Documentation Wirtschaftsdemokratie und expansive Lohnpolitik

Die Fachtagung zu seinem 110. Geburtstag beschäftigte sich mit der historischen Bedeutung und Aktualität von Viktor Agartz (1897 – 1964), dem einstigen »Cheftheoretiker des DGB«.

Information

Event location

Deutsches Werkzeugmuseum Remscheid
Cleffstr. 2-6
42855 Remscheid

Date

13.12.2007

Themes

Party / Movement History, History

Im November 2008 ist das interner Link folgtBuch zur Tagung im VSA-Verlag erschienen, finanziell unterstützt von der Hans-Böckler-Stiftung und der Rosa-Luxemburg-Stiftung:

Reinhard Bispinck / Thorsten Schulten / Peeter Raane (Hrsg.):

Wirtschaftsdemokratie und expansive Lohnpolitik
Zur Aktualität von Viktor Agartz

244 Seiten, EUR 17.80   sFr 31.70
VSA, November 2008
ISBN 978-3-89965-282-6

externer Link in neuem Fenster folgthttp://www.vsa-verlag.de/vsa/

interner Link folgtMehr zum Inhalt

Der am 15.November 1897 in Remscheid geborenen Viktor Agartz gehörte in der Nachkriegszeit zu den wichtigsten und einflussreichsten Persönlichkeiten innerhalb der deutschen Sozialdemokratie und der Gewerkschaften. In den Jahren nach 1945 hat Agartz mehrere wichtige politische Ämter bekleidet und als sozialdemokratischer Abgeordneter im nordrhein-westfälischen Landtag, Leiter des Zentralamts für Wirtschaft in der britischen Zone und späterer Leiter des Bizonen-Wirtschaftsamtes die Wirtschaftspolitik im Nachkriegsdeutschland mitgeprägt. Von 1948 bis 1955 war Agartz Direktor des Wirtschaftswissenschaftlichen Institutes (WWI) des DGB, dessen Gründung er zusammen mit Hans Böckler bereits 1946 betrieben hatte.

Vor dem Hintergrund des Kalten Krieges und der antikommunistischen Grundstimmung der Adenauer-Periode wurde Agartz’ Karriere schließlich Mitte der 1950er Jahre abrupt beendet. 1957 wurde er aufgrund von Kontakten zur DDR wegen „Landesverrats“ angeklagt und galt trotz seines Freispruchs fortan für lange Zeit auch innerhalb der Gewerkschaften als „Persona non grata“. Aus der Öffentlichkeit zurückgezogen starb Agartz am 9. Dezember 1964.

Es sind vor allem zwei inhaltliche Bereiche, in denen sich Agartz auch als konzeptioneller Denker profilierte und die ihm zeitweilig den Titel „Cheftheoretiker des DGB“ einbrachten. Zum einen hat Agartz mit seinen Vorstellungen über Mitbestimmung,Wirtschaftsdemokratie und Neuordnung der deutschen Wirtschaft maßgeblich die Programmatik von SPD und DGB nach 1945 beeinflusst, wie sie z.B. im ersten Grundsatzprogramm des DGB von 1949 ausformuliert wurde. Darüber hinaus hat Agartz mit seinen Überlegungen für eine „expansive Lohnpolitik“ ein anspruchsvolles lohnpolitisches Konzept entwickelt, das über lange Zeit hinweg die gewerkschaftlichen Debatten geprägt hat.

Anlässlich des 110. Geburtstages von Viktor Agartz wurde im Rahmen der gemeinsam vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut in der Hans Böckler Stiftung (WSI) und der Rosa-Luxemburg-Stiftung NRW organisierten Tagung seine historische Bedeutung gewürdigt. Darüber hinaus wurde der Frage nachgegangen werden, ob die lohn- und wirtschaftspolitischen Überlegungen von Agartz heute noch Relevanz haben können.

