20. Februar 2024 Ausstellung/Kultur Paper War

Zeitunglesen im Exil – Amerika 1941–1947: Eine Ausstellung zu Bertolt-Brecht

Information

Veranstaltungsort

Rosa-Luxemburg-Stiftung
Straße der Pariser Kommune 8A
10243 Berlin

Zeit

20.02.2024, 18:00 - 14.06.2024, 18:00 Uhr

Themenbereiche

Deutsche / Europäische Geschichte, Kommunikation / Öffentlichkeit, Kunst / Performance

Zugeordnete Dateien

Paper War
Filmplakat Quelle: IMDb

Bertolt Brecht wurde von den Nationalsozialisten 1933 ins Exil vertrieben. Nach Jahren in Skandinavien lebte er von 1941 bis 1947 im Exil in den USA. Erst nach 15 Jahren konnte er wieder nach Deutschland zurückkehren und gründete mit seiner Frau Helene Weigel das «Berliner Ensemble», ein Theater, dass innerhalb weniger Jahre durch die Aufführung von Brechts Theaterstücken zu Weltruhm gelangte.

Während seines amerikanischen Exils hatte er nur wenige Möglichkeiten, am Theater zu arbeiten. Deshalb konzentrierte er sich auf das Schreiben neuer Stücke und setzte seine theoretischen Überlegungen zu einer neuen Form des Theaters und der Literatur für eine neue Gesellschaft fort.

Zwei wichtige Arbeiten, in denen er sich vor allem mit den ihn umgebenden Schrecken des Zweiten Weltkrieges beschäftigte, waren seine als «Arbeitsjournal» erst nach seinem Tod veröffentlichten «Journale» und die Fotoepigramme, die 1954 als «Die Kriegsfibel» als Buch erschienen.

Neben der «Kriegsfibel» sind die Journale, die er seit 1938 führt, die Hauptquelle dieser Ausstellung, die sich nicht mit dem Dramatiker, Regisseur oder marxistischen Theoretiker befasst, sondern seine Lyrik und zwei seiner Hauptwerke der Exilzeit betrachtet, die Brecht als «Medienpraktiker» zeigen, der die Zeitung als Quelle für eine hoch entwickelte Text-Bild-Montagetechnik verwendet.

In beiden Werken, die bereits im skandinavischen Exil begonnen wurden, benutzte er Texte und vor allem Fotos, die er aus Tageszeitungen und Magazinen ausschnitt und mit eigenen Texten zusammen führte.

Drei Monate vor seiner Flucht aus Finnland durch die Sowjetunion und über den Pazifik bis in die USA schreibt Brecht in sein JOURNAL:

«daß diese aufzeichnungen so wenig privates enthalten, kommt nicht nur davon, daß ich selbst mich für privates nicht eben sehr interessiere (und kaum eine darstellungsart, die mich befriedigt, dafür zur verfügung habe), sondern hauptsächlich davon, daß ich von vornherein damit rechnete, sie über grenzen von nicht absehbarer zahl und qualität bringen zu müssen. der letztere gedanke hält mich auch davon ab, andere als literarische themen zu wählen.» (21. April 1941)

Veranstaltungen:

20.2., 18 Uhr: Paper War
Vernissage der Bertolt-Brecht-Ausstellung

22.2., 18 Uhr: «Art is a Weapon»
Film über Angel Wagenstein (USA, Dokfilm 85 min) 

Die Notiz ist so aufschlussreich wie widersprüchlich, denn Brecht hatte in seinen Gedichten schon seit Langem eine Darstellungsart für Privates gefunden. Aber vor allem fällt die Doppeldeutigkeit auf, mit der er den Begriff der «grenze» verwendet. Auf den ersten Blick scheinen es die Grenzen zu sein, die er «öfter die Länder als die Schuhe wechselnd» – so beschreibt er  es in dem Gedicht «An die Nachgeborenen» – auf seinem Weg im Exil überschreiten muss. Doch was ist mit der «qualität» der Grenzen gemeint? Es scheint, als ob Brecht die literarischen Grenzen des Tagebuchs und der Chronik von Anfang an überschreiten wollte. In Ermangelung von Bühnen und Schauspielern baute er sich im JOURNAL ein «Papiertheater» auf und ließ darin all jene Figuren agieren die ihm auf seiner Flucht über die Kontinente des Exils und des Weltkriegs begegneten. Von Stalin und Hitler, Churchill und Mussolini über Adorno, Benjamin, Chaplin, Dessau, Eisler, Feuchtwanger, Kortner, Laughton und die Brüder Mann bis zu seiner Frau Helene Weigel, seinen Kindern und Geliebten, treten darin immer wieder neue Protagonisten auf, die seine Arbeit und sein Leben entscheidend prägten. Ihnen begegnete er im Alltag des Exils wie in den Zeitungen und Magazinen, die er regelmäßig und gründlich nach Material absuchte.

Wie beim Marsch des «braven Soldaten Schwejk» über die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs – der nur ein «privates» Ziel hat, nämlich als Mensch zu überleben, während seine Vorgesetzten das »politische« Ziel hatten, ihn umkommen zu lassen –  fügt sich bei Brecht, der den Zweiten Weltkrieg nur aus der Entfernung und vermittelt durch die Medienberichterstattung miterlebte, das Private mit dem Politischen in Form einer Montage aus Anekdoten, Beobachtungen, Reflexionen und Bildern zu einer Chronik des 20. Jahrhunderts zusammen.

Die Ausstellung «Brechts Papierkrieg» zeigt die epische Dramaturgie dieser Chronik und ihre Quellen. Durch eine umfangreiche Recherche konnte herausgefunden werden, woher Brecht die Zeitungsfotos genommen hat, die er für seine Montagen/Collagen verwendete. So können wir heute nicht nur seine Texte lesen, sondern auch erfahren, welche Zeitungstexte er gelesen hat.

Mit dem Abstand von 80 Jahren stellt sich heraus, dass trotz der großen Veränderungen in der Welt Brechts Texte an Aktualität nichts verloren, ja sogar einiges gewonnen haben. Der Kampf um den Frieden, für Gerechtigkeit, gegen Ausbeutung und eine lebenswerte Welt hat nur seine Formen geändert, ist aber genau so dringend wie eh und je.

Die Ausstellung will auch Brechts Arbeitsmethode einer neuen Materialästhetik nachvollziehbar machen. Sie unternimmt den Versuch, ein komplexes Panorama aus Kunst, Politik und Kriegsgeschehen dazustellen, damit sich künftige Lesende ihr Bild von den historischen Ereignissen des vergangenen Jahrhunderts als «Ko-Produzierende» selber zusammensetzen können.

«dieser tage habe ich das ganze journal oberflächlich überflogen. (...) ich werde mühe haben, diese anhaltspunkte wirklich einmal zu benutzen. da werden gewissen grenzen eingehalten, weil eben grenzen zu überschreiten sind

Das schreibt Brecht am 21. April 1942. Seine Theaterarbeit in Berlin zwischen 1949 und 1956 war der Versuch, diese künstlerischen und auch einige politische Grenzen unter den Bedingungen des Kalten Krieges zu überschreiten.              

Das JOURNAL sollte ihm dabei als Modellbuch für eine Ästhetik der Erinnerung dienen.

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Kontakt

Michaela Klingberg

Kulturforum, Rosa-Luxemburg-Stiftung

Telefon: +49 30 44310 160