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Interview mit Ana Rincón, Mitglied der andalusischen Gewerkschaft SAT

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Ana Rincón,

Ana Rincón
Ana Rincón (Foto: Niels Schmidt)

Interview und Übersetzung: Miguel Sanz Alcántara und Rabea Hoffmann

Ana Rincón ist Betriebsratsvorsitzende des akademischen Mittelbaus in der Universität von Sevilla und Mitglied der andalusischen Gewerkschaft SAT. Sie hat im Frühjahr 2018 den dritten unbefristeten Streik der wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen und Dozent*innen der Universität von Sevilla angeführt und war eine der Organisatorinnen des feministischen Generalstreiks am 8. März 2018. Auf Einladung der Rosa-Luxemburg-Stiftung war sie Mitte Februar zur 4. Konferenz gewerkschaftliche Erneuerung in Deutschland. In diesem Interview erzählt sie vom feministischen Streik 2018 und vor welchen Herausforderungen der Streik dieses Jahr steht.

 
Frage: Erzähle uns bitte, wie der feministische Streik am 8. März 2018 abgelaufen ist.

Ana Rincón: Der Streik am 8. März 2018 war mit fünf Millionen Beteiligten ein Riesenerfolg. Besonders bemerkenswert war, dass sich so viele Frauen beteiligt haben. Die Arbeitsbedingungen von Frauen sind häufig sehr prekär, dass es für viele von ihnen wirklich schwierig ist zu streiken. Trotzdem war der Streik ein voller Erfolg. In der Universität von Sevilla, da wo ich arbeite, streikten viele weibliche und männliche Beschäftigte. Ausschlaggebend war an der Universität die praktische Solidarität der Studierenden mit den Streikenden. Sie sorgten in Form von Streikposten dafür, dass der Universitätsbetrieb komplett lahmgelegt wurde. Danach zogen sie weiter und vereinten sich mit den Arbeiterinnen, die sich vor ihren Betrieben versammelt haben. Abends, nachdem die Frauen in ihren Betrieben gestreikt haben, sammelten sich unzählige Frauengruppen spontan im Stadtzentrum von Sevilla. Dort ging der Streik in Form einer riesigen Demonstration zu Ende. Es war wirklich eine große Menschenmenge. Zeitgleich zum Streik wurden in der ganzen Stadt Kinderbetreuungen und Gemeinschaftsessen organisiert. Das war an diesem Tag die Aufgabe der Männer.

Wie trägt der Frauenstreik zum Kampf gegen Frauenunterdrückung bei?

Der Streik trägt dazu bei, klar zu machen, unter was für prekären Umständen Frauen leben. Deswegen wird an dem Tag in den Betrieben und in Bildungseinrichtungen gestreikt, aber auch im Bereich der Sorge- und Pflegearbeit und es wird nicht eingekauft. Dadurch soll gezeigt werden, in wie vielen Bereichen Frauen ausgebeutet werden stattfindet. Strategisch gesehen ist das Ziel des Frauenstreiks feministische Forderungen und Frauen als politische Subjekte in den Vordergrund zu stellen. Das wirkt sich direkt auf das Arbeitsleben von Frauen aus, auf ihre Beziehung zu ihren Vorgesetzten und ihren Arbeitskollegen. Viele Frauen beginnen sich gerade zu politisieren und die Erfahrung des Frauenstreiks verwandelt viele von ihnen in Aktivistinnen. Die Anwendung von Streiks durch die feministische Bewegung ist neu und gibt ihr eine unaufhaltsame Kraft. Es führt dazu, dass feministische Forderungen wie ein Ende sexualisierter Gewalt in die Erwerbssphäre getragen werden.

Wie hat es die feministische Bewegung geschafft die großen spanischen Mehrheitsgewerkschaften zur Ausrufung eines Generalstreiks zu bringen?