Peeter Raane (Rosa-Luxemburg-Stiftung NRW) Reinhard Bispinck und Thorsten Schulten (WSI in der Hans Böckler Stiftung)



Beiträge und Podium:

Einleitung:
Guntram Schneider, DGB-Landesbezirksvorsitzender NRW

Viktor Agartz – seine Rolle und Bedeutung als Wissenschaftler, Gewerkschafter und Politiker
Dr. Christoph Jünke, Bochum

Gelenkte Wirtschaft und Wirtschaftsdemokratie – Die Vorstellungen von Viktor Agartz für die Neuordnung der Wirtschaft
Prof.Michael Krätke, Universität Amsterdam

Aktive Lohnpolitik – Viktor Agartz und die gewerkschaftliche Lohnpolitik in den 1950er und 1960er Jahren
Dr.Herbert Ehrenberg, Bundesarbeitsminister a.D.

Viktor Agartz und die Perspektiven einer gesamtwirtschaftlich orientierten Lohnpolitik aus heutiger Sicht
Dr. Reinhard Bispinck/Dr. Thorsten Schulten WSI in der Hans-Böckler-Stiftung

Podiumsdiskussion:Wirtschafts- und Lohnpolitik heute – Was hat Viktor Agartz dazu beizutragen?

Dr.Herbert Ehrenberg, Bundesarbeitsminister a.D.
Prof.Dr. Gustav Horn, IMK in der Hans-Böckler-Stiftung
Dr. Sabine Reiner, ver.di, Rosa-Luxemburg-Stiftung
Dr.Hans-Jürgen Urban, IG Metall



Organisation:

Andrea Heckenbach
WSI in der Hans Böckler Stiftung
Hans-Böckler-Straße 39
40476 Düsseldorf
Tel. 0211/ 77 78 - 104
Andrea-Heckenbach@boeckler.de

Peeter Raane
Rosa-Luxemburg-Stiftung NRW
Siegstr. 15
47051 Duisburg
Telefon 0203 / 3 17 73 -92
post@rls-nrw.de



Berichte:

Florian Weis, Rosa-Luxemburg-Stiftung:

Die Remscheider Tagung „Wirtschaftsdemokratie und expansive Lohnpolitik“ anläßlich des 110. Geburtstag von Viktor Agartz war war die erste offiziell gemeinsam getragene Veranstaltung von WSI (Hans-Böckler-Stiftung) und RLS (Landesstiftung NRW). Alleine deshalb wäre die Tagung schon bemerkenswert. Sie war es aber auch in inhaltlicher Hinsicht und auf die Resonanz bezogen, nahmen doch über 100 Personen teil, darunter viele aktive bzw. hauptamtliche Gewerkschafter/innen.

Christoph Jünke und Michael Krätke hielten die Einleitungsbeiträge. Jünke nahm dabei eine historisch-biographische Einordnung von Agartz vor. Krätke konzentrierte sich auf wirtschaftsdemokratische Vorstellungen von Agartz und betonte dabei stark die Begriffe „Marktsozialismus“ und „Wirtschaftsdemokratie“, die beide gegenwärtig in den internationalen Debatten weit gewichtiger als hierzulande seien. Er hob die Bedeutung von Genossenschaften in Agartz Konzept von Wirtschaftsdemokratie hervor, die auch in der Gegenwart ihre Bedeutung behalte. Historisch ordnete er Agartz Vorstellungen zur Wirtschaftsdemokratie in die Tradition der "Sozialisierungsdebatte" von 1918-22 ein, weniger in die später im ADGB entwickelten Konzepte von Naphtali und Tarnow.

Herbert Ehrenberg, Arbeits- und Sozialminister unter Helmut Schmidt, sprach zu theoretischen Grundlagen von Lohnpolitik sowie zu Möglichkeiten und Grenzen, über Lohnpolitik grundlegende Umverteilung und Verbesserungen für die ArbeitnehmerInnen zu bewirken. Er knüpfte dabei sowohl an seine eigene Dissertation in den fünfziger Jahren als auch an Konzepte zur Lohnpolitik und zur Vermögensbeteiligung aus seiner Zeit bei der damaligen IG Bau-Steine-Erden und als Minister an.

