Documentation Von einer Parteidisziplin in die nächste?

Vor 90 Jahren wurde in Gotha die USPD gegründet.

Information

Event location

Hotel „Am Schlosspark“
Lindenauallee 20
99867 Gotha

Date

28.04.2007

Themes

History

Als relevante politische Kraft der sozialistischen Arbeiterbewegung existierte die USPD von 1917 bis 1922. 1920 verlor sie nahezu ihren gesamten linken Flügel an die KPD und damit wesentliche Bestandteile ihrer ursprünglichen Substanz. 1922 erfolgte ihre Wiedervereinigung mit der SPD. Der Versuch, ein alternatives Konzept zur Politik von SPD und KPD zu finden, scheiterte. Das bedeutet jedoch nicht, daß alle Ansätze und Konzepte zu verwerfen wären. Die sich gegenwärtig neu formierende Linke in Deutschland sollte aus den Fehlern aller Arbeiterparteien, insbesondere auch aus denen der USPD, lernen und alle demokratisch-sozialistischen Ansätze kritisch aufnehmen, die von dieser Partei in Auseinandersetzung mit SPD und KPD entwickelt wurden.

Bericht über die Tagung:

Die 1917 aus Protest gegen den Kriegskurs der Mehrheitsozialdemokratie ins Leben gerufene Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD) ist bis heute in Schulunterricht und im allgemeinen Bewußtsein ein absolutes Randphänomen. Ihre kurze Lebensdauer von nur fünf Jahren, aber auch die allgemeine Verdrängung sozialistischer Themen aus dem öffentlichen Diskurs tragen ihren Teil zur Ausblendung dieses Kapitels deutscher Geschichte bei.

Um so löblicher ist das Projekt der Thüringer RLS, die Geschichte der USPD in einer historischen Konferenz ins Bewusstsein zu rücken. Ausgehend von der Entstehung und Geschichte der USPD sollten vor allem deren Konzepte eines Demokratischen Sozialismus, die in Auseinandersetzung sowohl mit der Mehrheits-SPD als auch mit der KPD entwickelt wurden, beleuchtet werden. Bewusst wagte man den Sprung in die Gegenwart und den Bezug der Ergebnisse auf die Debatten um die neue Linkspartei. Auch dies ist bemerkenswert, denn ein Lernen aus der Geschichte der Arbeiterbewegung für heutige Politische Praxis findet zurzeit in organisierter Form in Deutschland faktisch nicht statt.

Den Beginn der Veranstaltung machte Steffen Kachel mit einem Referat zur USPD als „Dritter Weg“. Er betonte die historischen Möglichkeiten des Projektes USPD und erteilte der Mehrheitsmeinung unter HistorikerInnen, die USPD sei wegen ihrer Heterogenität ein von Anfang an zum Scheitern verurteiltes Projekt gewesen, eine klare Absage. Es folgte ein kritisches Referat von Heinz Niemann zur USPD in der DDR-Geschichtsschreibung, danach begann der zweite Veranstaltungsblock.

Hier ging es um lokale USPD Geschichte in Thüringen und Stuttgart, ein Blick an die Basis der ein klareres Bild von der Realität des USPD Parteilebens ermöglichte als die übliche, eher auf die Berliner Führungskreise und Persönlichkeiten gerichtete Geschichtsschreibung.

Weitere Beiträge thematisieren unter anderem das Verhältnis der USPD zum Spartakusbund sowie die Verbindung zwischen der USPD und der Rätebewegung.

Im Dritten Block folgten die Themen Parteidisziplin und der Bezug auf aktuelle Debatten. Ulla Plener beleuchtete in ihrem Beitrag die Parteivorstellungen Lenins und stellte durch ihre Thesen die klassische These vom autoritären Avantgardepartei-Konzept in Frage. Danach folgte ein Redebeitrag von Ina Leukefeld, die den ursprünglich vorgesehenen und leider erkrankten Thüringer Landesvorsitzenden der Linkspartei Knut Korschewsky vertrat. Leukefeld, seine Stellvertreterin, berichtete von den Widersprüchen aktueller Parlamentsarbeit und lieferte Überlegungen zu Mandat und Parteidisziplin.

Leider fiel dieser Teil ein wenig aus dem übrigen Programm heraus. Ging es bis dahin immer auch um die sozialistische Transformation der Gesamtgesellschaft, so beschäftigte sich Leukefeld lediglich mit den Widersprüchen politischer Arbeit innerhalb der kapitalistischen Gesellschaftsordnung. Natürlich schließt das eine das andere immer mit ein, aber leider fehlte am Schluss des Kongresses die Zeit, um ernsthaft über das Verhältnis von Widerstand und Gestaltung sowie über die integrierende Funktion von parlamentarischer Arbeit zu diskutieren.

(Veranstaltungsbericht: Ralf Hoffrogge, Berlin, 23.5.07)