalausgabe übersetzt. In dieser Aufnahme stellt er zusammen mit der Schauspielerin Hanna Petkoff das Buch mit seinen ausordentlich berührenden Erinnerungen vor. Mit einer Einleitung von Florian Weis, Historiker und Referent für Antisemitismus und jüdisch linke Geschichte und Gegenwart in der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Einführung in die deutsche Erstausgabe und drei Leseproben:
Tomáš Radil: «Ein bißchen Leben vor diesem Sterben»
Arco, 2020
Aus dem Tschechischen von Hubert Laitko

Aufnahme vom 19.12.2023

Das Geschenk, das der Prager Neurowissenschaftler Tomáš Radil mit seinem Erlebnisbericht den Nachgeborenen übereignet hat, ist beides zugleich: emotional tief berührend und rational durchdrungen, in seinem Erkenntniswert kaum zu überschätzen. Seit jenem frostigen Wintertag des letzten Weltkriegsjahres 1945, als der nunmehr vierzehnjährige Tomáš das endlich geöffnete Lagertor durchschritt und sich über die verschneite Landstraße auf den Weg nach Krakau machte, mussten rund sechzig Jahre vergehen, bis er sich gerüstet sah, die Erinnerungen an das schreckliche Finale seiner Kindheit in die lesbare Form eines in sich geschlossenen Reports zu gießen. Dazwischen lag ein reiches Gelehrtenleben, das Radil als Forscher an der Tschechoslowakischen (später: Tschechischen) Akademie der Wissenschaften und als Hochschullehrer an der Karlsuniversität in Prag verbrachte und das ihn immer wieder zu Tagungen, Forschungsaufenthalten und Gastprofessuren in Wissenschaftszentren der ganzen Welt führte.

Hubert Laitko, Wissenschaftshistoriker und Philosoph, übersetzte die tschechischen Originalausgabe von Tomáš Radil ins Deutsche.

Das Fazit sechzigjährigen Nachdenkens ist unverkennbar in seinen Auschwitz-Report eingeflossen – meist im Hintergrund der Erzählung verborgen, hin und wieder aber auch explizit an- und ausgesprochen. Es ist wohl dieser lebenslange Reflexionsprozess, der das aus ihm hervorgegangene Erinnerungsbuch zu etwas Außerordentlichem macht und ihm auch im Korpus der Überlebendenliteratur des Holocaust eine Sonderstellung zuweist. Das ist nicht allein mein persönlicher Eindruck. Yehuda Bauer, der langjährige wissenschaftliche Direktor der berühmten Holocaust-Gedenk- und Forschungsstätte Yad Vashem in Jerusalem, nennt das Buch «ganz außergewöhnlich» und «einzigartig». Radil hatte selbst Yad Vashem besucht und stand mit Bauer in Verbindung; eine englische Übersetzung seines Buches wurde in dieser Institution angefertigt. Als im August 2021 die traurige Nachricht von Radils Tod um die Welt ging, veröffentlichte die Schriftstellerin und Soziologin Alena Wagnerová in der «Neuen Zürcher Zeitung» eine Besprechung des Buches; darin berichtete sie, Freunde hätten ihr unter dem Eindruck der Todesnachricht gesagt: Wenn es ein Weltkulturerbe des Gedächtnisses gäbe, würde dieses Buch dazugehören.

Ich selbst war von Radils Buch seit der ersten Kenntnisnahme des Textes beeindruckt und erschüttert, und meine Faszination ist noch gewachsen bei den oft sehr mühsamen Versuchen, für bestimmte Passagen daraus eine passende deutsche Ausdruckform zu finden. Wenn ich irgendwo Zweifel hatte, dann an meinem Vermögen, diesen Text angemessen ins Deutsche zu übertragen. Diese Zweifel habe ich nie ganz überwinden können, auch wenn mir Professor Radil selbst sein Einverständnis zu der vorliegenden Übersetzung erklärt hatte.

Holocaust se může opakovat – jiným způsobem na jiném místě – Der Holocaust kann sich wiederholen – auf andere Art an einem anderen Ort.

Tomáš Radil

Vielleicht aber muss ich mir noch weitaus mehr als etwaige sprachliche Inkompetenzen zum Vorwurf machen, dass ich die aktuelle Brisanz dieses Buches ungenügend verstanden hatte. Als ich mit der Übersetzung befasst war, hatte ich Radils Zeugnis zwar als Aufforderung gelesen, in der geistigen Auseinandersetzung mit dem Holocaust und seinen Wurzeln nicht nachzulassen, doch ich neigte zu der Ansicht, dass wir den zur mörderischen Konsequenz  getriebenen Judenhass ein für allemal hinter uns hätten und dass Fälle von aggressivem Antisemitismus nichts anderes wären als vereinzelte, erratische Ausbrüche archaischer Denkmuster, bloße Singularitäten, Fremdkörper inmitten einer in ihrem demokratischen Selbstverständnis gefestigten Gesellschaft.