Reinhard Bispinck und Thorsten Schulten (beide WSI und Organisatoren der Tagung) referierten über eine gesamtwirtschaftlich orientierte Lohnpolitik und stellten dabei u.a. den Rückgang der Lohnsteigerungen (bzw. sogar Reallohnrückgänge) und der Lohnquote dar, beginnend in den achtziger Jahren und sich seit den neunziger Jahren verstärkend. Hieran knüpften in der Anschlussrunde auch Gustaf Horn (Institut für Makroökonomie in der Böckler-Stiftung) und wiederum Ehrenberg an. Beide betonten die Notwendigkeit einer deutlichen Ausweitung öffentlicher Investitionen und einer anderen Steuer- und Finanzpolitik. Es bestand ein verbreiteter Konsens, auch mit Sabine Rainer (ver.di und RLS) und Hans-Jürgen Urban (im geschäftsführenden Vorstand der IG Metall), dass eine „expansive“ (oder auch nur positive bzw. aktive) Lohnpolitik allein keine grundlegende Umverteilung bewirken könne.

Sabine Reiner und Hans-Jürgen Urban brachten zudem auch andere Aspekte aus aktuellen gewerkschaftspolitischen Debatten ein, so etwa eine breit verstandene soziale Bündnispolitik, den aktuellen, schwierigen und zu wenig beachteten Streik im Einzelhandel und die gesellschaftlich zunehmend erfolgreiche Mindestlohndebatte.

Von TeilnehmerInnen wurde verschiedentlich die Wiederauflage von Agartz-Texte und -Forschungen angeregt – vor allem an das WSI/Böckler, z.T. aber auch an die RLS gerichtet. Eine Publikation von WSI und RLS wird bei bei VSA (Ziel: Mitte 2008) erscheinen, sie soll sich aus Agartz-Texten, einigen Beiträgen über Agartz sowie Beiträgen aus der Tagung selbst zusammensetzen.

Florian Weis, 17.12.2007

 

Peeter Raane, Rosa-Luxemburg-Stiftung Nordrhein-Westfalen:

„Wirtschaftsdemokratie und expansive Lohnpolitik“
Fachtagung  zum 110. Geburtstag von Viktor Agartz (1897– 1964)

Historische Daten und Parallelen gab es in Fülle bei der ersten gemeinsamen Fachtagung der Rosa-Luxemburg-Stiftung NRW und des Wirtschafts- und Sozialwisssenschaftlichen Instituts (WSI) in der Hans-Böckler-Stiftung im Dezember 2007 in Remscheid anlässlich des 110. Geburtstages von Viktor Agartz, der in der Nachkriegszeit zu den wichtigsten  und einflussreichsten Persönlichkeiten innerhalb der deutschen Sozialdemokratie und den Gewerkschaften zählte. Nach 1945 hatte Agartz mehrere wichtige politische Ämter bekleidet und als sozialdemokratischer Abgeordneter im nordrhein-westfälischen Landtag, Leiter des Zentralamtes für Wirtschaft in der britischen Zone und später Leiter des Bizonen-Wirtschaftsamtes die Wirtschaftspolitik im Nachkriegsdeutschland mitgeprägt.

Von 1948 bis 1955 war Agartz Direktor des Wirtschaftswissenschaftlichen Institut des DGB (WWI), dessen Gründung er 1946 mit Hans Böckler betrieben hatte. Vor dem Hintergrund des Kalten Krieges und der antikommunistischen Grundstimmung der Adenauerära wurde Agartz' Karriere Mitte der 1950iger Jahre jäh beendet. Die Anklage wegen „Landesverrats“ aufgrund von Kontakten zur DDR endete 1957 mit einem Freispruch (Verteidiger waren der spätere Bundespräsident Gustav Heinemann und der spätere Landesjustizminister Dieter Posser). Das änderte nichts daran, dass Agartz nach seinem Ausschluss aus der SPD auch in der Gewerkschaftsbewegung zur Unperson wurde. Mit dem Niedergang des  linkssozialistischen Netzwerks von Zeitungen und Zirkel, in dem Agartz mit der Herausgabe der Zeitschrift WISO vor allem der Gewerkschaftslinke eine Plattform sichern wollte, gerieten seine politisch-theoretischen Arbeiten weitgehend in Vergessenheit.

