Publication Gender Relations Bericht zur Tagung

Arbeitsverhältnisse im Kontext von Diaspora , Exil , Migration - Perspektiven auf Arbeitsverhältnisse und politische Rechte minorisierter Frauen vom 5. bis 7. April 2002 in Berlin

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Birgit zur Nieden,

Published

March 2001

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Arbeitsverhältnisse im Kontext von Diaspora , Exil , Migration - Perspektiven auf Arbeitsverhältnisse und politische Rechte minorisierter Frauen

Unter diesem Titel fand vom 5.-7. April 2002 eine von der Rosa Luxemburg Stiftung geförderte Tagung im Berliner Mehringhof statt. Der seit 1997 bestehende internationale Arbeitskreis Wi(e)dersprache von und für minorisierte Frauen hatte den Kongress organisiert und Frauen aus den unterschiedlichsten Arbeitsbereichen eingeladen, ihre Erfahrungen und Überlegungen zum Thema auszutauschen sowie gemeinsam Netzwerke und Strategien zu entwickeln. Insgesamt kamen etwa 150 Frauen aus verschiedenen deutschen Städten, dem deutschsprachigen Ausland sowie aus England, Holland und Kanada.

In der bundesdeutschen Debatte über Zuwanderung und Staatsbürgerschaft wird zwar mittlerweile eingestanden, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist und also auch nicht-deutsche und eingebürgerte MigrantInnen hier leben; ihre konkreten Arbeitsbedingungen und Chancen zur Partizipation werden jedoch selten thematisiert. Geschieht dies doch, so lediglich aus der Sicht der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Ausgangsprämisse dieser Perspektive ist immer das vermeintliche Wohl eben dieser weißen deutschen Mehrheit. Das neue Zuwanderungsgesetz reguliert die Migration nach dem Kriterium der ökonomischen Nützlichkeit und manifestiert die Einteilungen von Menschen in "für uns" nützliche und "uns" störende. Auch in Wissenschaft, Kultur, Bildung und im Sozialbereich hat das Thema Migration heutzutage zwar einen immer größeren Stellenwert, doch innerhalb dieser Diskurse wird meist über die vermeintliche Situation und Probleme "der MigrantInnen" und deren Verhältnis zur deutschen Gesellschaft verhandelt. Die Perspektiven von hier lebenden und hierher migrierenden Nicht-Deutschen oder anderen ethnisierten Minoritäten werden wie selbstverständlich ausgeblendet, obwohl sie in manchen westdeutschen Städten bis zu 30% der Bevölkerung ausmachen. Die strukturellen, vielfach gesetzlich verankerten Mechanismen, die die Artikulation und Partizipation von Menschen mit migrantischem Hintergrund erheblich erschweren und die rassistischen nationalstaatlichen Machtverhältnisse, die sie erst als "AusländerInnen" konstruieren, bleiben selbst in kritischen Diskursen häufig unerwähnt. Auch in feministischen Debatten um Partizipation von Frauen an Demokratie und Arbeitsmarkt, kommen die Sichtweisen von Frauen aus "soziopolitischen Minderheiten" meist nicht vor.

Der AK Wi(e)dersprache ist aus bereits seit den 80er Jahren existierenden Netzwerken von Migrantinnen, Flüchtlingsfrauen, women of color und jüdischen Frauen hervorgegangen. Er ist ein Zusammenschluss von künstlerisch, wissenschaftlich, sozial und politisch tätigen Frauen, Projekten und Gruppen, mit dem Ziel, die Arbeit und die Ideen von minorisierten Frauen und Lesben sichtbarer zu machen, ihre politische und kulturelle Partizipation zu fördern und ihnen mehr Gewicht zu verleihen. Der weißen deutschen Mehrheitsperspektive soll etwas entgegengesetzt und selbstorganisierte Unterstützung von Minderheitengruppen angehörenden Frauen gestärkt werden.

Der Kongress gliederte sich in die drei thematischen Blöcke: Produktionsbedingungen, Repräsentation und Networking, zu denen jeweils eine Podiumsdiskussion stattfand. Die Referentinnen, die als Einzelpersonen da waren oder verschiedenen Organisationen wie FeMigra (feministische Migrantinnen), AGISRA (Arbeitsgemeinschaft gegen sexistische und rassistische Ausbeutung), ADEFRA (Afrodeutsche Frauen), DeColores, Bet Deborah, MAIZ (interkulturelles MigrantInnenprojekt aus Österreich), Queer of Colors u.a. angehören, berichteten aus ihren Arbeitsbereichen. Aus verschiedenen Perspektiven stellten sie die subtilen und offensichtlicheren Mechanismen der Ethnisierung und verschiedener, sich auch überlagernder Sexismen und Rassismen dar, die in die Arbeitsverhältnisse eingeschrieben sind.

Einige Beispiele aus den Panels: Im Sozialbereich bekommen nicht-mehrheitsdeutsche Frauen nur Stellen in der Beratung oder Sozialarbeit für MigrantInnen, wofür ihnen qua Zuordnung zu dieser Gruppe eine natürliche Kompetenz zugeschrieben wird, auch wenn sie für ganz andere Gebiete qualifiziert sind. Die Fähigkeit, Mehrheitsdeutsche zu beraten, wird ihnen abgesprochen. Es gibt - auch im kulturellen Bereich - so gut wie keine Projekte, die in der Hand von Frauen aus soziopolitischen Minderheiten sind, selbst wenn es sich um interkulturelle oder Projekte für Migrantinnen handelt und erst recht nicht, wenn dieser Bezug fehlt. Der Kanon dessen, was deutsch(sprachig)e Literatur, Wissenschaft oder Kultur sein kann, wird nur von weißen Mehrheitsdeutschen bestimmt. Autorinnen mit anderem Hintergrund tauchen fast nur in der Sparte "Ethnoliteratur" oder Leidensgeschichten auf. Im Wissenschaftsbetrieb wird von schwarzen Frauen erwartet, dass sie sich mit Literatur von Schwarzen beschäftigen - dass sie genauso gut zu jedem anderen Thema arbeiten könnten, ist im ethnisierenden Blick des wissenschaftlichen Mainstreams, der mittlerweile Migrantinnen und schwarze Deutsche als "Forschungsobjekte" entdeckt hat, nicht vorgesehen.

Die konkreten Beispiele waren immer unterlegt mit Analysen der Machtverhältnisse, rechtlichen Rahmenbedingungen, gesellschaftlichen Stereotypen etc., die die Rollen von Privilegierten und Minorisierten zuweisen. Es wurde über die Handlungsspielräume darin und Strategien dagegen debattiert, über Möglichkeiten der Zusammenarbeit, Vernetzung und gegenseitigen Unterstützung trotz aller teilweise gravierenden Differenzen unter den anwesenden Frauen.

Neben den Podiumsdiskussionen gab es workshops, Vorträge, eine Shabbat-Feier, Spoken Poetry, Performances und eine Party.

Programm der Veranstaltung und weitere Texte zum Thema unter: www.femigra.com