Publication Torgau: 25. April 1945 – 25.April 2005. Den’ El’by – Elbe-Tag – Elbe Day

Rede von Victor Grossmann am 23.4.2005 in Torgau

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April 2005

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Ich war damals kein Soldat. Trotzdem, als US-Amerikaner der älteren Generation kann ich mich sehr gut an den 26. April 45 erinnern. Es ging mich sogar persönlich an. Gerade 17 geworden, wusste ich: Wenn der Krieg noch andauert, komme auch ich in eine Uniform und vielleicht, wie mein Cousin Jerry in der Ardennenschlacht vier Monate zuvor, als Held in einen fahnenbedeckten Sarg.

Doch war es weniger Angst als andere Emotionen, die mich und meine Freunde bewegten. Wie Trauer für die Millionen, die auf Schlachtfeldern und in zerstörten Städten starben, und für die Millionen, die, wie wir immer ausführlicher erfuhren, in unbeschreiblichen Vernichtungslagern zu Tode gequält wurden. Auch Trauer für unseren Präsidenten Franklin Delano Roosevelt, der zwei Wochen zuvor verstorben war. Neulich sagten viele Katholiken: "Wir haben keinen anderen Papst gekannt". Ich hatte damals keinen anderen Präsidenten erlebt, er war seit 1933 im Weißen Haus. Trotz mancher Differenz, Roosevelt war für uns einer der wenigen "sozialen" Präsidenten. Und ein Antifaschist! Die meisten in New York, ob Juden wie ich, Afroamerikaner oder sonst was, hatten ihn hoch geschätzt. Und wir hassten Hitler, hassten den Rassismus und sein Morden. Täglich schauten wir gespannt auf die Karten, wie sich die Fronten vom Osten und Westen einander näherten – bis Torgau – und bald Berlin.

Begeistert sangen wir Lieder gegen den Faschismus, auch deutsche Lieder, von den Moorsoldaten oder vom Thälmann-Bataillon. Wir lernten sie vom großen schwarzen Paul Robeson, von Woody Guthrie, Pete Seeger, und auch vom Ernst Busch. Besonders liebten wir die ebenfalls von kleinen Schellackplatten gelernten Lieder der Roten Armee. Wir wussten, der baldige Sieg über Hitler war das Verdienst von Menschen aus vielen Ländern, auch aus unserem, doch vor allem das so fürchterlich opferreiche Verdienst jener Menschen gewesen, die zuerst diese Lieder der Roten Armee sangen.

Noch eine Emotion bewegte uns: die Hoffnung! Der Händedruck an der Brücke zwischen meinen Landsmännern und jenen, die den Weg von Stalingrad erkämpft hatten, dieser Händedruck war ein Friedensomen nach neun Kriegsjahren, die 1936 in Madrid begonnen hatten. Endlich konnte sich das geschundene Europa wieder aufrichten. Es käme eine Welt ohne Faschisten und deren blutige Kollaborateure, die vor und in dem Krieg mit den Nazis paktiert hatten, sich nun aber hastig von ihnen distanzierten. Weg mit dem Pack, jetzt sollten die überlebenden Kämpfer gegen Hitler und Mussolini neue, gerechte Staaten aufbauen.

Gewiss, wir machten uns Sorgen über den neuen Präsidenten, Harry Truman. Er hatte nicht den besten Ruf. Doch sagte er, einen Tag nach Torgau:

"Länder, die Schulter an Schulter zusammenplanen und kämpfen, die, wie wir, alle Hindernisse der Entfernung, der Sprache und Kommunikation überwunden haben, können auch zusammen leben und arbeiten im gemeinsamen Streben, die Welt für den Frieden zu organisieren. (27.4.45)"

Solche Worte stärkten unsere Hoffnung. Leider nicht lange. Im Asienkrieg lag im August der Sieg ganz nahe, als Truman die Atombombe auf Hiroshima werfen ließ. Manche rechtfertigen dieses Schreckensereignis noch heute: "Damit Japan schnell aufgab, um viele Leben zu retten." Und wie soll man die zweite Atombombe erklären, nur Tage danach, auf Nagasaki? Kann man bezweifeln, dass Truman und seine Generale vor allem deshalb einhunderttausend Zivilisten binnen Minuten töteten, um ihren Machtanspruch nach dem Krieg zu demonstrieren. Und gegen wen war diese Botschaft gerichtet? Keine zehn Monate nach Torgau sprachen Truman und der britische Kriegschef Winston Churchill, in dem kleinen Ort Fulton in Missouri, von einem neuen kalten Krieg zwischen Osten und Westen.