Mehr als 100 Teilnehmer aus allen Teilen der (alten) Bundesrepublik waren nach Remscheid gekommen. Unter ihnen waren  viele Wissenschaftler und ein erheblicher Anteil sowohl ehemaliger als auch heute tätiger Mitarbeiter der IG Metall, des DGB und der Gewerkschaften ver.di und NGG. Im Mittelpunkt der Tagung standen zwei inhaltliche Bereiche, in denen sich Agartz auch als konzeptioneller Denker profilierte und die ihm zeitweise den Titel „“Cheftheoretiker des DGB“ einbrachten: Wirtschaftsdemokratie und expansive Lohnpolitik.

Guntram Schneider, DBG-Landesvorsitzender in Nordrhein-Westfalen, betonte in seinem Grußwort, wie wichtig die Diskussion über Wirtschaftsdemokratie angesichts der neoliberalen Politik nach dem Motto „Privat vor Staat“ und des Abbaus von Mitbestimmungsrechten im öffentlichen Dienst durch die CDU-Landesregierung sei.

Dr. Christoph Jünke (Bochum) zeichnete ein pointiertes historisches Porträt, und zwar nicht nur sein Leben und Werk als sozialistischer Gewerkschafter, sondern auch sein Wirken inerhalb des westdeutschen Linkssozialismus. Ironisch-provokativ zog er eine Parallele zur aktuellen Situation, indem er Agartz als eine Art „Lafontaine der 1950iger“Jahre charakterisierte. Damit erntete er den Widerspruch von Dr. Herbert Ehrenberg (Bundesarbeitsminister im Kabinett Helmut Schmidt von 1976 bis 1982), der sich andererseits ausdrücklich zur „expansiven Lohnpolitik“ - von ihm als „positive Lohnpolitik“ bezeichnet - als ein Mittel der Umverteilung bekannte.

Prof. Dr. Michael Krätke (Universität Amsterdam) entwickelte Agartz' zentrales politisch-theoretisches Konzept der Wirtschaftsdemokratie. Die politische Demokratie könne nur erhalten werden , wenn sie durch eine entwickelte Wirtschaftsdemokratie untermauert werde. Zu den wichtigen Säulen seines Konzepts der Wirtschaftsdemokartie zählen die Vergesellschaftung von Schlüsselindustrien und deren Überführung in Gemeineigentum, gesamtwirtschaftliche Planung als Investionslenkung im Kontext des demokratischen Rechtsstaats, Selbstverwaltung der Wirtschaft im Rahmen eines differenzierten demokratischen Planungsprozesses (inkl. paritätisch besetzter Wirtschaftsräte auf verschiedenen Ebenen), betriebliche und überbetriebliche Mitbestimmung, Förderung von Genossenschaften und öffentlichen Unternehmen sowie ein regulierter Wettbewerb im Rahmen der Marktwirtschaft. Wie weit Agartz seiner Zeit voraus war, wird daran deutlich, dass diese Elemente einer entwickelten Wirtschaftsdemokratie heute in der internationalen Debatte unter dem Stichwort „Marktsozialismus“ diskutiert werden – auch unter angelsächsischen Autoren, die ihrerseits nie von Agartz gehört hätten.

Während Ehrenberg die gewerkschaftliche Lohnpolitik in den 1950iger und 1960iger Jahren behandelte, gingen Dr. Thorsten Schulten und Dr. Reinhard Bispink auf die Erfahrungen und Prämissen einer gesamtwirtschaftlich orientierten Lohnpolitik ein - ein Thema, dass in der Podiumsdiskussion mit Prof. Dr. Gustav Horn (dem Leiter des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturfoschung in der Hans-Böckler-Stiftung), Dr. Sabine Reiner (Gewerkschaft ver.di und Rosa-Luxemburg-Stiftung) und Dr. Hans-Jürgen Urban vom geschäftsführenden Vorstand der IG Metall vertieft wurde.

