News | Bechhaus-Gerst /Zeller (Hg.): Deutschland postkolonial? Berlin 2018

Ein spannendes Handbuch, das viele Themen abdeckt

Information

Die Diskussionen um das Humboldt-Forum in Berlin und die Äußerungen des Afrika-Beauftragten der Bundesregierung, Günter Nooke im Februar 2019 zeigen die Relevanz, wenn nicht Brisanz des Themas (Post-)Kolonialismus: Die koloniale Vergangenheit Deutschlands hat Folgen, bis heute. Diese werden, vor allem auf Grund des Drucks von antirassistischen und zivilgesellschaftlichen Initiativen und des Engagements einiger kritischer Wissenschaftler_innen zum Gegenstand politischer Diskussionen.

Die von Marianne Bechhaus-Gerst und Joachim Zeller herausgegebene Neuerscheinung kann getrost als Handbuch bezeichnet werden. Sie enthält nach einer fundierten Einleitung 27 Texte zu verschiedensten Themen, die allesamt zeigen, dass Deutschland zwar formal nur bis 1918 Kolonialmacht war, die Wirkung kolonialer Denkmuster aber tief ist und zeitlich weit darüber hinaus weist. Inhaltlich geht es z.B. um Besatzungskinder, Musemspolitik, Kunst, Kolonialismus in Literatur, Film und anderen Medien oder um Denkmäler. Die stärksten Beiträge stellen die theoretischen Ansätze des Postkolonialismus (Bhaba, Hall, Spivak,…) in einem sehr gelungenen Überblick vor, berichten über fehlende, unzureichende, lasche oder auch gute postkoloniale Perspektiven in Lehrplänen und der Geschichtsdidaktik, oder stellen die Initiativen vor, die es mittlerweile in sehr vielen Städten (siehe z.B. die beeindruckende Linkliste auf http://www.hamburg-postkolonial.de/netzwerk.html) gibt.

Dabei wird deutlich: Kolonialismus wirkt zwar bis heute, eine Vorstellung die Vorsilbe «Post-» in «Postkolonial» sei vor allem eine zeitliche Angabe um den Zeitraum nach dem offiziellen Ende des Kolonialismus zu beschreiben, ist jedoch zu simpel. Denn die rassistischen und abwertenden Prozesse des «Othering» und die ungleichen ökonomischen Verhältnisse haben weiter Wirkkraft. Kolonialismus ist keine Einbahnstraße, die nur in den Kolonien wirkt/e, sondern sie wirkt/e auch (zurück) in die Länder des globalen Nordens. Wie am Beispiel der Schweiz untersucht wird, sind sogar Nationen, die niemals Kolonien hatten, wie etwa die Schweiz, vom Kolonialismus geprägt. Dies zeigt die aktuelle Ausgabe des WIDERSPRUCH, einer halbjährlich erscheinenden linken Theoriezeitschrift (Inhaltsverzeichnis) und eindrucksvoll weitere Publikationen (z.B. Patricia Purtschert, Barbara Lüthi, Francesca Falk (Hg.) Postkoloniale Schweiz. Formen und Folgen eines Kolonialismus ohne Kolonien, 2012/2013 (dessen Hauptartikel als PDF online ist). Dass und wie, so der Untertitel, man/frau «Schweizer Geschichte neu denken sollte», darüber wurde im Frühjahr 2018 während einer Tagung an der Universität Bern nachgedacht, zu der unter https://globaleschweiz.wordpress.com/ eine Dokumentation auch mit Audio-Beiträgen verfügbar ist.

In den Fokus tritt dann - nicht nur in der Schweiz - dass alle Begriffe, mit denen heute «Geschichte» geschrieben wird, wie etwa Kapitalismus, Industrialisierung, Entwicklung, Nation, Fortschritt, Öffentlichkeit, Subjekt etc. pp. im Mitteleuropa (des 18. und 19. Jahrhunderts) entstanden sind. Ihnen ist deswegen ein Eurozentrismus eingeschrieben, und es stellt sich die schwierige Frage, ob diese Begriffe und auch die damit verbundenen ethischen und politischen Werte universell sind. Oder ginge es nicht vielmehr darum, die Prägungen und Einseitigkeiten von Wissensordnungen zu erkennen, und diese in kritischer Absicht zu dekonstruieren?

Die Anordnung der oft gar nicht so akademischen Texte im Buch von Bechhaus-Gerst und Zeller ist manchmal nicht ganz nachvollziehbar. Dies ist aber angesichts des Erkenntnisgewinns, der aus der Lektüre dieses höchst empfehlenswerten und nicht zuletzt sehr preiswerten Buches resultiert, vernachlässigbar.

Marianne Bechhaus-Gerst/Joachim Zeller (Hrsg.): Deutschland postkolonial? Die Gegenwart der imperialen Vergangenheit; Metropol-Verlag, Berlin 2018, 579 Seiten, 29 EUR

Postkoloniale Verstrickungen der globalen Schweiz; WIDERSPRUCH Heft 72, Zürich 2018, 190 S., 18 EUR