News | Antisemitismus (Bibliographie) - Linke und jüdische Geschichte - Shoah und linkes Selbstverständnis - Deutsch-deutsche Geschichte Gerczikow, Ott: «Wir lassen uns nicht unterkriegen». Junge jüdische Politik in Deutschland; Leipzig 2023

Zeigt die Pluralität des jüdischen Aktivismus

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Bernd Hüttner,

Der Angriffskrieg gegen die Ukraine betrifft die jüdischen Gemeinden in Deutschland besonders stark: Ein Großteil der Juden und Jüdinnen hierzulande hat seine Wurzeln in der ehemaligen Sowjetunion, über 90 Prozent der derzeitigen jüdischen Gemeinschaft ist (auch) russischsprachig und 45 Prozent (!) der Mitglieder haben eine Familiengeschichte in der Ukraine (S. 13). Geschätzt 25.000 der Jüdinnen und Juden in Deutschland ist zwischen 18 und 35 Jahre alt (1). Der hier anzuzeigende Reportageband hat sich zum Ziel gesetzt, die politischen Ambitionen aus und in dieser jungen Generation zu porträtieren. Es geht hier zwar auch, aber weniger um die performativen Felder, also Theater oder Literatur, in denen es ja auch junge jüdische Stimmen gibt.

Gerczikow und Ottzeigen die Pluralität des jüdischen Aktivismus, von der Hochschulpolitik über die Fußballszene bis hin zum Queerfeminismus und Kunst. Die «Erfahrungen, Wünsche, Hoffnungen, Ziele und Weltbilder einer jungen und selbstbewussten Generation» (S. 208) werden skizziert.

Die beiden eröffnen das Buch mit einem äußerst spannenden historischen Rückblick auf die Selbstorganisation jüdischer Studierender seit Ende der 1960er Jahre, vor allem anhand des 1968 gegründeten, politisch eher links stehenden, Bundesverband Jüdischer Studierender in Deutschland (BJSD)(2). Vorsitzende des BJSD waren unter anderem Dan Diner, Michel Friedman, Rafael Seligmann und Michael Brenner. Danach wird jüdischer studentisch-jugendlicher Aktivismus heute vorgestellt, unter anderem durch Porträts von PolitikerInnen, von links bis zum demokratischen Konservativismus, von Franzi Lucke (Die LINKE) über Igor Matviyets (SPD) bis zu Illya Trubman (CDU). Es werden aber auch politische Kampagnen beschrieben, etwa im Nachklang zu den rassistischen und antisemitischen Morden in Halle, oder gegen den Al-Quds-Tag in Berlin. Gerczikow(der zwei Jahre auch JSD-Vizepräsident war) beschreibt die Fußballszene, in der die Wurzeln seines eigenen Aktivismus liegen. Dabei wird immer wieder mitverhandelt, was Politik und «jüdische Identität» heute bedeutet, und ob und wie diese im Wechselverhältnis oder gar Widerspruch zueinander stehen.

Im Buch finden sich Stimmen, die zwar den allgegenwärtigen Antisemitismus sehen und ihn auch bekämpfen, aber einfordern, jüdisches Leben nicht nur vom Gedenken an den Holocaust (oder gar von der traditionellen (Opfer-)Rolle der Juden im bundesrepublikanischen Gedächtnistheater her) zu denken, sondern anzuerkennen, dass Juden und Jüdinnen genauso links oder rechts, homo- oder heterosexuell, spannend oder langweilig sein können und dürfen, wie alle andere Menschen. Sie reflektieren, dass sie (im Unterschied zu ihren eingewanderten Eltern oder Großeltern) im medialen Betrieb qua Ausbildung und Selbstermächtigung eine Stimme haben, und dass dies ein Privileg ist.

Gerczikow und Ott haben ein eindrucksvolles Buch vorgelegt, das sich angenehm liest, und aus dem sich vor allem viel lernen lässt.

(1) Ihr Lebensgefühl zeigt der Kurzfilm Masel Tov Cocktail (30 min, 2020) ganz anschaulich.

(2) Im Dezember 2016 löste die Jüdische Studierendenunion Deutschland (JSUD) den BJSD als zentrale politische Vertretung jüdischer Studierender und aller jungen (jüdischen) Erwachsenen in Deutschland ab.

Ruben Gerczikow, Monty Ott: «Wir lassen uns nicht unterkriegen». Junge jüdische Politik in Deutschland; Verlag Hentrich und Hentrich, Leipzig 2023, 226 Seiten, 24,90 Euro