Documentation Man sieht nur mit dem Herzen gut …

Dagmar Enkelmann, Vorsitzende der Rosa-Luxemburg-Stiftung, sprach mit Mathis Oberhof über gelebte Willkommenskultur

Information

Date

14.09.2016

Organizer

Ulrike Imhof,

Themes

State / Democracy, Migration / Flight, City / Municipality / Region

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Die Angst nehmen

In Deutschland ist besonders München für seine Willkommenskultur Geflüchteten gegenüber bekannt, in Brandenburg ist das die Stadt Wandlitz nördlich von Berlin. Als Geburtsstunde für den dortigen "Runden Tisch Willkommen" gilt eine Einwohnerversammlung am 5. November 2013. Zu der Zeit erregte die geplante Einrichtung eines Asylbewerberheims die Gemüter der Stadt und zu einem der Geburtshelfer des "Runden Tisches Willkommen" wurde Mathis Oberhof aus dem nahe Wandlitz gelegenen Örtchen Basdorf.

Zweieinhalb Jahre und eine politische Flüchtlings-Krise später hat Mathis Oberhof seine Erlebnisse und Erfahrungen seit der Einwohnerversammlung in einem Buch aufgeschrieben: "Man sieht nur mit dem Herzen gut…" lautet dessen Titel. Das Buch wie sein Anliegen stellte Mathis Oberhof zusammen mit dem Syrer Walid Habash am Mittwoch (14.09.2016) bei einem Gespräch mit der RLS-Vorsitzenden Dagmar Enkelmann im Salon der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin vor -  in einem eher kleinen Kreis, aber mit jeder Menge Erkenntnisgewinn.

Mathis Oberhof, ein agiler und redegewandter Ruheständler, kann sich noch gut an die inzwischen nahezu legendäre Bürgerversammlung an dem 5. November erinnern und wie er, zu seiner eigenen Überraschung nahezu, an dem Abend das Wort gegen die zunehmende Angst vor den zu erwartenden Flüchtlingen ergriff. Die positive Grundstimmung von damals könne er heute noch spüren, bekannte er im RLS-Salon. Für ihn ist die Kraft der vielen Flüchtlingsinitiativen ohnehin viel stärker und langfristiger als die Wahlerfolge der AfD.

Um die existierenden Ressentiments gegenüber Flüchtlingen abzubauen, plädiert Oberhof dafür, mehr Raum für persönliche Begegnungen zu schaffen. Ihm schweben dafür persönliche Patenschaften zwischen Einheimischen und Flüchtlingen vor. "Wir brauchen Zehntausende solcher Patenschaften", sagte er. "Man muss den Leuten die Angst davor nehmen, einfach etwas für die Flüchtlinge tun zu wollen." Oberhof kann sich dabei auch vorstellen, Langzeitarbeitslose so zu schulen und zu qualifizieren, dass sie Paten werden können.

In Organisationsdeutsch übersetzt könnte man sagen, dass Mathis Oberhof für ein möglichst niedrigschwelliges Angebot plädiert, um Menschen für einen Engagement für Flüchtlinge zu gewinnen. Er hat da auch klare Prinzipien: Die Hilfe muss "total freiwillig" erfolgen; die Helfer sollten sich untereinander auf Augenhöhe begegnen; es brauche keine Grundsatzpapiere und schon gar keine Parteipolitik; jeder könne und solle die Aufgaben übernehmen, die ihm lägen. Aus seiner Sicht ist der "Runde Tisch" in Wandlitz ist ein wirkliches Bündnis Freiwilliger. Oberhofs Credo: Denjenigen, die Flüchtlingen helfen wollen, solle man nicht sagen, was sie machen müssten, sondern sie fragen: Was willst du machen?

Ein solches Herangehen bedeutet auch, Grenzen in der Flüchtlingsarbeit anzuerkennen, räumte Oberhof im Salongespräch ein. So habe es der "Runde Tisch" Wandlitz in der ganzen Zeit bisher nicht geschafft, eine Asylberatung auf die Beine zu stellen.