Verteidigung des Sozialstaates und erfolgreiche Tarifbewegungen erfordern auch Mitglieder starke Gewerkschaften in den Betrieben. Auch wenn die Vorstellungen Viktor Agartz heute nicht direkt umzusetzen seien, gäben sie wichtige Hinweise für die gegenwärtige Notwendigkeit, Fragen der „Sekundärverteilung“, zum Beispiel bei den Steuern oder den Renten stärker aufzugreifen. Horns Forderung, den Sozialsystemen mehr Aufmerksamkeit zu schenken und eine Mindestrente gegen Alterarmut zu fordern, gehört in diesem Zusammenhang ebenso wie die massive Kritik Ehrenbergs an der Rentenpolitik einschließlich der sogenannten Riester-Rente.

Auch aus dem Teilnehmerkreis gab es eine Reihe wichtiger Beiträge, die deutlich werden ließen, dass – wenn auch nur an verstreuten Stellen - in den letzten Jahrzzehnten immer wieder eine Auseinadersetzung mit Agartz stattgefunden hat. Zugleich wurde deutlich, dass an Agartz' Arbeiten auch kritisch hinterfragt werden muss, inwieweit er die Entwicklungsdynamik des Kapitalismus unterschätzt habe. Um so erfreulicher ist es, dass der VSA-Verlag eine Veröffentlichung mit wichtigen Aufsätzen von Viktor Agartz und Arbeiten über ihn vorbereitet. Im Rahmen dieses Sammelbandes  werden auch die Tagungsrefate veröffentlicht.

Allgemein begrüßt wurde die Anregung Guntram Schneiders, das mit dieser Fachtagung von den beiden Veranstaltern geschaffene Diskussionsforum nicht nur einmalig zu nutzen, sondern zu einem sich jährlich treffenden Forum zu entwickeln, in dem politisch-theoretische Fragestellungen der jungen und jüngsten Gewerkschaftsgeschichte im Kontext der aktuellen gesellschafts- und gewerkschaftspolitischen Situation diskutiert werden.

Peeter Raane, 17.12.2007 (geschrieben für RosaLux 1/08)

 



Pressespiegel:

Remscheider General-Anzeiger, 14.12.2007:

Dr. Herbert Ehrenberg sprach über einstigen Politiker Viktor Agartz

Von Sonja Kuhl

Er war das Kind einer Remscheider Familie und einer der wichtigsten linken Wirtschaftspolitiker der Nachkriegszeit. Viktor Agartz ist "der Oskar Lafontaine der 50er Jahre". So beschrieb ihn zumindest der Bochumer Historiker Dr. Christoph Jünke.

Aus Lohnfragen machte Agartz Machtfragen Anlässlich des 110. Geburtstags des Politikers hatte das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut der Hans Böckler Stiftung und der Rosa-Luxemburg Stiftung NRW eine Tagung organisiert, in der Agartz' gewürdigt wurde. So war das Deutsche Werkzeugmuseum am Donnerstagabend der Treffpunkt von Referenten aus Politik und Wirtschaft. Die Rolle und Bedeutung Agartz' als Wissenschaftler, Gewerkschafter und Politiker war Inhalt des Vortags von Dr. Christoph Jünke.

Viktor Agartz wurde schnell zum Führungsfunktionär in Gewerkschaften, in der SPD und den Konsumgenossenschaften, so der Bochumer Historiker. 1953 habe Viktor Agartz einen Aufsehen erregenden Artikel veröffentlicht. "Er versuchte, aus Lohnfragen Machtfragen zu machen", erläuterte Jünke. Dabei habe er eine "dynamische und expansive Lohnpolitik nicht nur als Mittel der Konjunkturpolitik propagiert, sondern vor allem, um den Arbeitern einen steigenden Anteil am gesamtgesellschaftlichen Kuchen zu sichern".

Einen Vortrag zur Lohnpolitik Agartz' in den 50er- und 60er-Jahren hielt Dr. Herbert Ehrenberg, Bundesarbeitsminister unter Bundeskanzler Schmidt. Thema der abschließenden Podiumsdiskussion war die mögliche Relevanz jener lohn- und wirtschaftspolitischen Überlegungen in der heutigen Zeit.