Spannungsmomente entstanden nur zu schnell, einer Krise folgte die andere. Erst unterdrückten britische Truppen die griechischen Partisanenverbände, die die Nazis vertrieben hatten. 1947, mit der so genannten Truman-Doktrin, übernahmen es die USA, die Herrschaft des Königs und der Reaktion blutig durchzusetzen. Ähnlich ging es in Iran gegen Freiheitsbestrebungen von Kurden und Aserbaijaner, bald setzte die 1947 gegründete CIA Dollars, CARE-Pakete und Mafiabanden ein, um Gewerkschaften zu spalten und Kommunisten und Linke – die aktivsten Antifaschisten im Krieg – zu isolieren und aus den Regierungen zu vertreiben. Das geschah in Italien, Frankreich, Belgien, zum Teil in Deutschland. In Asien wollten die Völker, die im Krieg der japanischen Besatzung widerstanden, nunmehr sich selbst regieren. Dafür mussten sie aber gegen die alten Kolonialbesitzer kämpfen: in Malaysia gegen England, in Indonesien gegen die Niederlande, in Vietnam gegen Frankreich und in den Philippinen gegen die USA. Und gerade die USA halfen England, den Niederlanden und Frankreich gegen die Völker, gegen Freiheit und Demokratie.

Unsere Hoffnungen auf echten Frieden verflüchtigten sich also schnell. Auf beiden Seiten einer Welt, die an der Elbe gespalten war, herrschte eine spröde, gefährliche Eiszeit, die man später, was den Osten betraf, "Stalinismus" nannte. Er war keineswegs schön. Wo ich lebte, in den USA, hieß sie die McCarthy-Ära, nach einem Senator aus Wisconsin, dessen verlogenes Mobbing zum Symbol wurde. Ich ahnte damals nur, was mir heute die FBI-Dokumente beweisen: mein Kommen und Gehen, Spenden für linke Gruppen, sogar Bemerkungen bei Ausflügen wurden notiert, weiter berichtet und in meine Aktenmappe eingeheftet. Die Einschüchterung, die Entlassungen und auch Verhaftungen nahmen zu, nicht massenhaft, doch Furcht erregend genug. Ein Gesetz zum Errichten von Konzentrationslagern lag schon bereit.

1950 begann ein erbitterter Krieg in Korea, man stand knapp am Rande der Atomkatastrophe. Diesmal traf es mich. Mit fast 23 musste ich eine Uniform anziehen, nun sollte sich mein Gewehr nicht gegen Faschisten, sondern gegen Koreaner richten. Was war dagegen zu tun? Ich hatte keine Ahnung.

Aber Glück hatte ich! Statt nach Korea schickten sie mich nach Bayern. Als ich Soldat wurde, hätte ich aber - so forderte damals das Gesetz - über meine linke Vergangenheit beichten müssen. Aus purer Angst hatte ich sie verheimlicht. Nun fanden sich die US Army und das FBI zusammen, meine linken Sünden wurden entdeckt, und ich wurde aufgefordert, vor einem Militärrichter zu erscheinen. Für den Meineid war die mögliche Strafe fünf Jahre Knast. Also flüchtete ich durch den Donaufluß, der streckenweise die Grenze bildete, die 1952 noch die vier Zonen von Österreich teilte. Die Sowjets brachten mich in die DDR, also kam ich durch die Donau zur Ostseite der Elbe – und der Welt

Hier in Sachsen lernte ich den Dreherberuf, heiratete und studierte in Leipzig Journalistik. Ich lernte außerdem die Vorteile wie auch die Nachteile dieser neuen Gesellschaft kennen. Ich begegnete vielen Menschen, die aus der düsteren Vergangenheit gelernt – und welche, die nichts gelernt hatten. Doch merkte ich bald, dass die meisten Lernunfähigen, anders als im anderen Teil des Landes, klugerweise den Mund hielten. Als Antifaschist und Jude war mir das nur recht.

