Publication History - GK Geschichte Mythenjäger

Wenn Norbert Elias, der Soziologie die Aufgabe einer Mythenjägerin zuschreibt, so nennt er damit ebenso die Maxime der Geschichtswissenschaft. Darüber, dass historische Analyse den Schleier der Mythen lüften soll, lässt sich schnell Einigkeit erzielen. Strittig ist lediglich, worin diese Mythen bestehen. Für diejenigen HistorikerInnen, die ihr Wissen in den Dienst wirklicher Demokratisierung stellen können, ist der Zeitpunkt gekommen, das Erbe zu besichtigen und den Faden wieder aufzunehmen.

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Richard Heigl,

Published

April 2005

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Kritische Geschichtsschreibung steht vor neuen Aufgaben

Wenn Norbert Elias, der Soziologie die Aufgabe einer Mythenjägerin zuschreibt, so nennt er damit ebenso die Maxime der Geschichtswissenschaft. Darüber, dass historische Analyse den Schleier der Mythen lüften soll, lässt sich schnell Einigkeit erzielen. Strittig ist lediglich, worin diese Mythen bestehen. Für diejenigen HistorikerInnen, die ihr Wissen in den Dienst wirklicher Demokratisierung stellen können, ist der Zeitpunkt gekommen, das Erbe zu besichtigen und den Faden wieder aufzunehmen.

Derartige Bestrebungen stoßen zunächst auf große Skepsis. Die erfahrene Instrumentalisierung von Wissenschaft haben die Menschen zurecht vorsichtig gemacht. Diese Distanz ist gut so. Doch schlägt sie im Lager der AkademikerInnen vielfach in ein selbstzerstörerisches Denken um, das Wissenschaft nicht mehr als Hilfsmittel betrachtet, mit dem Menschen zu Herren ihrer eigenen Geschichte werden können. In den geschichtswissenschaftlichen Fakultäten und Instituten werden schon lange keine Mythen mehr gejagt. Sie werden bestenfalls beschrieben. Der Impuls der Sozialgeschichte, der in den 60er und 70er Jahren immerhin einen Modernisierungsschub auslöste, ist abgeklungen. Ideengeschichtliche Zugriffe haben sich wieder ihren Platz erkämpft. Die heute Ton angebenden Theoreme der Postmoderne haben die Historiker nicht nur auf versteckte Problemlagen hingewiesen, sie haben sie gleichzeitig gewonnener Kenntnisse über die Zusammenhänge von Gesellschaft und Geschichtlichkeit beraubt und darüber zynisch werden lassen. Skurriler kann man sich die Situation nicht vorstellen: während vor den Toren der Universitäten die soziale Frage wieder auf die Agenda gesetzt wird, orakeln drinnen um ihre Karriere bangende Junggelehrte sehr abstrakt über Identitäten, Deutungsmuster, "Körper als Text", Symbole, Normen und Differenzen. Und so versteckt sich In einer scheinbar rückhaltlosen Kritik eine große Bekräftigung der herrschenden Verhältnisse. Hier nimmt heute kritische Geschichte ihren Ausgangspunkt. "Alte" und "neue" Themen Doch was sind ihre Themen? Die Auseinandersetzung mit den verschiedenen Spielarten des nationalen und völkischen Revisionismus wird auch in Zukunft Aufgabe kritischer Geschichtswissenschaft bleiben. Ebenso haben Verschwörungstheorien und die Reduktion der Geschichte auf die der "großen Männer" und deren Psyche immer wieder Hochkonjunktur. Guido Knopp steht hier beispielhaft für eine historische Kulturindustrie, die aus der Stilisierung menschlichen Elends Kapital zu schlagen weiß. Auf Analysen warten Knopps Zuschauer vergeblich. Im Umgang mit Faschismus werden sich Fragestellungen verschieben. Die Koppelung von Gentechnologie an den Markt wird eine neues Kapitel in der Geschichte des Rassismus aufschlagen.

Überhaupt wird die schleichende Rückkehr von soziobiologischen und sozialdarwinistischen Rechtfertigungsmustern nicht nur HistorikerInnen neue Anstrengungen abverlangen. Vor allem die so genannte Globalisierung stellt eine kritische Geschichtswissenschaft vor neue Aufgaben. Da sich die gesellschaftliche Arbeitsteilung weiter internationalisiert und der Takt der hiesigen Produktionsweise für alle anderen Gesellschaften verbindlich wird, ist es unvermeidlich, den Blick über den nationalen und europäischen Tellerrand zu weiten. Marcel van der Linden (Amsterdam) fordert zurecht, unterschiedliche und gleichzeitig bestehende Ausbeutungsformen für eine Geschichte der globalisierten Arbeit einzubeziehen. Die deutsche Linke hat hier noch erheblichen Nachholbedarf und es lauert eine schwierige Aufgabe: Während der bürgerliche Wissenschaftsbetrieb die internationalen Erscheinungen unvermittelt nebeneinander stellt, gilt es hier, Zusammenhänge in ihrem historischen Verlauf aufzuzeigen. Eine Geschichte vom Standpunkt einer sich "globalisierenden" Produktions- und Ausbeutungsweise lässt sich aber nicht schreiben, ohne damit die bürgerliche Konzeption von Arbeit und Leistung, also deren Menschenbild, insgesamt in Frage zu stellen.