Ex-Minister fordert höhere Löhne "Wir sind stolz darauf, Exportweltmeister zu sein", sagte Dr. Herbert Ehrenberg. Der Hauptfehler sei, dass es zu wenig Binnennachfrage gäbe. Die wiederum könne nur gesteigert werden, wenn die Löhne steigen würden. Die Finanzpolitik müsse auf die Binnennachfrage gucken und danach die Steuerpolitik richten.

Der ehemalige Bundesarbeitsminister hatte aber noch weitere Vorschläge zu machen: "Wir haben 59 Milliarden Goldreserven. Was sollen wir damit?" Man könne diese Reserven in Bildung und in die Infrastruktur investieren. "So würde die Binnennachfrage steigen."

Quelle: externer Link in neuem Fenster folgtwww.rga-online.de/archiv/

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junge Welt, 19.12.2007, Feuilleton, Seite 13:

Konsequent sein

Die Rückkehr des Viktor Agartz. In Remscheid erinnerte eine Tagung an den »Oskar Lafontaine der 50er Jahre«

Von Peter Schäfer

Es war ein besonderer Tag. Am 13.Dezember 1957 verließ mit Viktor Agartz einer der bedeutendsten Politiker der 1950er Jahre den Bundesgerichtshof in Karlsruhe als zwar freier, aber politisch toter Mann, wie es die Welt damals treffend formulierte. Agartz, der neben Hans Böckler und Kurt Schumacher einstmals wichtigste Funktionär der sozialdemokratischen Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung der Nachkriegszeit, war in einem Landesverratsprozeß wegen vermeintlich verfassungsverräterischer Verbindungen zum ostdeutschen Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) angeklagt worden, weil er im Laufe des Jahres 1956 die damals stolze Summe von über 100000 DM aus Ostberlin angenommen hatte, um die Herausgabe seiner gewerkschaftsoppositionellen Zweiwochenzeitschrift WISO finanziell abzusichern.

Das stempelte ihn im antikommunistischen Klima der Adenauer-Zeit zum Fellow-traveller der Kommunisten. Daß der Bundesgerichtshof der Staatsanwaltschaft nicht folgen wollte und Agartz aus Mangel an Beweisen freisprach, konnte nichts mehr daran ändern, daß die das ganze Jahr 1957 anhaltende Medienkampagne Agartz zur persona non grata und den westdeutschen Linkssozialismus zum Zwillingsbruder des Kommunismus stempelte.

Daran erinnerte der Bochumer Historiker Christoph Jünke die über einhundert Teilnehmer einer Agartz-Fachtagung, die das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut der gewerkschaftseigenen Hans-Böckler-Stiftung zusammen mit der Rosa Luxemburg-Stiftung im Remscheider Werkzeugmuseum, der Heimatstadt von Agartz, just am 13. Dezember 2007 organisierte. Beide hier erstmals gemeinsam auftretenden Stiftungen hatten eingeladen, um anläßlich des 110.Geburtstages (15.November 1897) an Agartz zu erinnern und die Frage zu diskutieren, ob seine lohn- und wirtschaftspolitischen Überlegungen auch heute noch Relevanz haben könnten.

Zur Annäherung an den aus dem kollektiven Gedächtnis der Linken weitgehend verdrängten Agartz zog Jünke den provozierenden historischen Vergleich, daß man es bei Agartz mit einer Art »Oskar Lafontaine der 1950er Jahre« zu tun gehabt hätte. Beides seien in ihrer Zeit führende Politiker des sozialdemokratischen Establishments, die in einer Zeit des historischen Umbruchs und Übergangs ihren vermeintlich veralteten Überzeugungen treu blieben und dafür gesellschaftspolitisch ausgegrenzt, beschimpft und diffamiert wurden – nicht zuletzt, weil sie sich, so Jünke, für eine erneuerte Linke engagierten. Doch während Lafontaine die Tradition des nachhaltig ausgehöhlten deutschen Sozialstaates erneuern wolle, stand Agartz diesem aufsteigenden Sozialstaat ausgesprochen skeptisch gegenüber und wollte »nichts weniger als die radikale, sozialistische Tradition der deutschen Arbeiterbewegung erneuern« (Jünke).