1961 besuchte ich Torgau. Joe Polowski kam diesmal zum fast letzten Mal, nur noch mit einem einzigen amerikanischen Kriegsveteranen, einem Indianer aus Colorado, einem der ersten, der damals in Torgau ankam. Seine Reservation hatte gesammelt, damit er reisen könnte. Ein ruhiger Kerl. Doch sobald Torgaus Kinder erfuhren, dass er echter Indianer war – er sah allerdings gar nicht wie Gojko Mitic aus – folgten ihm immer mehr durch die Stadt, wie beim Rattenfänger von Hameln. Ob sich heute irgendein Mittfünfziger noch an den ersten Indianer in der DDR erinnert?

1961 war eine aufgeregte Zeit. Zwei Wochen vor meinem Besuch erreichten die Sowjets wieder einen großen Sieg. Der erste Mensch, Juri Gagarin, kreiste im Weltall um die Erde. War das ein Hoffnungszeichen? Viele Begeisterte meinten so. Doch nur eine Woche davor überfielen Tausende von der CIA bewaffnete Söldner Cuba. Auch damals phantasierten die Invasoren über Blumengeschenke. Auch damals war das ein blutiger Fehler.

Wie viele Höhen und Tiefen gab es seitdem auf dieser sich drehenden Erde! Bald kam die Mauer in Berlin dazu. Auf die Ostseite der Elbe und Werra wurden viele Fehler gemacht, schicksalhafte Deformationen wurden durch Dogmatiker, Karrieristen, und einfache Dummköpfe an wichtigen Stellen verursacht. Viel zu wenige hielten das Ohr am Volke und waren flexibel genug, danach klug zu handeln. Doch war diese Aufgabe keine leichte. Es gibt noch immer kein Rezept zum Verteidigen auch der ältesten, schönsten Kulturen der Welt – in Frankreich, Italien, Indien, China – gegen eine Welle, die ich die McDonalds-Marlboro-Coca Cola-Walt-Disney-Welle nenne, und die ein regelrechter Tsunami geworden ist. Und nicht nur Mickey Maus, Big Macs oder der Marlboro-Mann stecken dahinter. Wie vorm Tsunami bewegten sich unheimliche flächenverändernde Kräfte: das Agieren von Geheimdiensten, von Propagandawellen, die Wirtschaftsmacht, vor allem unheimliche Militärmacht. Reichte die eine nicht aus, setzte man die andere ein, auch die blutigste. Guatemala, Chile, Nicaragua, Kongo, Angola, Afghanistan – viel Blut ist geflossen, viele Menschen wurden gefoltert und umgebracht – noch lange bevor Bilder aus Guantánamo und Abu Ghraib die Welt schockierten.

Durch solche mächtige Tsunami-Wellen einerseits und andererseits die Dummheiten und Sünden fehlbarer Menschen, die, wie im Indischen Ozean nicht Herr der Lage waren, geschah etwas, was nicht mal Adolf Hitler und seine Armeen erreichen konnten: der Untergang des sowjetischen Versuchs, und mit ihm der in anderen Ländern, hier gekonnter, dort schwächer, die neue Art Gesellschaft zu schaffen, von der wir geträumt hatten.

Bei diesem Versuch galt es, die Lücke zwischen sehr Armen und sehr Reichen zu verkürzen, Hunger und bittere Armut abzuschaffen. Man musste zum Arzt gehen dürfen, vielleicht in eine Poliklinik, ohne Gebühren zu bezahlen, zur Apotheke ohne Angst vor hohen Preisen, zum Zahnarzt vielleicht mit Angst vor dem Bohrer, aber nicht vor dem Preis einer Krone. Kindergärten und Ferienlager, Oberschule und Hochschule mussten frei sein, ohne Bafög-Sorgen. Man musste fahren können, ob zur Familie oder ins Kino, ohne den Geldbeutel oder den Bankauszug studieren zu müssen. Vor allem brauchte man einen Beruf und eine Arbeitsstelle, die nicht in einer Woche zu Ende gehen könnte – oder gar Pleite machen. Schließlich – auch wenn man eine andere Sprache benutzte, andere Kleidung trug oder gar eine andere Hautfarbe besaß, müsste man ohne Angst durch die Straßen und Plätze gehen können.

Doch sind solche Ziele für die Herren der Welt-Tsunami nicht erstrebenswert. Bush, Cheney, Wolfowitz, Rice und Rove, wie auch die Erdöl- und andere Giganten erschauern, wenn sie an so etwas denken. Das beginnt nicht mit Bush. Sobald ein Land zu garantieren versuchte, dass jedes Kind täglich Milch bekam, oder bei Krankheit zum Arzt kommen konnte, da stieg die Dezibelzahl der Brandung. Ob in Chile, in Cuba, in Nicaragua oder im heutigen Venezuela – solche Versuche lassen die Systolenzahlen klettern.