Um das zu verstehen ist es wichtig sich den Aufbauprozess der feministischen Bewegung anzuschauen. Die Bewegung hat auf lokaler, regionaler, überregionaler und landesweiter Ebene Strukturen aufgebaut, die schnell gewachsen sind. Die Dynamik erinnert an die Organisationsprozesse der Bewegung 15M ab 2011. Ich würde sogar sagen, die feministische Bewegung ist aus der Asche des 15M entstanden. Die starke Basisverankerung der feministishen Kollektive und die Stärke der Frauenbewegung hat die Mehrheitsgewerkschaften dazu gebracht, sich am feministischen Streik zu beteiligen. Sie haben mit Besorgnis beobachtet, dass eine Bewegung außerhalb ihrer Kontrolle in den Betrieben aktiv geworden ist und das auch noch mit Hilfe einer eigentlich gewerkschaftlichen Kampfmethode, dem Streik. Aufgrund der positiven Erfahrung des Frauentages 2018 und der zunehmenden gesellschaftlichen Akzeptanz für die feministischen Forderungen nach gleichem Lohn für Männer und Frauen haben die Gewerkschaften dieses Jahr sogar zu einem 24-stündigen Ausstand am 8. März ausgerufen, anstelle der letztlich eher symbolischen zwei Stunden Generalstreik vom letzten Jahr. Eine bemerkenswerte Entwicklung! Dieses Jahr wird es ein richtiger, ganztätiger Generalstreik, der wirtschaftliche Auswirkungen zeigen wird. Letztlich bilden Frauen die Hälfte der Bevölkerung und haben einen Generalstreik verdient.

Die feministische Bewegung ist zurzeit die einflussreichste soziale Bewegung im spanischen Staat. Das hat zu einem Sinneswandel in den Mehrheitsgewerkschaften bezüglich des Feminismus geführt. Er wird dadurch erleichtert, dass es zwischen der feministischen und der Gewerkschaftsbewegung fließende Übergänge gibt. Viele feministische Genossinnen sind gleichzeitig Gewerkschafterinnen. So werden Erfahrungen von einem Bereich in den anderen Bereich übertragen und umgekehrt. Zentral für den Sinneswandel der großen Gewerkschaften waren beispielhafte Arbeitskämpfe in den letzten Jahren, die vor allem von Frauen geführt wurden: Hotelreinigungskräfte, Haushaltshilfen, die Saisonarbeiterinnen der Erdbeerfelder von Huelva, die Verkäuferinnen im Einzelhandel… Das hat den Mehrheitsgewerkschaften gezeigt, dass sie Frauen und ihren Problemen mit prekären Beschäftigungsverhältnissen mehr Aufmerksamkeit schenken sollten.  

Welche politische Debatten haben die Streikvorbereitung begleitet?

In einer interessanten Kontroverse ging es darum, ob der feministische Streik auch für Männer ist oder nur für Frauen. Meiner Meinung nach sollten Männer und Frauen am 8. März gemeinsam zum Streik aufgerufen werden. Wir wollen das die gemeinsame Macht der weiblichen und männlichen Beschäftigten den Forderungen der Frauen Nachdruck verleiht. Dafür müssen wir zusammen kämpfen. Zusammen kämpfen heißt in diesem Fall, dass wir von den Männern erwarten, dass sie zusätzlich Sorge- und Pflegearbeiten übernehmen, während die Frauen streiken.

Wie läuft die Streikvorbereitung dieses Jahr?

Wir haben zu offenen Versammlungen in den Betrieben aufgerufen und gemeinsame Versammlungen der weiblichen Basismitglieder aus den unterschiedlichen Gewerkschaften organisiert. Hauptamtliche Gewerkschaftsfunktionäre werden zu diesen Treffen nicht eingeladen, um uns Frauen die Möglichkeit zu geben, unsere eigenen Anliegen zu formulieren. Um erfolgreich eine Belegschaft eines Betriebes oder einer öffentlichen Einrichtung für den feministischen Streik zu gewinnen, ist es wichtig, feministische Forderungen mit Anliegen der Belegschaft zusammenzubringen. Der Streik am 8. März umfasst feministische Anliegen aus unterschiedlichen Bereichen, politische, soziale, aber auch ökonomische Forderungen. Außerdem wollen wir die Strukturen weiter stärken, die sich bereits entwickelt haben. Organisationsstrukturen die Feminismus und Gewerkschaft zusammendenken und in der Lage sind die Durchsetzungskraft von Streiks für feministische Anliegen zu nutzen.

 
Das Interview erschien am 28.2. in der Tageszeitung junge Welt.