Mit Bodenhaftung

Auch der zweite Referent, der Amsterdamer Politikwissenschaftler Michael Krätke, betonte die Originalität von Agartz, der sozialistische Überzeugungen und Strategien mit einer empirischen Bodenhaftung verbunden habe, die man heute nur noch selten finde. Am Beispiel eines Agartzschen Gesetzentwurfes zur umfassenden wirtschaftspolitischen Neuordnung nach Faschismus und Krieg stellte Krätke Agartz' Vision einer mit radikal-demokratischen Methoden organisierten sozialisierten Gemeinwirtschaft vor, die verblüffende Ähnlichkeiten zu den heutigen sozialwissenschaftlichen und politisch-theoretischen Diskussionen aufweise, die man zumeist unter dem Stichwort eines »neuen Marktsozialismus« oder einer »Sozialisierung des Marktes« kenne.

Auftritt Ehrenberg

Der ehemalige sozialdemokratische Bundesarbeitsminister Hans Ehrenberg nahm danach den historischen, bei Jünke eher sachlich-nüchtern intendierten Vergleichsfaden zwischen Agartz und Lafontaine wieder auf, benutzte ihn jedoch für einen heftigen Angriff auf den für Gewerkschafter seines Erachtens unannehmbaren Lafontaine. An Agartz dagegen sei jedoch auch heute noch anzuknüpfen, vor allem an dessen Ende 1953 aufgestellter Idee einer expansiven Lohnpolitik. Es sei einfach falsch, daß Agartz' Versuch, mittels expansiver lohnpolitischer Forderungen die gesamtwirtschaftliche Lohnquote nachhaltig zugunsten der Arbeitnehmer zu verändern, anderen etwas wegnehme. Geschmälert werde nicht der Gewinn des Unternehmens, sondern einzig der private Gewinn des Unternehmers. Die Gewerkschaften sollten deswegen wieder, so Ehrenberg mit Enthusiasmus, zu einer aktiven, ja mehr noch, zu einer »positiven Lohnpolitik« als Mittel der Konjunktur- und Strukturpolitik wie in den 1970er Jahren zurückkehren.

Mit ihrer eindrücklichen Darstellung der realen historischen Entwicklung der Löhne versuchten dagegen Reinhard Bispinck und Thorsten Schulten vom gewerkschaftseigenen Wirtschaftsforschungsinstitut WSI die Grenzen einer gewerkschaftlichen Lohnpolitik aufzuzeigen. Selbst in den Hochzeiten des lohnpolitischen Kampfes, also in den 60er und 70er Jahren, habe die gewerkschaftlich organisierte Arbeiterschaft allenfalls mit dem Produktivitätsfortschritt gleichziehen können. Ein steigender Anteil am gesamtgesellschaftlichen Kuchen, eine reale Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums von oben nach unten, sei damit nicht verbunden gewesen. Es komme eben ganz darauf an, nicht einzelne Aspekte wie die Lohnpolitik oder die Mitbestimmung aus dem an sich ganzheitlichen Neuordnungskonzept herauszulösen. Dann verändere sich auch der Charakter der Einzelaspekte. Daß jede Form einer neuen lohnpolitischen Offensive nur im Verbund mit einer entsprechenden Wirtschafts- und Finanzpolitik funktionieren könne, vertieften in der abschließenden Podiumsdiskussion auch noch Gustav Horn von der Hans Böckler-Stiftung, Sabine Reiner von ver.di und Hans-Jürgen Urbahn von der IG Metall.

So schloß sich der Diskussionskreis der Tagung zu den einleitenden Ausführungen Jünkes, der betont hatte, daß die Aktualität der Auseinandersetzung mit Agartz' Leben und Werk weniger in der Zustimmung oder Ablehnung dieser oder jener These bestehe, sondern darin, daß dieser gewerkschafts- und gesellschaftspolitische Positionen mit einer selten anzutreffenden Autorität und Konsequenz formuliert hat, die auch heute noch im Zentrum der aktuellen Diskussionen stehen.
 

Quelle: externer Link in neuem Fenster folgtwww.jungewelt.de/2007/12-19/014.php

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