Radil selbst hätte eine solche Haltung vermutlich als blauäugig gewertet. Er war sich von vornherein nicht sicher, ob alle die enormen Bemühungen, aus der jüngsten Geschichte zu lernen – Bemühungen, an denen er mit ganzer Kraft teilnahm –, am Ende ausreichen würden, um eine Wiederholung des Holocaust für alle Zukunft zuverlässig auszuschließen. Als 2014 das Prager Internetportal Paměť národa («Gedächtnis des Volkes oder der Nation») mit ihm ein Interview führte, äußerte er sich kritisch zum verbreiteten Topos von der Einmaligkeit und Einzigartigkeit der Shoah: «Zur Unwiederholbarkeit von Genoziden, wie es der Holocaust war, muss ich auf der Grundlage eigener Erfahrungen und auch auf der Grundlage dessen, was in der Welt geschieht, leider eine skeptische Haltung einnehmen».

Mit den Jahren schwand seine Skepsis nicht, sie wurde eher noch größer. 2021, in seinem letzten Sommer, den er zusammen mit seinen nächsten Angehörigen im gemeinsamen Ferienhaus der Familie verbrachte, bekannte er unter dem Eindruck des Weltgeschehens, das er bis zuletzt aufmerksam verfolgte, die Dämonen von Auschwitz würden ihn in seinen Träumen nun wieder öfter und heftiger heimsuchen, und es sei für ihn nun wohl an der Zeit zu gehen. Einige Jahre früher hatte er sein Urteil mit aller Entschiedenheit formuliert: «Holocaust se může opakovat – jiným způsobem na jiném místě» – «Der Holocaust kann sich wiederholen – auf andere Art an einem anderen Ort».

Tomáš Radil: «Ein bißchen Leben vor diesem Sterben»
Aus dem Tschechischen von Hubert Laitko
Arco, 2020
ISBN 978-3-938375-68-6

Vor dem Hintergrund des Massakers, das Terrorkommandos der Hamas am 7. Oktober 2023 – reichlich zwei Jahre nach Radils Tod – unter israelischen Zivilisten anrichteten, der israelischen Vergeltungsaktionen und des widersprüchlichen Echos, das diese Ereignisse weltweit ausgelöst haben, werden Radils mahnende Worte zu einer düsteren Prognose. In Erwiderung auf einen Artikel von Slavoj Žižek, dem sie eine unentschiedene Mittelposition zwischen Israel und der Hamas vorwarf, schrieb die israelisch-französische Soziologin Eva Illouz am 30. November, dieses Massaker lasse «das Gespenst des mörderischen Antisemitismus wiederauferstehen…», der sich zudem «blitzschnell internationalisiert» habe: «…die triumphierende Barbarei, mit der Hamas-Terroristen Menschen enthaupteten, Frauen so brutal vergewaltigten, dass ihre Hüften auf ihren Körpern ausgerenkt wurden, und Kinderkörper verbrannten, lässt keinen Zweifel an ihrer genozidalen Absicht übrig».

Illouz bedient sich gewöhnlich einer reflektierten, zurückhaltenden Sprache. Wenn eine Autorin ihres Ranges zu so harten Wertungen greift, dann sollten wir darin ein alarmierendes Symptom für die inzwischen eingetretene Verletzung des jüdischen Selbstbewusstseins erkennen. Die Wiederkehr des «mörderischen Antisemitismus» ist nicht mehr nur eine vage konturierte Möglichkeit am Horizont der Geschichte, sondern bereits bestürzende Wirklichkeit.

Tomáš Radils Auschwitz-Erinnerungen, die von jenem «mörderischen Antisemitismus» in seiner bisher entsetzlichsten Vollendung Zeugnis ablegen, sind damit weitaus mehr als nur ein interessantes und bewegendes historisches Dokument. Sie sind ein Buch zur Stunde, so aktuell, als wären sie ausdrücklich mit dem Ziel geschrieben worden, hier und heute ihre Wirkung zu tun und in die existenziellen Auseinandersetzungen unserer Gegenwart einzugreifen.
 

Hubert Laitko, Dezember 2023