Oberhof praktiziert seine Prinzipien auch selbst. Er nahm Walid Habash, einen Syrer und einstigen Biologiestudenten aus Aleppo bei sich im Haus auf, stattete ein Zimmer dazu mit einer kleinen Küche aus. Habash berichtete im Salon von seiner jahrelangen Flucht aus Syrien über Griechenland, Mazedonien und Ungarn nach Deutschland, wo sich die Odyssee durch die Aufnahmelager fortsetzte - bis er in Wandlitz erst im Flüchtlingsheim und dann in bei Mathis Oberhof in Basdorf ein Zuhause fand.

Davon macht Oberhof selbst nicht viel Aufhebens, wichtiger ist ihm, dass es die Willkommensinitiative geschafft hat, dass - nach einigen Auseinandersetzungen - die Stimmung im Ort nicht mehr von den Neo-Nazis bestimmt wird. "In Wandlitz traut sich niemand mehr, offen Ausländerhass zu zeigen. Der Ort ist eine No-go-Area für Nazis geworden."

Dagmar Enkelmann zitierte in dem Zusammenhang aber auch eine aktuelles Schreiben des "Runden Tisches Willkommen" an die Gemeindevertretung Wandlitz. In dem Brief wird darauf hingewiesen, dass es jetzt bei der Integration der Flüchtlinge aus inzwischen 19 Nationen, die in den Unterkünften und Wohnungen im Gemeindegebiet lebten, große Probleme gibt.

„Wir als Ehrenamtliche", heißt es in dem Schreiben, "stoßen beim Versuch, diese Probleme anzugehen, immer mehr an unsere Grenzen. Das gilt auch für die Bereiche Integration in den Arbeitsmarkt und Wohnraumsuche/Wohnraumvermittlung.“ Auch reiche der vom "Runden Tisch" angebotene Deutschunterricht nicht aus, um die Flüchtlinge zu einem B1-Sprach-Abschluss zu führen, der für die Aufnahme einer Lehrausbildung oder einer beruflichen Qualifizierung notwendig wäre. Staatlicherseits würden aber derartige Kurse bei Bildungsträgern nicht finanziert, kritisiert die Flüchtlingsinitiative in dem Schreiben.

Auf die von Dagmar Enkelmann dazu in den Raum geworfene Frage, ob man ab und zu auch über eine Überforderung der Helfenden reden müsse, antworte Mathis Oberhof: Ja, das müsse man - Überforderung sei aber auch kein neues Problem in der Flüchtlingshilfe sei. Weil diese eine "spontaneistische" Bewegung sei und keine zentrale Strukturen kenne, sei es auch viel leichter, wieder auszusteigen - vergleiche man das beispielsweis mit einer Partei. Es gibt, schätzte Mathis Oberhof, bestimmt schon 300 Wandlitzer, die in der Willkommens-Initiative schon einmal gearbeitet hätten, aktuell aber nicht mehr dabei seien. "Dafür kommen immer wieder Neue hinzu", erzählte er. Damit das geschehe, brauche es aber auch eine Kultur des Dankes und der Wertschätzung gegenüber den Flüchtlingshelfern.

Kurz nach der Wahl in Mecklenburg-Vorpommern kam die Debatte auch an den Wahlerfolgen der AfD nicht vorbei. Für Dagmar Enkelmann haben diese aber nicht direkt mit der Flüchtlingen zu tun. Oft werde ausgeblendet, sagte sie, dass die AfD zu einer Zeit entstand, als die Finanzkrise in Europa wütete und die EU-Institutionen selbstherrlich mit dem Euro umgingen. Daraus habe bei vielen Menschen eine Verunsicherung geschaffen, die von den herrschenden Parteien nicht wahrgenommen wurde. Dann sei die AfD auf die Flüchtlingswelle aufgesprungen, um noch mehr Verunsicherung und Ängste zu schüren. Deren Ursprünge lägen aber, so Dagmar Enkelmann, meist in ganz anderen Zusammenhängen. "Bei der Auseinandersetzung mit der AfD geht es natürlich auch um die Themen Flucht und Migration, aber auch um die Fragen: Was heißt es denn für uns, wenn wir von Demokratisierung der der EU-Institutionen sprechen? Was heißt es denn, Bürgerinnen und Bürger wirklich an Entscheidungen zu beteiligen." Aus diesem Gründen werde die AfD, meine die RLS-Vorsitzende, auch länger Bestand haben, selbst wenn ab morgen kein einziger Flüchtling mehr herkäme.

Jörg Staude