Die Feindesnamen ändern sich. Früher war der blutrünstige Kommunismus zu besiegen, heute der Terrorismus. Demokratie brauche man, so liest man in jedem zweiten Leitartikel, hört man in Politikerreden. Doch selten höre ich "Freiheit und Demokratie" ohne leise den Zusatz "mit freien Märkten".

Und ich stelle immer wieder fest, dieser leise Zusatz ist am wichtigsten. Immer schwimmen oben die strategische Macht – und Erdöl. Ob Kuwait, Oman oder Saudi Arabien demokratisch sind und freie Wahlen haben, ob es dort Frauenrechte gibt – das macht in Washington wenig aus. Gerade in Iran und Irak hat man vor Jahren demokratische Regierungen gestürzt. Was man wünscht, ist nicht ein Wahlgang, es ist Erdöl, Erdöl, unbegrenztes privates Unternehmertum und Stützpunkte, um noch mehr davon zu sichern. Wenn diese Ziele gefährdet sind, egal ob von demokratischen oder diktatorischen Regierungen – dann fängt schon die Propaganda an, und danach, wenn für nötig empfunden – das Bomben.

Afghanistan und Irak waren die ersten Ziele der Bush-Regierung. Wer wird das nächste sein? Venezuela, mit seinem Erdöl, Kuba, der Störenfried, der trotz aller Schwierigkeiten der dritten Welt einen besseren Weg vorzeigt? Nordkorea, Syrien? Am wahrscheinlichsten scheint jetzt, dass die Ziele in Iran schon markiert werden. Iran liegt am Golf, hat auch Unmengen an Erdöl. Und Demokratie? Die hat man schon 1953 geschlagen, als die CIA den alten Schah wieder auf seinen Thron setzte. Es geht um Erdöl, Macht in der Golfregion und darum, Indien oder China nicht leicht an Energiequellen kommen zu lassen.

Die Kräfte um Bush, die auch bei früheren Präsidenten stark waren: sind sie heute überhaupt zu stoppen? Amerikaner haben für Bush gestimmt – den meisten ist wohl die Zahl der toten Iraker egal. Kann man einen Tsunami aufhalten, diesmal einen, der nicht nur unzählige Menschen, sondern auch die Gletscher, die Inseln, das ganze Weltklima bedroht?

Viele Menschen, besonders in den USA, sind enttäuscht, dass trotz immenser Mühen die Wahlen im November mit einem Sieg für George W. Bush endeten, mit einem Sieg für seine Republikanischen Partei in beiden Kammern des Kongresses, und mit der zunehmenden Gefahr, dass auch sehr viele Richter, von Bush ernannt, die gleichen reaktionären Positionen einnehmen werden. Neue Polizeirazzien, wobei etwa 10.000 Menschen festgenommen wurden, oft wegen Bagatelldelikten, könnten genau so ein böses Omen für die Zukunft sein wie die Gerüchte über Angriffe gegen Iran. Muss man alle Hoffnung begraben?

Im Jahre 1306 versteckte sich Robert Bruce von Schottland in einer kleinen Hütte vor den englischen Besetzern und Verwüstern seines Landes. Die Zukunft schien hoffnungslos! Der einsame Bruce schaute zu, wie eine Spinne versuchte, einen Gewebefaden von Wand zu Wand zu spannen. Sie konnte es nicht, es war einfach zu weit. Immer wieder fiel sie kurz. Bis endlich, als Bruce zuschaute, sie es doch schaffte – und ein schönes Gewebe spann. "Wir können es auch!" sagte Bruce, begann, seine Landsleute wieder zu sammeln – und bald war Schottland wieder frei.

Ich schaue auf Cuba, auf Venezuela, auf Uruguay, auf die Kämpfe von Menschen zwischen Seattle und Porto Alegre, auf Streikkämpfe der Tomatenpflücker in Florida und auf Friedensmärsche in Boston. Hitler schien unschlagbar. Doch wenn sich die Gegenkräfte vereinen, sich nicht spalten lassen, gibt es kein Übel, das unschlagbar wäre.

Victor Grossman