Voraussetzung bleibt eine eigenständige Theorie der handelnden Subjekte. Hier lohnt es sich, Marx einmal neu und nicht ökonomistisch zu lesen. Thema einer kritischen Geschichtsschreibung bleiben diejenigen, die draußen und unten sind. Doch stellen sich heute zwei Probleme. Der Blick von unten darf dabei die Analyse der politischen Ebene transnationaler Beziehungen nicht übersehen. Ausgehend von sozialen und politischen Kämpfen und Bündnisbildungen sind historisch-kritische Analysen beispielsweise der Militarisierung der Außenpolitik oder der Rolle von Nationalstaaten immer noch Mangelware. Die gegenwärtige Bildung von internationalen Klassen und die Kämpfe um transnationale zivilgesellschaftliche Einrichtungen zu verstehen und historisch zu analysieren, setzt voraus, sich von einem Begriff "Arbeiterbewegung" zu lösen, die noch immer ausschließlich mit dem Bild des männlichen Massenarbeiters mit festem Wohnsitz identifiziert wird. Kritische Geschichte und soziale Bewegung Das "Andere" einer kritischen Geschichte ist aber nicht ihre Themenstellung, sondern der Standpunkt und die Zielsetzung unter denen diese betrachtet werden. Kritische Geschichte wäre sinnlos, würde sie nicht eine grundlegende Veränderung der Verhältnisse anstreben und gleichzeitig steht in einem engen Wechselverhältnis zu sozialen und politischen Emanzipationsbewegungen stehen, denen sie ihre Erkenntnisse dienstbar machen möchte.Natürlich geht auch darum, nicht zuletzt die breite Öffentlichkeit zu erreichen. Und der Forderung des britische Historiker Richard Evans ist zuzustimmen, das Feld der breiten Öffentlichkeit nicht den Rechten überlassen.

Aber kritische Geschichtsanalyse ist zunächst Selbstaufklärung einer Emanzipationsbewegung. "Das Subjekt historischer Erkenntnis ist die kämpfende, unterdrückte Klasse selbst", meint Walter Benjamin. Denn auch wenn sie für diese Partei ergreift, sind soziale Bewegungen bekanntlich nicht von Hause aus gut. Die Aufklärung über Irrtümer und Mythenbildungen in den eigenen Reihen bleibt vordringlich und damit ist keineswegs nur die Aufarbeitung des Stalinismus gemeint. Auch heute treffen wir in Organisationen vor allem in der Anfangsphase auf reaktionäre Einstellungen. Der Fall in Bolivien zeigt ganz aktuell, wie sich in die soziale Revolte nationalistische und rassistische Töne mischen. Bei attac! diskutieren Aktivisten neuerdings ihr Verhältnis zum Antisemitismus und Antiamerikanismus. Geschichte hat hier die Aufgabe, historische Erfahrungen und Lösungsstrategien zur Diskussion zu stellen. Dies ist nur ein Beispiel, wie Geschichte Handlungswissen vermitteln kann. Manuela Bojadzijev (Frankfurt) fordert beispielsweise bei MigrantInnen die Opfer von Ausbeutung nicht als Opfer darzustellen, sondern ihre bisherigen Kämpfe zu analysieren, um dies für einen kollektiven Lernprozess verfügbar zu machen. Es wird in Zukunft nicht mehr darum gehen, die Geschichte der eigenen politischen Strömung zu schreiben, um sie positiv (gegen Anarchisten, Linksliberale, Reformisten, ÖkofeministInnen?) abzuheben, sondern übergreifend die Ursachen zu ergründen, warum eine wirksame Gegenhegemonie noch nicht etabliert werden konnte.Wenn Wolfgang Abendroth einst schrieb, die Geschichte der Arbeiterbewegung sei nichts anderes als die Geschichte des Entwickelns von Selbstbewusstsein und seiner Zerschlagung, so gilt dies generell für die Geschichtsschreibung jeder sozialen und politischen Emanzipationsbewegung. Es geht nicht mehr darum "Identitäten" zu stiften, sondern einen Beitrag zur Entwicklung von Solidarität zu leisten, die im Sinne demokratischer Integration dem einzelnen weitgehende Entscheidungsfreiheit zugesteht.